Filmfest 906 Cinema
The Private Files of J. Edgar Hoover ist ein US-amerikanisches biografisches Filmdrama aus dem Jahr 1977, das von Larry Cohen geschrieben, produziert und inszeniert wurde. In der Hauptrolle ist Broderick Crawford als Hoover zu sehen, zusammen mit einer Ensemblebesetzung, zu der Jose Ferrer, Michael Parks, Rip Torn, James Wainwright, Celeste Holm, Ronee Blakely, John Marley, Michael Sacks, Brad Dexter, Tanya Roberts und in den letzten Leinwandauftritten Jack Cassidy und Dan Dailey gehören. [1] Sowohl Cassidy als auch Dailey trafen sich mit der damaligen First Lady Betty Ford und halfen Regisseur Cohen, die Erlaubnis zu erhalten, in Washington, D.C. zu drehen, an Orten, an denen der echte Hoover zu Besuch war oder arbeitete.
Dramatisch war der Ansehensverlust, den J. Edgar Hoover, der langjährige Chef des FBI, nach seinem Tod erlitt. Nicht mehr der Aufbau einer schlagkräftigen Bundespolizei stand im Vordergrund, sondern, wie er Macht über andere durch den Aufbau eines Überwachungsstaates erlangte. Nur so, das ist wohl bis heute die weit überwiegende Meinung, war es ihm möglich, acht Präsidenten zu dienen, auch wenn von ihm der geflügelte Satz kolportiert wird: „Mir ist egal, wer unter mir Präsident ist.“ Unter seinen Vorgesetzten waren ausgewiesene Feinde wie die Kennedy-Brüder John und Robert, aber auch sie hielt er mit pikanten Dossiers offenbar davon ab, ihn zu feuern und über die Kennedys gab es bekanntlich einiges zu berichten. Wir berichten mehr über den Film in der –> Rezension.
Handlung (1)
Im Jahr 1924 wird der junge J. Edgar Hoover zum Direktor des neu strukturierten „Bureau of Investigation“, das 1935 in FBI umbenannt wird – eine Position, die er bis zu seinem Tod im Jahr 1972 innehaben wird. Im Lauf der Jahre nutzt Hoover seine stetig wachsende Macht, um neue, effizientere Fahndungsmethoden zu etablieren, aber auch, um unliebsame Politiker und Prominente auszuspionieren, darunter Männer wie Martin Luther King. Die zum Teil sehr kompromittierenden Informationen sammelt er in privaten Akten und versteht es, sie zum richtigen Zeitpunkt gegen seine Feinde einzusetzen. Erst mit Hoovers Tod scheinen diese Machenschaften und dunkle Geheimnisse ans Licht zu kommen.
Handlung (2)
Der Film ist eine fiktionalisierte Chronik von vierzig Jahren im Leben des FBI-Direktors J. Edgar Hoover, von seinen Anfängen beim FBI in den 1920er Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 1972. Der Film wird auch von einer Eröffnungs- und Schlussvignette eingerahmt, die die Nachwirkungen von Hoovers Tod und den wahnsinnigen Ansturm zeigt, in den Besitz der „privaten Akten“ im Titel zu gelangen, Dateien, die Hoover benutzte, um Menschen in Macht- und Autoritätspositionen zu erpressen, um die Führung des FBI zu behalten. Der Film zeigt letztendlich, wie die Nixon-Regierung versucht, die Akten zu erhalten, und impliziert, dass Hoovers Erpressungsmaterial in Bezug auf Nixon letztendlich von seinen politischen Feinden verwendet wurde, um seine Präsidentschaft zu Fall zu bringen.
Rezension
Der Film ist typisch für seine Zeit, als die USA wie nie zuvor und danach nie wieder geschichtliche Aufarbeitung betrieben. Kurz nach dem Ende des Vietnamkrieges kam das politische Kino zu seinem Höhepunkt, war Kritik für ambitionierte Filmemacher ein Muss. Dann kamen Spielberg und Lucas und es war Essig mit Filmen für Erwachsene. Das ist natürlich sehr pointiert und nur ein Teil der Wahrheit über die Entwicklung des US-Kinos, aber wir werden wohl auch nie die vollständige Wahrheit über den legendären Chef des FBI erfahren.
Auffällig ist, dass in diesem Film nicht nur Hoover selbst ziemlich negativ dargestellt wird. Als paranoid, sexuell mehr als schwierig, auch wenn hier nicht behauptet wird, er sei homosexuell gewesen, obwohl das Verhältnis zu seinem Stellvertreter Tolson einen breiten Raum einnimmt und auch dieser Aspekt thematisiert wird. Es wird aber so getan, als habe Hoover nie Beziehungen zu einer Frau entwickeln können und sein sexueller Puritanismus habe sich aus diesem gestörten Verhältnis, dem wiederum ein latent wirkender Ödipus-Komplex zugrunde gelegen haben könnte, entwickelt; auch das enge Verhältnis J. Edgars zu seiner Mutter wird nicht ausgespart. Dass Hoover nie Sex mit einer Frau hatte, gilt aber heute als widerlegt und aktuellere Kritiken wie die von Dennis Schwarz sprechen davon, dass man Hoovers Sexualleben oder Nicht-Sexualleben im Film exploitiert habe. Wir sind keine Hoover-Spezialisten, aber dankbar dafür, dass es in den 1970ern in den USA möglich war, einstige Volkshelden so kritisch zu hinterfragen, wie Larry Cohen das in seinem Film über Hoover getan hat. Die IMDb-Nutzer votieren nur mit 6,2/10, aber die Rezeption ist nicht besonders breit aufgestellt, daher haben wir nicht nachgeforscht, ob die relativ niedrige Bewertung eher in filmischen Schwächen oder eher in der Darstellung seines Gegenstandes begründet ist.
1977 erfuhrt „Ich bin hier der Boss“ nur eine eingeschränkte Kinoverwertung, er entstand auch nicht in einem der großen Studios, sondern ist ein Indie-Autorenfilm, später aber wurde er auf VHS und DVD publiziert.
Die Dramturgie dieses Biopics lässt in der Tat zu wünschen übrig, der Stil ist allzu scheindokumentarisch, andererseits verleiht Broderick Crawford dem älteren Hoover eine Aura, die auch berührende Momente zulässt. Als Monster wird der Mann nicht dargestellt, da finden wir zum Beispiel die Aussagen von Schwartz etwas übertrieben – sondern eher als Täteropfer. Als typischer Mann, dessen Schwächen ihn in Gefahr bringen, zum Opfer zu werden, er kann diese Schwächen jedoch in mächtigen Vortrieb umsetzen und ist einer jener typischen Psychopathen, die gar nicht selten weit kommen. Hochintelligent oder wenigstens sehr intelligent dürfte er auf jeden Fall gewesen sein, allein seine Chiffres fürs Auffinden von Akten bzw. Dossiers sind ein Meisterstück. Er musste also besonders kritische Bestände nicht in einer Geheimkammer archivieren, sondern versteckte sie zwischen Millionen weniger brisanter Dokumente dadurch, dass er ein Codesystem entwickelte, das mehr oder weniger nur er selbst lesen konnte – und vielleicht einige Vertraute, nie aber konnten Dritte es dechiffrieren.
Die Kennedys kommen im Film einigermaßen glimpflich davon, auch wenn man merkt, dass sie Hoovers langjährig aufgebautem Apparat nicht viel entgegensetzen konnten. Wichtig ist aber, dass Hoovers FBI in diesem Film keinerlei Verstrickung in das Attentat auf Präsident John F. Kennedy am 22. November 1963 zugerechnet wird, wie groß auch immer die Feindschaft gewesen sein mag. Es wird aber erklärt, wie Hoover den Justizminister Robert Kennedy dazu bekommen konnte, die Bespitzelung von Martin Luther King offiziell zu erlauben. Wir glauben durchaus, dass Politik manchmal so funktioniert und mehr auf gegenseitiger Erpressbarkeit als auf sachlogischen Entscheidungen zugunsten der Mehrheit basiert – und das ist sehr beunruhigend. Wenn es nicht direkt um Erpressung geht, so doch um Gefälligkeiten und Vorteilsnahme und damit wird selbstverständlich das Fundament für Erpressbarkeit gelegt. Hoover muss ein Meister der Einflussnahme durch Anfertigen von Dossiers gewesen sein, mit denen man fast alle wichtigen Politiker in Schach halten konnte. Der Umkehrschluss ist natürlich, dass die Politik selten sauber ist.
Am meisten hat uns verblüfft, wie negativ Franklin D. Roosevelt in dem Film dargestellt wird, der bis heute eine Ikone ist und wie kaum ein anderer Präsident von jeglicher Verstrickung und Schuld freigestellt wird. Ganz sicher hat er viel für das Land geleistet, aber in „Wer ist hier der Boss?“ kommt er als arrogantes Arschloch rüber, das ähnliche wie die anderen auf sehr fragwürdigen Pfaden wandelt, wenn es um die Durchsetzung der eigenen Agenda geht. Einige Präsidenten werden nicht gezeigt, etwa Dwight D. Eisenhower, zu dem Hoover wohl ein kooperatives, aber distanziertes Verhältnis hatte. Es gibt auch keinerlei Andeutungen darüber, dass Eisenhower in irgendeiner Form von Hoover hätte manipuliert werden können – um unter der Gürtellinie Angriffsflächen zu bieten, war sein persönlicher Lebenswandel wohl zu wenig geeignet, außerdem war er ein Kriegsheld und politische Fehlentscheidungen, die schon in der Truman-Ära angelegt wurden, hatte er zuweilen in aller Ruhe korrigiert.
Finale
Der Film wurde im Kennedy Center in Washington gezeigt und stieß bei Republikanern und Demokraten auf gemischte Reaktionen, denen die düsteren Visionen, die Cohen über die amerikanische Politik heraufbeschwor, und die Darstellungen der Präsidenten Franklin D. Roosevelt und Richard M. Nixon nicht gefielen: Der Schauspieler Howard da Silva spielte Roosevelt und der Imitator James LaRoe (im Abspann als Richard M. Dixon) spielt Nixon. In einem Interview im Jahr 2019 sagte Cohen: „Es hat alle Senatoren und Kongressabgeordneten wütend gemacht, was ich wohl in erster Linie tun wollte: Ärger machen“. [2] Nachdem er in Washington gezeigt wurde, kam der Film in begrenztem Umfang landesweit in die Kinos und wurde in den 1980er und 1990er Jahren vollständig auf Video und Fernsehen veröffentlicht. (2)
Wir haben geschrieben, wir sind keine Hoover-Spezialisten, deshalb haben wir den Film nur mit dem abgeglichen, was in der deutschen Wikipedia über Hoover zu lesen ist, aber für uns ist der Film eine Empfehlung, weil er sich immerhin mit dieser umstrittenen Figur auseinandersetzt. 2013 hat Clint Eastwood wieder einen Hoover-Film gemacht, gemäß Eastwoods politischer Einstellung wird Hoover da wohl besser weggekommen sein. Die Version von 1977 handelt von einem Mann in seiner Zeit oder den Epochen, in denen er amerikanische Politik nicht nur begleitet, sondern mitgeprägt hat und sollte vor allem zur Vertiefung anregen. Allgemein wird zwar der CIA, dem vorherigen OSS, der größere internationale Einfluss zugeschrieben, was ja auch der Logik folgt, dass die CIA der Auslandsgeheimdienst ist, aber wer hatte den größten Einfluss auf die Politiker, die Geheimdienstaktionen der CIA genehmigen oder die CIA einsetzen? Vielleicht war es in seiner Zeit der Vorsteher des FBI, J. Edgar Hoover.
In unserem Zeitalter, in dem so viel von „Files“ die Rede ist, kann man außerdem anhand des Films gut nachvollziehen, wie „Files“ zustandekommen und welche Bedeutung sie haben können. Heute geht es mehr um die Aufdeckung geschäftlicher Vorgänge durch Leaks, aber zu Beginn und am Ende des Films sehen wir noch, wie Hoover die FBI-Akten vernichten will. Kommt uns das irgendwie bekannt vor? Außerdem müsste die Geschichte des Watergate-Skandals, wie wir sie aus dem bekannten Film „Die Unbestechlichen“ kennen, umgeschrieben werden, der aber erst nach „The Private Files“ entstand und diesen vielleicht auch kontert – nach dem hier besprochenen Film hätten die beiden Journalisten, die für ihre Investigativarbeit zu Richard Nixon ausgezeichnet wurden und im Film von Robert Redford und Dustin Hoffman verkörpert wurden, „keinen Pulitzer-Preis erhalten, wenn man gewusst hätte, dass ihnen das gegen Nixon verwendete Material vom FBI zugespielt worden war“.
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© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2019)
(1) Moviepilot.de
(2), kursiv, soweit nicht mit anderem Hinweis versehen, tabellarisch: Wikipedia (englischsprachig)
| Regie | Larry Cohen |
|---|---|
| Geschrieben von | Larry Cohen |
| Produziert von | Larry Cohen |
- Broderick Crawford als FBI-Direktor J. Edgar Hoover
- James Wainwright als junger J. Edgar Hoover
- Michael Parks als Justizminister Robert F. Kennedy
- José Ferrer als Lionel McCoy
- Celeste Holm als Florence Hollister
- Rip Torn als Dwight Webb
- Dan Dailey als stellvertretender FBI-Direktor Clyde Tolson
- Ronee Blakley als Carrie DeWitt
- John Marley als Dave Hindley
- Howard da Silva als Präsident Franklin D. Roosevelt
- Michael Sacks als FBI-Agent Melvin Purvis
- Raymond St. Jacques als Martin Luther King
- June Havoc als Hoovers Mutter
- Lloyd Nolan als Oberster Richter Harlan F. Stone
- Andrew Duggan als Präsident Lyndon B. Johnson
- Jack Cassidy als Damon Runyon
- George Plimpton als Quentin Reynolds
- Lloyd Gough als Walter Winchell
- William Jordan als Präsident John F. Kennedy
- Brad Dexter als Alvin Karpis
- Ron Faber als Entführer
- Bruce Weitz als Stimme auf Band
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