Pushover (USA 1954) #Filmfest 908

Filmfest 908 Cinema

Pushover ist ein US-amerikanischer Film-Noir-Kriminalfilm aus dem Jahr 1954 unter der Regie von Richard Quine mit Fred MacMurrayPhil Carey und Kim Novak in den Hauptrollen. Der Film basiert auf zwei Romanen, Thomas Walshs The Night Watch und William S. Ballingers Rafferty, von Roy Huggins, der mit Fernsehserien wie The FugitiveMaverick und The Rockford Files großen Erfolg hatte. [2]

Wenigstens können wir dieses Mal eine Sache schnell abhaken: Ja, es handelt sich um einen echten Film noir, der die meisten Kernkriterien des Genres erfüllt. Trotzdem ist es auch ein Polizeifilm, und die Kombination war für damalige Verhältnisse ungewöhnlich. In „Pushover“ vermischt sich der klassische Noir mit der Perspektive der Polizei. Was es sonst noch zu „Pushover“ zu sagen gibt, steht in der – Rezension.

Handlung[1]

Er handelt von einem verdeckten Polizisten namens Paul Sheridan, der sich in die schöne Geliebte eines flüchtigen Bankräubers namens Harry Wheeler verliebt und mit ihr plant, den Gangster und die Polizei zu hintergehen. Sheridan und seine Kollegen überwachen Lona McLane, die Freundin von Wheeler, in ihrer Wohnung und versuchen, das gestohlene Geld und den Komplizen von Wheeler zu finden. Doch Sheridan wird immer mehr von Lona verführt und gerät in einen Strudel aus Lügen, Verrat und Mord.

Rezension

Wenn man die ungekürzte Inhaltsbeschreibung in der amerikanischen Wikipedia liest, wirkt der Film nicht nur sehr handlungsreich, sondern auch atmosphärisch. Man stellt sich also einen typischen Film noir mit all seinem Licht und Schatten vor. Das trifft aber nur bedingt zu, denn 1954 war der Stil schon von einer Art neuer Sachlichkeit des Polizeifilms geprägt, die zwar Nachtszenen auf einem Flachdach beinhalten konnte, aber der Erzählstil ist trotz der Emotionen, die den Film vorantreiben, eher nüchtern.

Das ist vielleicht auch seine Schwäche. Während Fred MacMurray noch halbwegs glaubwürdig wirkt, auch, weil man ihn von anderen Films noirs kennt, ist die Neuentdeckung Kim Nowak beinahe plastikhaft in ihrer Ausstrahlung. Ich hätte es besser gefunden, wenn man die Rollen getauscht und die Krankenschwester mit ihr und die Verbrecherbraut mit Dorothy Malone besetzt hätte, die eine unübersehbare Ausstrahlung zeigt und im Original auch die bessere Stimme für eine solche Person hat. Aber Nowak sollte in den Jahren darauf die größere Karriere machen, beginnend mit der weiblichen Hauptrolle in „Picnic“ an der Seite von William Holden und dem Höhepunkt als Hitchcock-Blondine (und zeitweilig Rothaarige) in „Vertigo“. Malone konnte sich immerhin  mehr freispielen in Filmen wie „In den Wind geschrieben“ von Douglas Sirk. Fred Mac Murrays nächster Karriere-Höhepunkt sollte seine Rolle als Menschen ausbeutender Manager in Billy Wilders „Das Appartement“ werden.

Kritiker haben darauf hingewiesen, dass MacMurray in „Pushover“ mehr oder weniger seine Rolle aus „Frau ohne Gewissen“ wiederholt, ebenfalls von Billy Wilder und 1944 entstanden. Nach diesem großen Klassiker war MacMurray für solche Schattenrollen natürlich erste Wahl. Aber ganz so glaubwürdig wie die seinerzeitige Wandlung eines Versicherungsvertreters zu einem Partner in Crime für eine bösartige Frau wirkt seine schnelle Wandlung vom ehrliche Polizisten zum Partner in Crime einer Räuberbraut nicht. Da geht der Film nicht steil genug. Bevor klar ist, dass Sheridan Lona anfangs framt, um auf die Schliche des Verbrechers Wheeler zu kommen, wirken Dialoge und Spiel sogar ausgesprochen steif.

Doch dann entwickelt sich „Pushover“ zu einem ansehnlichen Appartementhaus-Thriller, vermutlich einem der erstens einer Art. Damit man sich als Zuschauer zurechtfindet, wird ein Plan des Hauses ausgehängt, der klar macht, wie clever die Plotanlage ist: Das Haus ist so aufgebaut, dass man Menschen gegenüber in ihren Wohnungen beobachten kann, ihnen aber vor demselben Aufzug begegnet. Der Aufzug liegt zentral, das Haus hat zwei Flügel. Ob diese Gegenüber-Beobachtung gemäß dem ausgehängten Plan wirklich möglich ist, habe ich nicht überprüft.

Bemerkenswert daran ist noch etwas: Der Film hat viel von „Fenster zum Hof“ von Alfred Hitchcock, der im selben Jahr herauskam. Selbst ein voyeuristisches Element haben beide. Der Reporter bei Hitchcock, der sich in das Leben anderer mit dem Teleobjektiv einfindet, findet sich hier in der Figur des Rick, der mit dem Fernglas die Nachbarin der Zielperson beobachtet und sich auf diese Weise in sie verliebt. Hitchcocks Film ist der größere Wurf, keine Frage, aber gerade der Vergleich ermöglicht es, auch einige Untiefen in „Pushover“ zu entdecken, die vielleicht gar nicht beabsichtigt waren und die Art betreffen, wie die Polizei Menschen ausspäht und sogar ohne Durchsuchungsbeschluss Wohnungen filzt und überhaupt viele Befugnisse zu haben scheint, die hierzulande immer noch richterlicher oder staatsanwaltschaftlicher Absicherung bedürfen. Das führt dazu, dass man zwar nicht auf der Seite der Verbrecher ist, aber doch bis zu einem gewissen Grad auf der Seite von Lona und dafür braucht Kim Novak glücklicherweise nicht viel zu tun.

Ich war froh, dass mich entschieden hatte, die englischen Untertitel mitzuführen, denn der dialogreiche Film zeigt ein recht verschachteltes Szenario, es kommt zu einigen nicht sehr gebräuchlichen Begriffen, die gerade etwas plan geratene Dialoge kennzeichnen, zudem sprechen die Cops, besonders MacMurray als Sheridan, ziemlich schnell und etwas undeutlich. Sicher ist das ein Stilmittel, um seinen zwar männlich, aber nicht sehr fest wirkenden Charakter zu illustrieren, der quasi auf eine Gelegenheit gewartet hat, so viel Geld abzustauben, wie ein Polizist in 100 Jahren verdient, nach damaligem Dollar-Wert.

Fred MacMurrays Honorar betrug 75,000 US-Dollar. [1] Das Budget war relativ gering, was bedeutete, dass das Studio eine kostengünstige Schauspielerin als weibliche Hauptrolle besetzen musste. Die Rolle wurde Kim Novak übertragen. [6] Schermer sagte: „Kim war keine Schauspielerin, als wir mit den Dreharbeiten begannen. Das Gesicht war wunderschön. Der Körper war großartig. Sie fotografierte sensationell. Aber sie konnte keine Emotionen zeigen. Also haben wir ihren Dialog auf ein Minimum reduziert. Wenn man nicht handeln kann, reagiert man – und darauf haben wir uns verlassen.“ [4]

Unglücklicherweise war Novak dadurch schon zu Beginn ihrer Karriere als ein Hollywoodstar markiert, der eher durch seine Optik als durch seine Leistungen brilliert. Das ändert sich mit „Picnic“ bis zu einem gewissen Grad, blieb aber doch immer ein Menetekel, das unter anderem verhinderte, dass sie einen Oscar gewinnen konnte.

Die meisten Kritiker schienen die Handlung des Films ähnlich wie bei anderen Filmen Noir zu finden, wobei einige ihn speziell mit Double Indemnity (1944) verglichen. Der Rezensent der New York Times kommentierte: „Fred MacMurray geht die Bewegungen seiner Double Indemnity-Rolle in einem milden Faksimile durch.“ [8] Kim Novak wird jedoch normalerweise als aufstrebender fotogener Star bezeichnet. Viel später schrieb der Filmkritiker Jonathan Rosenbaum vom Chicago Reader: „Ein alternder Polizist (Fred MacMurray) verliebt sich in die Freundin eines Bankräubers (Kim Novak in ihrer ersten großen Rolle, und wenn Sie für ihre frühen Arbeiten genauso ein Faible haben wie ich, können Sie es sich nicht leisten, dies zu verpassen).“ [9]

Der Filmkritiker Craig Butler schrieb: „Aficionados werden zweifellos darüber streiten, ob The Pushover als Film Noir oder nur als Suspense-Film eingestuft werden sollte, aber unabhängig von seiner Kategorie verdient dieser übersehene Film es, bekannter zu sein. Nicht, dass es ein großartiger Film wäre, denn das ist er nicht – die Charaktere entwickeln sich nicht vollständig genug, bleiben nur Filmtypen und keine Menschen aus Fleisch und Blut, die Themen des Films werden nicht tief genug erforscht, um Resonanz zu finden, und es gibt eine späte Entwicklung, die das Publikum auffordert, seine Meinung über die Hauptdarstellerin zu ändern, die einfach nicht funktioniert. Trotzdem ist es ungemein unterhaltsam, gekonnt inszeniert von Richard Quine mit dem nötigen Suspense-Drumherum (und einem wunderbar beunruhigenden Gefühl von Voyeurismus) und deckt in seinen 88 Minuten viel Territorium ab.“ [10]

Der Kritiker Dennis Schwartz mochte den Film und schrieb: „Pushover deckt vertrautes Film-Noir-Territorium ab, zeigt aber gut, wie leicht es ist, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren, wenn man so verletzlich, besessen und emotional schwach ist. Novak macht einen guten Job in ihrer ersten Hauptrolle als herzlose Femme Fatale, die doch ein Herz hat.“ [11]

Das mit dem Voyeurismus habe ich weiter oben geschrieben, ohne die vorletzte eingespielte Kritik zu kennen, da ich, wie meistens, im Discovery-Modus vorgehe, aber zumindest unter den betrachteten Stimmen habe ich den Vergleich mit Hitchcocks Voyeurismus-Meisterstück „Das Fenster zum Hof“ exklusiv. Die Charakterzeichnung ist etwas dünn, da bin ich auch dabei – wenn man „Pushover“ mit MacMurrays Noir-Opener „Double Indemnity“ („Frau ohne Gewissen“) vergleich, wird das besonders deutlich, denn dort handeln die Charaktere ebenso schräg wie zwingend, weil sie es aus der Summe ihrer Eigenschaften heraus gar nicht anders können, während hier doch alles etwas zufällig wirkt.

Finale

Das ist etwas, was die Großen unter den Regisseuren und Drehbuchautoren auszeichnet: Das Unglaubwürdige weder zufällig noch unglaubwürdig wirken zu lassen. Damit sind sie dicht an der Realität, mehr als an dem, was Leser:innen zum Beispiel einer Fiktion an Spielraum bis hin zur völlig fehlenden Plausibilität zubilligen, wenn man gängigen Fiction-Writing-Theorien und Praxisanleitungen folgt, die wiederum wenig mit literarischem Schreiben zu tun haben und wenig mit Filmen, die eine hohe Literarizität aufweisen, auf das Medium übertragen.

„Pushover“ ist kein schlechter Film, weil er als Gebäudethriller ganz gut funktioniert, aber das Spiel ist allenfalls durchschnittlich, Gleiches gilt für Inszenierung und Atmosphäre. Die Regie ist alles andere als elegant, bis auf ein paar – sic! – voyeuristische Szenen, die Dialoge bleiben auch dann, als die besondere Schlichtheit nicht mehr für das Framing der Gangsterbraut steht, recht hölzern und man merkt dem Film an, dass er zu seiner Zeit schon eine Art Aufguss war. Das heißt, man merkt es ihm nur an, wenn man schon einige in den 1940ern entstandene Noirs jeder Qualitätsklasse gesehen hat, wie das bei mir mittlerweile der Fall ist. Ob er eine Empfehlung ist? Für Fans des Genres und Menschen, die dies oder jenes sammeln, eher ja. Außerdem zeigt er einen gefallenen Cop als Hauptfigur, das war, siehe oben, damals noch relativ ungewöhnlich und blieb selbst in New Hollywood eine Ausnahme, zumindest die Hauptfigur betreffend.

66/100

© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

[1] Pushover (Film) – Wikipedia, Zusammenfassung von ChatGPT, verfassen, professionell, lang

Regie Richard Quine
Drehbuch Roy Huggins
Vorlagen Geschichten von Thomas Walsh und William S. Ballinge

Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar