Gefesselt (Bound, USA 1996) #Filmfest 916 #Top250

Filmfest 916 Cinema – Concept IMDb Top 250 of All Time (110)

Bound – Gefesselt (Originaltitel: Bound) ist ein US-amerikanischer Thriller aus dem Jahr 1996. Es ist die erste Regie-Arbeit der Wachowski-Geschwister, die auch das Drehbuch schrieben. Die Hauptrollen spielten Gina Gershon, Jennifer Tilly und Joe Pantoliano.

Um an das „Filmverzeichnis Nr. 8″mit ähnlicher Dichte anschließen zu können, wie sie dort vor allem für die 1930er bis 1970er verzeichnet wurde,  das wir 1989 getippt hatten, widmen wir uns derzeit vor allem Filmen aus den 1990ern und 2000ern und vor allem dem US-Kino. Allerdings dachte ich beim Anschauen, der Film müsse aus den 2000ern sein, trotz eines Automodells, das damals sicher ganz neu war und mich auf die richtige Spur hätte bringen müssen, trotz der Abwesenheit von Elementen des Internets und des Novitätswerts von Mobitelefonen und der Tatsache, dass man ein Telefongespäch visuell anhand des Ablichtens der Leitung nachverfolgt. Aber warum dachte ich, der Film sein jünger? Es steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

Violet lebt mit ihrem Freund Caesar zusammen, der für die Mafia tätig ist. Es wird gezeigt, wie Caesar und die anderen Gangster einen Mann namens Shelly foltern, der der Mafia Geld schuldet.

Violet lernt die Handwerkerin Corky kennen, die noch kurz zuvor inhaftiert war. Violet hält sie zunächst für sehr anders als sich selbst. Sie lernen sich näher kennen und beginnen eine Affäre. Als Violet erfährt, dass Caesar in der Wohnung die von Shelly zurückgeholten zwei Millionen US-Dollar aufbewahrt, überredet sie Corky dazu, das Geld zu stehlen. Sie hofft, dass Caesar die Nerven verlieren und untertauchen wird, damit er als Sündenbock herhalten kann.

Caesar durchschaut den Plan, fesselt Corky und droht ihr damit, Violet zu verstümmeln. Mit Mühe gelingt es den beiden Frauen, Caesar zu überwältigen, zu töten und die Leiche verschwinden zu lassen. Am Ende des Films sitzen sie in einem Auto, in dem sie die Stadt verlassen wollen. Corky fragt Violet nach den Unterschieden zwischen den beiden und fügt – nachdem Violet keine weiß – hinzu, dass auch sie keine kennen würde.

Rezension

Wenn man die Geburtsdaten von Schauspieler:innen der eigenen Generation immer so genau im Kopf hätte, hätte man sich ebenfalls besser orientieren können, aber das genau Alter sieht man ihnen ja nicht immer an. Um es kurz zu machen: Die Visualität des Films ist für die Verhältnisse von 1996 überragend, auch der Goldfarben-Touch, den viele Mainstream-Filme damals aufwiesen, ist nicht vorhanden. Vielmehr beschlich mich besonders in den blutigeren Szenen, speziell in der rot-weißen Bildfolge mit dem Tod des Mafioso Cesar, der Verdacht, man hat sich einiges von Quentin Tarantino abgeschaut, selbstverständlich wirkt dies in Bezug auf den  zwei Jahre zuvor erschienen Kultfilm „Pulp Fiction„. Auch „Thelma und Louise“ dürfte als Vorbild eine wichtige Rolle gespielt haben, denn erstmals wurde darin ein weibliches Verbrecherpärchen gezeigt, wenn auch in einem Roadmovie, während sich iBound“ fast ausschließlich in zwei nebeneinander liegenden New Yorker Appartments abspielt. Der lesbische Aspekt ist ebenfalls für die 1990er sehr progressiv und natürlich eine Augenweide, so, wie er hier dargestellt wird.

Sicher, man hat etwas stark pointiert. Gina Gershons permanenter Schmollmund und ihr meist verschwitzter und verschmutzter Zustand, Jennifer Tillys extreme Coolness und ihr herausragendes Styling beweisen aber auch, wie die Optik des Films, einen großen Stilwillen seitens der Regisseur:innen, die selbst als Transgender-Personen noch progressiver und immer noch eine Ausnahme im Bereich der Kunst sind; zumindest, was die Arbeit hinter der Kamera angeht. Allerdings haben sie nach der Matrix-Trilogie, für welche sie die Drehbücher verfassten, einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht.

Seit ihrem Durchbruch mit der Matrix-Trilogie sind die unveröffentlichten Skripte aus dieser frühen Zeit bei Filmstudios begehrt. So wurden die Rechte an Carnivore, einem Horrorfilm über ein altes Haus, dessen Bewohner spurlos verschwinden, von Trimark erworben. Die Comic-Verfilmung V wie Vendetta kam 2006 in die Kinos. 

Die Wachowski-Brüder oder Schwestern haben in einem Interview auch kundgetan, dasss sie gerne mehrteilige Filme machen, weil dies mehr Raum für das Spiel mit den Erwartungen des Publikums biete. Mit „Matrix“ haben sie das umgesetzt. Allerdings brechen sie nicht vollkommen aus den mittlerweile erweiterten Konventionen der 1990er aus: Am Ende hätte auch der Verrat zwischen den beiden unter Stress stehenden Hauptfiguren stehen können, Gründe hätte es genug gegeben. Aber die weibliche Solidarität war wichtig und sollte nicht verletzt werden. Das Publikum sah sich jedenfalls in seinen Erwartungen nicht enttäuscht:

Die Geschwister Wachowski sagten in einem Interview, dass sie die Konventionen des Film noir brechen und zwei starke weibliche Charaktere erschaffen wollten. Der Erfolg des Films ermöglichte es den beiden, das Filmprojekt Matrix nach den eigenen Vorstellungen zu verwirklichen.

Ein Film noir wäre es gewesen, wenn man das für einen Film noir übliche Ende gewählt hätte, doch die beiden raffinierten Frauen kommen davon und Corky kann sich endlich einen neuen Truck leisten. Nur dies weist darauf hin, dass sie das Geld oder einen Teil davon für sich abzweigen konnte, um das es die ganze Zeit über geht. 2 Millionen Dollar waren im Jahr 1996 noch ein richtiges Vermögen, das wird auch deutlich herausgestellt. Der Verlauf ist aber ähnlich wie in einem Film noir, auch die Variante, dass alle illegal handeln und die Polizei nur eine Nebenrolle spielt, gab es in den 1940ern schon. Es ist nicht möglich, nun einen bestimmten dieser Filme herauszugreifen, dem man „Bound“ nachgebildet hätte, das Genre wird hofiert und persifliert. Ein weiterer Einfluss auf die Bildgestaltung von „Bound“ dürfte hier zu finden sein:

Sie [die Wachowski-Brüder / -Schwestern] zeigten früh ein großes Interesse an japanischen Mangas und Animes und ließen sich von dem Anime Ghost in the Shell zu einem Drehbuch für den Film Matrix inspirieren. Später wurde der Film von Warner Bros. produziert. 

Viele Einstellung sind entweder aus ungewöhnlichen Perspektiven gefilmt oder zeigen Super-Nahaufnahmen von Gegenständen, Körperteilen usw., die dem Film bereits eine hohe Dynamik verleihen. In seinen besten Szenen hat er aber auch echte Thriller-Qualität, verströmt Suspense und es gab für mich Hitchcock-Momente darin. Die Handlung ist alles andere als vorhersehbar. Dabei ist natürlich ein Trick angewendet worden, der wirklich mit den Erwartungen der Zuschauer dealt: Weil der Film so ungewöhnlich gestaltet ist und ein ungewöhnliches Frauenduo zeigt, das immer die Initiative übernimmt, oftmals die Knastschwester Corky, die mit allen Wassern gewaschen ist, als Vordenkerin und Violet, die sofort versteht, was sie tun muss, weil sie vom selben Schlag ist, als ausführende Person. Die eine macht aber nach dem Gefängnis Handwerkerarbeiten, die andere ist die Geliebte eines Mafioso und somit auch eine Parasitin. Wenn man das schwere Leben der einen und die Bedenkenlosigkeit der anderen sieht, haben sie mit dem Plan, Mafia-Geld zu klauen und damit ein neues Leben zu beginnen, genau das Richtige getan, selbst dann, wenn man sich denkt, es könnte kein Drogengeld sein, sondern vielleicht einer nicht in der Mafia ansässigen Person gestohlen worden sein. Es ist ja eh alles nur noch „Das Geschäft“, Mafia sagt niemand mehr, heißt es an einer Stelle. Das weist darauf hin, wie die Mafia mittlerweile mittendrin ist und die Gesellschaft mehr und mehr durchwirkt. Diese Tendenz gibt es aber schon lange, im Grunde, seit es die großstädtische OK gibt. So betreibt Caesar ebenfalls legale Unternehmen, um Mafia-Einnahmen zu waschen. Vielleicht sind es sogar Waschsalons, insofern ist die Wäsche und das Trocknen der blutbefleckten 2.176 Millionen Dollar auf der Leine, festgemacht mit Wäscheklammern, ein besonders netter Gag. Gut, dass es nicht 1,776 Millionen waren. Dann hätte nicht nur etwas gefehlt, der Hinweis darauf, wie die USA funktionieren, wäre auch zu deutlich gewesen.

Der Plan verläuft nicht so, wie Corky ihn sich ausgedacht hat, sie unterschätzt die Mafia als ehemalige Einzelkämpfern doch etwas, aber die beiden Frauen ziehen sich immer wieder aus der Schlinge, in die sie sich hineinmanövrieren. Für die Spannung des Films ist es sehr gut, dass man die Mafiosi nicht alle als beschränkt dargestellt hat, besondesr Caesar nicht, der sich im Verlauf vom Ernährer Violets zum Gegner des Indentifationsduos wandelt, das sich unabhängig machen will.

Finale

Recht erotisch angehaucht ist der Film ebenfalls, aber für die Freunde von Pornos mit lesbischer Liebe dürfte die Darstellung selbiger zu mager oder diskret ausgefallen sein. Wenn man sie sucht, findet man auch Botschaften: Bezüglich der Diversität ist der Film fortschrittlich, bezüglich der Mafia auf jeden Fall kritischer als Filme, die zwar sehr beliebt sind, in denen sie aber etwas zu sehr gehypt wird. Dem Film fehlt nicht viel bis auf eine Dialogführung, die nicht so plain hätte sein müssen. Stellenweise musste ich die Augen rollen, weil ganz offensichtliche Tatbestände sicherheitshalber verbal ausgedrückt werden und einem so durchgestylten Film hätte auch eine entsprechende Sprachverwendung nicht geschadet. Ich halte es aber gut für möglich, dass man es mit den Irritationen nicht übertreiben wollte, denn die beiden Frauen sind für die überwiegend männlichen Konsument von Filmen des vorliegenden Thrillergenres doch ungewöhnlich und die Rezeption des Films nicht vorhersebar. Auf das gesellschaftlich fortschrittliche Klima während der Amtszeit von Präsident Clinton konnte man sich  aber doch verlassen.

James Berardinelli verglich den Film auf ReelViews mit dem Thriller Die üblichen Verdächtigen und zählte ihn zu den bemerkenswertesten Filmen dieser Zeit. Er bezeichnete die Darstellung von Gina Gershon als „exzellent“ und Jennifer Tilly als „perfekt“. Berardinelli lobte ebenfalls die Bilder und die Kameraarbeit des Films.[1]

„Die üblichen Verdächtigen“ habe ich anlässlich einer kürzlichen Ausstrahlung gespeichert und werde demnächst über ihn schreiben. „Bound“ hingegen ist ein Genrefilm, aber einer von jenen, wie man sie immer wieder inszenieren kann, ohne dass es langweilig wird. Die Balance zwischen Thrill und Komik hält er ziemlich gut, auch dank der kräftig gezeichneten Charaktere. Die Handlung ist wohl das Konventionellste an dem Film, wobei es im klassischen Noir sogar die Variante gibt, dass Menschen per Zufall an Geld der OK gelangen und es dann zu verteiden versuchen. In einem echt schwarzen Film kann das aber nicht gutgehen, auch deshalb, weil die Zensur solche Handlungsverläufe nicht zuließ, solange der Production Code in Kraft war (1934-1967).

Die große Freiheit danach hat das US-Kino sicher ehrlicher und vielfältiger gemacht. Und heute? Man macht davon zu wenig Gebrauch, sondern bringt jeden Tag neue Filme heraus, in denen unmögliche Wesen die Welt retten, anstatt sich clever mit ein paar Millonen aus dem Staub zu machen. Sicher ist „Bound“ nicht gerade ein sozial inspirierender Film und nicht perfekt realistisch, aber viel ehrlicher als das, was man uns im heutigen Blockbuster-Kino meistens auftischt. Man hat für die weiblichen Rollen zwei sehr ähnlich-verschiedene Typen ausgesucht, aber am Ende gibt es keine Unterschiede. Man hätte die Bestätigung der Unterschiedslosigkeit der beiden nicht verbalisieren müssen, es ist ohnehin klar, was gemeint ist und das ist gut so. Natürlich hat mich interessiert, ob der Film, gemessen an der Meinung des Publikums, ein „Chick Flick“ ist. In Maßen. Frauen bewerten ihn gemäß IMDb-Panel durchschnittlich mit 7,4/10, Männer mit 7,3/10, die Gesamtwertung liegt bei 7,3.

79/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursvi, tabellarisch: Wikipedia

Regie Wachowski-Schwestern (Lilli und Lana Wachowski)
Drehbuch Wachowski-Schwestern
Produktion Stuart Boros,
Andrew Lazar
Musik Don Davis
Kamera Bill Pope
Schnitt Zach Staenberg
Besetzung

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