Apollo 13, USA 1995 #Filmfest 924

Filmfest 924 Cinema

Die einzige verfilmte Raummission

Apollo 13 ist ein Filmdrama unter der Regie von Ron Howard aus dem Jahr 1995 und eine Verfilmung der Mondmission Apollo 13.

Handlung (1)

Der Film beginnt mit einer Feier, die bei Jim Lovell stattfindet. Gespannt verfolgt man im Fernsehen, wie Neil Armstrong während der Mission Apollo 11 als erster Mensch den Mond betritt. Lovell selbst war bei der Mission Apollo 8 dabei, bei der erstmals ein bemanntes Raumfahrzeug in eine Mondumlaufbahn gebracht wurde. Inzwischen wurde er zum Kommandanten ernannt und ist mit seiner Crew, die aus dem Lunarmodul-Piloten Fred Haise und dem Kommandokapsel-Piloten Ken Mattingly besteht, für die Mission Apollo 14 vorgesehen. Jedoch erfahren die drei schon bald, dass sie bereits bei der Mission Apollo 13 zum Mond fliegen werden, da der ursprüngliche Kommandant Alan Shepard an einer Mittelohrentzündung erkrankt ist und man deshalb beschlossen hat, die gesamte Crew gegen Lovells Crew auszutauschen.

Es verbleibt nur noch ein halbes Jahr bis zum Start. Trotz der knappen Zeit verläuft das Vorbereitungstraining ohne nennenswerte Probleme. Vier Tage vor dem Start wird Ken Mattingly für fluguntauglich erklärt. Da er mit dem an Masern erkrankten Astronauten Charles Duke in Kontakt war und selbst noch keine Masern hatte, befürchtet der Fliegerarzt, dass bei ihm die Krankheit während des Fluges ausbricht, was ein erhebliches Sicherheitsrisiko wäre. Jim Lovell betrachtet das als „fliegerärztlichen Schwachsinn“ und steht nun vor der Entscheidung, entweder mit seiner Crew auf eine spätere Mission zu warten oder anstatt mit Mattingly mit Jack Swigert zu fliegen, dem Kommandokapsel-Piloten der Reserve-Crew. Letztlich entscheidet Lovell sich für die zweite Option, da er selbst nicht auf diese Mission verzichten will.

Da Swigert schon seit Wochen nicht mehr im Simulator war, hat er beim Simulatortraining erhebliche Schwierigkeiten. Trotzdem kann er in den verbleibenden vier Tagen für die Mission fit gemacht werden. Am 11. April 1970 um 13.13 Uhr hebt Apollo 13 im Weltraumbahnhof Cape Kennedy von der Startrampe ab. In der Startphase tritt das erste Problem auf. Nachdem die erste Raketenstufe abgetrennt und die zweite Stufe gezündet wurde, fällt eines der fünf Triebwerke der zweiten Stufe aus. Das Problem wird gelöst, indem die Brenndauer der übrigen vier Triebwerke verlängert wird. Weiter zur Handlung: Wikipedia.

Anni und Tom über „Apollo 13“

Anni: Eigentlich irre, dass der einzige reale Raumflug, der je verfilmt wurde, der einzige ist, bei dem es einen Beinahe-Totalverlust gegeben hätte. Andererseits – es fahren Tausende von Schiffen auf den Ozeanen und nur die „Titanic“ wird immer wieder verfilmt. Du siehst also, woran wir interessiert sind. Und da kommt schon etwas raus, was ich lange Zeit während des Films dachte: Was für eine irre Begabung für Technik wir haben, zumindest, wenn man diesem Film glaubt – und, ja, das andere.

Tom: Wie zurückgeblieben wir zivilisatorisch sind. Ich glaube auch nicht, dass es so gedacht war, der Film konzentriert sich wirklich voll auf das Ereignis, es gibt keinerlei Zeitpanorama, in das er eingebettet ist, aber das ist wirklich eklatant. Und wir wären sicher längst auf dem Mars, also einige von uns, wenn’s nicht doch dann zu teuer wäre. Ich glaube nicht, dass es wirklich eine weitere Spezies im All gibt, die das kann, und wenn es eine gäbe, wäre sie sicher nicht so rückständig in vielen anderen Dingen, etwa im Umgang mit sich selbst. Man hat wirklich das Gefühl, man sitzt in einem Raumschiff und bewegt sich in einer Welt, die nichts mit unserer zu tun hat, auch wenn die Astronauten natürlich Familien haben, die im wörtlichen Sinn eine Art von Erdung herstellen.

Anni: Für mich war komischerweise der erste Teil des Films, als noch nichts passiert war, als alles plangemäß lief, der viel emotionalere. Dieses Wahnsinns-Unternehmen mit der riesigen Rakete und das Pathos, das darin liegt, zu den Sternen aufzubrechen. Da hat’s mich mitgerissen – später nicht mehr so, weil ich die Art, wie alle da geradzu Unmenschliches vollbrachten, um die Mission zu retten, irgendwie – naja, war mir wieder zu typisch amerikanisch. Klar sind das alles besonders kluge Köpfe, die in der Kapsel sitzen und da unten im Space Control, aber für Normalmenschen doch alles etwas schwer nachvollziehbar. Okay, die Technik ist wirklich männlich, bis heute. Obwohl inzwischen auch Frauen im Weltraum waren. Aber es war nicht nur das Event, das mich gleich gepackt hatte. Immer, wenn ich Tom Hanks sehe – allerdings auch nicht bei jedem Film gleich, die Inszenierung spielt schon eine Rolle, und Ron Howard hat das im besten Sinn routiniert gemacht. 

Tom: Bei Tom Hanks stimme ich dir logischerweise zu. Er ist es auch, der dafür sorgt, dass die Überlänge des Films nicht nervt. Obwohl, ich hab gerade nachgeschaut. 134 Minuten sind normal, für heutige US-Spielfilme. Tja, jetzt hab ich ein Problem, ich dachte, er wäre fast drei Stunden lang gewesen. Vermutlich lag das aber an der Dichte der Ereignisse, diesen wahnsinnig vielen Details, die da eingebaut wurden. Und sie haben künstlich zwischenmenschliche Konflikte eingebaut, die es so nicht gab. Das muss einfach, in einem Hollywoodstreifen. 

Anni: Aber es gibt auch etwas Bemerkenswertes an der Konstruktion der Story. Du bist doch Billy Wilder-Fan, also lassen wir Wilder sprechen: Im Laufe eines Mittagessens mit Billy Wilder hatte Ron Howard gesagt, dass er begeistert war zu erfahren, dass Wilder diesen Film für Howards beste Arbeit als Regisseur hielt, denn es ging um einen Mann, der seinen Traum nicht verwirklichte.  

Tom: Bei einem Quasi-Katastrophenfilm ist immer ein Ziel nicht verwirklicht. Auch die Überlebenden der Titanic haben ja ihr Reiseziel nicht erreicht, sondern mussten aus dem eisigen Wasser gerettet werden. Es liegt am Genre. Natürlich ist das wunderbar gefilmt, dass dieser versierte Raumfahrer, der so oft wie kein anderer dabei war, am großen letzten Ziel scheitert. Aber er ist eben auch danach nicht wieder geflogen.

Anni: Wenn ich seine Frau gewesen wäre, hätte ich ihm was erzählt, wenn er nochmal auf Mission hätte gehen wollen. Aber da ist doch sicher auch etwas überzogen worden – sind die Angehörigen wirklich die ganze Zeit live dabei gewesen, während ja die Welt erst einmal abgeschaltet war, weil Apollo 13 schon als Routine empfunden wurde? Keine Sensation mehr eben. Immer, wenn ich Bilder wie diese sehe, wo Leute aus solche Entfernung live senden können, bin ich mir nicht sicher, ob es die Mondlandungen wirklich gegeben hat. 

Tom: Und der ganze Unfall wäre dann inszeniert gewesen, um die Mission echter wirken zu lassen, weil auch mal mit Gefahr und Problemen verbunden? Dann wären wir im Lügen noch begabter als im Technischen. Okay, wer wollte das bestreiten, aber für mich ist gerade Apollo 13 ein Beweis, dass da nichts gefakt war. Sowas denkt sich niemand aus, um die Welt gut zu unterhalten. Natürlich wäre auch die Variante denkbar, dass die Männer in der Umlaufbahn waren, bei jeder Mission, aber eben nicht den Mond betreten haben. Nur, wenn sie schon so dicht rankommen, warum sollte ihnen das nicht auch noch gelingen.

Anni: Weil die große Sowjetunion es auch nicht geschafft hat, obwohl sie Anfang der 1960er raumfahrtmäßig vorne war. Und wenn ein so großes Volk wie die Russen sich so anstrengt und sie schaffen es nicht, wieso dann die doofen Amis? Weil der Kapitalismus doch irgendwie effizienter ist, vielleicht?

Tom: Es gibt so wunderbare Theorien darüber, warum die einen, die anderen nicht, und, klar, wenn man sich das nicht denken kann, dass es ein Land schafft und ein anderes nicht, dann ist man schnell auf der Verschwörungsschiene. Jedenfalls ist dokumentiert, dass bei den Russen viel mehr schiefging als bei den Amerikanern, die nur einen einzigen tödlichen Unfall hatten, als die Raumkapsel der geplanten Mission Apollo 7 in Flammen aufging. Am Boden, wohlgemerkt. Ja, dass eine solche Technologie wie die für die Apollo-Missionen notwendige auf Anhieb so fehlerfrei funktioniert, wo frühere Techniken anfangs immer total gefährlich und sehr basic waren, wie die Flugzeuge, das kommt einem heute seltsam vor. Aber es war auch die erste Technik, die wirklich von einem riesigen Tank entwickelt wurde, nicht von einzelnen Erfindern. Selbst auf die Computer trifft das so nicht zu, und die habe ja auch gleich funktioniert, wenn sie auch immer weiter verbessert wurden.  

Anni: Nach Tom Hanks wurde nach dem Film übrigens ein Asteroid benannt, 12818. Damit ist er wohl der einzige Schauspieler, der einen eigenen Stern hat. Oder ein Sternchen, außerhalb des Hollywood Walk of Fame. In Interviews hatte der echte Jim Lovell gesagt, dass er glaubte, dass Kevin Costner ihm änhlich aussah, also zu der Zeit, als die Mission stattfand, aber Costner wurde niemals gecastet. Als Brian Grazer und Imagine Entertainment die Rechte an dem Drehbuch erhielten, unterschrieb Ron Howard als Regisseur und wusste, dass Tom Hanks ein Apollo / Space Buff war, also schickte Howard das Drehbuch an ihn. Sie haben sich getroffen und Hanks stimmte zu, Jim Lovell zu spielen. Die wesentlichen Schauspieler, die auch dann die Raumfahrer spielten, waren auch wirklich im Raumkapsel-Simulator. Okay, das versteht sich ja von selbst, wenn man bedenkt, dass Schauspieler, die in der Verfilmung von Theaterstücken mitspielen, oft Hunderte von Vorstellungen auf der Bühne verfolgen, um sich in ihre Rollen einzuleben. 

Tom: Das AFI, das American Film Institute, hat den Film in seiner 2006er Liste auf Platz 12 der am meisten inspirierenden amerikanischen Filme gesetzt. 

Anni: Auf Platz 1 ist „It’s A Wonderful Life“, okay, den kennt jeder. Und auf Platz 2 „To Kill a Mockingbird“ – den werden wir in den nächsten Tagen aufzeichnen. Das sind alles Filme, die entweder etwas Gesellschaftliches haben oder diesen menschlichen Willen dokumentieren, durch kathartische Situationen zum Wahren und Richtigen zu finden. Doch, passt schon. 

Tom: Der große Roger Ebert schrieb in seiner Kritik aus 1996, dass er seine Kritik an einem Computer geschrieben hat, der wohl besser war als dieses Trumm, das „in einen Raum passt und eine Million Rechenoperationen durchführen kann“, das Jim Lovell zu Beginn des Films Presseleuten vorführt und eEbert denkt darüber nach, mit welcher Technik man damals die Leute ins All gebracht hat und – dass uns heute, also 1995, der Wille dazu fehlt, obwohl es viel sicherer und billiger wäre. 

Anni: Billiger wäre es vielleicht, aber der Verlust von zwei Space Shuttles hat den Amerikanern wohl endgültig den Spaß verdorben. So viel zur Sicherheit. Es gibt ja immer noch die ISS, die in 400 Kilometer Höhe rumtrudelt und eigentlich kein echter Space Flight ist. Wir haben wohl wirklich den Willen verloren, uns von der Erde abzusetzen, obwohl die Idee angesichts unseres Umgangs mit ihr so logisch ist. Dummerweise hat aber immer noch niemand den Hyperantrieb erfunden, und damit ist alle Raumfahrt, die über unser Sonnensystem hinausgeht, nach wie vor reiner SF. Und innerhalb des Systems gibt es nun mal keine Planeten, auf die man wirklich sinnvoll aussiedeln könnte. Müssen wir also doch gucken, dass wir hier nicht alles kaputt machen. So’n Mist.

Tom: Ich finde, der Film hat Maßstäbe für die Technikschau gesetzt und natürlich ist er gut gespielt, daher von mir 8,5/10. 

Anni: Du weißt ja, ich bin skeptisch bezüglich einiger Elemente dieser gigantischen menschlichen Anstrengung, daher 7,5/10. Wenn doch 1996 der Wille fehlte, mit den Mondflügen oder gar den zu Beginn der 1970er schon für die 1980er prognostizierten Mondkolonien und Marskolonien voran zu machen, dann muss das ja einen Grund haben, und da hätte mich mir mehr Bezug gewünscht. 

Tom: Der Film ist aber nicht systemkritisch. Das kann man kritisieren, und ich bin immer an Systemkritik interessiert, aber er belegt auch, was wir erreichen können, wenn wir uns wirklich einem Ziel verschreiben. Nicht alle von uns sind so skillful wie die Astronauten oder das Bodenpersonal der Mission Control, aber es wäre doch möglich. Und mich inspiriert das alles schon. Und macht mich nachdenklich, was unseren heutigen Umgang mit den Dingen angeht. Die Ziele, für die wirklich noch viel Geld und Kopfarbeit eingesetzt werden, sind oft falsch, zum Beispiel militärische Ziele, aber es gibt keine gesellschaftliche Bewegung. Die Zeit, in welcher die Mondmissionen stattfanden, sah zwar den VIetnamkrieg, aber auch eine Gesellschaft in Bewegung. Deswegen hat der BR in seinen berühmten Space Nights der 1990er die Bilder von den Raummissionen auch mit der Musik des Summer of Love unterlegt. Klar, auch, weil sie damals aktuell war, aber da steckt auch etwas Hintersinniges drin: Wir haben heute nicht mehr die Träume und Visionen wie die Menschen von damals, dabei wären diese doch nötiger denn je. 

Anni: Wäre eigentlich dein Part, jetzt zu sagen, der Neoliberalismus hat das alles vernichtet. Die Menschheit hat sich zurückentwickelt. Und das iPhone 8 ist kein Gegenbeweis. Aber es ist ja auch so: Damals konnten alle noch auf solche Events ihre Projektionen ausrichten, heute ist jeder sein eigenes Event – und was für ein lächerliches im Vergleich zu solchen Anspannungen all dessen, wozu Menschen fähig sind. Wenn sie wirklich auf dem Mond waren. Okay, die Raumfahrt an sich ist schon ein Beleg und die ISS ja immerhin noch eines der letzten Völkerverbindungsprojekte. 

Tom: Das war schon eine große Zeit, und das spürt man im Film, ohne dass irgendein gesellschaftlicher Hintergrund eingebaut wird. Man gibt das unkommentiert in die 1990er hinein, wo großartige Filme die großartigen Echtereignisse ersetzen müssen. Neben der von dir angeforderten Systemkritik oder eher sogar innerhalb derselben gibt das Kritikpotenzial frei in eine andere Richtung: Es gibt kaum noch große Innovationssprünge. Die Zukunftsvisionen waren zu allen Zeiten zu optimistisch ausgelegt, aber heute gibt es fast nur noch dystopische Ansätze. Wie zum Beispiel bei „Interstellar“, den wir neulich gesehen haben. Die NASA existiert nur noch als Untergrundprojekt. Das ist die Stimmung, die ist dann nochmal anders als 1996, als „Apollo 13“ entstand und natürlich ganz anders als 1970.

Anni: Ja, ja, Fin de Siècle-Stimmung, obwohl das Jahrhundert erst 17 Jahre alt ist. Aber man soll die kleinen Projekte nicht aufgeben, und vielleicht ist das Kleine auch der Anfang von etwas Besserem.

80/100

© 2023, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie Ron Howard
Drehbuch William Broyles Jr.,
Al Reinert,
James A. Lovell (Roman),
Jeffrey Kluger (Roman)
Produktion Brian Grazer
Musik James Horner
Kamera Dean Cundey
Schnitt Daniel P. Hanley,
Mike Hill
Besetzung

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