Crimetime Vorschau – Titelfoto © NDR, O-Young Kwon
Wie machen die das bloß? Kaum ist von immer mehr Staatenlosen in Deutschland die Rede[1], bringt die ARD schon einen Tatort mit staatenlosen Geflüchteten auf den Bildschirm. Außerdem ist es eine Art Jubiläum, denn Wotan Wilke Möhring tut nun seit zehn Jahren Fernseh-Kriminaldienst als Kommissar Thorsten Falke von der Bundespolizei.
Zunächst zusammen mit der Kollegin Lorenz, jetzt mit ihrer Nachfolgerin Weisz, die als robuster Gegenpart zu dem Raubein eine gute Figur macht. Die beiden wirken so kohärent und vom Gepräge realistisch wie kaum ein anderes Frau-Mann-Duo im Tatortland. Das heißt nicht, dass sie die besten Fälle lösen. Allgemein gab es zuletzt ja einige Kritik an der Qualität der Fälle und zuletzt eine miserable Quote besonders für den zweiten Teil des neuen Berlin-Krimis „Nichts als die Wahrheit“. Dies, obwohl mit Corinna Harfouch eine hochkarätige Besetzung für die Nachfolgerin von „Nina Rubin“ an der Seite von Mark Waschke gefunden wurde. Und worum geht es dieses Mal, bei einem der nun richtig gut eingespielten Teams?
Der Tatort „Verborgen“ ist ein spannender und einfühlsamer Krimi, der sich mit dem Schicksal von geflüchteten Menschen ohne Papiere beschäftigt. Die Ermittler Falke (Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz) tauchen in die Schattenwelt von Hannover ein, wo sie auf ein skrupelloses Schleusernetzwerk stoßen, das für den Tod eines jungen Schwarzen verantwortlich ist. Dabei begegnen sie auch einem verzweifelten Ehepaar aus Simbabwe, das seinen Sohn sucht.
Der Film zeichnet sich durch eine realistische und empathische Darstellung der Geflüchteten aus, die in ständiger Angst vor Abschiebung leben und sich in den dunklen Nischen der Gesellschaft verstecken. Die Regisseurin Franziska Buch zeigt die Hoffnungen und Ängste dieser Menschen, ohne sie zu idealisieren oder zu stigmatisieren. Sie macht auch deutlich, wie schwer es für die Behörden ist, ihnen zu helfen oder sie zu schützen.
Die beiden Hauptdarsteller überzeugen mit ihrer authentischen und nuancierten Leistung. Wotan Wilke Möhring spielt den pragmatischen und sympathischen Falke, der versucht, das Vertrauen der Geflüchteten zu gewinnen und ihnen eine Perspektive zu bieten. Franziska Weisz spielt die korrekte und engagierte Grosz, die sich sogar auf einen halblegalen Trick einlässt, um an die Schlepper heranzukommen. Die beiden ergänzen sich gut als Ermittlerduo und haben eine spürbare Chemie.
Der Tatort „Verborgen“ ist ein gelungener Mix aus Krimi und Sozialdrama, der ein aktuelles und brisantes Thema aufgreift und dabei spannend und berührend bleibt. Er ist einer der besten Filme des Jahres mit Falke und Grosz.[2]
Gerade die engagierten und korrekten Menschen wirken besonders interessant, wenn sie mal über ihren Schatten springen und Grenzen überschreiten. So liest sich jedenfalls, was der Bot unserer Zeit hier zum Besten gibt. Die „Sans Papiers“, wie sie in Frankreich heißen, waren bisher noch nicht Zentralthema eines Tatorts, wohl aber Geflüchtete, die noch keinen Aufenthaltsstatus haben und auf illegale Weise „geschleust“ wurden. Wir schreiben den Begriff mal in Anführungszeiten, wir kennen ja die Ansicht, dass es keine illegalen Menschen gibt. Gibt es natürlich nicht, bezüglich ihres Rechts auf Dasein und der Tatsache, dass jeder Mensch eine Rechtsperson ist. Aber gilt das auch für die Menschenrechte? Zum Beispiel, wenn ein Staat sie jemandem durch dessen Nichtaufnahme verweigert? Fragen Sie das Frontex-Management, das wird Ihnen die Lage erklären. Dann fragen Sie zum Vergleich Pro Asyl. Dort wird Ihnen eine andere Sichtweise vermittelt. Wir nehmen jetzt Abstand von der Versuchung, das Pro und das Contra verschiedener Stufen und Varianten von Migrationsdurchlässigkeit von ChatGPT erörtern zu lassen. Wir finden aber, dass in Deutschland gerade wieder in der Folge des Ukrainekriegs sehr viel für Geflüchtete getan wird und das auch grundsätzlich in Ordnung. Und was schreiben die Kritiker:innen über den 1233. Tatort?
Gesellschaftspolitisch relevante Themen, verpackt in spannende Krimiplots – diese Kombination ist seit zehn Jahren das Markenzeichen der Falke-Tatorte. Auch diesmal geht das Konzept auf, dank einer ausgewogenen Dramaturgie zwischen Sozialdrama und Kriminalfall. Die sensible Kameraführung begleitet Jon und Hope Makoni beinahe beiläufig in ihrem Alltag und rückt ihr Schicksal damit behutsam, aber unaufdringlich ins Rampenlicht. Falke und Grosz brillieren wie immer als Kommissare mit dem Herz am rechten Fleck, auch wenn es im realen Leben wohl schwer vorstellbar ist, dass solch ein enges Vertrauensverhältnis zwischen Polizist und ausreisepflichtigem Migranten entsteht. Aber auch dafür sind Krimis schließlich da: um das Unmögliche doch möglich erscheinen zu lassen.
Tatort Folge 1233: Verborgen – Tatort Fans (tatort-fans.de)
Es gab durchaus Zeiten, da waren Krimis, besonders Tatorte, dazu da, das Mögliche realistisch darzustellen, aber trotz dieses Anspruchs gibt es seit jeher in der Reihe Abweichungen davon. Mittlerweile ist die Abweichung allerdings eher die Regel, denn irgendwann hat man festgestellt, dass der Realismus zu immer ähnlichen Plots in Verbindung mit einer immer ähnlichen Darstellung der Polizeiarbeit führt. Deswegen hat man mit der Zeit zum Beispiel vieles weggekürzt, was als selbstverständlich gilt und die moderne Technik, von der DNA-Analyse bis zur Handy-Ortung, hat es möglich gemacht, einiges zu raffen. Sind die Handlungen dadurch besser, vielfältiger, rasanter geworden? Schneller auf jeden Fall, aber nicht immer besser ausgedacht als in den Zeiten, in denen die Krimi-Regisseure und Drehbuchautoren oft anhand ihrer Erfahrung mit Kinofilmen gelernt hatten, wie man Spannung erzeugt, oder weil sie nicht Filmhochschulen durchlaufen und massig Theorie gebunkert hatten, sondern zum Beispiel als Kriminal- und Gerichtsreporter tätig gewesen waren, bevor es sie zum Schreiben von Romanen und Drehbüchern zog.
Das Hamburger Tatort-Team Falke und Grosz zeigt uns die Parallelwelt, von der wir zwar alle wissen, dass es sie gibt, die wir aber nicht unbedingt sehen wollen. Verborgen ist mehr Drama als Krimi, teilweise sind die 90 Minuten eher langatmig und dass sich ein Kommissar derart gut mit einem Geflüchteten versteht, wirkt oft unglaubwürdig.
Trotzdem gibt es von dieser Seite aufgrund des wichtigen Themas usw. drei von fünf Elchen. Das ist sehr tricky, denn wer bei diesen Gegenständen zum Vollverriss greift, macht sich verdächtig, damit eine politische Haltung auszudrücken. Zumindest halten wir es für möglich, dass deswegen vorsichtig mit negativen Punkten an einem solchen Film umgegangen wird. Immerhin wird die Glaubwürdigkeit auch hier nicht gerade als … nun ja, als glaubwürdig herausgestellt. Aber dafür gibt es keinen erhobenen Zeigefinger. Plötzlich fehlt mir Inga Lürsen aus Bremen, die nicht den Zeigefinger benutzt, sondern politisch mit der Faust auf den Tisch gehauen und das Asylrecht im Alleingang revidiert hat. Leider nicht. Es bleibt vorerst schwierig.
Tatort-Kritik „Verborgen“ mit Falke und Grosz (swr3.de)
6 von 10 Punkten. Schwacher Krimiplot, starkes Geflüchteten-Panorama: Dieser »Tatort« ist dicht bei den Menschen in den Schattenbereichen unserer Gesellschaft.
»Tatort« heute mit Falke und Grosz: »Verborgen« im Schnellcheck (msn.com)
Beim „Spiegel“ hat wohl gerade die intensive Darstellung der Welt der Geflüchteten gepunktet, sodass trotz des von dieser Seite als schwach angesehenen Krimiplots noch 6/10 herauskommen. Interessant ist, was Christian Buß zu der Ansicht der Geflüchteten bezüglich Großbritannien referiert. Dazu muss man aber wissen, dass Simbabwe eine britische Kolonie war – und zwar mit die letzte in Afrika, es wurde erst 1980 unabhängig. Alle sprechen dort also Englisch und klar gibt es im UK eine größere Community von Auswanderern aus diesen Ländern als in Deutschland. Außerdem ist es Bestandteil des British Commonwealth, dessen Angehörige auch britische Staatsbürger sind. Allerdings sind, anders als früher, Immigranten aus den Staaten des Commonwealth nicht mehr von den Einwanderungsgesetzen des Vereinigten Königreichs ausgenommen. Trotzdem, die größere Community gibt es natürlich, zumal bei Angehörigen eines Staates, der so lange zum UK gehört hat.
Zum zehnjährigen „Tatort“-Jubiläum widmet sich Fall 17 einem vertrauten Sujet. Wie schon einige Male zuvor ermittelt das Team der Bundespolizei im Geschäft von Schleuserbanden und dem Migrantenleben in der Illegalität. Dabei folgt das Team der Spur eines tot in einem LKW aufgefundenen Flüchtlings und hilft einem verzweifelten Elternpaar auf der Suche nach seinem Sohn. „Tatort – Verborgen“ (NDR / Wüste Film) ist ein nüchtern gehaltenes Drama, das auf waghalsige Alleingänge und moralische Schleifen verzichtet. Auf der Bildebene mit Parallelwelten arbeitend, erzählt der Film von der Annäherung zweier Väter, von Anteilnahme und Hilflosigkeit. Das Ermittler-Team hat nach zehn Jahren alle Manierismen abgelegt und überzeugt auf ganzer Linie. Zum Jubiläum möchte man ihnen spontan einen leichten Fall für zwischendurch wünschen, sonst aber unbedingt weiter in diese Richtung.
http://www.tittelbach.tv/programm/reihe/artikel-6310.html
Ich meine, es hat schon mindestens einen weiteren Tatort mit toten Geflüchteten in einem LKW gegeben, zumal dieses Szenario schon Realität wurde. Vor allem die Tragödie von Parndorf im August 2015 mit 71 toten Menschen hatte sich im Jahr 2015 ins Bewusstsein der Menschen eingegraben und möglicherweise mit zu Angela Merkels „Wir-schaffen-das-Rede“ geführt, mit der die Grenzöffnung angekündigt wurde.
Flüchtlinge: 71 Leichen im Lkw – die Tragödie von Parndorf – DER SPIEGEL.
Diese Rede hielt die damalige Kanzlerin am 31. August 2015. Das ist nun beinahe acht Jahre her, aber die Fluchtbewegungen rund im die Welt schwellen immer wieder an, weil eines kriegerische oder wirtschaftlich desolate Politik es so will. Deshalb bleibt das Thema aktuell, das in der Handlung des 1233. Tatorts seine krimimäßige Aufbereitung findet.
Handlung
Als sein 17-jähriger Sohn Noah verschwindet, wendet sich Jon Makoni in seiner Verzweiflung an die Polizei, obwohl es für ihn und seine Frau Hope gefährlich werden könnte, ins Visier der Behörden zu geraten: Auch wenn die Makonis seit Jahren in Hannover leben und arbeiten, haben sie keine Papiere und sind damit faktisch nicht existent. Die Ermittler Falke und Grosz führt zunächst die Suche nach einem Schleusernetzwerk nach Hannover. Ein unbekannter Toter wird in einem Lkw aufgefunden.
In der Hoffnung, dass die Ermittler ihm bei der Suche nach seinem Sohn helfen, bietet sich Jon als Zeuge an. Um die Identität des Toten zu klären und den verschwundenen Noah vor einem ähnlichen Schicksal zu retten, dringen Falke und Grosz tief in Hannovers Schattenwirtschaft ein.
Besetzung und Stab
Hauptkommissar Thorsten Falke – Wotan Wilke Möhring
Hauptkommissarin Julia Grosz – Franziska Weisz
Kommissar Büchner – Philipp Baltus
Jon Makoni – Alois Moyo
Hope Makoni – Sheri Hagen
Sam – Ben Andrews Rumler
Simone Kemper – Rebecca Rudolph
Rudolf Wehrmüller – Michael Lott
u. v. a.
Regie – Neelesha Barthel
Drehbuch – Julia Drache, Sophia Ayissi
Kamera – Christian Marohl
[1] In Deutschland gibt es immer mehr Personen mit anerkannter Staatenlosigkeit. Zum Jahresende 2022 waren 29.455 Menschen als Staatenlose im Ausländerzentralregister (AZR) erfasst, teilte das Statistische Bundesamt (Destatis) am Donnerstag mit. (…) Festgestellt wird die Staatenlosigkeit meist im Rahmen der Beantragung eines Aufenthaltstitels oder eines Asylverfahrens. Die Ende 2022 registrierten Staatenlosen waren überwiegend männlich (58 Prozent beziehungsweise 17.025). Ein Viertel (25 Prozent beziehungsweise 7.455) der Personen in dieser Gruppe waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Was die Herkunft der Staatenlosen betrifft, wurde knapp die Hälfte (48 Prozent oder 14.055) der Personen in Syrien geboren. Immer mehr staatenlose Personen in Deutschland | regionalHeute.de
[2] ChatGPT, verfassen, informativ, Absatz, lang
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