Der Partyschreck (The Party, USA 1968) #Filmfest 929

Filmfest 929 Cinema

 Der Partyschreck ist eine US-amerikanische Filmkomödie von Blake Edwards aus dem Jahr 1968.

Peter Sellers als Hauptdarsteller und Blake Edwards als Regisseur – wer denkt da nicht sofort an die Pink-Panther-Filme? Trotz deren großen Erfolgs war jedoch „The Party“, wie der Film im Original heißt, die einzige Zusammenarbeit der beiden außerhalb dieser Reihe und trotz ihrer freundschaftlichen Verbundenheit. Allerdings umfasste diese Reihe nicht weniger als acht Filme, in fünf davon spielte Sellers den Inspektor Clouseau, einer davon wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht. Aber „The Party“ ist anders als diese Filme und wir werden in der –> Rezension herausarbeiten, was damit gemeint ist.

Handlung[1]

Hrundi V. Bakshi, ein indischer Komparse, hat in Hollywood ein Engagement in einem Historienfilm bekommen. Er vermasselt jedoch Szene um Szene, entweder durch sein eigenmächtiges Spielen (ein Signaltrompeter, der einfach nicht totzukriegen ist) oder er vergisst, seine Armbanduhr abzunehmen. Zu guter Letzt sprengt er durch seine Tollpatschigkeit die Kulisse in die Luft, ehe die Kameras laufen.

Der Regisseur ist außer sich vor Wut und ruft den Produzenten Fred Clutterbuck an, um Hrundi auf die „schwarze Liste“ setzen zu lassen, damit dieser nie wieder in Hollywood arbeiten kann. Der Produzent notiert den Namen des Saboteurs und verlässt sein Büro. Seine Sekretärin erinnert er noch daran, die Einladungen für seine Party fertig zu machen; die Gästeliste liege auf dem Schreibtisch. Es stellt sich rasch heraus, dass er Hrundis Namen versehentlich auf der Gästeliste und nicht, wie angenommen, auf einer leeren Seite notiert hat. Nichtsahnend schickt die Sekretärin auch an Hrundi eine Einladung für die große Party im extravaganten Haus des Studiobosses in Beverly Hills.

Die Villa ist im modernsten Stil mit allen Raffinessen zeitgemäßer Technik gebaut und bietet für Hrundi viele „Fallen“. Bereits bei seiner Ankunft verliert er in einem künstlichen Bächlein einen seiner Schuhe, als er versucht, diesen zu reinigen. Mit seinen Bemühungen, den Schuh wiederzuerlangen, sorgt er für die ersten Irritationen bei Gästen und Hauspersonal.

Hrundi versucht dann, Anschluss bei den Gästen zu finden, was ihm aber nicht gelingt. Erst der Western-Schauspieler „Wyoming Bill“ Kelso, den Hrundi verehrt, gibt ihm ein Autogramm und bietet ihm die Gelegenheit zu erstem Smalltalk.

Dann macht sich Hrundi an den technischen Spielereien des Hauses zu schaffen: Er gackert über die Gegensprechanlage und fährt zum Unmut der daran Sitzenden die mechanische Bar ein. Dem hauseigenen Papagei leistet er mit einer Fütterungseinlage Gesellschaft.

Dann trifft er auf das Starlet Michele, das vom Regisseur in die Szene eingeführt wird. Auf Anhieb schließen die beiden Freundschaft, werden jedoch immer wieder durch andere Personen auseinandergerissen.

Schließlich wird das Dinner serviert, das sehr turbulent verläuft, nicht nur weil einer der Kellner sturzbetrunken ist. (…)

Stimmen

„Eine moderne Slapstick-Komödie (…) Blake Edwards‘ bester Film, getragen von stilistischer Sicherheit“ – Ulrich Gregor, Geschichte des Films ab 1960. Bertelsmann, München 1978, ISBN 3-570-00816-9, S. 465

„Ein turbulenter Filmspaß mit listig ausgetüftelten und raffiniert aufgebauten und variierten Gags, frechen Seitenhieben auf das Filmgeschäft und skurrilen Nebenfiguren. Der unterhaltsame Film bedient sich bewußt großer Vorbilder wie Laurel und HardyHarold Lloyd (in „Filmverrückt„) und Jacques Tati (in „Mein Onkel„). Hervorragend der Hauptdarsteller Peter Sellers.“ – Lexikon des internationalen Films[1]

„‚Der Partyschreck‘ steht und fällt mit Peter Sellers: Er ist 94 Minuten lang der unbestrittene Star in einem Film, der in erster Linie eine durch eine Rahmenhandlung lose miteinander verknüpfte Abfolge von Sketchen und in zweiter Linie eine mit teils recht bissigen Seitenhieben gespickte Persiflage auf die Gepflogenheiten des Show Business à la Hollywood ist. Jacques Tatis Die Ferien des Monsieur Hulot klingen an, beizeiten fühlt man sich an den visuellen Humor einiger der Sketche Loriots erinnert.“ – SZ-Cinemathek in: Filmzentrale.com[2]

„Man merkt es erst auf den zweiten Blick, weil der Film so gut als Comedy funktioniert. Doch Blake Edwards‘ Der Partyschreck ist einer der wenigen echten Experimentalfilme aus Hollywood. Eine Studie der Auflösung, ein Happening der Destruktion aus dem Geiste des Slapsticks, von Edwards in Szene gesetzt als gewagte Bild- und Toncollage, als Selbstreflexion auch über Hollywood und das Filmemachen. […] Und man spürt bei den melancholischen Klängen von Henry Mancinis Musik, dass Edwards‘ wunderbare Comedy ihre Basis im Melodram und in der Tragödie hat.“ – Hans Schifferle: SZ-Cinemathek in: Der Standard[3]

Weitere Infos

Die Komödie zeichnet sich vor allem durch ein Feuerwerk von Slapsticks von Blake Edwards und seinem Freund Peter Sellers aus. Der Partyschreck war der erste Film, der parallel zur PANAVISION-Filmtechnik auch auf Video aufgenommen wurde. Die Technik dafür steckte 1968 noch so sehr in den Anfängen, dass sie in einen riesigen Truck eingebaut wurde, der auf einem Nachbargrundstück mit eigenem Starkstrom betrieben werden musste. Die Technik hielten Edwards und Sellers für notwendig, damit sie ihre improvisierten Gags sofort ansehen und weiterentwickeln konnten. Man hätte sonst zwei Tage warten müssen, bis das Filmmaterial entwickelt gewesen wäre.

Rezension

Der deutsche Titel führt einmal mehr in die Irre, weil man erwartet, dass Bakshi die Party komplett crasht. An dieser Erwartungshaltung ist allerdings auch der Einstieg in den Film schuld, in dem Bakshi eine komplette Filmproduktion schmeißt. Wenn sie sich einen amerikanischen Trailer ansehen, wie er z. B. in der IMDb hinterlegt ist, fragen Sie sich bitte nicht, ob Sie etwas verpasst haben. Zumindest in der deutschen Version des Films ist die Szene, in der Bakshi alias Sellers ein komplexes Saiteninstrument spielt und ein traditionelles indisches Seidendress in Weiß trägt, nicht zu sehen. Schade eigentlich, denn dann wäre der Film den Werken der Marx Brothers noch ähnlicher gewesen: Die Szenenfolge hätte dem Einsatz von Harpo Marx mit seiner Harfe entsprochen und dafür gesorgt, dass es einen Stimmungswechsel mehr gibt, denn diese Wechsel gibt es wirklich. Für kurze  Augenblick hat dieses Werk tatsächlich etwas Melancholisches und Inniges, wie eine der deutschsprachigen Kritiken zu Recht hervorhebt. Am Ende – ja,  unterstreicht man dies, indem jenes Ende vage bleibt, oder wollte man mit der Interkulturalität auf der sicheren Seite bleiben, die ja wiederum eine Aneignung ist. Heute dürfte Sellers wohl keinen Inder mehr spielen, schon gar nicht in einer Komödie. Und dies, obwohl die Macher sich bemühen, keine negativen kulturellen Referenzen zu produzieren. So ist Bakshi zwar der Mittelpunkt der Komödie, aber er wird als vollkommen unanarchisch gezeigt, er ist nicht der Auslöser, der alles durcheinanderbringt, jedenfalls nicht immer, manchmal entstehen die Gags auch durch das Verhalten anderer Personen wie des im Verlauf immer mehr betrunkenen Kellners. Hier lässt übrigens „Dinner for One“ deutlich grüßen, noch einmal wird daran erinnert, als plötzlich das Tigerfell ins Bild kommt.

Blake Edwards hatte zwar sein Handwerk mit klassischen, handlungsgetriebenen Komödien gelernt, eine de ersten, mit denen er großen Erfolg hatte, war „Unternehmen Petticoat“, einer der wohl im deutschen Fernsehen früherer Jahrzehnte am meisten gezeigten US-Filme, selbst heute läuft er noch ab und zu, vermutlich sogar häufiger als die Pink-Panther-Reihe, die wirklich vergnüglich ist; zumindest gilt das für die ersten Filme, die in den 1960ern entstanden und wunderbar zeitgeistig sind. Das gilt auch für „The Party“, nicht aber die At der Plotgestaltung. Denn „The Party“ ist keine Abfolge von Elementen, sondern ein Kaleidoskop von Gags. Nach dem Start der Party dachte ich, wir bekommen nun den langsamsten Slowburn aller Zeiten zu sehen, das wäre ja auch den oben erwähnten Vorbildern Laurel und Hardy angemessen gewesen, aber so weit geht es nicht, es ist eher eine Kaskade von Einfällen zu sehen als eine raffinierte immerwährende Steigerung. Man kann wirklich sagen, der Stil des Films bleibt sehr relaxed, auch wenn wir später erfahren, wie es zu den fancy Schaumpartys in Clubs kam. Diese Hollywoodparty, die im Hollywoodbusiness spielt, ist das Vorbild. Aus Jacques Tatis „Mon Oncle“ hat man wiederum den Gag mit dem Wasserspeier entliehen, ebenfalls die unbequemen Stühle, auch wenn sie anders designt sind, und so geht es immer weiter mit den Zitaten und Halbzitaten. Der Slapstick-Komödie wird ein Denkmal auch deshalb gesetzt, weil er Film ein seiner losen Abfolge von Sketchen an die alten Stummfilmzeiten erinnert, in denen Komiker als Autorenfilmer ohne Drehbuch arbeiteten, etwa Charles Chaplin und Buster Keaton.

Es gab zwar für „The Party“ ein Drehbuch, aber es war laut Peter Sellers das kürzeste, mit dem er jemals gearbeitet hatte.

Ein bisschen etwas hat „The Party“ in der Tat von vielen großen Komikern adaptiert und ist insofern auch eine Hommage an die Zeiten, in denen das Medium jung und seine Macher sehr experimentierfreudig waren. Zum Thema Aneignung hat er auch noch etwas zu bieten: Junge, weiße Kids der oberen Mittelschicht erscheinen auf der Party mit einem halbwüchsigen indischen Elefanten mit zeitgemäßen Love-and-Peace-Parolen, ohne daran zu denken, dass das albern aussieht und nicht dem Status eines Elefanten in Indien entspricht, ihn so zu entwürdigen. Bakshi sorgt dafür, dass Tier abgewaschen wird und damit bricht das Chaos auf der Party sich endgültig Bahn. Es entwickelt sich aber, bei allen satirischen Ansätzen, doch ein eher harmloser Spaß, in dem niemand ernsthaft angegriffen wird, anders, als z. B. die Marx Brothers es taten, die ich oben erwähnt hatte. Die Anarchie wird in „The Party“ nicht inszeniert, sie entsteht aus dem Gang der Dinge heraus, aber niemand hier ist eine treibende Kraft, zumindest nicht in der Form, dass er sich bewusst über Regeln hinwegsetzt. Man hätte mit dem Desaster noch wesentlich weiter gehen können, doch dann wäre es eben ein anderer Film geworden, grotesker, schärfer und auch geschmackloser. In „The Party“ werden die Grenzen berührt, aber nie für länger als ein paar Wimpernschläge überschritten.

Finale

Das Eperimentelle ist wohl, dass es keine Handlung gibt, die schlechter wäre als eine schlechte Handlungen, die Komödien oft mühsam zusammenhalten muss, nur, um auf eine halbwegs nachvollziehbare Weise den Sprung von Gag zu Gag so klein zu halten, dass die Menschen in den Kinos noch den Eindruck haben, sie sind in einem Film und nicht im Varieté, in den Vaudeville-Shows der guten, alten Zeit. Natürlich ist auch Edwards‘ Film heute bereits gute alte Zeit, aber in Stereo, Breitwand und mit all seinen optischen Reizen ist er auch ein zeitloses Zeitgeistdokument. So war das Leben damals. Ist Ihnen aufgefallen, wie breit verglast damalige neue Architektenhäuser waren, auch wenn sie nicht gerade die Dimensionen und die Ansammlung von Raritäten boten wie die Villa des fiktiven Hollywoodproduzenten, die wir im Film sehen? Damals konnte man noch Party machen, ohne an Corona, an die ökologischen Folgen der gigantischen Wasserverschwendung, an das Strom sparen für die Freiheit zu denken. Die USA befanden sich zwar mitten im Vietnamkrieg, eine Anspielung darauf gibt es auch in Form des Protest-Elefanten, aber die mondänen frühen 1960er, die Edwards vor allem im ersten Pink-Panther-Film für uns festgehalten hat, haben sich im Wesentlichen in diese schon nicht mehr ganz so optimistische Zeit hinübergerettet, aber das alles wird ja auch von den erwähnten stilleren Momenten sanft gedämpft. Eine Vorahnung? Wohl nicht. Eher eine Reflexion, die dem Film den besonderen Touch gibt. Der Vergleich mit den Komödien von Billy Wilder bietet sich unweigerlich an, die schärfer und von gnadenlos guten Drehbüchern und Dialogen gekennzeichnet sind. An die besten davon kommt „The Party“ nicht heran. Die IMDb-Nutzer:innen bewerten ihn aktuell mit durchschnittlich 7,4/10. Das ist nicht schlecht, aber auch nicht herausragend. Zwischendurch ging für mich auch Billy Wilders Motto „Du sollst nicht langweilen“ bei Blake Edwards‘ kontemplativem Stil etwas verloren, aber wenn man sich darauf einlässt und die Momente genießt, anstatt krasse Twists zu erwarten, kann man diese Momente gut genießen.

75/100

© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2022)

[1], kursiv, tabellarisch, zitiert:Wikipedia

Regie Blake Edwards
Drehbuch Blake Edwards
Produktion Blake Edwards
Ken Wales
Musik Henry Mancini
Kamera Lucien Ballard
Schnitt Esther Stephenson
Besetzung

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