Todfeinde (5 Card Stud, USA 1968) #Filmfest 933

Filmfest 933 Cinema

 „5 Card Stud“ ist ein US-amerikanischer Western von Henry Hathaway aus dem Jahr 1968 mit Dean Martin und Robert Mitchum in den Hauptrollen. Das Drehbuch basiert auf einem Roman von Ray Gaulden und wurde von Marguerite Roberts geschrieben, die im folgenden Jahr auch das Drehbuch von „True Grit“ für Hathaway schrieb.

„True Grit“ mit John Wayne als alterndem, versoffenen Marshal, der es noch einmal wissen will bzw. dazu gedrängt wird, Gangstern nachzujagen, ist das weitaus bekanntere Ergebnis der oben genannten Kooperation und wurde vor einigen Jahren eines Remakes für würdig befunden. Bemerkenswert ist durchaus, dass Henry Hathaway etwas länger dabei war als seine „Buddys“ aus den großen Tagen des Westerns. Wie dieses Spätwerk von ihm bei uns ankam, steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

Im Jahr 1880 wird ein Spieler in der kleinen Stadt Rincon, 100 Meilen von Denver, Colorado, beim Betrügen beim Fünf-Karten-Pokerspiel erwischt. Die Spieler, angeführt von dem unberechenbaren Nick Evers, nehmen den betrügenden Spieler fest, um ihn zu lynchen. Einer der Spieler, Van Morgan, versucht, die anderen daran zu hindern, Selbstjustiz zu praktizieren, ist aber nicht in der Lage, das Töten zu stoppen. Morgan verlässt die Stadt, kehrt aber später zurück, als er hört, dass einige der anderen Spieler aus dem Pokerspiel Opfer grausiger Morde geworden sind.

Die Stadt hat einen neuen Bewohner, einen strengen und etwas kantigen Colt .45-tragenden Baptistenprediger namens Reverend Rudd. Als mehr Mitglieder des Lynchmobs eines nach dem anderen getötet werden, wird klar, dass sich jemand rächt, und es liegt an Morgan, das Rätsel zu lösen. Als Morgan der letzte Mann aus dem Pokerspiel ist, der noch am Leben ist, erkennt er, dass Rudd der Mörder ist, und er tötet Rudd in einer Schießerei.

Rezension

Wenn man die obige Handlungsbeschreibung gelesen hat, und sie ist immerhin länger als die in der deutschen Wikipedia, gewinnt man den Eindruck, es war doch wohl von Beginn an klar, wer der Rächer ist. Nun ja. Erstens taucht dieser nicht direkt auf, aber rechtzeitig, dass er alle Morde begangen haben könnte, zweitens kommt noch einmal eine Irritation auf, als sich eine attraktive Blondine als Betreiberin eines, sagen wir mal, Frisier- und Schönheitssalons in der Stadt niederlässt. Sie könnte ebenfalls hinter den Morden stecken, wenn auch nur als Auftraggeberin bzw. Anstifterin, aufgrund der Begehungsweise wohl kaum als handelnde Täterin. Also dachte ich mir, die beiden arbeiten zusammen und mindestens eine der beiden Personen hat persönliche Gründe. So war es letztlich aber nicht, deswegen konnte der Film auch für van Morgan ein gutes Ende nehmen. Indem er nämlich diese Frau kriegt, die von Inger Stevens gespielt wird, die wiederum Ende der 1960er plötzlich in vielen Filmen zu sehen war, vorzugsweise – sic! – Western.

Im Grunde ist es aber doch einfach. Man denke an Robert Mitchums Karriere. 1955 spielte er einen Prediger in „Die Nacht des Jägers“, vielleicht die beste Rolle, die er je ausgefüllt hat und einer der besten Gruselkrimis überhaupt. Inszeniert von Charles Laughton, dessen außergewöhnliche Fähigkeiten als Regisseur, wie der Film selbst, erst später richtig geschätzt wurden.

In einer zeitgenössischen Rezension für die New York Times identifizierte der Kritiker Vincent Canby 5 Card Stud als einen von einer kürzlichen Flut von „Buddy System“ -Western wie El Dorado (1966) mit John Wayne und Mitchum; The Way West (1967) mit Kirk Douglas, Mitchum und Richard Widmark; The War Wagon (1967) mit John Wayne und Kirk Douglas; Bandolero! (1968) mit James Stewart und Dean Martin; und Villa Rides (1968) mit Yul Brynner, Mitchum und Charles Bronson. Canby schrieb: „Ohne wichtige Ausnahme. All diese Titel. Geschichten und Schauplätze sind austauschbar, ganz zu schweigen von den Stars, von denen einige anfangen, so auszusehen, als wären sie aus Dinosauriereiern geschlüpft. … Buddy System Western sind irgendwie im Grunde weich.“

Das, was Canby mit Buddy-System meint, ist der Einsatz bestimmter Altstars, nicht, dass die Handlungsanlage ein Buddygespann vorsieht, das gibt es in „5 Card Stud“ nämlich nicht. Neun Jahre zuvor entstand jedoch der Film, der dies alles ins Laufen brachte: „Rio Bravo“. Dean Martin und John Wayne und Walter Brennan als Buddy-Gespann, aber unter der Regie von Howard Hawks. Martin und Wayne dann unter der Regie von Henry Hathaway in dem kaugummiartigen „Die vier Söhne der Kathie Elder“. Wahrscheinlich war John Wayne älter als die Darstellerin von Mrs. Elder, seiner Mutter im Film. Aber 1968 zählte auch Dean Martin nach 20 Jahren Filmkarriere und einer noch längeren Karriere als Whiskytrinker zu den Altstars. Keine Frage, es war auffällig, dass diese Granden aus der großen Zeit des Westerns, der zweiten großen Zeit, muss man sagen, den 1950ern und frühen 1960ern, häufig geteamt wurden, weil man ihr Starpotenzial nutzen wollte.

Dadurch wurde besonders deutlich, dass der Western sich in zwei Linien getrennt hatte: Die neuere Variante, an den Italo-Western orientiert, von einigen dieser Stars auch unter Regisseuren, die den Anschluss nicht verpassen wollten, adaptiert, sodass Elemente des Spaghetti-Westerns auch in die amerikanische Variante einflossen oder eben die tradtionelle Filmweise, wie sie „5 Card Stud“ verkörperte. Ist der Film aber weich?

Das Lexikon des internationalen Films urteilte, dass der Film „ein spannend und sorgfältig inszenierter Western“ sei. Joe Hembus merkt an, Todfeinde sei „ein finsterer Film, in dem der grimmige alte Hathaway ausschweifend seinem Hang zu Grausamkeiten frönt.“ Phil Hardy urteilt, der Film vergeude seine Besetzung und die ungewöhnliche, mysteriöse Erzählung „mit sinnloser Gewalt“. Der Regisseur versuche, mit ungewöhnlichen Kameraperspektiven seine Geschichte zu intensivieren, doch im Ergebnis sei nur „ein Mangel an Hingabe“ zu beobachten.

Wenn man sich die Italo-Western jener Jahre als Vergleich nimmt und die ritualisierte und damit schon ein wenig ironisierte Form der Gewalt, die sie zumeist zeigen, ist „5 Card Stud“ nicht übermäßig gewaltsam, wohl aber für die „Buddy-Variante“. Eigentlich aber auch nur wieder, weil es zu Würgeszenen kommt, nicht wegen einer außergewöhnlich hohen Anzahl von Toten. Spannend fand ich den Film ebenfalls, weil hier die Handlung eines Agatha-Christie-Krimis in den wilden Westen verlegt wurde: Einer, der einen Grund hat, tötet alle, die auf dem alten Schloss oder in der kleinen Stadt versammelt hat.

Der Priester, der neulich sein Bethaus eröffnete, sagt später: „Mein ist die Rache, sprach der Herr, und hier bin ich der Herr.“ So kann man es auch sehen. Mich hat gewundert, dass das auf der katholischen Filmkritik basierende Filmlexikon diese zynische Bemerkung nicht kritisiert hat, zumindest nicht in der kurzen Zusammenfassung, die auf eine Bewertung als gelungener Film deutet. Vielleicht, weil es sich um einen Baptistenprediger handelt, und jeder kann daherkommen und sich als solcher ausgeben, während es bei den Katholiken nicht so bunt zugeht, sondern ein striktes Verfahren für die Priesterwerdung gibt. Die falschen Prediger, die so oft im Film auftreten, sind deshalb auch selten von der katholischen Konfession.

„5 Card Stud“ ist eine durchaus ungewöhnliche Mixtur, weil es sich eben auch um einen klassischen Whodunit handelt. Unterstützt wird dieses Gefühl von Spannung durch die Musik von Maurice Jarre, der bis zu dem Zeitpunkt kein typischer Westernkomponist war. Wer seine beeindruckenden Scores zu „Lawrence von Arabien“ oder „Doktor Schiwago“ kennt, der kommt auch nicht direkt auf den Komponisten. Ich habe jedoch Elemente aus der Zeit vor diesen Mega-Erfolgen wiederentdeckt, speziell aus dem Gruselkrimi „Augen ohne Gesicht“ (1960), der also noch vor der Zeit entstand, als Jarre durch die Epen-Scores weltberühmt wurde. Gespielt mit kleinerer Besetzung, viel intimer als die groß orchestrierten Musiken für die oben genannten Epen, mit einer ungewöhnlichen Instrumentierung, in der ein Cembalo und eine Flöte enthalten sind und die auf Jarres Anfänge als experimenteller Musiker hinweisen. Damit kann man fraglos einen Spannungsbogen hochziehen und das gelingt in diesem Western recht gut.

Finale

Wegen dieser Genre-Zwitterstellung ist „5 Card Stud“ nicht ganz so traditionell wie einige der Filme, die Vincent Canby erwähnt hat und die wie in die Ära von New Hollywood geschmissene Felsen wirken, die irgendwer aus der Filmantike mitgebracht hat. Vielleicht etwas, ja abgeschliffener, rundlicher, gewaschener als in den 1950ern, insofern auch weniger hart und oft zu dialoglastig. Aber auch das trifft auf „5 Card Stud“ nicht zu, der Film ist relativ straff erzählt und bündelt damit auch Henry Hathaways Art, ins Plaudern zu kommen, wenn man ihn lässt, aufgrund eines konzentrierten Drehbuchs so weit, dass man sich nicht langweilt. In der relativen Kürze von 103 Minuten liegt auch hier einiges an Würze. Auch wenn man es nicht als angängig empfindet, Selbstjustiz zu üben, ist der Film aber dennoch nicht ganz finster. Am Ende siegt der einzige aus der Pokerrunde, der ein Herz hatte und den jungen Falschspieler vor dem Hängen bewahren sollte, die anderen haben es nach dem Racheprinzip verdient, dran zu glauben.

Kein Wunder, dass die Todesstrafe angesichts solcher Erzählungen in den USA nicht totzukriegen ist. Von einer Verherrlichung des Prinzips kann man dennoch nicht sprechen, schon deswegen nicht, weil der Mörder unter der Kutte des Priesters unterwegs ist. Das unterscheidet den Film deutlich von einigen wirklich finsteren Rache-Epen, die bezüglich der Selbstjustiz zu affirmativ geraten sind. Die IMDb-Nutzer:innen geben aktuell 6,4/10, das ist nicht gerade herausragend, angesichts der Besetzung mit zwei großen Stars und der damals beliebten Inger Stevens, die leider kurz darauf Selbstmord beging. Es kommt zu einer etwas buddymäßig weichgespülten Wertung.

69/100

© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2022)

Regie Henry Hathaway
Drehbuch Marguerite Roberts
Produktion Hal B. Wallis
Musik Maurice Jarre
Kamera Daniel L. Fapp
Schnitt Warren Low
Besetzung

 

 


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