Briefing 232 | Geopolitik, Wirtschaft, Waffenimporte, Waffenexporte, Rüstungsausgaben
Seit Jahren steigen weltweit die Rüstungsausgaben und dass wir in kriegerischen Zeiten leben, ist kein Geheimnis. Damit sind auch die Hoffnungen der Nachwendezeit verflogen, als man meinte, mehr Kooperation und weniger Konfrontation seien möglich. Heute zeigen wir die größten Waffenimport-Nationen der Welt anhand einer Statista-Grafik.
Infografik: Katar ist der größte Waffenimporteur der Welt | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.
Katar ist das Land mit den meisten Waffenimporten im Jahr 2022. Das zeigt die Statista-Grafik auf Basis von Daten des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI). Das kleine Emirat lässt dabei sogar das riesige Indien und die Ukraine hinter sich, die seit Beginn des russischen Angriffskrieges im vergangenen Jahr von einer internationalen Allianz regelmäßig mit Waffenlieferungen unterstützt wird.
Katar rüstet derzeit massiv auf: die Militärausgaben lagen 2021 und 2022 jeweils bei über 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Katar befindet sich Beobachtern zufolge in einer Art Umklammerung zwischen dem mächtigen Saudi-Arabien im Westen und Iran im Osten, was immer wieder für Spannungen in der arabischen Welt sorgt.
Auch Deutschland zählt zu den Ländern, die Waffen nach Katar liefern. Dies sorgt vielfach für Kritik, da der Wüstenstaat Medienberichten zufolge sowohl mit den USA als auch mit den Taliban, Al-Qaida, der Muslimbruderschaft und den Hamas befreundet ist und zudem islamistische Gruppen finanziell unterstützt.
Beim SIPRI Trend Indicator Value, kurz TIV, wird jedem Waffensystem ein Wert zugeordnet. Die Werte richten sich unter anderem nach Größe und verschiedenen Leistungsmerkmalen wie Gewicht, Geschwindigkeit, Reichweite und Nutzlast, Art der Elektronik und vielen weiteren Faktoren. Anschließend verrechnet SIPRI mit Hilfe der Werte alle Waffentransfers und erhält einen Gesamtindikator für die Größenordnung der Transfers, unabhängig vom finanziellen Wert der Waffen.
Ein kleines Emirat auf der arabischen Halbinsel ist also der größte Waffenimporteur weltweit und überschreitet bei der Rüstung die allgemein als wirtschaftliche Grenze für Rüstungsausgaben angesehenen 4 Prozent des BIP um 50 Prozent. Es ist nicht das einzige Land, das darüber liegt, schon traditionell gilt das für Saudi-Arabien, das wir auf der obigen Liste ebenfalls sehen. Generell sind Länder in Vorderasien seit längerer Zeit ganz vorne dabei, wenn es um die Rüstungsausgaben geht.
Damit sind diese Länder aber bei weitem nicht diejenigen mit dem größten Rüstungsbudget oder gar den größten Armeen. Die großen Aufrüster haben eigene Waffenindustrien und sind daher eher auf der exportierenden Seite zu finden. Marktanteile am Export von konventionellen Waffen nach Nationen bis 2022 | Statista
Dabei zeigt sich, warum die USA so sehr an Konflikten interessiert sind. Die Waffenindustrie ist der größte Exportschlager des Landes. In Relation zum Gesamtexport eher zurückhaltend hingegen der Anteil der Rüstungsgüter aus Deutschland, die in alle Teile der Welt verkauft werden. Das macht die generelle Kritik an Waffenexporten nicht obsolet, relativiert aber, wie auf anderen Gebieten, das „Was-wäre-wenn“, also wie würde die Welt ausschauen, wenn Deutschland sich aus dem Geschehen abmelden würde. Die größten Rüstungsbudgets haben die üblichen Verdächtigen, nach wie vor:
Militärausgaben nach Ländern weltweit 2022 | Statista Zur Erbauung der Duktus, in dem RT Deutsch das kommentiert:
Die USA als die weltweiten größten Kriegstreiber gaben in 2022 ca. 877 Milliarden US-Dollar für ihre Rüstung aus. Mit weitem Abstand folgt China mit ca. 292 Milliarden US-Dollar. Russland hingegen kam mit ca. 86,4 Milliarden US-Dollar aus. Selbst das kleine Deutschland investierte nicht viel weniger als das große Russland mit ca. 56 Milliarden US-Dollar. Mit ca. 480 Milliarden US-Dollar lagen die Rüstungsausgaben aller Mittel- und Westeuropäischen Länder mehr als 5x so hoch als die Russischen. Werden die Rüstungsausgaben von den USA und deren Vasallen in Europa zusammengerechnet, dann liegen die Rüstungsausgaben des selbsternannten „Wertewestens“ in 2022 bei 1.357 Milliarden US-Dollar und Russland / China zusammen bei ca. 378,4 Milliarden US-Dollar. Alleine an den Zahlen der Rüstungsausgaben ist erkenntlich, wer für Kriege mehr investiert.
Das „kleine Deutschland“ hat eine wesentlich größere Volkswirtschaft als das „große Russland“ und gab, als dann aus den USA Druck kam, die Quote auf 2 Prozent zu erhöhen, gerade 1,2 Prozent seines BIP für Rüstung aus, während Russland immer hart an der oben erwähnten 4-Prozent-Grenze entlangschrammt oder auch mal knapp darüber liegt. Die Rüstung Russlands ist nicht, wie einst die der Sowjetunion in den 1980ern, so hoch, dass sie den ökonomischen Untergang unausweichlich nach sich zieht, aber es wird gemacht, was gerade noch vertretbar ist, ohne das Land zu ruinieren. Außerdem stehen den Ausgaben hohe Rüstungsexporteinnahmen gegenüber, darauf kommen wir noch.
Auch in den USA, die ebenfalls bei knapp 4 Prozent liegen, ist das nicht viel anders. Die hohen Rüstungsinvestitionen der USA haben vor allem einen Grund: die weltweite Präsenz, der Unterhalt für die unzähligen Auslands-Standorte. Natürlich ist das eine imperialistische Überdehnung, aber das Geld fließt in die eigene Rüstungsindustrie zurück, im Wesentlichen jedenfalls, hinzu kommen die vielen Exporterlöse. Dass die USA aufgrund dieser Aufstellung nicht kriegsdämpfend auf die Weltpolitik einwirken (können), versteht sich von selbst, denn ohne die Hochtechnologie-Herstellung im Rüstungsbereich sähe das Land industriell in Relation zu seiner Einwohnerzahl und sonstigen Wirtschaftskraft recht mickerig aus.
Doch selbst dies ist kein Vergleich mit der Aufstellung Russlands. Russisch gesteuerte Quellen betonen so gerne, dass die USA mit 37 Prozent Anteil am Welthandel die Nummer eins in Sachen Rüstungsexport sind. Klare Nummer zwei ist aber Russland mit 20 Prozent. Das wird von jenen, die aus propagandistischen Gründen Informationen immer so verbreiten, dass kein vollständiges Bild entsteht, schön unter den Tisch fallen gelassen. Deswegen zwischendurch ein dringender Tipp, auch wenn unsere Leser:innen ihn kaum nötig haben dürften: Informieren Sie sich bei verschiedenen Quellen über denselben Tatbestand, denn die Manipulation vieler Propagandamedien besteht nicht in erster Linie darin, glatte Falschaussagen zu verbreiten, sondern in der verkürzten, einseitigen, unvollständigen Wiedergabe dessen, was zur Beurteilung eines Tatbestands notwendig ist.
Betrachtet man nun die obigen Zahlen in Relation zu den Volkswirtschaften im Ganzen, kommt man zu einem ganz und gar nicht erstaunlichen Ergebnis: Russland hat weltweit, gemessen am Industrieanteil des BIP, den mit weitem Abstand höchsten Waffenexport-Anteil. Russland exportiert Rohstoffe, Grundstoffe und Waffen, knapp zusammengefasst.
Auch auf diesem Gebiet also: Russland macht das Maximale dessen, was es an konkurrenzfähigen Produkten herstellen kann, während in Deutschland immer wieder mehr oder weniger laut darüber nachgedacht wird, ob in bestimmte Regionen überhaupt exportiert werden darf. Jedes Geschäft mit gewissen Ländern, bei denen die Gefahr besteht, dass die Waffen auch eingesetzt werden, ist ein Politikum. Von einer solchen Kultur, die immerhin Probleme benennt und manchmal auch zu Restriktionen führt, sind Staaten wie die USA oder Russland weit entfernt. Dort wird hergestellt, was sich verkaufen lässt und was geostrategisch erwünscht ist.
Dass Russland so viel exportiert, hat allerdings noch einen Grund: Viele „neutrale“ Staaten ohne eigene Rüstungsindustrie oder mit einem Mix aus eigenen und woanders bestellten Waffen wollen sich nicht einseitig von westlichen Systemen abhängig machen. Gäbe es diese geopolitische Positionierung nicht, würde der Westen auch dieses Geschäft noch mehr dominieren.
In der EU wiederum exportiert Frankreich traditionell wesentlich mehr Waffen als Deutschland, gemessen am BIP und an der Größe der beiden Volkswirtschaften etwa doppelt so viel, gemessen am Gesamtexport liegt der Wert im Vergleich noch höher. Unschlagbar in Relation zur Bevölkerungsgröße: Israel. Mit einem Zwölftel der deutschen Bevölkerung schafft es 60 Prozent von dessen Export, Tendenz steigend und mit dem Alleinstellungsmerkmal des gelungenen Reality-Checks vor allem bei Raketen-Abwehrsystemen. Bisher war das zumindest so. Der Ukrainekrieg macht den Reality-Check nun auch für weitere Systeme anderer Herstellerländer zugänglich.
TH
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