Briefing 274 | Gesunder Lebensstil nach Bundesländern
Der Montag beginnt wie üblich mit ein wenig Infodropping. Heute widmen wir uns mit Statista der Frage, wo die gesündesten Menschen in Deutschland leben – nach Bundesländern gegliedert. Eine Tatsache scheint zu schockieren: nur knapp über 17 Prozent erfüllen alle Kriterien für einen gesunden Lebensstil.
Infografik: Wo die gesunden Menschen leben | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.
Nicht einmal jede:r Fünfte in Deutschland erfüllt alle Kriterien für einen gesunden Lebensstil. Das geht aus dem DKV-Report 2023 hervor. Demnach erreichen deutschlandweit nur etwa 17 Prozent die Benchmarks in den fünf Kategorien: körperliche Aktivität, gesunde Ernährung, Verzicht auf Nikotin- und Alkoholgenuss sowie niedrigem Stresslevel.
Am gesündesten leben laut Bericht die Menschen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Wie der grafische Bundesländer-Vergleich zeigt, haben hier rund 20,9 Prozent der Umfrageteilnehmer:innen die Kriterien erfüllen können. Die DKV registriert in diesem Gebiet auch den größten Nichtraucheranteil.
Eine weniger gesunde Lebensweise pflegen hingegen die Bewohner:innen von NRW (12,2 Prozent), Hessen (13,4 Prozent) und Hamburg (13,6 Prozent). In diesen drei Bundesländern war der Anteil der, alle fünf Benchmarks erreicht hat am geringsten.
Hamburg hat in den vorherigen Rankings stets gut abgeschnitten. Vor allem in den Kategorien Aktivität und Ernährung schneiden die Hanseat:innen gut ab. Ein hoher Raucheranteil gepaart mit hohen Stressleveln befördern den Stadtstaat jedoch ans Ende des Rankings.
Zusammengefasst in einem Satz. Der Zustand der Menschen ist furchtbar. Außerdem ist es wirklich blöd, dass man sich nicht immer aussuchen kann, wie viel Stress man ausgesetzt ist. Und je höher der Stresslevel, desto eher gehen gute Vorsätze bei den anderen genannten Kriterien flöten. Insofern ist es sehr sinnig, dass die Menschen im Südwesten, denen man nicht zu Unrecht nachsagt, dass sie es eher ruhig angehen lassen, leichter auf einen geringeren Stresslevel kommen als z. B. in Berlin oder Hamburg.
Da wir sowohl den Südwesten als auch Berlin kennen, neigen wir klar dazu, die südwestliche Lebensart für die bessere zu halten: In Städten wie Berlin wird ein unfassbarer Auftrieb und Aufwand um das große Nichts herum betrieben, wird geblökt und gemobbt ohne Ende, und das stresst natürlich. Wir haben den Kommentar also mal vom Stressende aufgezogen, weil mit dem Stresslevel nach unserer Ansicht der Erfolg in den anderen Kriterien stark verknüpft ist.
Bekannt ist, dass die Menschen in Baden-Württemberg und Bayern diejenigen mit der höchsten Lebenserwartung in Deutschland sind. Das würde zur relativ guten Aufstellung in Sachen gesunder Lebensführung passen. Liste der deutschen Bundesländer nach Lebenserwartung – Wikipedia (Die Auswirkungen von Corona sind dabei noch nicht berücksichtigt, die Statistik zeigt die Jahre bis 2019).
Interessant aber, dass auf Rang drei die offenbar ziemlich ungesund lebenden Hessen stehen und die Saarländer nur auf Platz 15, trotz der zusammen mit den Pfälzern und Rheinländern in Rheinland-Pfalz besten Lebensführung. Was wir auch noch im Kopf haben, dass im Saarland die Männer, besonders aber die Frauen zu den schwergewichtigsten ihres Geschlechts in Deutschland zählen. Die Frauen dieses kleinen Bundeslandes im schönen Südwesten rangieren sogar auf Platz eins in Sachen Übergewicht. Hm. Was nun?
Wir wollen damit nicht anzweifeln, dass ein gesunder Lebensstil von Vorteil ist und wir haben das Glück, einige Kriterien qua Grundkonstitution zu erfüllen, als Nichtraucher und Fast-Antialkoholiker, mit der Bewegung stimmt es auch wieder einigermaßen, beim Stress passen wir auf, dass es nicht mehr so schlimm wird, wie es früher mal war, nur bei der Ernährung ist noch Luft nach oben. Das kommt vielleicht auch daher, weil wir aus einem Bundesland nach Berlin eingewandert sind, in dem die Menschen gerne gut essen und die wenigsten es sich vorstellen können, den ganzen Tag nur Körner zu picken, um sich immer weiter selbst zu optimieren. Wir halten ohnehin einen guten Mix aus gesund und genussreich insofern für wichtig, als auch der psychische Zustand von einem solchen Mix profitiert, und dessen Auswirkungen auf die Gesundheit sollte man nicht unterschätzen, auch wenn es nicht direkt um den Stresslevel geht.
Diese Eigenschaft zu einem Essen, das auch Spaß machen soll, scheint sich aber zumindest nach DKV-Bericht nicht negativ auf die Lebensführung auszuwirken, zumindest nicht relativ im Vergleich zu anderen Bundesländern.
Dass es in den Stadtstaaten schwieriger ist, alle Kriterien für ein gesundes Leben zu erfüllen, glauben wir gerne, siehe oben. Allein das schlechte Essen in Berlin ist ein Stressfaktor. Spaß muss auch mal sein, aber es ist immer ein Körnchen Wahrheit darin. Trotzdem sind wir ein wenig verwundert darüber, dass Berlin so schlecht abschneidet. Nirgendwo dürfte es so viele woke und andere Selbstoptimierer geben wir hier. Vermutlich sind es wieder diese lästigen Randbezirke, die uns auch die #Rückschrittskoalition eingebrockt haben, die den Durchschnitt kaputtmachen, weil sie nicht von Currywurst und Berliner Weiße lassen können.
Wenn man sich wirklich mit diesen Zahlen auseinandersetzen will, muss man tiefer gehen, als wir das hier können. Man muss sich genau anschauen, wie die Kriterien genau abgefasst sind, wie die Daten dazu ermittelt wurden und auch Aspekte berücksichtigen, die sich nicht einem Report über den aktuellen Lebensstil finden lassen.
Trotzdem ein paar Gegensätze, die wir für interessant halten. Wir greifen da gerne wieder auf den Südwesten zurück: Im Saarland zum Beispiel gab es einen sehr hohen Anteil von Arbeitenden in gesundheitsschädlichen Industrien, das hatte lange Zeit erhebliche Auswirkungen auf die durchschnittliche Lebenserwartung, allerdings eher der Männer. Solle man zumindest meinen, weil nur sie die Belegschaft im fördernden bzw. produzierenden Bereich der Kohle- und Stahlindustrie stellten. Ein ähnliches Szenario dürfte den Altersdurchschnitt im Ruhrgebietsteil von NRW noch immer drücken. Seltsamerweise haben aber auch die Frauen in einem der gesündesten Bundesländer eine niedrigere Lebenserwartung als in einem der ungesündesten. Bekannt ist aus anderen Erhebungen, dass die Saarländer:innen vergleichsweise viel Sport treiben. Aber ist Sport gleich Sport und in wie weit spielen Selbsteinschätzungen da eine Rolle? Die Erhebungen können ja nicht verifiziert werden, sondern dürften im Wesentlichen auf Selbsteinschätzungen beruhen, wobei wiederum das insgesamt nicht sehr positive Bild überschlägig auf eine gewisse Ehrlichkeit schließen lässt.
Man merkt also, mit einer linearen Kausalität zwischen dem, was oben als gesunder Lebensstil apostrophiert wird damit, wie viele Jahre man damit herausschinden kann gegenüber jemandem, der es lieber locker angehen lässt, ist hier nicht zu dienen – und welchen anderen Zweck sollte ein gesunder Lebensstil haben, als alt zu werden und dabei noch einigermaßen fit? Sie ahnen es schon, auch hinter dieser Frage steckt mehr, nämlich, welche Zwecke mit gesundem Lebensstil erfüllt werden sollen, wie zum Beispiel der Klimaschutz und der Tierschutz durch eine fleischarme Ernährung, und ob er auch ein Selbstzweck sein kann.
TH
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