Ein ehrenwertes Haus – Tatort 302 #Crimetime 1168 #Tatort #Dresden #Ehrlicher #Kain #MDR #Haus #ehrenwert

Crimetime 1168 – Titelfoto © MDR

Aus diesem ehrenwerten Haus sollen alle raus

Ein ehrenwertes Haus ist ein Fernsehfilm aus der Krimireihe Tatort mit dem späteren Leipziger Ermittlerteam Ehrlicher und Kain, gespielt von Peter Sodann und Bernd Michael Lade. Der vom Mitteldeutschen Rundfunk produzierte Beitrag wurde am 8. Januar 1995 im Programm Das Erste erstausgestrahlt. Es handelt sich um die Tatort-Folge 302 und den siebten Fall des Ermittlerteams, das hier noch in Dresden tätig ist. Untersucht wird der Mord an einem Mieter, den niemand mochte – womit alle Mietparteien in Verdacht geraten.

Wenn schon der Titel an ein Lied des jüngst verstorbenen Udo Jürgens angelehnt ist, dann sind Scheinmoral und Spießertum ganz gewiss ein Thema, in diesem ehrenwerten Haus. dort leben ausschließlich mehr oder weniger seltsame Menschen, aber es sind nicht genug Parteien, damit das im Bild gezeigte Haus vollständig bewohnt ist. Das lässt sich anhand der vielen Treppenaufgängen feststellen. Es muss mindestens doppelt so viele Wohnungen wie Mietparteien geben. Ist also das Haus bereits zur Hälfte entmietet?

Anmerkung anlässlicher der Veröffentlichung 2023? Bereits anhand obiger Beobachtungen und Fragestellungen war klar, dass wir uns irgendwann für das Thema #Mietenwahnsinn interessieren würden. Immerhin kannten wir schon den Begriff „Entmietung“. Im September 2018, vier Monate nach Inbetriebnahme des „neuen“ Wahlberliner-Blogs, war es dann so weit. Die Rezension reflektiert möglicherweise Vorahnungen und eine bereits bstehende Haltung zu diesem Thema, aber nicht die Erfahrung, die uns durch die intensive Befassung damit zugewachsen sind. Es geht nach dem Anriss der Handlung weiter mit der –> Rezension.

Handlung (1)

Der Besitzer eines Mietshauses ist am Abend in der Gaststätte „Kleine Philharmonie“ in Dresden und besteht darauf, dass der Gastwirt die Uhr 5 Minuten zurückstellt, denn sie geht angeblich vor. Währenddessen sitzt Familie Ingholm beim Abendessen, als plötzlich etwas Rotes von der Decke in ihr Abendessen tropft. Frau Ingholm ruft die Polizei und die Beamten finden die Leiche des Mieters Ralf Steiner in der Badewanne, die massiv übergelaufen ist. Da die Decke der Untermieter dunkelrot angestrichen war, musste man denken, dass da Blut tropfte. Der Hausbesitzer Vermeier erscheint und ist entsetzt über den Zustand der Wohnung. Er hatte Steiner vor kurzem gekündigt, da dieser ein unbequemer und lauter Mieter war. Ohne danach gefragt worden zu sein, präsentiert er ein Alibi für die Tatzeit.

Ehrlicher stellt fest, dass die Tür von innen abgeschlossen war und der Schlüssel innen steckte, was für einen klassischen Selbstmord spricht, später fand sich auch ein entsprechender Abschiedsbrief. Der Gerichtsmediziner bemerkt nach der Obduktion lakonisch: Ein Alkoholiker, der an einer Überdosis Wasser stirbt. Bei der Untersuchung fand man das verschreibungspflichtige Betäubungsmittel „Laposan 31“ im Blut des Toten, das in hoher Dosis sogar tödlich gewirkt hätte und dann Herzversagen festgestellt worden wäre. Sehr wahrscheinlich hat er das Mittel im Wein zu sich genommen, denn auf dem Tisch stand eine angefangene Flasche. Geschenkpapier zeigt, dass er sie wohl geschenkt bekommen hatte, denn eine so teure Marke (60 DM) kann sich ein Alkoholabhängiger eigentlich nicht leisten. Da das alles nicht so ganz zusammen passt, befragt man alle Mieter. (…)

Rezension

 Vermeier, selbesverständlich Wessi, der das Haus  nach der Wende zurückübertragen bekommen hat, wohnt selbst im Erdgeschoss und will den Gründerzeitbau sanieren lassen. Im Grunde ein nachvollziehbares Motiv, angesichts des Zustandes, in dem sich das an sich sehr schöne Bauwerk befindet. Aber da gibt es Mieter, und die wohnen sicher recht günstig, wenn auch nicht mehr für’n Appel und’n Ei, wie zu Ostzeiten, was ja auch dazu geführt hat, dass diese Häuser so verkommen sind. Nicht, dass die Mieten so abgehen müssen wie derzeit in Berlin, aber es gibt so etwas wie einen Gleichgewichtspreis, der notwendig ist, um Häuser sinnvoll zu erhalten und immer wieder Verbesserungen vorzunehmen, die sie auf dem Stand der Zeit halten. Dann halten diese alten Trümmer, die wenigen, die in Dresden nach dem 13. Februar 1945 noch übrig waren, ewig.

Jetzt müssen wir anlässlich der Publikation 2023 doch wieder eingreifen (Anmerkung 2): Das Kostendeckungsprinzip  ist in der privaten Wohnungswirtschaft nicht der Maßstab, sondern Gewinnerzielung, zumindest beim Vermieten. Anders bei Eigentumswohnungen, wo die Instandhaltungsrücklage sich in etwa an den tatsächlichen Anforderungen der Instandhaltung orientieren und die Verwahrung des Geldes keine Gewinne generieren sollte. Der Gleichgewichtspreis ist hingegen volkswirtschaftlichen Markttheorien entnommen. Man merkt dem Beitrag also noch etwas an: Dass wir 2015 noch geprägt waren von dem, was wir in den VWL-Vorlesungen gelernt haben, zwar schon systemkritisch in gewissem Maße, aber noch nicht durch die Kenntnis von alternativen ökonomischen Modellen breiter aufgestellt. Gerade bei einem Entmietungstatort würden wir heute wohl die Formulierungen anders wählen, als im vorausgehenden Absatz geschehen.

Diesen Gleichgewichtspreis bieten zumindest in Berlin allerdings nur die Genossenschaften, die Privaten machen eben Profit. Nicht nur wegen Typen wie Vermeier sind wir deshalb auch dafür, größere private Immobilienbestände zu enteignen. Gerade der Genossenschaftswohnungsbau beweist, dass man auch gemeinschaftlich sinnvoll wirtschaften kann und es eben nicht aussieht wie in der Spätzeit der DDR. Und in gemeinschaftlich bewirtschafteten Häusern gibt es Beiräte, die Mieter können sich einbringen, ein solch mieses Nebeneinanderher wie im ehrenwerten Haus von Dresden ist eher die Ausnahme. Oder ist das auch nur Theorie? Jedenfalls wohnen Freunde von uns genossenschaftlich sowohl preiswerter als auch komfortabler als wir.

Anmerkung 3 aus dem Jahr 2023: Wir nehmen alles wieder zurück. Wir wussten offenbar doch schon, wo es lang gehen sollte, obwohl wir damals sicher noch keine Kenntnis von der Berliner Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen hatten“, die es damals in der Form wohl auch  noch gar nicht gab, die aber 2021 ein Referendum erwirkt hat, bei dem sich 59 Prozent der gültig Abstimmenden für die Enteignung von Großwohnkonzernen ausgesprochen haben. Mieterräte und Mieterbeiräte gibt es vor allem bei öffentlichen Wohnungsunternehmen. Bei Genossenschaften sind ohnehin die Genoss:innen abstimmungsberechtigt bei Angelegenheiten der Genossenschaft, in der sie Mitglied sind.

Allerdings ist das „ehrenwerte Haus“ auch ein Sonderfall, typisch für die wilden Zustände nach der Wende, und dafür gab es den Ost-Tatort in Dresden mit dem echten Links-Ossi Ehrlicher und dem politisch gewiss nicht so viel anders gestrickten Kain. Die hatten die Aufgabe, die Wut im Osten in ein Premium-Fernsehformat quasi wortwörtlich zu kanalisieren und damit systemerhaltend zu wirken. Doch, so ist es. Wer sieht, dass seine Anliegen irgendwie öffentlich und berücksichtigt werden, der ist meist schon halbwegs beruhigt und bleibt zahm. Insofern machen die modernen Medien mit ihrem vorgespiegelten Interesse an Menschen und ihren sozialen Bedingungen genau jene Menschen abwehr-untauglich.

Dabei ist alles nur Suggestion. Die Medien können bestenfalls die Wirklichkeit ausgewogen dokumentieren, aber sie verändern sie nicht zum Guten, weil das Desaster immer so viel Sensation bietet, und die verkauft sich gut. Was auch bedeutet, die Leute sind selbst schuld, welche diesen Zusammenhang nicht bemerken. Wir auch. Wir gucken und rezensieren Tatorte, anstatt die dort und anderswo geschilderten Zustände zum Anlass für massive Aktion zu nehmen. Dabei gab es zur Zeit von „Das ehrenwerte Haus“ nicht einmal die demoralisierende und menschenverachtende Hartz-Gesetzgebung.

Anmerkung 4, 2023: Wir sind immer mehr verblüfft über die Aussagen von vor acht Jahren. Und wozu die Erkenntnisse von damals tatsächlich geführt haben, nämlich zu einem Parteieintritt 2016 (und Austritt 2021, wegen eben nicht wirklicher Selbstermächtigungsmöglichkeit durch Aktivität in diesem Rahmen) und zur Begleitung der Mietenbewegung in Berlin mit vielen Artikeln und Teilnahme an Veranstaltungen von Oktober 2018 bis zum Ausbruch von Corona im März 2020, danach noch vereinzelt. Jetzt sollte das Ziel sein, nach über 15 Jahren zu viel Geld für zu wenig Wohnen bei privat in einem ersten Schritt eine Wohnung bei einem städtischen Unternehmen anzumieten und später vielleicht sogar in eine Genossenschaft zu wechseln. Wer die aktuelle Wohnungsmisere in Berlin kennt, die schlimmer ist als im Jahr 2015, versteht, warum wir hier den Projektcharakter anstelle eine Aktionscharakters hervorheben und nicht einfach schreiben: Das machen wir so, und zwar sofort!

Trotzdem ist es unlogisch, was wir sehen. Zumindest im Fall 302 der Tatort-Reihe. Auch die Machart der Ost-Tatorte jener Zeit spiegelt nicht selten die Verwirrung der Menschen, die sich in einer neuen Welt zurechtfinden mussten, ohne darauf vorbereitet gewesen zu sein. Besonders trifft das dann zu, wenn Westler als Gegensatzmenschen dargestellt werden, arrogant, profitgierig und auf ihre eigene Weise asozial. Mag alles stimmen, gab es alles, und im Osten ist so viel Geld versandet, weil es alle Varianten von Absahnern gab, die man sich denken kann oder nicht einmal denken kann.

Aber ein Vermieter, der ein Haus sanieren lassen will, selbst aber darin wohnt und außerdem die Wohnung des zahlungsunfähigen Musikers dem Arzt zwecks Praxiseinrichtung zukommen lassen will, muss erst einmal alle Mieter rauskriegen, auch den Arzt. Und sich selbst natürlich. Ansonsten muss um die Restanten herum saniert werden, und das ist eine ganz üble und elende Flickschusterei. Außerdem haben andere Parteien im Haus nicht den Eindruck, dass sie verschwinden sollen. Normalerweise läuft das auch nicht per Mord, sondern dadurch, dass die Mieter durch ausgedehnte lärmverursachende Maßnahmen, Abstellen von Wasser, der Heizung usw. schikaniert werden, bestenfalls so, dass sie Abfindungen erhalten, wenn sie freiwillig gehen.

Dieses Thema wäre einen Tatort wert gewesen, gut recherchiert, so gezeigt, dass jeder Zuschauer hinterher die Mechanismen bei der Gebäudesanierung kennt, die für so viel Ärger und Leid sorgen.

Aber man hat es nicht in den Mittelpunkt gestellt. Man hat alle möglichen Scheinmoral-Aspekte versucht zusammenzufassen und was dabei herausgekommen ist, spiegelt genau, was wir oben erwähnten: Die Unfähigkeit, die Wirklichkeit im Ganzen zu erfassen, und sei es nur die eines Hauses, und sie pointiert und verdichtet an den Zuschauer zu vermitteln. Hier gibt es ein Leipziger Allerlei, obwohl der Tatort in Dresden spielt, und am Ende ist man gar auf der Seite der Täterperson, weil auch der Tote ein Arsch war, genau wie alle anderen im  Haus außer der Täterperson und einer alten Dame mit 19 Katzen. Leider haben wir uns den Geruch in dieser Wohnung vorgestellt und das hat uns den Spaß an den Erzählungen der Frau ein wenig genommen.

Die Beziehungen und Motive der Menschen untereinander werden alle angerissen und geraten dadurch zu Klischeebildern, weil seltsamerweise kein Raum, keine Zeit ist, um die seltsamen Typen auch richtig in Aktion zu setzen und dadurch eine thrillermäßige Dynamik zu entwickeln. Alles wirkt statisch, wie dieses alte, unsanierte Haus.

Ist deswegen alles schlecht, an „Ein ehrenwertes Haus“? Nein, kann man so nicht sagen. Peter Sodann und Bernd Michael Lade als Kommissargespann Ehrlicher und Kain machen einen tollen Job. Die beiden sind wohl damals das skurrilste Duo im Tatortland gewesen, blieben es, bis Münster kam und damit eine Schiene, die anders funktioniert als alle bisherigen: Gags als Grundlage, das Absurde als Normalfall, das Kriminalistische unterwirft sich den herrschenden Bedingungen im Team, anstatt sie zu modellieren.

Die Wirklichkeit, besonders die in Tatorten vermittelte, hat leider in bestimmten Bereichen immer dieselben Muster, und diese beherrschen die Figuren. So hätte Kain wissen müssen, dass eine Tatverdächtige, in die er sich verliebt, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Täterin ist, denn so ist es beinahe immer, er hätte nur bereits bestehende Tatorte schauen müssen, damit ihm das klar ist Dumm gelaufen, dabei ist er doch genau der Typ. Der Typ, der zu dem nette Mädchen mit dem Männerberuf und dem leichten Handicap passt, das von Nicolette Krebitz recht natürlich und weniger überdreht dargestellt wird, als die übrigen Rollen ausgelegt werden. Schon das Normale und die soziale Einstellung  wirken ja verdächtig.

Finale

Dass aber am Ende Kain alle Verdächtigen in einer Wohnung zusammenruft und dort erklärt, wie er den Fall gelöst hat, haben wir gerade in „Wenn Frauen Austern essen“ rezensiert, wo dies alles natürlich in München ca. 2003 schon anders rüberkommt als in Dresden anno 1995. Trotzdem ist die Art, wie der Whodunit namens „Ein ehrenwertes Haus“ aufgebaut ist, klar an klassischer Krimiliteratur orientiert, besonders, wir müssen jetzt zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen schreiben, an der Figur Hercule Poirot von Agatha Christie – aber auch andere Schriftsteller haben dieses Muster verwendet, wenn die Lösung durch Kombinieren ermittelt wurde.

Und wenn sie durch Kombinieren ermittelt wurde, reicht es, wenn derjenige, der sie ausermittelt hat, sie vollständig versteht. Man kommt einigermaßen mit Ehrlichers Erklärungen mit, aber ob sie deshalb schlüssig sind, das Verhalten der anwesenden Menschen und der Menschen im Allgemeinen betreffend, lassen wir an dieser Stelle offen.

Und so schlecht, wie er in dieser Rezension ausschaut, ist der Tatort auch nicht, wir haben uns gut unterhalten und sind dankbar dafür, dass es im Osten zwei Typen gab, die für das standen, was durch die überstürzte Wiedervereinigung an Wunden geschlagen wurde, und die den Finger hineinlegen – denn auch die sozialen Verwerfungen, die im Haus eine Rolle spielen, die kommen ja daher. Oder etwa nicht?

Und damit zur 5. und letzten ergänzten Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung: Die Rezension ist selbst schon wieder ein Stück Geschichte, nämlich unserer eigenen. Sehr interessant, dass es auch darin Brüche gibt, wie etwa, dass nicht erwähnt wird, dass der Vermieter, der den beinahe sprechenden Namen Vermeier trägt, offenbar nicht der Täter ist und auch nur seine Interessen schützt, aber ein bisschen darf sich die Zerrissenheit, die in dem Film offenbar spürbar wird, auch in seiner Besprechung niederschlagen. Es wirkt ein wenig, als ob wir im Discovery-Modus, während des Anschauens, geschrieben hätten, ohne schon zu wissen, wie die Figuren letztlich in dem Kriminalfall dastehen werden.

Die Bewertung haben wir nicht verändert, obwohl sie in der Tat auf weniger als 7/10 hindeutet, in Relation zu dem, was wir 2015 über den Film geschrieben haben. Eine Änderung würde auf mindestens 0,5 Punkte  Abwertung beim 1/20 (0,5/10) -Schema von „Crimetime“ hinauslaufen, dazu aber wäre eine Neusichtung erforderlich. Interessant wäre sie sicherlich, gerade bei dem Thema, für uns spannend, wie wir den Film heute empfinden würden, aber – die Zeit werden wir dafür wohl nicht aufbringen können.

7/10

© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)

Regie Petra Haffter
Drehbuch Stefan Kolditz
Produktion Andreas Dahms
Musik Frank Langer
Kamera Michael Heiter
Schnitt Inge Schneider
Premiere 8. Jan. 1995 auf Das Erste
Besetzung

sowie: Charlotte AdamiMichael DeffertRudolf DonathNikolaus DutschMarkus KüpperKarl-Fred MüllerPierre René MüllerGundula PiepenbringMartin PschigodaJoseph RothmannHenry de Winter

 

 

 

 

 


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