Wenn Frauen Austern essen – Tatort 542 #Crimetime 684 #Tatort #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #BR #Austern #Frauen

Crimetime 584 - Titelfoto BR, Erika Hauri

Der Literaturbetrieb ist nun auch kein Ponyhof

Wir veröffentlichen diese Rezension heute erstmals, weil gestern Abend (am 22.06.2020) „Wenn Frauen AUstern essen“ der Publikumswahl-Tatort war – und zwei Münster-Filme aus dem Feld geschlagen hat.

Wenn es nach diesem Tatort geht, ist der Schriftstellerberuf sowohl bezüglich der Romanthemen als auch seiner Ausübung in Konkurrenz mit anderen einer der mörderischsten überhaupt. Warum? Weil vollkommen wahllos jemand zu Tode kommt, nur, weil eine Kollegin mit Schreibblockade eine Inspiration braucht. Mehr über die Gründe und die Personen verraten wir in der -> Rezension.

Handlung

Die große Literaturagentin Ira Kusmansky gibt in ihrem Haus ein exklusives Austernessen für ihre Starautorinnen. Während die Gourmet-Köchin Leni Silbernagel samt Küchenmannschaft letzte Hand anlegt, sprüht man vor Geist und Gift.

In der illustren Runde brillieren die Krimiautorin Roswitha Reimers, Ingrid Sanzara, eine Autorin heiterer Frauenromane, Susanne Trier, Bestsellerautorin und gleichzeitig viel beneidete TV-Moderatorin, Laura Lord, Autorin von Science-Fiction-Romanen, die Sex-and-Crime-Schriftstellerin Hermine Horkens und die Kitschautorin Stefanie Kracht. Leidgeprüfte Übermutter der erfolgreichen Menagerie ist die Lektorin Barbara Gerhard.

Über allem schwebt das Gerücht, die Literaturagentin habe einen millionenschweren Drehbuch-Vertrag zu vergeben, aber nur an eine aus der Runde.

 Als sich die Autorin Anna Stahlberg-Zeulig wegen Übelkeit in ein Nebenzimmer zurückziehen muss, kann das die Stimmung nicht trüben, die Alt-Feministin ist ohnehin aus dem Rennen. Sie hat seit Jahren kein Erfolgsbuch veröffentlicht. Wenig später steht die Kriminalpolizei in der Villa, denn Anna Stahlberg-Zeulig ist tot.

Die Münchner Kriminalhauptkommissare Ivo Batic, Franz Leitmayr und Oberkommissar Carlo Menzinger nehmen die Ermittlungen auf und geraten zwischen die Mühlsteine weiblichen Erfolgsstrebens. Da passiert ein zweiter Mord.

Rezension

Als „Wenn Frauen Austern essen“ 2003 entstand, war dies die Hochzeit des Internet-Schriftstellertums. Die neuen Plattformen, auf denen sich Schreiber testen konnten, auf denen man Kritik und Tipps bekommen konnte, boomten. Ohne Ende, wie man damals hoffte. Mittlerweile hat sich die Szene beruhigt, und wer gar nicht schreiben kann, es aber glaubt, wird auch weiterhin ohne Honorar kleine Geschichten ins Internet  stellen. Und wer zweitklassige Krimis schreibt, die vor allem sprachlich uninspiriert sind, wird auch weiterhin Abnehmer dafür finden, denn dieses Genre boomt. Ohne absehbares Ende. Offenbar ist es das einzige, das eine beliebige Reproduktion von Handlungsmustern erlaubt, bei dem die Wortwahl eine untergeordnete Rolle spielt, ohne dass die Leser es irgendwann müde werden. Es gibt aber auch gute Krimis.

Wir haben einen persönlichen Zugang zu Literaturzirkeln und wenn man weiß, wie viele Frauen, die schreiben, ticken, kann man diesen Münchener Tatort nur gut finden. Natürlich sind die Figuren überzeichnet, selbstverständlich gibt es im Münchener Raum nicht so viele Bestsellerautorinnen, die verschiedene Genres bedienen, aber grundsätzlich ist der Zickenkrieg, der hier veranstaltet wird, gar nicht so weit weg von der Wirklichkeit – wenn man den Film als Versuchsanordnung begreift, welcher die Wirklichkeit sozusagen auf einen einzigen Raum konzentriert.

Die Konkurrenz im Literaturbetrieb ist stark, wie überall. Zudem ist Bücher schreiben kein neuer Markt mit riesigen Expansionsschanchen. Die Zahl der Lesenden nimmt nicht zu. Außerdem haben Schriftsteller*innen hierzulande immer das Problem, dass sie nicht in Englisch schreiben und erst einmal so bekannt werden müssen, dass sie kundig übersetzt werden. Wir kennen auch deutschsprachige Schreiberinnen, die gleich in Englisch schreiben, weil sie mal ein paar Wochen oder Monate in den USA zugebracht haben. Davon ist dringend abzuraten, weil die Zeit nicht ausreicht, um jene typischen Wendungen hinzubekommen, die man nur ungefähr übersetzen kann.

Dass, wer in deutscher Sprache schreibt, einen Grundnachteil hat, wenn es um echte Bestsellergrößenordnungen geht, wird im Film nicht erwähnt, schade. Denn da wird so viel reingepackt, dass die Integration dieses Aspekts auch noch machbar gewesen wäre: In Person einer Autorin, die fremdsprachig schreibt weil sie sich davon größere Marktchancen erwartet. Das ist natürlich nur eine von persönlicher Erfahrung geprägte Anregung.

Alle Berufe, die man im Film sieht, gibt es, und sie sind wichtig im Literaturbetrieb. Es stimmt, dass renommierte Agenten großen Einfluss ausüben, es ist richtig, dass Lektoren mehr tun, als nur die Orthografie zurechtbügeln, also zu korrigieren, sondern auch am Stil feilen, die Verifizierung von Sachangaben übernehmen etc. Die lange Zusammenarbeit zwischen Autor und Lektor führt zu intensiven Beziehungen. Überzogen ist, um den Effekt zu steigern, die Konkurrenzsituation im hier gezeigten Klüngel. Die Damen sind auf unterschiedlichen Feldern tätig und abgesehen von jenen, die schnöde ignoriert werden, kommen sie sich im Grunde nicht in die Quere, dafür sind die Büchermarkt-Segmente zu klar voneinander getrennt und es besteht immer die Möglichkeit, jemanden hier oder dort zu platzieren, zum Beispiel eine Autorin bei einem Verlag, eine andere bei einem anderen, verschiedene Genres auch mit Pseudonymen zu schreiben, um die „Marke“ nicht zu beschädigen etc.

Obwohl in diesem Film nur Frauen als Täterperson in Frage kommen, ist dies kein Frauenfilm. Es ist der politisch unkorrekteste München-Tatort, den wir bisher gesehen haben, und da die Produzentin Silvia Koller, die Batic und Leitmayr „gemacht“ hat, unverdächtig ist, keine Frau zu sein und den Stoff so angenommen oder mit ausgearbeitet hat, wirkt es beinahe, als wolle sie mit diesem Film ihren Geschlechtsgenossinnen ein wenig einschenken. Dabei hätte man auch Männer nehmen können, die sind nämlich, wenn sie schreiben, genauso überspannt wie die Mädels vom Austerntisch. Mit allen Abweichungen von normal bis vollkommen durchgeknallt. Da sie sich als Künstler begreifen, doch im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung mit einem Schlag ins Exzeptionalistische.

Schön und am meisten überzogen ist die Einbindung der drei Ermittler Batic, Leitmayr und Menzinger in dieses Szenario. Sexismus verkehrt, ein gestörtes Verhältnis von Schriftstellerinnen zu Männern und die Notwendigkeit, sich ohne jede Kriminaltechnik bei der Falllösung mit Worten vorwärts zu bewegen, was in der Konfrontation mit solchermaßen Wortgewandten schwierig ist. Da müssen die drei Schauspieler mehr zeigen als üblich. Das tun sie mit Bravour und lassen uns wissen, wie normal und nett sie doch sind, im Vergleich mit den Hyänen, die Austern essen.

Außerdem ist der Film eine Hommage. Wenn schon das Passwort, mit dem man Buchdateien öffnen kann, „Agatha“ heißt, ist klar, nach welchem Muster der Film ablaufen soll. So ist es auch logisch, dass am Ende alle verdächtigen Damen, die noch leben, in dem Raum zusammengeführt werden, in dem das Verbrechen geschah, und von den Herren Kriminalisten die Lösung präsentiert bekommen, die sie durch Kombinieren herausgefunden haben.

Der Anklang besonders an die Hercule Poirot-Reihe von Christie ist unverkennbar, und viele Bücher traditioneller Kriminalautoren enden mit dieser Schlusskonfrontation. Auch das abgeschlossene Szenario in einem Raum des Verbrechens, in den britischen Romanen oftmals ein Schloss, das aus irgendeinem Grund von der Außenwelt abgeschnitten ist, sodass nur die zum Zeitpunkt des Verbrechens dort Anwesenden für dessen Ausführung in Frage kommen, ist hübsch nachgebildet.

Allerdings leitet uns diese Anordnung auch zur wohl größten Schwäche des Films. Wenn man nicht sehr, sehr genau aufpasst, kann man nicht miträtseln, weil das Motiv der Mörderin so abgedreht ist und aus dem Beziehungsgeflecht, das wir mit der Zeit erkennen, ganz herausfällt. Es gibt aber einen Hint: Die Musik. Immer, wenn Laura Lord allein gezeigt wird, fängt es an, in ihrem Hirn zu funken. Das wird durch eine ganz ungewöhnliche, wie wir finden, hervorragende Klangkulisse untermalt, und es wird von Beginn an so gehandhabt, deshalb war Lord auch von Beginn an unsere Hauptverdächtige. Ihr Motiv liegt sogar nah, wenn man bedenkt, wie krude die Schrifstellerinnen hier insgesamt charakterisiert werden. Wir sind jedoch nicht darauf gekommen, dass es autark von Relationen zu den Kolleginnen ist, sondern nur in der Persönlichkeit der Mörderin angelegt.

Zudem gibt es entweder zwei, drei Figuren zu viel oder sie sind zu ähnlich angelegt. Im Gegensatz zu Agatha Christie-Krimis dauert es sehr lang, bis man die Frauen unterscheiden kann anhand ihrer Arbeitsfelder und ihrer Macken. Wir hatten bis zum Schluss nicht vollständig den Überblick, wer nun welches Genre schreibt.

Finale

Dass die Mehrzahl der Schauspielerinnen, die in dem Film mitgewirkt haben, keine der bekannten Namen aus dem Filmgeschäft sind, hat uns nicht gestört. Wir glauben, dass sie überwiegend an Bühnen beschäftigt sind und das passt gut zu der theaterhaften Inszenierung des Films. Jedenfalls ist ihr „Overacting“ kein Anzeichen für mangelhafte Darstellungstechnik, sondern dem Stil von „Wenn Frauen Austern essen“ geschuldet. Dadurch, dass wir die Gesichter zum Teil nicht kannten, konnten wir auch keine Assoziationen mit anderen Tatorten entwickeln, die uns vielleicht in eine falsche Richtung gelenkt hätten, die Täterinnenfrage betreffend.

Die Inszenierung von Ensembles wie dem der Autorinnen ist viel schwieriger, als Szenen mit wenigen Schauspielern zu drehen, schon wegen der Präzision beim Dialogablauf, die dabei vonnöten ist. Auch deswegen eignen sich theatererfahrene Kräfte für solche Ensemblefilme besonders.

Wäre der Film etwas stringenter und klarer strukturiert, hätte es zu einer ganz hohen Bewertung kommen können. Außerdem gibt es eines in Deutschland leider nicht: Millionenschwere Drehbuchverträge. Zumindest nicht für einen einzelnen Film.

8/10.

© 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Ivo Batic – Miroslav Nemec
Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Carlo Menzinger – Michael Fitz
Ira Kusmansky – Doris Schade
Barbara Gerhard – Margit Rogall
Anna Stahlberg-Zeulig – Barbara Melzl
Roswitha Reimers – Elisabeth Rath
Ingrid Sanzara – Gilla Cremer
Susanne Trier – Ilse Biberti
Laura Lord – Sandra Borgmann
Hermine Horkens – Antje Widdra
Stefanie Kracht – Schirin Sanaiha

Buch – Peter Probst
Regie – Klaus Emmeric

 

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