Briefing 288 | Wirtschaft, Gesellschaft, Reallöhne, Fehlstellungen, Preis-Lohn-Spirale trotz Konjunkturflaute
Wir setzen heute noch einmal einen Info-Artikel aus dem Kernbereich Wirtschaft auf, der eine deutliche Veränderung auf dem Sektor der Reallöhne deutlich macht – nach dem größten Reallohnverlust der Geschichte der BRD im letzten Jahr, den wir hier mehrfach besprochen haben, zuletzt hier an zentraler Stelle: Reallohnverluste in verschiedenen OECD-Ländern: Beleg für die Unfähigkeit der deutschen Politik | Briefing 80 | Wirtschaft, Gesellschaft – DER WAHLBERLINER
Wir haben dabei kein Blatt vor den Mund genommen, die Auswirkungen der deutschen Politik auf diese Entwicklungen betreffend. Gibt es nun, da der Rückgang gestoppt scheint, Grund zum Lob? Wir werden darauf im Kommentar eingehen, zunächst die Infos:
Infografik: Reallöhne legen erstmals seit zwei Jahren leicht zu | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.
Die Reallöhne sind in Deutschland zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder ganz leicht gestiegen. Wie die Statista-Grafik auf Basis der neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts veranschaulicht, liegt das Plus im zweiten Quartal des laufenden Jahres bei 0,1 Prozent. Einen Anstieg der Reallöhne hatte es zuletzt im zweiten Quartal des Jahres 2021 gegeben (+3,2 Prozent).Sta
Zu dieser Entwicklung hat die starke Steigerung der Nominallöhne und die etwas gedämpfte Inflationsentwicklung geführt. Zum Lohnwachstum haben laut Statistischem Bundesamt die Auszahlungen der Inflationsausgleichsprämie beigetragen. Diese kann bis zu 3 000 Euro betragen (steuer- und abgabefrei) und ist eine freiwillige Leistung der Arbeitgeber. Auch die Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro pro Stunde im Oktober 2022 hätten einen positiven Effekt auf das gesamtwirtschaftliche Lohnwachstum.
Im Gastgewerbe stiegen die Nominallöhne mit +12,6 % im Vergleich zum 2. Quartal 2022 laut Destatis besonders deutlich. Gleiches gelte für den Wirtschaftsabschnitt Kunst, Unterhaltung und Erholung (+11,9 %). Auch die Beschäftigten in den Bereichen Verkehr und Lagerei würden von einem überdurchschnittlichen Lohnanstieg (+10,0 %) im 2. Quartal 2023 profitierten, hierzu zählt beispielsweise auch die Luftfahrt. Bei diesen Anstiegen handele es sich auch um auf Aufholeffekte, da die Sektoren in der Corona-Krise besonders stark vom Lockdown und Kurzarbeit betroffen waren.
Der Reallohnindex ist in der Volkswirtschaftslehre das Verhältnis von Nominallohn und Preisniveau beziehungsweise von Nominallohnindex und Preisindex. Er nimmt zu, wenn der Nominallohn rascher steigt als die Güterpreise. Steigt der Nominallohn langsamer als die Güterpreise, dann sinkt der Reallohn.
Auch wichtig zu wissen:
Neuerungen bei den Verdienstindizes ab dem Berichtsjahr 2023:
Datenquelle der Verdienstindizes ist seit dem Jahr 2022 die neue Verdiensterhebung. Sie löst die Vierteljährliche Verdiensterhebung ab und verbessert die Qualität der Ergebnisse deutlich. So werden seit 2022 zum Beispiel auch kleinere Betriebe mit bis zu zehn Beschäftigten erfasst und zusätzlich zu Vollzeit-, Teilzeit- und geringfügig Beschäftigten auch weitere Beschäftigungsarten wie Auszubildende und Altersteilzeitbeschäftigte abgebildet. Darüber hinaus wird nun zusätzlich zu den Wirtschaftsbereichen B bis S (Produzierendes Gewerbe und Dienstleistungsbereich) auch der Wirtschaftsabschnitt A (Landwirtschaft) abgedeckt (Klassifikation der Wirtschaftszweige, Ausgabe 2008 (WZ 2008)). Die Verdienstindizes und deren Veränderungsraten ab dem Berichtsjahr 2023 haben demnach eine umfassendere Abdeckung der Gesamtwirtschaft in Deutschland als zuvor.
Schauen wir uns nun zur Vorbereitung auf den Kommentar noch die Werte seit 2007 an, in dieser Tabelle indiziert, was den Vorteil hat, dass man auf den ersten Blick erkennt, was sich wirklich in 15 Jahren getan hat: Reallohnindex – Statistisches Bundesamt (destatis.de)
Hätten Sie’s gedacht? Dass die Reallöhne seit 2007 nur um ca. 7 Prozent gestiegen sind? Natürlich spielt der Einbruch des letzten Jahres dabei eine Rolle, aber auch ohne diesen wären es nur 11 Prozent innerhalb von 15 Jahren gewesen. Hinzu kommt ein anderes Problem: Dass es jetzt wieder zu einer ganz leichten Reallohnsteigerung kam, ist einer höchst ungesunden Entwicklung zuzuschreiben.
Können Sie sich, gleich, wie alt Sie sein mögen, an eine Situation erinnern, in der die Wirtschaft stagnierte, der Preisauftrieb und der Lohnauftrieb aber bei jeweils fast 7 Prozent lagen? Wir nicht, und wir sind beinahe sicher, Sie auch nicht. Das Fatale daran: Anders als bei einer Entwicklung der Inflation von 2 Prozent und einem Nominallohnanstieg von 2,1 Prozent, was zum gleichen Ergebnis bei den Reallöhnen führen würde, ist der massive Preis- und Lohnauftrieb deshalb eine ganz falsche Entwicklung, weil er zu einer massiven Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit des Landes führt. Dieser Auftrieb ist ja nicht durch Produktivitätsfortschritte gedeckt, die klassischerweise eine Anhebung der Reallöhne ermöglichen, sondern irgendwie musste die Teuerung durch höhere Löhne einigermaßen aufgefangen. Wir haben eine Rezession / Stagnation und gleichzeitig eine Teuerung und Lohnerhöhungen wie während einer Hochkonjunkturphase.
Das kann nicht lange gutgehen und damit kommt das nächste Problem ins Spiel: Wenn Länder in solche Situationen kamen, haben sie klassischerweise ihre Währungen abgewertet, um wieder konkurrenzfähig zu werden, auch um den Preis einer weiterhin hohen Inflationsrate. Deutschland kann das aber nicht, weil es im Eurosystem daran gebunden ist, dass das Ziel der EZB unter anderem ist, den Euro nicht verfallen zu lassen. Waren die Zinsen in Deutschland jahrelang zu niedrig, so sind sie für die aktuelle Konjunkturlage zu hoch, aber notwendig, um die Inflation zumindest in dem Bereich zu dämpfen, wo die EZB Einfluss darauf hat. Sie muss den Euro gegenüber Währungen, deren zuständige Zentralbanken viel offensiver bei Zinserhöhungen waren, einigermaßen stabil halten, gerade in Zeiten gestiegener Rohstoffpreise.
Ein weiterer Gefahrenpunkt ist, dass die hohe Inflation und die hohen Lohnabschlüsse dazu führen, dass trotz schwächelnder Konjunktur eine Lohn-Preis-Spirale in Gang kommt, wie sie bisher eher ein Zeichen von Überhitzung war, wie in den frühen 1970ern.
Damals schadete diese Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit ebenfalls, aber in einem anderen Umfeld, in dem andere Länder ähnliche Tendenzen zeigten und bei hoher Wirtschaftsdynamik. Davon kann gegenwärtig keine Rede mehr sein, dieser Auftrieb auf der Preis- und Lohnseite findet quasi im luftleeren Raum statt, wo nicht einmal ein laues Konjunkturlüftchen bläst. Trotzdem werden die Preise weiter steigen, vor allem, wenn in lohnintensiven Dienstleistungsbranchen bis zu 13 Prozent Lohnerhöhung zu verzeichnen sind. Davon wird sich mindestens die Hälfte z. B. auf der Speisekarte von Restaurants wiederfinden und das Gefühl verstärken, dass die Teuerung kein Ende nimmt.
Vor allem auf der Vermögensseite dürfte diese Entwicklung durch Entwertung der kleineren Bestände, die nicht durch gewiefte Finanztransaktionen weltweit hin- und hergeschoben werden können, weiteren Kahlschlag verursachen. Die Menschen in Deutschland haben ohnehin nicht viele Reserven, aber sie verlieren schneller, wenn ein ganz geringer Reallohnzuwachs aus einer Kombination von hohem Lohnauftrieb und fast gleich hoher Inflation besteht, als wenn beides in Maßen stattfindet und die Zinslandschaft daran ausgerichtet ist. Wir haben den Zeitraum seit 2007 erwähnt. Seitdem wird die Mehrheit nicht mehr reicher, und natürlich liegt das auch an dem geringen Reallohnzuwachs, der zudem von einer Nullzinspolitik begleitet wurde.
Dadurch sinkt die finanzielle Krisenresilienz der Mehrheitsbevölkerung und das hat wiederum Auswirkungen auf die Stimmung und auf die Einstellung zur Demokratie. Selbst, wenn Deutschland sich wirtschaftlich bald wieder fangen sollte, trotz der vielen Probleme, die keineswegs erst durch den Ukrainekrieg in die Welt kamen, werden wir genau hinschauen, wem das zugutekommt. Wir haben schon einen Verdacht, der sich aus den Fehlstellungen ergibt, die wir hier nur ganz kurz, nur schlaglichtartig und unvollständig benennen konnten: Es sind wieder nur die oberen zehn Prozent, der Einkommens- und Vermögenspyramide, die wirklich profitieren werden. Diejenigen, die zwar hier leben und deren Verhältnisse dadurch in die hiesigen Statistiken einfließen, die aber kapitalbesitzend sind. Dieses Kapital macht sie unabhängig von den hiesigen Verhältnissen und den Fehlern, die die Politik auch deshalb macht, weil sie durch diese Klasse ständig unter Druck gesetzt wird und ihr dienlich sein will.
TH
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