Reallohnverluste in verschiedenen OECD-Ländern: Beleg für die Unfähigkeit der deutschen Politik | Briefing 80 | Wirtschaft, Gesellschaft

Briefing 80 (hier zu Briefing 79)

Mit der sozialen Lage in den Zeiten der Multikrise haben wir uns zuletzt hier befasst und dabei auch einen Ausblick auf die Real-Einkommensverluste des nächsten Jahres gegeben.

Die Energiepolitik in Deutschland – haben wir die Wahl? Ja: a.) unfähig, b.) irre, c.) kriminell | Briefing 77 | Wirtschaft, Gesellschaft – DER WAHLBERLINER

Für das laufende Jahr ist es nun sozusagen amtlich und Statista hat eine Grafik dazu herausgegeben.

Infografik: Wo die Reallöhne am stärksten sinken | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz  https://creativecommons.org/licenses/by-nd/4.0/deed.de erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Von den 32 im Rahmen des OECD Economic Outlook untersuchten OECD-Mitgliedsstaaten haben makroökonomische Entwicklungen in Tschechien zum stärksten Rückgang der Reallöhne geführt. Zwischen Anfang Juli und Ende September verdienten Tschech:innen rund neun Prozent weniger als im dritten Quartal 2021, unter anderem bedingt durch drastisch gestiegene Energie- und Verbraucherpreise. Auch in Deutschland reicht der Anstieg der Nominallöhne bei weitem nicht aus, um die Inflation zu kompensieren.

So lagen die Reallöhne im dritten Quartal 2022 etwa 4,3 Prozent unter dem Niveau des Vorjahreszeitraums. Das Statistische Bundesamt geht sogar von einem preisbereinigten Reallohnrückgang von 5,7 Prozent bei einer Verbraucherpreisteuerung von 8,4 Prozent aus. Die Schweiz scheint hingegen kaum von den Auswirkungen des Ukraine-Kriegs und anderen weltwirtschaftlichen Entwicklungen betroffen zu sein. In der Alpenrepublik lagen die Löhne zwischen Juli und September 2022 nur 0,02 Prozent unter denen des dritten Quartals 2021.

Laut Schätzungen der OECD dürfte der Bedarf an Lohnerhöhungen zum Ausgleich der Inflation und Erhalten der Kaufkraft auch in den kommenden Jahren nicht signifikant abnehmen. Daten des Statistischen Bundesamts zufolge ist der derzeitige Reallohnrückgang in Deutschland der langanhaltendste und stärkste seit dem Jahr 2008.

2008 (eigentlich mit Auswirkungen 2009), das war das Jahr, in dem die Banken gerettet werden mussten und die Staaten und wer weiß noch wer alles. Auf Kosten der Bevölkerung. Damals traf es viele Länder in ähnlichem Maße, als auch dem letzten Träumer hätte klarwerden müssen, auf wessen Kosten dieses System am Leben erhalten wird. Danach hat man die Gefahren weggemerkelt und jetzt haben wir auch noch den Sonderfall, dass Deutschland von allen etablierten Industrieländern am stärksten betroffen ist. Ein weiterer Unterschied zu 2008/2009: Damals gab es auch eine Exportkrise, wegen allgemein zurückgehender Konsum- und Investitionstätigkeit, ein beinahe weltweites Phänomen. Heute sind die Gründe für den Einbruch ganz andere und da werden wir in Deutschland nicht so schnell rauskommen wie aus dem Exportloch, das 2011 schon wieder ausgeglichen war.

Was wir jetzt sehen, wird sich fortschleppen und Deutschland wird auch 2023 im internationalen Vergleich weiter zurückfallen. Es kann gar nicht anders sein, denn die Lohnsteigerungen für 2023 sind bereits bekannt und bleiben weit, weit z. B. hinter den Energiepreissteigerungen zurück, die ebenfalls für 2023 schon absehbar sind. Vermutlich wird es in Deutschland innerhalb von nur zwei Jahren zu einem Reallohnverlust von zehn Prozent kommen. Deswegen schrieben wir im Briefing 77, wir werden alles verlieren, was in den 2000ern und 2010ern hinzugewonnen wurde. Sehr mühsam und mit Unterbrechungen und Rückschlägen, übrigens. Und das durch eine Krise, die so hausgemacht, von der Politik künstlich verschärft wurde wie noch keine zuvor. Dieses Mal ist die Handhabung der Lage in den verschiedenen Staaten so unterschiedlich, dass man nicht, wie noch 2008, sagen kann: Verdammt, es ist das Weltfinanzsystem! Auch auf dieses können Regierungen natürlich Einfluss nehmen, was sie seitdem viel zu wenig getan haben (der Lobbyismus!).

Doch nie zuvor hat die deutsche Politik uns so sehr klar gemacht wie jetzt, dass sie auf das Wohlergehen des Volkes keinen Wert legt. Hingegen die Schweiz. Okay, man kann sie in Teilen für einen Schmarotzerstaat halten, der sich an Blutgeld aus aller Welt mästet, das wollen wir ja hier nicht, aber wenn die Regierung der Bevölkerung dort das bieten würde, was uns geboten wird, wäre sie sofort weg vom Fenster. Die stark plebiszitär ausgerichtete Demokratie mag oft zu konservativen Ergebnissen führen, die uns zunehmend befremdlich erscheinen, aber niemals würde die Bevölkerung es tolerieren, so gestrippt zu werden, wie das mit uns gemacht wird. Ebenso in anderen Industrieländern, wie man an den viel geringeren Einbußen dort sieht. Dass es die Menschen in wenigen anderen Ländern noch stärker trifft, tut uns sehr leid, macht die deutsche Performance aber keinen Deut besser, denn die Substanz dieses angeblich reichen Landes müsste ja solche Einbrüche verhinderbar machen. Dem wäre auch so, wenn die Reichen endlich angemessen an Krisenfolgen beteiligt würden. Davor hat die Politik aber Schiss, man kann die vollen Hosen riechen, wenn man so nah am Regierungvsiertel wohnt wie wir. Besonders gut bei Nordwind.

Die Bevölkerung hingegen wird für ungefährlich gehalten und das ist sie leider auch.

Schauen wir uns noch einmal an, was DESTATIS ausweist:

Die anhaltend hohe Inflation in Deutschland hat im 3. Quartal 2022 erneut zu einem Reallohnrückgang geführt: Zwar war der Nominallohnindex im 3. Quartal 2022 nach vorläufigen Ergebnissen der neuen Verdiensterhebung um 2,3 % höher als im Vorjahresquartal, allerdings stiegen die Verbraucherpreise im selben Zeitraum um 8,4 %. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, ergibt dies einen realen (preisbereinigten) Verdienstrückgang von 5,7 %. Die Inflation zehrte somit den Nominallohnanstieg auch im 3. Quartal 2022 mehr als auf. Damit mussten die Beschäftigten in Deutschland bereits im vierten Quartal in Folge einen Reallohnverlust hinnehmen, nachdem die Reallöhne bereits im 2. Quartal 2022 um 4,4 %, im 1. Quartal 2022 um 1,8 % und im 4. Quartal 2021 um 1,4 % gegenüber dem jeweiligen Vorjahresquartal gesunken waren. Darüber hinaus handelt es sich um den stärksten sowie langanhaltendsten Reallohnrückgang seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2008. Der Nominallohnindex bildet die Entwicklung der Bruttomonatsverdienste der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einschließlich Sonderzahlungen ab, während der Reallohnindex über die preisbereinigte Verdienstentwicklung Auskunft gibt.

Der gegenwärtige Reallohnrückgang ist also nicht der stärkste seit 2008, sondern der mit Abstand stärkste seit dem Beginn der Datenreihe im Jahr 2008, das ist nicht das Gleiche. Im Jahr 2009 gab es einen leichten Reallohnrückgang, der aber kaum spürbar war, weil auch die Teuerung gegen Null tendierte, während das BIP auch damals stark zurückging (um 5,2 Prozent). Verschiedene Maßnahmen, die auch der Beschäftigungssicherung dienten, halfen aber, die Folgen abzufedern, während wir gegenwärtig fast ungeschützt ins Desaster rasen. Eine Strom- und Gaspreisbremse, die die Inflation innerhalb eines Jahres (bei unserem persönlichen Portfolio) auf schlappe 80 bis 100 Prozent begrenzt, ansonsten wären es 110, 120 Prozent, ist eine Unverschämtheit seitens der Politik ohne Beispiel in der Geschichte der Bundesrepublik. Quelle Destatis, Reallohnverlust:

Hohe Inflation führt im 3. Quartal 2022 zu Reallohnrückgang von 5,7 % – Statistisches Bundesamt (destatis.de)

Hier noch einmal als Grafik:

Sie sehen sehr plastisch, dass schon 2020 die Coronasituation einen Einbruch der Reallöhne verursacht hat, davon wurde 2021 nur ein Teil wieder ausgeglichen. Wir haben also in den letzten drei Jahren bereits einen durchschnittlichen Reallohnverlust von ca. 8-9 Prozent zu verzeichnen. Was da 2023 noch obenauf kommen wird, führt zu dem, was wir im Briefing 77 beschrieben haben: Die Vernichtung all dessen, was unter großen Opfern und mit einer teilweise hochgradig asozialen Politik zulasten der Ärmeren doch noch irgendwie herausgequetscht wurde. Gar nicht Teil der Betrachtung: Wer verdiente wirklich mehr und wer muss schon seit Jahren Reallohneinbußen hinnehmen? Wir haben so eine Ahnung, dass die Zuwächse vor allem oberen Ende der Einkommenspyramide kulminieren. Dort, wo die Politik sich nicht traut, einen gerechten Anteil abzuschöpfen.

TH

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