Briefing 289 | Wirtschaft, Gasimport, Gaspreise, Russland, Niederlande, Norwegen, LNG
Liebe Leser:innen heute haben wir eine wirklich verblüffende Wirtschaftsgrafik für Sie. Zumindest uns hat sie in Erstaunen versetzt. Es geht um die deutschen Gasimporte. Speziell um die Jahre 2022 und 2023, in denen sich so viel verändert hat.
Infografik: Woher Deutschland sein Gas bezieht | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.
Russland hat vor einem Jahr seine Erdgasexporte nach Deutschland über die Nord Stream 1 Pipeline systematisch gedrosselt und Ende August 2022 vollständig eingestellt. Wie die Statista-Grafik mit Daten der Bundesnetzagentur veranschaulicht, setzt Deutschland seitdem auch auf im Importe von Flüssiggas (LNG = Liquified natural gas). Mengenmäßig stellen die Importe aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien jedoch den größten Anteil dar. Norwegen ist aktuell (Stand: 28.08.2023) die wichtigste Erdgasbezugsquelle für Deutschland.
Neben Erdöl dient Erdgas in Deutschland als zentraler Brennstoff für die Primärenergieerzeugung. Da der Bedarf nach dem Rohstoff nicht durch die nationale Erdgasförderung gedeckt werden kann, ist Deutschland. in einem hohen Ausmaß auf Einfuhren aus dem Ausland angewiesen.
Die in den Daten der Bundesnetzagentur erfassten Importmengen beinhalten auch mögliche Ringflüsse. So werden grenzüberschreitende Gasflüsse bezeichnet, die Deutschland an einem Grenzübergangspunkt verlassen und an anderer Stelle wieder nach Deutschland zurückgeleitet werden. Die Darstellung der russischen Importe in der Grafik bezieht sich ausschließlich auf die Gasflüsse über die Nord Stream 1, da nur in diesem Falle ein unmittelbarer Bezug nach Russland hergestellt werden kann. Bei anderen Transportrouten aus dem Osten liegt häufig ebenfalls ein wesentlicher Bezug aus Russland nahe, es können jedoch auch Gasmengen aus dem übrigen Europäischen Fernleitungsnetz hinzukommen.
Auch aus dem Begleittext von Statista erklärt sich unser Punkt nicht. Deutschland hat, wenn die Grafik vollständig ist, russisches Gas nicht etwa durch Importe aus anderen Ländern ersetzt, sondern einfach weniger verbraucht bzw. importiert. Natürlich gab es eine gewisse Zunahme der Lieferungen vor allem aus Norwegen und den Niederlanden nach der Einschränkung und dem Ende der russischen Lieferungen, welches wir in unseren ersten Artikeln zum Ukrainekrieg schon als mögliche Reaktion Putins auf die Unterstützung der Ukraine und auf die Wirtschaftssanktionen gegenüber Russland antizipiert haben.
Aber vor allem seit Mai 2023 scheint das Motto zu lauten: Sparen macht doch viel mehr Spaß und wenn wir schon dabei sind, sparen wir einfach immer weiter. Rückblickend scheint auch das im Herbst 2022 noch mit Sorge beobachtete Wiederauffüllen der Speicher nicht die große Rolle gespielt zu haben, die man ihm damals beigemessen hat.
Da fragt man sich vor allem, angesichts der Tatsache, dass Gas doch wohl nicht zum Spaß, sondern für den notwendigen Verbrauch importiert wurde: Warum nicht viel früher eine durch den offensichtlichen Switch hin zu anderen Energieträgern beförderte Wende? Solange sie nicht auf einem massiv erweiterten Einsatz von fossilen Brennstoffen fußt, Kritik in dieser Richtung gab es ja schon. Und solange der verminderte Einsatz von Erdgas nicht dadurch zustande kommt, dass die Industrie ihre Zelte abbricht, das wäre ebenfalls ein höchst unerfreulicher Grund für die verminderte Importtätigkeit in Sachen Gas.
Der Sommer war dieses Jahr vergleichsweise kühl, weniger Verbrauch bei den Privaten kann also nicht der Background für diese erstaunlich geringe Gasimportmenge sein, wenn man sie in Relation zu den Sommermonaten 2022 sieht, zumal Private im Sommer eh weniger verbrauchen. Die Gasversorgung Deutschlands scheint gesichert zu sein, und das ist doch immerhin etwas, das man auch mal positiv vermerken muss.
Was jetzt auch schon fraglich erscheint: Die robuste Einrichtung von LNG-Terminals. Sind diese wirklich noch notwendig, um die Gasversorgung zu sichern? Sie werden verwendet, das sieht man an dem neu hinzugekommenen blauen Bereich in der Grafik, aber dieses Gas ist nicht billig und die Umweltprobleme sind ein großes Kapitel für sich.
Ob wir es wirklich positiv finden, dass es offenbar keine Versorgungsprobleme mehr gibt oder uns korrigieren müssen, erzählen wir Ihnen nach dem Eingang der Betriebskostenabrechnung für 2022, die wir mit so viel Spannung erwarten wie keine jemals zuvor, weil wir keine Ahnung haben, zu welchen Preisen der Vermieter während des Krisenhöhepunktes das Gas für unsere Heizungen eingekauft hat.
Wir stellen uns auf einen erheblichen Rückgang der bisher oft üppigen Guthaben schlimmstenfalls auf eine Nachzahlung ein. Beim Strom haben wir die Folgen des Ukrainekriegs durch einen Anbieterwechsel im Sommer dieses Jahres wieder halbwegs eingefangen – sofern man 32 Prozent Steigerung gegenüber 2021 so bezeichnen kann und nach einem 1. Halbjahr mit 85 Prozent Steigerung. Doch beim Gas liegt es nicht in unserer Macht, da können wir selbst nicht handeln. Wir haben im Kopf, dass vor der Gaskrise die Preise bei ca. 6,50 Cent / kWh lagen Strom- und Gaspreise für Haushalte im 1. Halbjahr 2021 um jeweils 4,7 % gestiegen – Statistisches Bundesamt (destatis.de). Die günstigsten Angebote jetzt betragen etwa 8 Cent / kWh, der Auftrieb ist also, ähnlich wie beim Strom, noch lange nicht beendet und eine Rückkehr zu früheren Preisen noch nicht in Sicht.
TH
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