Auflagenschwund bei den Promi-News (Statista + Zusatzinfos, Erlebnispresse, Romane + Kurzkommentar) | Briefing 360 | Wirtschaft, Gesellschaft, Populärkultur

Briefing 360 Wirtschaft, Gesellschaft, Regenbogenpresse, bunte Blätter, Erlebnispresse, Romanhefte, Buchformat

Vermutlich stammt der Begriff „bunte Blätter“ aus einer Zeit, in der Zeitungen viel weniger Fotos enthielten als heute und diese wohl schwarz-weiß waren. Aber die Welt der Schönen und Reichen oder Reichen und Schönen farbig abzubilden, lag irgendwie auf der Hand. Auch in  unserer Jugend waren diese Zeitschriften schon recht bunt. Und sie hatten viel höhere Auflagen als heute.  Statista hat aus dem Rückgang eine Grafik gemacht.

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz CC BY-ND 4.0 Deed | Namensnennung-Keine Bearbeitung 4.0 International | Creative Commons erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Die Regenbogenpresse, auch bunte Blätter genannt, beschäftigt sich bevorzugt mit Prominenten aller Art. Ihre besten Jahre hatten diese Wochenzeitschriften in den 80ern als sie laut Wikipedia in Westdeutschland über 30 Millionen Menschen erreichten. Diese goldenen Zeiten sind indes längst vorbei, wie die Auflagenzahl für acht exemplarisch ausgewählte Klatschblätter zeigt.

Kamen Freizeit Revue, Neue Post, Freizeitwoche, Das neue Blatt, Freizeit Spass, Die Aktuelle, Neue Woche und Das goldene Blatt vor zehn Jahren laut IVW noch zusammen auf eine verkaufte Auflage von 3,8 Millionen Exemplaren, waren es dritten Quartal 2023 noch 1,9 Millionen. Gleichwohl sind Heftauflagen von 100.000 bis 400.000 Exemplaren im Vergleich mit anderen Printerzeugnissen immer noch viel.

Die Zielgruppe der Regenbogenpresse wird in der Regel als älter und weiblich beschrieben, ein Bild das beispielsweise die Studie ma 2023 Pressemedien II bestätigt. So beläuft sich beispielsweise das Durchschnittsalter der deutschsprachigen Leser:innenschaft der Neuen Post auf 69,5 Jahre. Der Frauenanteil der bei Bauer erscheinenden Zeitschrift liegt bei fast 89 Prozent.

Wichtige Zeitschriften dieses Bereichs sind allerdings nicht in der obigen Grafik enthalten, darunter Traditionsblätter, die die Branche geprägt haben, hier nur zwei Beispiele:

  • „Bunte Presse“ trägt eine Zeitschrift bereits im Titel, nämlich die BUNTE mit derzeit etwa 325.000 Exemplaren verkaufter Auflage, unter dem Namen „Bunte“ seit 1954.
  • Frau im Spiegel„, eine der ersten Nachkriegszeitschriften überhaupt (seit 1946), mit gegenwärtig 158.000 Auflage, die aber einmal zu den größten Zeitschriften dieser Art gehörte.
  • Es gibt viele weitere Blätter, darunter die „Neue Welt“, die mit Gründungsjahr 1932 die älteste noch bestehende Zeitschrift dieser Art ist.

Wir sagen den Tod vieler dieser Zeitschriften in den nächsten Jahren voraus oder mindestens die Zusammenlegung, nachdem ihre Auflagen so rasant sinken. Heißt das aber auch, dass die Promi-News aussterben und die Menschen anfangen, realistischer zu werden? Leider nicht. Es ist unverkennbar, dass die Zeitschriften durch Fernsehformate ähnlichen Zuschnitts ersetzt und durch das sozusagen Gegen-Modell des Reality-TV ergänzt werden.

Es ist eher interessant, dass es dafür in früheren Zeiten wohl gar keinen Bedarf gab, das alltägliche Desaster in Bild und Ton auszuschlachten, sonst hätte man es zumindest in Bilderstrecken mit Text bereits getan, als es die Zeitschriften für die Anhänger von Promis aller Art gab.

Aber auch diese mittlerweile erreichte Zweiteilung kann man nicht als gesellschaftlichen Fortschritt labeln, denn beides folgt im Grunde der Eigenschaft der Sensationsgier. Vielleicht mit einem Schuss von Träumerei bei den Promi-News. Mit dem Vorteil, dass das Träumen vom Luxus und der Welt des Adels weniger den Effekt hat, Menschen, die eh schon bieder sind, auch noch in ihren Tendenzen zur Niedrigkeit zu verstärken, wie es die klischeebehafteten Reality-Shows tun. 

Ein ähnliches Schicksal wie die Regenbogenpresse dürfte die Erlebnispresse (Romanhefte) erleiden, die ebenfalls in unzähligen Titeln florierte, aber daran gebunden war, dass Menschen, wenn auch auf überschaubarem Niveau, etwas längere Texte zu lesen bereit waren, ohne dafür gleich dicke Wälzer mit Herz und Schmerz anzugehen, die nach wie vor den Großteil der fiktionalen Literatur darstellen.

Die Bestsellerlisten verfälschen das Publikationsgeschehen insofern, als wenige Bücher aus einer Flut von Veröffentlichungen herausgehoben werden, die nicht typisch für das gesamte Angebot sind.

TH

 


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