Bis unter die Haut – Polizeiruf 110 Episode 226 #Crimetime 1184 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Offenbach #Grosche #Reeding #Schlosser #HR #Haut

Crimetime 1183 – Titelfoto © HR, Andrea Enderlein

Bis unter die Haut ist ein Kriminalfilm des HR von Marc Hertel aus dem Jahr 2001 und erschien als 226. Folge der Filmreihe Polizeiruf 110. Es ist die vierte Folge mit dem Ermittlertrio Schlosser (Dieter Montag), Reeding (Dennenesch Zoudé) und Grosche (Oliver Stokowski).

Die vierte Folge des Offenbach-Teams bringt eine Neuerung: Dennenesch Zoudé ersetzt Chantal de Freitas als Carol Reeding. In der Folge darauf wird Oliver Stokowski Kommissar Grosche ausscheiden. Damit wurde die anfängliche Besetzung so stark verändert, dass man von einem anderen Ton sprechen kann. Nach zwei weiteren Filmen hatte der HR seinen Polizeiruf eingestellt. Wie kam nun der Übergangsfilm an? Es steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der Kleinkriminelle Edgar Götz wird im Ledermuseum, wo er als Aushilfe arbeitete, erstochen aufgefunden. Die Suche nach dem Täter führt die Kommissare Grosche, Reeding und Schlosser zu einem Sportstudio, in dem das Opfer als Bodybuilder trainierte. Sie vermuten einen illegalen Handel mit Anabolika und schleusen Reeding als „verdeckte Ermittlerin“ in dem Club ein. Sie ist wenig begeistert von dieser Idee und hält den Mord eher für eine Beziehungstat. Die Anzahl der Messerstiche spricht für sie für eine emotionale Überreaktion. Dennoch fügt sie sich und kommt sehr schnell mit dem Betreiber Werner Sattmann in Kontakt. Sein Mitarbeiter Korneck bemerkt jedoch sofort, dass sie von der Polizei ist.

Er versucht Reeding einzuschüchtern, um sie auf Distanz zu halten und ungestört mit Sattmann seine Ware aus dem Versteck zu holen, ehe die Polizei ihnen zu sehr auf die Finger guckt. Götz hatte die neue Lieferung in der Werkstatt seines „Lehrmeisters“ Rickert deponiert, der den beiden bei dieser Aktion dazwischenfunkt und sie in die Flucht schlägt. Da der Täschnermeister homosexuell ist und zu Edgar Götz ein sehr enges Verhältnis hatte, wirft er Sattmann vor, seinen Schützling auf diesen „Drogenpfad“ getrieben zu haben. Am nächsten Tag wird Sattmann erschossen unter einer Brücke gefunden. So führt die Spur am Ende zu Rickert. Er hatte herausgefunden, dass Götz die Lederlieferungen aus Bulgarien für seinen Drogenschmuggel benutzt hatte. Er hatte ihn im Museum treffen wollen, um sich mit ihm auszusprechen, aber es eskalierte und er war mit dem Messer auf Götz losgegangen. Sattmann hatte um jeden Preis die Ware von Rickert haben wollen und ihn erpresst. Um ihn loszuwerden, hatte Rickert ihn erschossen.

Rezension

Ich dachte, Grosche und Reeding seien schon weiter, als es sich in diesem Film darstellt? Wollte man wirklich die horizontale Erzählung in der Mitte neu starten? Oder war, als der Film gedreht wurde, schon klar, dass Oliver Stokowski aussteigen wird und man ließ Reeding daher auf Distanz zu ihm gehen? Wenn ich mich richtig erinnere, taucht Stokowski in einer Episodenrolle als Partner von Reeding in einem der beiden letzten Hessen-Polizeirufe noch einmal auf. Auch in diesem Film wird sie bedroht.

Die Bedrohung im 226. Polizeiruf wirkt jedoch ziemlich schräg. Zum einen hätte das Ganze mächtig schiefgehen können, sodass sie und / oder ihr Kind hätten schwer verletzt oder gar getötet werden können, zum anderen weiß sie, woher diese Aktion kommt, nur, weil ihr Kindermädchen den Fahrer identifiziert hat, der den Angriff per Automobil ausgeführt hat. Jedenfalls war das mehr als plump, denn was wäre gewesen, hätte Reeding noch an einem anderen heißen Fall gearbeitet und die Attacke diesem Fall zugeschrieben? Nun ja, immerhin kann sich Grosche als „Sternzeichen Wachhund“ profilieren und sehr besorgt um seine hübsche Kollegin sein. Die Rolle steht ihm auch, das ist keine Frage. Schlosser hingegen reagiert auch schon mal gar nicht auf private Einlassungen seiner Kolleg*innen, vor allem nicht, wenn sie an ihn als erhofften väterlichen Ratgeber adressiert sind. Hingegen äußert er sich über Funk etc. genervt, wenn er von der Suche der beiden anderen nach dem richtigen Umgang miteinander mitbekommt.

Die Optik des Films ist so auffällig, dass ich sie an dieser Stelle in den Vordergrund rücke. Zum Glück hatte der Film vor 9/11 Premiere, ich weiß nicht, wie das Publikum danach auf diese weitgehend auf Gelb-Sepia reduzierten Farben reagier hätte, die so verdammt an die Szenen um das WTC erinnern, als alles im Staub versank. In Köln hatte man zu  jener Zeit einen Tatort inszeniert, in dem alles in Gelb-Grün gehalten war. Mittlerweile hat sich das beinahe zu Grau Ausgewaschene durchgesetzt, passend zur allgemeinen Lage, Stimmung, zu den Zukunftsaussichten der Menschheit. Aber 2001 war eine in diese Richtung tendierende, zudem in dieser Form fast durchgängige Bildgestaltung, noch ziemlich neu und ich finde sie heute noch leicht affektiert. Ist eben kein mittlerweile gewohntes Graugrün, nach dessen 90-minütigem Genuss man sich im Spiegel auch im Winter wie gerade aus dem Tropenurlaub zurückgekehrt empfindet. Aber wenn ich mal so gelb ausschauen sollte wie die Schauspieler in dem Film, werde ich entweder dringend ein Blutbild machen lassen müssen oder mich bei den Simpsons als neue Figur aus dem alten Europa ewerben.

Vielleicht sehen die Raupen, bevor sie zu Schmetterlingen werden, die Welt auch so gelb. Vermutlich sehen sie sie gar nicht. Die Handlung hat einige gute Ansätze: Das Milieu der Lederfetischisten wird geradezu sanft dargestellt, anhand des Charakters der freundlichen Domina Isadora, schwul sein ist immer noch schwierig, besonders für einen Sportlehrer, der einen Jungenklasse der Oberstufe unterrichtet. Das Ledermuseum ist ein origineller Ort, der uns auch vom Niedergang der Textilindustrie erzählt. Leder ist kein Textil, aber man ordnet die Vorgänge um die plötzliche Konkurrenz,,der die Herstellung in Deutschland nicht gewachsen war, wirtschaftshistorisch in diesen Rahmen.

Als Mitglied der gelben Spieltruppe überzeugt vor allem Herrmann Lause als Rickert, in dem man trotz zweier Tötungshandlungen nicht so recht einen Bösewicht erkennen mag. Leider wird die Figur so schön aufgebaut, dass man ahnt, dass er zumindest den Totschlag im Affekt an seinem Protegée verübt hat.

Durch die privaten Probleme von Grosche und Reeding wirkt der Film recht langsam, der Einstieg findet mit einem anderen Fall statt, dann aber wird doch das Tatort-Schema durchgezogen: Leiche first. Die Polizeirufe waren von Beginn an häufig anders aufgebaut und stellten die Entwicklung bis zum Verbrechen, mithin die Nicht-Polizist:innen, nach vorne. Von dieser Freiheit sollten sie Gebrauch machen. Sinn ergibt dies aber vor allem, wenn nicht die Ermittlerteams, sondern die Täterfiguren im Mittelpunkt stehen oder gleichberechtigt daneben, wie es in einigen DDR-Polizeirufen der Fall war, in denen zunächst oder als Rückblende die Entwicklung hin zur Tat beschrieben wird. Als Rückblende vor allem, damit die beliebten Ermittler:innen frühzeitig ins Bild kommen.

So beliebt wie einst Fuchs, Hübner, Arndt & Co. in der DDR wurde das Offenbacher Trio sicher nie, obwohl die drei sehr sympathisch sind, vor allem in der Originalbesetzung. Denenesch Zoude ist sicher keine schlechte Schauspielerin, aber für dieses Offenbacher Cop-Setting wirkt sie etwas zu elitär. Deswegen muss man sie im Fitnessstudio aber noch lange nicht als „Geschoss“ bezeichnen lassen, um jenen Eindruck auszugleichen. Womit wir bei einem schwierigen Thema wären: Wie lässt man Fitnessstudio-Honks wirklichkeitsnah reden, ohne dass sie übergiffig klingen? Das gilt für alle Milieus, in denen nicht politisch korrekt gesprochen wird. Früher hat man sie in Tatorten und auch in Polizeirufen oft verwendet, um skurrile, wirklich schräge Typen zeigen zu können. Das war vor allem in den Tatorten in den 2010ern so gut wie weg und kommt erst langsam wieder. Eher hat man einige seltsame Vögel in Polizeidienststellen etabliert, wo sie ein wenig abstrakt wirken. Bis der ganz großes Wokeness-Sturm sich gelegt hat, laufen Filme immer stärker Gefahr, kulturell gecancelt zu werden, wenn da irgendetwas nicht exakt ausdiversifiziert oder die Sprache zu wenig gefiltert ist.

Schlosser, Grosche, Reeding waren aber ein gut austariertes, emotional einnehmendes und noch vergleichsweise realitätsnahes Team und ein für damalige Verhältnisse sehr modernes. Im Tatort sollte es noch 17 weitere Jahre dauern, bis mit Florence Kasumba als KHK Schmitz in Göttingen eine Person of Color ermitteln durfte. Wir haben das, speziell für sie, schon Jahre zuvor gefordert oder vorgeschlagen, wegen ihrer prägnanten Episodenrollen in der Reihe. Aber bis Münster kam, war der Polizeiruf eher das Experimentierfeld für ungewöhnliche Konstellationen, das gilt auch für die Volpe-Combo vom WDR, galt für Hinrichsen und seine diversen Ermittlungspartner in Schwerin, für Krause in Brandenburg und gilt heute noch für das fulminante Rostock-Team, das ja nun leider auch seinen neben Anneke Kim Sarnau wichtigsten Darsteller, Charly Hübner, verlieren wird (bzw. verloren hat, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Textes im November 2023).

Finale

Vielleicht bin ich doch zu wenig Lack- und Leder-Fan, um den Film besonders reizvoll zu finden, obwohl ich diesen Fetisch schon cool und interessant und seine Anhänger:innen ziemlich abgefahren finde, zumal sich dieser Fetisch mit Sadomaso-Praktiken verbindet. Vermutlich hätte ich ab und zu gerne Sex mit einer Lady in schwarzem Leder, die mir aber dann doch lieber icht mit der Peitsche, sondern mit tausend wilden Zärtlichkeiten und zärtlichen Wildheiten aufwartet. Weicheier at last.

Das würden Szeneangehörige nicht goutieren, zumindest dem Klischee nach. Im Vordergrund steht ohnehin die Suche nach der Entpuppung: Hier können sich Schwule wieder einmal nicht outen oder trauen sich nicht, sich auch nur einer nahestehenden Person zu öffnen. Die Domina hat sich hingegen verwirklicht als schillernder schwarz-hautfarbener Schmetterling, der demjenigen ähnelt, der dem Kommissar Schlosser so gut gefällt. Sie wirkt sehr harmonisch in der Art, dass sie bei sich selbst ist, und ich möche hoffen, dass ihre Kunden auch bei sich selbst sind. Jedenfalls hat Schlosser sich in sie verguckt und das mit dem Schmetterling ist süß und recht subtil gemacht. Es gibt einiger Ansätze dieser Art, aber dem Film fehlt die Dynamik und das Packende, das heutige Produktionen der Reihe haben, und er wirkt sprachlich nicht so geschickt gestaltet wie manch anderer Film des Teams. Die Schauspieler:innen gleichen es einigermaßen aus, aber nicht ganz.

6,5/10

© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2021)

(1), kursiv und tabellarisch: Wikipedia

Regie Marc Hertel
Drehbuch Rudolf Bergmann
Rolf Silber
Musik Stefan Ziethen
Kamera Armin Alker
Schnitt Stefan Blau
Besetzung

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