Borowski und der Wiedergänger – Tatort 1263 #Crimetime Vorschau Das Erste, 03.03.2024, 20:15 Uhr #Kiel #Borowski #Sahin #NDR #Wiedergänger

Crimetime Vorschau – Titelfoto © NDR, Olga Samuels

Borowski und der Wiedergänger ist ein Fernsehfilm aus der Krimireihe Tatort. Der vom NDR produzierte Beitrag ist die 1263. Tatort-Episode und soll am 3. März 2024 im SRF, im ORF und im Ersten ausgestrahlt werden. Der Kieler Hauptkommissar Klaus Borowski ermittelt in seinem 41. Fall, seine Kollegin Sahin in ihrem zehnten Fall.[1]

Wir werden nicht mehr allzu viele neue Borowski-Tatorte zu sehen bekommen:

Axel Milberg, der die Rolle des Kommissars Klaus Borowski im Kieler „Tatort“ spielt, wird sich im Jahr 2025 von dieser Rolle verabschieden123Dies war sein ausdrücklicher Wunsch3Er hat mehr als 20 Jahre in dieser Rolle verbracht2Nach seinem Abschied wird Almila Bagriacik, die seine Kollegin Mila Sahin spielt, im Zentrum eines neuen Ermittlerteams des NDR in Kiel stehen1.

Neu war auch für uns, dass es aber doch eine Kontinuität in Kiel geben wird: Die bisherige Nummer zwei, Mila Sahin, wird also für Borowski die Leitung der Mordkommission übernehmen. Heute machen wir mal keinen größeren Rückblick, obwohl sich das durchaus anbieten würde, denn: Das Drehbuch für „Borowski und der Wiedergänger“ stammt von Sascha Arango. Mit dem Namen dieses Autors ist der Aufstieg von Borowski in die allererste Liga der Tatort-Kommissare in den 2010ern untrennbar verbunden. Er hat diese Howcatchems geschrieben, bei denen der Täter oder die Täterin recht schnell bekannt war, aber wie wird es gelingen ihn oder sie zu fangen? Und wird es rechtzeitig vor dem nächsten Mord geschehen? Die damaligen Borowski-Fälle waren also als Thriller konzipiert und haben so unvergessliche Figuren wie „Die Frau am Fenster“ oder den stillen Gast namens Kai Korthals hervorgebracht, eine Täterrolle, mit der wiederum Lars Eidinger einem Millionenpublikum bekannt wurde, der heute zu den profiliertesten Charakterdarstellern seiner Generation in Deutschland zählt.

Der Kieler Tatort hat natürlich auch das feine Spiel von Axel Milberg auf seiner Seite, aber durch die oben erwähnte Konstellation auch eine besondere „Legacy“, die leider in den letzten Jahren nicht mehr ganz auf diesem hohen Niveau ergänzt werden konnte. Natürlich darf man weiterhin hohe Erwartungen an einen Kiel-Tatort haben, deshalb forschen wir jetzt nach, was andere zum 1263. Fall der Reihe geschrieben haben:

Borowski at his best: Mehr muss man eigentlich gar nicht sagen. Kein klassischer Whodunit, denn der Täter ist dem Zuschauer lange vor den Kommissaren bekannt, während diese noch rätseln: Haben wir überhaupt einen Fall? Wir können uns doch kein Verbrechen ausdenken! Dadurch entsteht eine metafiktionale Ebene, ein Spiel mit dem Krimi-Genre, das geradezu genial umgesetzt ist: Vor einem vorzeitigen Ausschalten des TV-Geräts wird ausdrücklich gewarnt, denn merke: Nicht nur ein Fußballspiel, auch jeder Tatort dauert exakt 90 Minuten! Und die lohnen sich, denn zu sehen gibt es außerdem die sensibel inszenierte Fallstudie einer undurchschaubaren Figur und eine streckenweise amüsante Persiflage auf die Oberschicht, die der Wirklichkeit wohl dennoch erschreckend nahe kommt.[2]

Wie erschreckend die Oberschicht auch sein mag, dass das so bedrückend ist, liegt vor allem an einer Politik, die ihr mittlerweile nur noch in den Allerwertesten kriecht. Dafür kann die Oberschicht eigentlich gar nichts, es wird ihr einfach alles leistungslos hinterhergeschmissen, ihr das Abdrehen zu leicht gemacht, während ansonsten immer wieder darüber nachgedacht wird, wie man die Mensch noch ein bisschen mehr ausquetschen oder totinflationieren könnte. So politisch, dass dies durchschimmert, wird der neue Kiel-Tatort aber wohl nicht sein. Vielleicht erinnert er ein wenig an die großartigen Sittengemälde, die in einigen der frühen Kieler Fälle aus den 1970ern gefertigt wurden. Damals hieß der Kommissar Finke, wobei es eher um den mittleren, allenfalls den gehobenen Mittelstand ging. Ist der Wiedergänger etwa dieser Korthals? Das fiel mir gerade so ein. Aber Lars Eidinger steht nicht auf der Besetzungsliste. Was macht man eigentlich, wenn man das Auftreten einer wichtigen Figur nicht vorher preisgeben, eine echte Überraschung produzieren möchte? Die Person, die sie spielt, auf der Besetzungsliste weglassen oder aufpassen, dass die Bildzeitung nicht alles wieder vorher ausplaudert?

Für mich ist das ein Tatort mit einer ganz besonderen Story. Denn der Ehemann hatte ja wohl ursprünglich selbst geplant, seine Frau umzubringen. Und verschwindet dann selbst. Und dann noch die ganzen Figuren im Hintergrund, die Familie, der Berater, die Affären, super. Sehr unkonventionell erzählt das Ganze mit einigen unerwarteten Wendungen und sogar eine echte Überraschung (ich verrate nichts!).

Schade, dass auch so ein, zwei Logikbrüche drin sind. Manchmal legt der oder die Täterin die Spur ohne Not zu sich selbst. Das irritiert ein bisschen. Ist aber nicht so schwerwiegend, es ist immer noch ein guter Tatort – voller Ruhe und Gelassenheit und damit wie gemacht für den Ausklang des Wochenendes. Find ich gut! Drei von fünf Elchen![3]

Ob man hinter drei von fünf ein Ausrufzeichen setzen  muss, ist Ansichtssache, aber schon bei der Erstellung der Vorschau zum neuen Polizeiruf vor einer Woche hatten wir das Phänomen beobachtet, dass die Bewertungen der Profis im Verlauf der Recherche immer schlechter wurden, ohne dass wir die Abfolge so geplant hatten; sie orientiert sich insbesondere bei den drei ersten Stimmen nämlich an einem Muster, das wir seit längerer Zeit (in der Regel) einhalten. Nun ja, ich gebe es zu, ich hätte mir für dieses Team und alle, die an dem Film beteiligt sind, ausschließlich super Kritiken gewünscht, aber sehen wir weiter:

In dem höchstwahrscheinlich polarisierenden Krimi aus Kiel geht es zunächst nicht um Mord, sondern um einen Vermisstenfall: Der Ehemann einer erfolgreichen Unternehmerin ist verschwunden. Die Grimme-Preisträger Sascha Arango (Buch) und Andreas Kleinert (Regie) haben „Borowski und der Wiedergänger“ (NDR / Nordfilm Kiel) clever konzipiert, wie sich im Nachhinein zeigt; aber einige Mitwirkende agieren äußerst exaltiert, was ihre Rollen wie Kunstfiguren wirken lässt und für einen „Tatort“ etwas gewöhnungsbedürftig macht. Sehenswert sind allerdings wie stets Axel Milberg und Almila Bagriacik. Eindrucksvoll ist zudem die Bildgestaltung (Johann Feindt), die durch eine wurmlochartige Reise durch Raum und Zeit verblüfft. Ungewöhnlich ist auch die Musik, die mit zarten Glockenschlägen immer wieder dezente Ausrufezeichen setzt. Ein kleiner Knüller ist zudem die Idee, den Film nach gut 60 Minuten scheinbar mit dem Abspann enden zu lassen.[4]

Es wird tatsächlich schlimmer. Jetzt soll der Film auch noch polarisieren, und wer will das schon, in diesen ohnehin polarisierten Zeiten? Nach dieser Kritik, die von einer der kompetentesten Stellen in Deutschland kommt, immerhin waren die Hauptrezensenten selbst mit dem Grimme-Preis befasst, geht es etwas auseinander: Das Spiel bereitet demnach Probleme, nicht das Drehbuch. Ich hoffe, wir müssen nicht zu sehr um die Ecke denken, nämlich pro Grimmepreis-Träger oder Grimme-Preisträger: Das Buch darf nicht angegriffen werden, also kriegen es die Schauspieler ab. Denn eines ist wohl unvermeidlich mit dem Drehbuch verknüpft: Die Dialogführung. Und mit ihr hängt es zusammen, ob man so exaltiert spielen kann wie oben erwähnt. Natürlich kann man das auch sozusagen kontradialogisch tun, aber dann wirkt es gewollt und ungewollt zugleich, zumindest im Tatort-Format. Wir haben auch nach so vielen Jahren noch Aufträge: Zum Beispiel, genauer hinzuschauen, ob Drehbücher von eifrigen Regisseuren und Schauspielern so inszeniert werden, dass sie wie Karikaturen ihrer selbst wirken. 4/6 sind für Tittelbach-Verhältnisse eine eher unterdurchschnittliche Bewertung. Verblüffend, wie sich bisher die Linie der vergangenen Woche weiterzieht, jetzt hoffen wir also auf eine positive Abweichung davon.

Damit hinterlässt «Tatort – Borowski und der Wiedergänger» leider nur den Eindruck eines uninspirierten und einfallslosen Krimis, der weder inhaltlich noch formal überzeugen kann. Die voraussehbare Handlung und die eindimensionalen Charaktere machen es dem Zuschauer schwer, sich in der Geschichte zu verlieren oder mit den Figuren mitzufühlen. Trotz des vielversprechenden Ausgangspunkts bleibt der Sonntagskrimi der Woche damit eine enttäuschende Seherfahrung, die schon bald wieder vollends vergessen sein dürfte.[5]

Diese Stimme könnte die „regelmäßige Nummer vier“ werden, nachdem sich Christian Buß vom Spiegel mitsamt seinen Kritiken fast  jede Woche hinter einer Bezahlschranke versteckt. „Quotenmeter“ schöpft, anders als Tittelbach-TV (und anders als wir) die volle Bandbreite aus und vergibt dabei Prozente. Es sind dieses Mal nur 30/100. Wir choreografieren die Kritiken hier nicht nach ihrem Tenor, das sei noch einmal ausdrücklich geschrieben, es ist aber tatsächlich so, dass sich bisher das wiederholt, was wir kürzlich schon hatten. Allerdings müssen wir bei der obigen Stimme etwas genauer hinschauen, denn bisher ist der Zeithorizont gering. Falls wir den Eindruck gewinnen sollte, die Tatorte werden von dieser Seite generell niedergemacht, werden wir von deren Zitierung absehen, denn das hat das Format nicht verdient.

Regisseur Andreas Kleinert inszeniert „Wiedergänger“ bewusst nicht als Gespenstergeschichte, sondern als Charakterfilm. Wie in einem Theaterstück von Strindberg oder Tschechow stehen die Figuren in geschmackvoll arrangierten Räumen und deklarieren ihre existenzielle Verlorenheit mit wunden Worten.

Aber so ein minimalistischer Ansatz erfordert nicht nur eine gute Idee, wie es der Plot von „Wiedergänger“ ist, sondern starke Figuren und Darsteller. Damit hapert es in diesem „Tatort„, davon können auch skurrile Überhöhung und filmische Meta-Mätzchen nicht ablenken. Mit dem Wiedergängermotiv lässt sich wunderbar in den Tiefen der Seele wühlen. „Wiedergänger“ aber ist viel zu affektiert, um zu verstören.[6]

Hier sind wir sozusagen zuhause, schließlich handelt es sich um eine Kritik, die für unseren Mailprovider geschrieben wurde und meist enthält sich diese weibliche Stimme grober Verrisse – für ihre Verhältnisse liest sich das Obige schon ziemlich negativ, obwohl sie etwas weiter vorne im Text dem Film typische Arango-Dialoge, also zumindest interesssante, zurechnet. Von den Darstellern der Episodenrollen ist mir in der Tat nur Victoria Trautmansdorff ein vertrauter Name. Selten, beim Format Tatort, dass die Kritiker:innen sich auf die Menschen vor der Kamera negativ einschießen, meist trifft es diejenigen, die einen Film konzipieren und inszenieren.

So richtig gut wird es nicht mehr, und traditionell schließen wir nach fünf Stimmen, die wir für Sie ausgesucht haben, um ein breites und qualifiziertes Meinungsbild zu erstellen. Das Affektierte erinnert mich gerade an einen Vorgang aus meinem Realleben. Ein neuer Kollege. Affektiert. Franzose. Aus dem Land der affektierten Macrons mit den Bodentruppen. Que faire? Das Leben beschmeißt uns immer wieder mit solchen Charakteren. Man sollte darauf vorbereitet sein, und vielleicht eignet sich der 41. Kiel-Tatort mit Klaus Borowski einmal mehr zum Einüben des nordisch-gelassenen Umgangs.

Handlung[7]

Seit langem betrügt der notorisch untreue Tobias Exner seine Frau Greta, von deren Geld er lebt. Mit seiner anonymen Bekanntschaft „Kitty13“, die er auf einem Datingportal kennengelernt hat, plant Tobias den Mord an seiner Frau, um reich und frei zu sein. Er hat auch schon einen Plan, wie sie verschwinden soll. Doch bevor Tobias Exner seinen Plan umsetzen kann, verschwindet er selbst spurlos. Alle Ermittlungsstränge führen Klaus Borowski und Mila Sahin zu dem rätselhaften Dating-Kontakt.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Kommissarin Mila Sahin – Almila Bagriacik
Kriminalrat Roland Schladitz – Thomas Kügel
Greta Exner – Cordelia Wege
Tobias „Toby“ Exner – Pétur Óskar
Vera Exner – Karin Neuhäuser
Konstantin Exner – Stephan Bissmeier
Witek Tusk – Greg Stosch
Pascal Rütli – Caspar Kaeser
Alma Kovacz – Victoria Trauttmansdorff
u. v. a.

Drehbuch – Sascha Arango
Regie – Andreas Kleinert
Kamera – Johann Feindt

[1] Tatort: Borowski und der Wiedergänger – Wikipedia

[2] Tatort Folge 1263: Borowski und der Wiedergänger – Tatort Fans (tatort-fans.de)

[3] Tatort-Kritik zu „Borowski und der Wiedergänger“ aus Kiel am 3.3. (swr3.de)

[4] https://www.tittelbach.tv/programm/reihe/artikel-6546.html

[5] Die Kritiker: «Tatort – Borowski und der Wiedergänger» – Quotenmeter.de

[6] Ein Kommissar unter Geistern und Nervensägen: „Borowski und der Wiedergänger“ | WEB.DE

[7] Borowski und der Wiedergänger – Tatort – ARD | Das Erste


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