Höhere Arbeitslosigkeit in Deutschland und weitere negative Kenndaten (Statista + Zusatzinfos + Kommentar) | Briefing 462 | Wirtschaft

Briefing 462 Wirtschaft, Economy, Arbeitslosigkeit, Deutschland, Produktivität, geleistete Arbeitsstunden, Jobwunder, Wertschöpfung

In Deutschland nimmt die Arbeitslosigkeit wieder zu und erreicht aktuell den höchsten Stand seit der Hochphase der Corona-Pandemie im Jahr 2020. Ohne diesen Sondereffekt ist die Arbeitslosigkeit sogar höher als jemals seit 2016.

Infografik: Wie entwickelt sich die Arbeitslosigkeit in Deutschland? | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz CC BY-ND 4.0 Deed | Namensnennung-Keine Bearbeitung 4.0 International | Creative Commons erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

2.814.000 Menschen in Deutschland waren laut Bundesagentur für Arbeit (BA) im Februar als arbeitslos gemeldet. Daraus folgt – wie auch schon im Januar – eine Arbeitslosenquote von 6,1 Prozent. Ähnlich hoch war der Wert zuletzt im Frühling 2021, wie der Blick auf die Statista-Grafik zeigt.

Gleichzeitig ist die Nachfrage nach Arbeitskräften rückläufig. Die Behörde mit Hauptsitz in Nürnberg verzeichnete zuletzt 706.000 gemeldete Stellen, das entspricht einem Rückgang von 72.000 im Vergleich zum Vorjahr. Der BA-X, ein Indikator für die Personalsuche in Deutschland, fiel im Februar 2024 um 1 Punkt auf 114 Punkte – das sind zwölf Punkte weniger als im Februar 2023.

„Das schwache konjunkturelle Umfeld dämpft den insgesamt robusten Arbeitsmarkt. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung nehmen im Februar zu und die Nachfrage der Unternehmen nach neuen Arbeitskräften gibt nach“, so die BA-Vorstandsvorsitzende, Andrea Nahles, anlässlich der monatlichen Pressekonferenz in Nürnberg.

706.000 offene Stellen, das klingt immer noch nach Fachkräftemangel. Offenbar bremst dieser weiterhin die Wirtschaftsentwicklung. Einerseits. Andererseits ist des schwieriger geworden, das hohe Beschäftigungsniveau der Vor-Corona-Zeit wieder zu erreichen, auch wenn es 2022 so aussah, als sei das möglich. Das „Jobwunder“ der 2010er hatte sowieso einige Haken. Die Arbeitslosenstatistik wurde mehrfach so geändert, dass die Zahlen geringer aussehen, als die Unterbeschäftigung in Deutschland tatsächlich ist, was in Kombination mit dem Fachkräftemangel darauf hinweist, dass Angebot und Nachfrage an Arbeitskräften immer häufiger nicht mehr zusammenpassen. Eines von vielen gravierendenden und nicht so neuen strukturellen Problemen wirtschaftlicher Natur, die man politisch nicht mehr in den Griff bekommt. Viele Kenndaten sind mittlerweile negativ und weisen auf Unterschiede zwischen politischen Darstellungen und der Wirklichkeit hin. So nahm zum Beispiel die Zahl der Arbeitsstunden, die in Deutschland geleistet wurden, ab den 2000ern kaum noch zu, ausgerechnet seit 2020 kommt es aber zu einem bemerkenswerten Anstieg: tabIV46.pdf (sozialpolitik-aktuell.de).

Wie kann das sein? Die Lösung ist leider wiederum unerfreulich: Die Produktivität in Deutschland sinkt. Wäre das nicht so, wäre die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden niedriger und die Arbeitslosigkeit höher. Auch der Anstieg der Arbeitsstundenzahlen trotz Rückgang des BIP im Jahr 2023 weist darauf hin, es zu einer Verschiebung gekommen ist. Da die Industrieproduktivität nicht sinken dürfte, bedeutet das, die hoch wertschöpfenden Arbeitsplätze geben nach zugunsten von solchen, mit denen weniger Wertschöpfung erzielt wird, ausgedrückt hier in geringerer Produktivität, weniger Euro pro Arbeitsstunde.

Diese Grafik macht auf drastische Weise deutlich, wie man nach der Bankenkrise in Deutschland eine Scheinblüte zulasten der Produktivität organisiert hat: Deutschland – Produktivität | 1962-2023 Daten | 2024-2026 Prognose (tradingeconomics.com). Der Bruch in den Jahren 2008 und 2009 ist ganz deutlich zu erkennen, mittlerweile ziehen immer mehr Länder bezüglich der Arbeitsproduktivität an Deutschland vorbei – aber die Beschäftigtenzahl kann natürlich erst einmal hochgehalten werden, wenn die Produktivität nicht zunimmt und das Arbeitsvolumen etwa gleich hoch bleibt. Gleichzeitig schießen die Arbeitskosten geradezu davon, weil versucht wird, die hohe Inflation mit stärkeren Lohnerhöhungen aufzufangen: Deutschland – Arbeitskosten | 1991-2023 Daten | 2024-2026 Prognose (tradingeconomics.com). Sozial gesehen ist das richtig, aber im internationalen Wettbewerb in der Form, wie es gerade stattfindet, untragbar. Es wäre möglich, wenn die Produktivität stark steigen würde, so zu verfahren. Die aktuelle Situation aber zeigt eine Zuspitzung negativer Tendenzen, die es so im Nachkriegsdeutschland noch nie gab. Die langfristige Arbeitslosenquote gemäß dieser Quelle haben wir hier gar nicht abgebildet, weil ohne Berücksichtigung der Statistikänderungen der Unterschied zu den Hochzeiten der Arbeitslosigkeit von Beginn bis Mitte der 2000er nicht so groß wäre, wie er aussieht, hingegen die Arbeitslosenzahlen aus den Glanzzeiten der Bundesrepublik sich von den aktuellen Zahlen noch mehr abheben würden.

Langfristig kann eine so aufgestellte Wirtschaft, wie wir sie rein datentechnisch aktuell sehen,  nur den Anschluss verlieren. Dann verliert sie auch Arbeitsplätze. Mit etwas Pech sehen wir gerade den Beginn einer Beschleunigung dieses Prozesses, der real, ohne statistische Mätzchen, zu höheren Arbeitslosenzahlen führen wird als vor 20 Jahren. Wir wollen heute nicht wieder alle falsch gestellten Weichen seit Jahrzehnten referieren, aber das Beunruhigende an der aktuellen Situation ist, dass noch nie in der Geschichte der BRD so viele Faktoren sich negativ zeigten, die das Leistungsbild einer Volkswirtschaft bestimmen. Allein, diesen Trend zu bremsen und wieder positiv zu wenden, dürfte unter allergünstigsten Umständen Jahre dauern. Verlorene Jahre, in denen sich anderswo auf der Welt die Dinge weiterentwickelt haben. Den Gap nicht noch größer werden zu lassen, wäre die erste Aufgabe der Politik, aber um ihn wieder zu schließen, bräuchte es eine richtige Strategie für das Land, die Wirtschafts- und Außenpolitik planvoll zusammenschließt. Davon sehen wir im Moment rein gar nichts. Die Probleme sind zwar alle mittlerweile bekannt, sind erkannt. Doch daraus folgt noch lange kein Handeln, das die Dinge wieder vom Kopf auf die Füße stellt.

Wir werden in den nächsten Jahren vermutlich höhere Arbeitslosenzahlen sehen, auch nach der stark geschönten offiziellen Version, die Statista nach Daten von der Bundesanstalt für Arbeit gefertigt hat. 

Es ist nicht so, dass wir nicht seit Jahren auf die Gefahren hingewiesen hätten, die sich aus bestimmten Zahlen gut ablesen lassen, wie zum Beispiel der Stagnation, jetzt sogar dem Sinken der Produktivität. Nun werden diese Probleme, die sich in den Daten zeigen, virulent. Der Problemstau wächst und nimmt Ausmaße an, die die Demokratie weiter erschüttern wird , wenn sich diese Tendenz fortsetzen oder gar beschleunigen sollte.  

TH


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