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Crimetime – Titelfoto © BR

Die Toten Hosen als singende Matrosen

… und die Musi spielt dazu ist ein Fernsehfilm aus der Krimireihe Tatort. Der vom Bayerischen Rundfunk produzierte Beitrag wurde am 11. Dezember 1994 im Ersten als 300. Folge der Reihe erstgesendet. Für die Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr ist es ihr neunter Fall.

Die Vergangenheit der Münchener Ermittler Batic und Leitmayr zu ermitteln, ist beinahe so spannend wie die Tatorte als solche, in denen sie auftreten – wenn nicht spannender, zumindest die frühen Fälle betreffend. Zuletzt hatten wir „Ein Sommernachtstraum“ rezensiert, den fünften Fall der immer noch aktiven Bayern-Kommissare, „… und die Musi spielt dazu“ ist der neunte. Wir haben bei „Ein Sommernachtstraum“ vielleicht nicht die Ironie verstanden, weil sie so sehr hinter Knallchargen-Darstellungen versteckt wurde und außerdem festgestellt, dass Ivo und Franz, besonders letztere, noch viel Luft nach oben hatten. Und wie sieht es vier Fälle später aus? Es steht in der Rezension.

Handlung (1)

Die Volksmusiksendung Bunt ist die Welt soll aufgezeichnet werden. Im Vorfeld gibt es Ärger über die Abfolge der Auftritte. Als Nele Hinrichs, Aufnahmeleiterin und Assistentin des Filmproduzenten Aumann, Hermann Beck und seiner Tochter Jenny mitteilt, dass Anton Jäger, wie immer, der letzte Auftritt vorbehalten sei, reagiert vor allem Hermann Beck unwirsch. Kurz bevor der äußerst erfolgreiche Volksmusikstar Anton Jäger seinen Auftritt hat, erscheint in seiner Garderobe Jens Kühn, ein Boulevard-Journalist mit großen Einfluss in der Volksmusikbranche. Jens Kühn hält Anton Jäger ein „Verbrechen“ aus seiner Vergangenheit vor, das er publik machen werde. Darüber kommt es zu einem heftigen Streit zwischen den beiden, der darin gipfelt, dass der Reporter sich einen Stuhl schnappt und ihn dem Sänger über den Kopf schlägt. Anton Jäger bricht tot zusammen. Jens Kühn verlässt den Ort des Geschehens, ohne zu bemerken, dass Jenny Beck sieht, wie er Anton Jägers Garderobe verlässt.

Jenny Beck will, nachdem Anton Jäger tot aufgefunden worden ist, der Polizei ihre Beobachtung mitteilen, wird von ihrem Vater aber daran gehindert. Hermann Beck plant, Kapital aus dem Wissen der Tochter zu schlagen. 

Rezension

Vier Fälle später sieht es schon um einiges besser aus. Die Bayern sind nicht nur gute Amigos, sondern auch stur im Festhalten an ihren Traditionen, und wenn ein Duo nicht von Anfang an zündet wie eine Rakete, wird so lange mit ihm geübt, bis es passt. Jedenfalls wissen wir jetzt, warum die heute so überragend renommierten Bayern einen nicht ganz einfachen Start hatten.

„… und die Musi spielt dazu“ ist jedoch einer der gelungeneren frühen Fälle. Der besondere Humor der beiden Kommissare ist bereits in Ansätzen zu bemerken, Wachtveitl hat sich schauspielerisch seinem Co Nemec ein wenig mehr angenähert. Vor allem ist der Film eine herrliche Satire auf ein Milieu, das wir zwar nicht gut kennen, bei dem wir uns aber immer wieder fragen, wie es möglich ist, dass die Anhänger der Volksmusik nicht alle werden.

Denn das werden sie nicht. 1994, als der Film herauskam, gab es noch viele Traditionalisten, aber wie schafft die Szene es, immer neue Generationen zu begeistern? Wenn man mal kurz in Volksmusik-Sendungen hineinschaut: Die Alten schleppen die Jungen schon mit zu solchen Veranstaltungen, da sind sie noch gar nicht in der Lage, eigene Entscheidungen zu treffen. Da werden sie schon mit dem Schmarrn infiziert.

Wir können uns über den Heile-Welt-Kitsch köstlich amüsieren, Städter, Nicht-Bayern und überhaupt anders gestrickten Menschen. Vor allem, wenn der Hintergrund so ein Hauen und Stechen ist wie hier, wo die Szene als gar nicht glücklich dargestellt wird. Andererseits, und das wollen wir nicht unerwähnt lassen: Es wird einen Grund haben, dass die Bayern als die zufriedensten Menschen in Deutschland gelten. Schunkeln macht erwiesenermaßen glücklich, Denken hingegen kann zu permanenter Unzufriedenheit führen.

Der Bayerische Rundfunk, der sich diese Satire im Jubiläumstatort Nr. 300 erlaubt, ist auch am Schunkelbetrieb erheblich beteiligt. Und was bitte ist dieser Betrieb sonst als in Musik umgesetzte Rosamunde Pilcher-Verfilmungen des ZDF, die wohl auch erfolgreich sein müssen, sonst würden nicht immer wieder neue gedreht.

Wie auch immer, die Satire ist super geworden. Schon der Liedtext mit dem Platz für zwei in der Kammer, aber nur einem Platz im Herzen, das musikalische Kernstück des Films, gewiss eigenes für ihn komponiert, ist so übel-ironisch, das hat uns mehr als ein Schmunzeln abgerungen. Dass das Publikum im Film nicht merkt, wie hier schon die heile Welt aufs Korn genommen wird, ist nicht unrealistisch. Erinnert ein wenig an Katja Ebsteins Jägerlied aus den frühen 1970ern, das als leicht volksmusikartiger Schlager daherkam und die Männer im Publikum haben nicht gemerkt, dass es sich um eines der ersten satirisch-feministischen Werke im Genre  handelte.

Auch die Dekors, Kostüme, die feisten Sängerinnen – im Grunde soll man keine optischen Bewertungen in eine Rezension schreiben, aber hier gehört der Typus Frau, den es zu bestaunen gilt, zur Satire. Auch dieser Typ, sofern das Übergewicht nicht gefährliche Dimensionen erreicht, ist eben ein Teil des Glücks, das keine zähen Diskussionen mit hageren Feministinnen kennt. Und ist es nicht schön, wie die beiden Polizistinnen mittendrin sind statt nur dabei? Ivo darf ein wenig mit Veronica Ferres flirten, die damals noch nicht so bekannt war wie heute, aber nicht so schlecht ins Szenario passt – andererseits mit ihrer sympathischen Frische als beflissene Managerin deutlich von den ausgelaugten übrigen Persönlichkeiten des Volksmusik-Business absticht und dem Ivo, also dem Zuschauer, auch manch Detail der Branche erklären darf.

Wie hoch der Realitätsgrad des hier Gezeigten ist, können wir nicht aus eigener Anschauung beurteilen, aber die Mechanismen, die hier gezeigt werden, gelten teilweise nicht nur für die Volksmusik-Branche und kamen uns recht authentisch vor, außerdem wird viel echte Musik-Prominenz eingesetzt, an vorderster Stelle die Toten Hosen als singende Matrosen mit falschen Bärten, die einen erheblichen Spaßfaktor einbringen und die Satire unterstreichen.

Generell sind die Schauspielleistungen viel besser als in einigen anderen frühen „Münchenern“ der heutigen Generation, zudem dürfte dieser Tatort nicht nur beim BR einer der ersten im 16:9-Format gewesen sein („Ein Sommernachtstraum“ war noch in 4:3 gedreht, der WDR hatte erst mit dem Einsatz von Schenk und Ballauf im Jahr 1997 auf das heutige Format umgestellt). Das breitere Bild lässt sich selbstverständlich gut nutzen, um schöne Studio- und Volksmusikszenen zu machen, das Filming im Ganzen ist konservativ, was zum Sujet aber gut passt.

Dass das Finale im Dekor einer Studioproduktion stattfindet, ist hingegen eine kleine Extra-Spitze: Hinter dem falschen Pflanzengeranke und den Glücklich-Parolen auf der Bühne (da darf man schon mal über ein Schild „Bunt ist die Welt“ stolpern, wenn das Licht aus und alle Schatten grau sind) werden die realen Tatbestände aufgedeckt und der Täter gefasst. Auch Szenen wie die des chinesischen Trampolinspringers mit ihrer vorgeblich peniblen Choreografie nach dem Willen der Volksmusikkünstlerin Jenny und wie er, als dann vom Balkon gefilmt wird, immer wieder sein Kopf ins Bild springt, sind klasse; eine Art halb verdeckter Slapstick.

Den kennt das Publikum übrigens sehr schnell, denn die Tat an sich, die eher eine Körperverletzung mit Todesfolge denn ein Mord war, die sehen wir live und so plump-direkt, dass sie eindeutig mit zum Ironie-Konzept gehört – im Stil einer Wirtshausschlägerei wird ein Mensch, der leider nicht mehr bei bester Gesundheit ist, ins Jenseits befördert. Prinzipiell ist also „… und die Musi spielt dazu“ ein Howcatchem oder Howcatchhim, allerdings tritt die Jagd auf den Mörder hinter der Darstellung der Volksmusikszene zurück.

Der Zuschauer kann entspannt das Geschehen genießen, denn dass der Journalist am Ende gefasst wird, versteht sich von selbst. Bis dahin aber wird noch ein wenig intrigiert und gesungen und geklatscht und die Ermittlungen ziehen sich gemächlich dahin, obwohl das Opfer so prominent ist und Batic meint, man solle doch per Gesetz Opferklassen einführen, wenn man wolle, dass einem Volksmusiksänger, der gewaltsam ins Jenseits befördert wird, mehr Aufmerksamkeit zukommen soll als einem Obdachlosen, den das gleiche Schicksal ereilt. Die Dynamik unseres Systems will es ohnehin, dass genau solche Unterschiede gemacht werden, aber der frühe Seitenhieb auf selektive Gerechtigkeit und Aufmerksamkeit im Fall des Verbrechens eignet den Münchenern und gibt einen Hinweis auf jene Dialoge, die wir in neueren Fällen häufig von ihnen hören.

Finale

Sicher ist „… und die Musi spielt dazu“ kein extravaganter Krimi, sondern eher Hausmannskost. Aber diese passt doch zu jener Musik, zu der man am besten Knödel und Würstel serviert, um das Glück im fidelen Freistaat perfekt zu machen. Ob man heute die Musikszenen noch so penibel und in langen Einstellungen filmen würde, haben wir uns beim Abgleich des Filmstils mit aktueller Übung gefragt, aber im Grunde ist es richtig so: Das Redundante und aufgrund häufiger Wiederholungen immer gleich belangloser Textzeilen im Grunde todlangweilige, auch melodisch sehr eintönige Liedgut erlangt dadurch erst die maximale Ironisierung. Und wie im Studio ein eher mittelmäßiger Gesang dank Tontechnik so aufgeblasen wird, dass er ein beachtliches Volumen erreicht und so untermalt wird, dass man die Musik gut für ländliche Partys in der Scheune verwenden kann, das sieht man bei der Gelegenheit auch. Das Hochjubeln stimmlich dünner Darbietungen per Mischpult gibt es allerdings nicht nur in der Volksmusik, es unterstreicht hier nur das Falsche an der gesamten Fassade und die Karikatur.

7/10

© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)

Regie Hanns Christian Müller
Drehbuch Orkun Ertener
Produktion Veith von Fürstenberg
Musik Hanns Christian Müller
Kamera James Jacobs
Schnitt Helga Kriller
Premiere 11. Dez. 1994 auf Das Erste
Besetzung

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