Ein Sommernachtstraum – Tatort 278 #Crimetime 721 #Tatort #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #BR #Sommer #Nacht #Traum #Sommernachtstraum

Crimetime 721 - Titelfoto © BR

Sekte, Spritze, Shakespeare

In diesem frühen Tatort mit Batic und Leitmayr wird einiges geboten. So liest sich jedenfalls die Handlungsbeschreibung. In mehreren Rezensionen, die im Wahlberliner veröffentlicht wurden, ist aber auch nachzulesen, dass die nach fast 30 Jahren immer noch aktiven München-Ermittler sich erst entwickeln und etablieren mussten. Der Start war gar nicht so glatt und es war auch dem Schutzengel der beiden Figuren und deren Darsteller, der Produzentin Silvia Koller, zu verdanken, dass sie heute die Kriminaler sind, die so viele Tatorte besichtigt haben wie niemand sonst. Die Fans, die sich auf der Plattform Tatort-Fundus versammeln, haben ihre eigene Ansicht zu dem Film, wie man an der internen Batic-Leitmayr-Rangliste erkennen kann. Unsere Ansicht ist hingegen in der -> Rezensio nachzulesen.

Handlung (Wikipedia)

Im Englischen Garten in München ist eine Theatergruppe dabei, ShakespearesSommernachtstraum“ für ein Jugendfestival zu proben. Neben den Spaziergängern, Freizeitsportlern und anderen, die in der Natur Entspannung suchen, hält sich in dem großen Park auch eine Gruppe von Satansjüngern auf. Eines Tages wird einer ihrer „Jünger Luzifers“ nach einer Überdosis Rauschgift an der Isar tot aufgefunden. Schnell führt die ermittelnden Kommissare Batic und Leitmayr eine Spur zu der Theatergruppe, die mit dem Opfer Streit hatte, da Margot, eines ihrer Mitglieder dabei ist, zu den Jüngern abzuwandern, was die Gruppe zu verhindern sucht. Den jungen Mann ermordet zu haben, leugnen sie allerdings.

Um mit der Sekte in Kontakt zu kommen, kontaktieren die Ermittler den Anführer „Hinky“, der bei einem Motorradunfall einen Unterschenkel verloren hat, was diesen Namen erklärt. Zu seiner Gruppe gehören auch „Ratte“, zu dem sich Margot hingezogen fühlt und eine Reihe von offensichtlich drogenabhängigen Jugendlichen. Für Batic und Leitmayr gestaltet es sich schwierig, der Gruppe eine Schuld am Tod des jungen Mannes nachzuweisen. Nachdem sich das Opfer als der aktenkundige Wagenseil entpuppt, deutet sein Vorstrafenregister auf wenig Freunde. Seine Bewährungshelferin Olga bestätigt, dass der Junge ständig in Schwierigkeiten steckte und letztendlich in die Drogenszene abgerutscht wäre. So erfahren sie auch, dass sich seit einiger Zeit Simmerding, ein Kollege der Drogenfahndung, für die Gruppe interessiert und Wagenseil dort als V-Mann eingeschleust hatte. Während Batic und Leitmayr dabei sind, ihren Kollegen zu maßregeln, weil er sie nicht davon in Kenntnis gesetzt hatte, sind einige Mitglieder der Theatergruppe dabei, einem der „Jünger Luzifers“ aufzulauern. Diese Aktion eskaliert und der junge Mann erleidet einen Herzinfarkt und stirbt. Damit haben die Ermittler einen weiteren Todesfall aus der umstrittenen Glaubens-Gruppe, den sie allerdings zügig als Körperverletzung mit Todesfolge aufklären können.

Bei ihren Ermittlungen zum Fall Wagenseil gelingt es Batic und Leitmayr, Margot aus den Fängen der Satansjünger zu befreien. Dem Sektenführer Hinky missfällt dies und er demonstriert seine Macht, indem er in der Nacht die Theaterkulissen der Amateurschauspieler anzündet.

Zunächst erklärt Margot der Polizei, dass Wagenseil die tödliche Dosis Rauschgift von „Hinky“ gespritzt worden wäre. Batic und Leitmayr wollen ihn daraufhin festnehmen, doch ehe ihnen dies gelingt, stürzt er sich freiwillig in den Tod. Nachdem Margot weiter „ausgenüchtert“ ist, beschuldigt sie am Ende ihren Freund „Ratte“, Wagenseil das Rauschgift verabreicht zu haben.

Rezension

Zunächst einmal muss man dem Bayerischen Rundfunk danken, dass er ältere Fälle von Ivo Batic und Franz Leitmayr wieder auspackt und sich dabei nicht darum schert, welches Renommee diese haben. Für uns sind diese Tatorte mindestens wichtig, um ein Gesamtbild der beiden heutigen noch aktiven Legenden zu bekommen und über ihre nunmehr 25jährige Dienstzeit.

Deswegen war’s ein Fest für uns, als wir vor einiger Zeit „Animals“ rezensieren konnten, den allerersten Tatort der heutigen Generation. Freilich hatte dieser Film in mancher Hinsicht nicht den Eindruck erweckt, er entsamme wirklich derselben Schmiede von Spitzentatorten, die dafür sorgte, dass die Münchener nicht nur die Anzahl ihrer bisherigen Fälle, sondern auch deren Qualität betreffend, sehr weit vorne liegen. Zumindest kann kein anderes Team so viele Spitzentatorte vorweisen (zugrundeliegend die Rangliste des Tatort-Fundus).

Allerdings verstehen wir nach „Animals“ und jetzt nach „Ein Sommernachtstraum“ auch mehr und mehr das Phänomen, dass die beiden Typen mit den prächtigen Haarschöpfen alles andere als einen einfachen Start hatten. Sie waren eben zu Beginn der 1990er noch sehr jung für ihre Funktionen als gleichberechtigte Leitende Ermittler, und das merkt man ihnen auch an. Von der heutigen, souveränen Handlungsweise ist wenig zu spüren. Um es vom Hier und Jetzt aus zu betrachten: Besonders Udo Wachtveitl als Franz Leitmayr hat im Lauf der Zeit erheblich zugelegt, Mirolsav Nemec als damals erster wichtiger Ermittler mit Migrationshintergrund dagegen wirkt auch in den ersten Tatorten der beiden schon etwas kantiger und kompakter.

Obwohl Carlo Menzinger (Michael Fitz) offenbar in „Ein Sommernachtstraum“ noch nicht fest ins Team integriert war, sondern einer anderen Dienststelle, jedenfalls nicht er Mordkommission, angehört, wenig Spielzeit hat und ziemlich undifferenziert zu spielen hat, wirkt er als Darsteller kompletter als seine beiden (späteren) Chefs. Dafür zeigt er besonders deutlich die Nachteile der Mode der frühen 1990er Jahre mit ihren schrecklichen Krawattenmustern und der Tendenz, selbst Trachtenjanker wie Zelte aussehen zu lassen.

Wir wollen der Mode aber nicht die Hauptschuld daran geben, dass dieser Film den trashigsten Eindruck aller bisher gesehenen München-Folgen macht und dabei nicht die Ironie aufweist, die spätere Filme begleitet, die ein wenig ins Vulgäre oder Schräge gehen. Dass man den Tatort nicht in die bewusst auf skurril gemachte Schiene setzen kann, liegt wiederum daran, dass es diese in den frühen 1990ern kaum gab, dass wir dies auch wissen, und dass der Humor noch kaum zündet. Es gibt schon gute Einzeleinfälle wie die „Putativnotwehr“ (die wirklich existiert und reizend erklärt wird), aber noch nicht diese wunderbare Mischung aus robustem Humor und soziale Einfühlsamkeit, welche die Münchener heute als Markenzeichen für sich reklamieren können.

An diesem Tatort stimmt beinahe gar nichts. Es beginnt damit, dass kaum eine Figur den richtigen Ton trifft. Warum alle angesichts einer Mordserie immer so gut drauf sind ständig herumfeixen, erklärt sich in keiner Weise, allenfalls kann man mangelnde Schauspielerführung dafür verantwortlich machen. Mag schon sein, dass angesichts dieses für damalige Verhältnisse recht schrägen Settings mit dem Thementrio Sekte, Spritze, Shakespeare alle am Dreh gut drauf waren und manch Scherz die Runde machte – aber vor der Kamera muss man in dem Moment, in dem es gewaltsame Todesfälle zu untersuchen gibt, auch mal ernst oder wenigstens genervt sein können. Die München-Cops sind damals ganz offensichtlich als lockere Sonnyboys installiert gewesen, worauf auch der rote Porsche Targa von Leitmayr hindeutet, der unter anderem belegt, dass nicht Lannert aus Stuttgart der erste Tatort-Kommissar ist, der ein Zuffenhausener Automobil viel lieber als einen schnöden Dienst-Mercedes (bei den Münchenern natürlich einen BMW der jeweils aktuellen 5er-Reihe) kutschiert – und dass Braun das neue Rot ist. Dass ausgerechnet so ein fluffiger Typ wie Leitmayr dann über die Studenten lästert, die im Englischen Garten Laientheater machen, wirkt ein wenig sonderbar, er ist ja auch so ein Polizei-Yuppie gewesen, in jenen frühen Jahren.

Was die Qualität der Aufführungen der Studenten angeht, und immerhin hält Shakespeare für den Titel des 278. Tatorts her, können wir aber nicht nur Leitmayr verstehen, obwohl er hier auch noch nicht maximal professionell wirkt. Denn wie konnte es passieren, dass wir in dem Moment, als die Drogensatanisten das kleine Theaterzelt ansteckten, so etwas wie Erleichterung empfanden? Sicher nicht, weil wir etwas gegen das Theater als solches haben.

Vielleicht waren es die unterdurchschnittlich besetzten Nebenrollen bzw. deren unterdurchschnittlich geführte Darsteller, die uns das Niederbrennen des Stupendenzeltes als kathartischen Moment erscheinen ließen. Dass dann auch einer der Brandanschläger gleich per Benzinverpuffung mit draufing – vielleicht waren’s sogar zwei – verbindet sich mit der Laienspieltruppe im Sommergarten auf eine beinahe psychopathisch anmutende Weise  zu einem Gesamtkrimi, der für die frühen 1990er nicht nur eine hohe Opferzahl aufweist, sondern auch Themen miteinander vermengt, von denen keines auch nur annähernd glaubwürdig dargestellt ist. Wir haben nun nicht die CVs des Regisseurs und der Drehbuchschreiber recherchiert, aber wir meinen, die gehörten nicht der Generation an, die hier dargestellt werden soll. Vor allem werden sich echte Satanisten über den Hokuspokus und die gleichermaßen überzogene wie reduzierte Art kringelig gelacht haben, mit der man hier dem Thema Sekte nicht gerecht worden ist. Ob diese Lächerlichmachung beabsichtigt war? Jedenfalls hat man dem Hinweis auf die echten Gefahren des Abdriftens in scheinreligiöse Milieus mit dieser Darstellung keinen Gefallen getan.

Auch die dazu ausgewählte Musik betreffend, können wir kaum an Ironie glauben, aber schon damals hätte es elektronische Rhythmen oder genug Gruftiges gegeben, um dem Satanismus die passende Untermalung zuteil werden zu lassen.

Finale

„Ein Sommernachtstraum“ ist ja selbst ein ziemlich wirres und pralles Stück, vielleicht wollte man diese Struktur im Film spiegeln, aber es fehlt der Durchbrecher der Vierten Wand, den es dann endlich im Jahr 2014 in „Im Schmerz geboren“ gibt und der uns mitteilt, dass alles, was wir sehen, (Schmieren-) Theater ist. Und für einen Nachdreh ist es zu spät, dieser jahrzehntelange Abstand würde auf jeden Fall nicht unverborgen bleiben.

Wir haben erst ein einziges Mal, und das mehr aus politischen Gründen, weniger als 5/10 für einen Tatort gegeben, gemäß unserem Wertungsschema, das sich allgemein an die Regel hält, dass die Tatort-Reihe nun einmal ein Premium-Produkt unter den deutschen Krimis ist, schauspielerisch, ausstattungstechnisch und die Qualität von Regie und Drehbüchern betreffend am oberen Ende der nationalen Skala. „Ein Sommernachtstraum“ wird nun aber ebenfalls schlechter wegkommen – so stümperhaft wie dieser wirkte auf uns bisher kein anderer Münchener Tatort, gleich welcher Generation, auch nur annährend.

4/10

© 2020,  2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Kommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Karl Wagenseil – Sebastian Fischer
Hinky – Max Tidof
Ratte – Wolfgang Bauer
Margot – Luci Langenwalter
Cheesy – Gerald Günther
Foxy – Konstantin Moreth
Aramis – Beatrice Murmann
u.a.

Drehbuch – Franz Geiger, Hans Dräxler
Regie – Walter Bannert
Kamera – Kurt Lorenz
Schnitt – Helga Kriller, Brigitte Vohwinkel, Barbara Welzig
Musik – Roland Baumgartner, Gary Lux («Frozen Heart»)

 

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