Crimetime 1224 – Titelfoto © MDR, Hardy Spitz
Abseits ist ein Fernsehfilm aus der Kriminalreihe Tatort der ARD, des ORF und SRF. Der Film wurde vom MDR produziert und am 28. November 2004 erstmals ausgestrahlt. Es handelt sich um die Tatort-Folge 581. Für den Kriminalhauptkommissar Bruno Ehrlicher (Peter Sodann) und seinen Kollegen Kain (Bernd Michael Lade) ist es der 15. Fall, in dem sie in Leipzig ermitteln.
Der Tatort 581 ist nicht mit der Nr. 805 „zu verwechseln, die im Jahr 2011 erschien und sozusagen der Begleit-Krimi zur Frauen-Fußballweltmeisterschaft in Deutschland war – einer der schlechtesten Tatorte, die wir bisher in über 400 Kritiken im Rahmen der TatortAnthologie zu besprechen hatten (Rezension). Darüber hinaus gibt es noch den Polizeiruf Nr. 247 „Abseitsfalle„.
„Abseits“ wurde schon im Jahr 2004 ausgestrahlt wurde, als es noch kein Sommermärchen gab und alles das, was folgte. Die Helden der Kiddies gemäß Fan-Shirts hießen Ballack und Kuranyi, woran man sehen kann, das alles ist längst Geschichte. Letzterer ist ja gerade mit einer Art Altersvertrag in die Bundesliga zurückgekehrt, aber ob das nochmal was wird?
Anmkerkung anlässlich der Veröffentlichung des Beitrags im Jahr 2024: Den Text haben wir weitgehend aus dem Entwurf von 2015 übernommen. Gerade läuft die K.-o.-Phase der EM 2024.
Handlung (1)
Hauptkommissar Ehrlicher will gerade zu seinem Urlaub nach Paris aufbrechen, als ihn sein Chef zum neuen Leipziger Zentralstadion schickt, das in zwei Tagen mit einer großen Feier eröffnet werden soll. Dort ist Susanne Fellner, Leiterin der Personalabteilung, erschlagen aufgefunden worden. Direkt vom Flughafen fährt Ehrlicher zum Stadion, wo schon sein Kollege Kain und die Spurensicherung ihre Arbeit aufgenommen haben.
Bei den Ermittlungen stoßen die Polizisten zunächst auf unzufriedene Angestellte. Die junge Personalleiterin hatte sich unbeliebt gemacht, denn sie interessierte sich ausschließlich für ihre eigene Karriere und rentable Zahlen. So hatte sie erst kürzlich den Angestellten Ralf Rogge gefeuert. Auch Hausmeister Georg Bracht sollte entlassen werden. Vierzig Jahre schon schuftet Bracht hier und kennt den Stadionchef Hartmut Utz noch aus der Zeit, als dieser selbst erfolgreich Fußball spielte. Bracht ist stolz darauf, dass es sein Sohn Daniel als Ingenieur zum technischen Leiter im Hause gebracht hat. Handelt es sich bei dem Mord also womöglich um einen Racheakt? Anna Fellner, die Schwester der Ermordeten, bestätigt, dass Ralf Rogge Susanne bedroht hat. Der vorbestrafte Ex-Boxer hatte Annas Tanzstudio renoviert, konnte sich dann mit Susanne nicht über den Preis einigen – und ist ausgerastet.
Hellhörig werden Ehrlicher und Kain, als sie erfahren, dass Stadionleiter Utz Anna Fellner persönlich über Susannes Tod informiert hat. Merkwürdig ist auch, dass Utz einem Gespräch mit den Kommissaren ausweicht. Die Kommissare scheinen auf dem richtigen Weg zu sein. Wie sich herausstellt, hatte Utz ein Verhältnis mit der Ermordeten. Da demoliert Ralf Rogge Annas Tanzstudio. Bei seiner Festnahme bestätigt er den Krach mit Susanne, beteuert aber seine Unschuld an ihrem Mord. Mitten in den verwüsteten Räumen findet Kain eine Rechnung, die Susanne offenbar dort versteckt hatte. Die Spur führt zu Hannelore Utz, der Ehefrau des Stadionleiters, und ihren unsauberen Geschäften. Wurde sie von der Toten erpresst?
Rezension
Aus dem Leipziger Zentralstadion, das im Film eine wichtige Rolle spielt, ist jedenfalls mittlerweile die Red Bull Arena geworden, deren Betreiber derzeit eindrucksvoll beweisen, dass man mit Geld allein keine Aufstiege kaufen kann (beim Lesen daran bitte denken: Der Text ist aus dem Jahr 2015, mittlerweile hat sich RB Leipzig im oberen Drittel der Bundesligatabelle festgesetzt). Aus den Friktionen, die dadurch entstehen, dass die Zweitligamannschaft mit dem höchsten Etat nicht so richtig in die Gänge kommt, könnte man einen schönen Tatort machen.
Im „Abseits“ sind nicht nur die Kicker von Red Bull nicht zu sehen, sondern gar keine. Alles findet nur m Vorfeld eines Spieles statt, das zur Eröffnung der neuen Arena abgehalten werden soll und mit Hartmut Utz, dem früheren lokalen Sportidol, als Zugpferd, als Verbindung von gestern nach morgen etc.
Ehrlicher wird’s verkraften, dass wir mal ehrlich sind: Sportkrimis funktionieren irgendwie nicht so richtig, obwohl „Abseits“ nicht ganz so schlecht ist wie „Im Abseits“. Das liegt wohl daran, dass zwar Ersterer bloß wieder das alte Lied vom armen alten Ossi singt, der von neumodischen Managertypen missachtet wird, Letzterer aber diese riesige Frauenfußballmission mit sich herumschleppt und dazu leider auch noch echtes DFB-Personal aufbietet, dessen schauspielerisches Talent weit unter der Wasseroberfläche liegt.
Außerdem ist der Fall im Ehrlicher-Krimi durchaus noch wahrnehmbar und nicht komplett in den Hintergrund gedrängt, und das Dauer-Darstellerteam Peter Sodann, Bernd-Michael Lade, Walter Nickel und Annekathrin Bürger hat schon diese Flockigkeit, die in den Leipziger Folgen deutlich ausgeprägter ist als in den vorangehenden Dresdner Episoden – wobei Friedrike (Bürger) in Dresden noch nicht dabei war. Man hat Sodann und Lade und Nickel schon bessere Dialoge geschrieben als in „Abseits“, aber das Prinzip funktioniert, die Chemie stimmt.
Außerdem ist „Abseits“ für MDR-Verhältnisse mit einer durchaus flotten Bildsprache augestattet, Szenen, Schnitte sind weniger ausgespielt als in manch anderem Ehrlicher-Tatort, die Übergänge haben eine gewisse Dynamik. Aber ist der Film auch spannend?
Wären die Figuren besser geeignet, uns in den Fall hineinzuziehen, wäre auch der Wunsch nach Auflösung vielleicht drängender. Zwischendurch hatten wir den wahren Täter schon einmal im Visier, weil er so auffällig unauffällig ist und irgendwie immer in dieser Sache drin, ohne dass man anfangs etwas mit ihm anfangen kann, wenn es um die Aufstellung des Verdächtigenkreises geht. Im Verlauf war es uns dann mehr oder weniger egal, wer letztlich die böse Jungmanagerin ermordet hat, die ältere Mitbürger beiseite schiebt und außerdem krumme Geschäfte mithilfe einer Ausrüsterfirma betreibt, die ein Strohmann für sie betreibt. Ein Opfer muss nicht sympathisch sein, um uns für das Rätsel um den Mörder oder die Mörderin zu interessieren, aber diejenigen, die es auf dem Gewissen haben, sollten uns etwas sagen. Das tut hier beinahe keine Figur, auch wenn das vertraute Gesicht von Fritz Wepper als Ex-Sportler erscheint und uns gleichzeitig an den Start des Schauspielers als „Harry“ in der Krimireihe Derrick erinnert. Als Ex-Sportler hätte man es aber mal mit einem Typ versuchen können, der das mehr verkörpert. Einen echten früheren Fußballer zu verpflichten, hat man Gott sei Dank unterlassen, denn in Deutschland gibt es keinen, der hinreichend Show- und Schauspieltalent hätte, um eine schillernde Repräsentationsfigur abzugeben. Auch eine weniger schillernde, wie den recht braven Utz, muss man erst einmal darstellen können.
Drehbuchkritik muss auch mal wieder sein, aber konstruktiv – was natürlich diesem Tatort nichts mehr bringt. Anstatt diese umständliche Ausgangssituation zu erfinden, in der Ehrlicher gerade nach Paris abschwirren will, was für den Fall nie relevant wird, hätte man die alsbald tote Managerin erst einmal lebend zeigen können und sie ein wenig für den Zuschauer aufbereiten, damit er eine Einstellung zu ihr hat, wenn sie stirbt – und nicht ihren Charakter nachträglich anhand ziemlich standardisiert wirkender Statements Dritter erklärt bekommen muss. Mehr Drama zu Beginn wäre eine gute Idee gewesen, um diesen etwas zähen Krimi bezüglich seiner Emotionalität aufzuwerten.
Finale
Dass Ehrlicher und Kain im leeren Stadion gleichzeitig Torschusstraining machen, wirkt, wie einige andere Details, sehr nett und humorvoll und legt eine ironische Note über die Tatsache, dass wir nie echte Kicker zu Gesicht bekommen. Zumindest keine aktuellen und natürlich schon gar nicht die Nationalmannschaften Deutschlands und Frankreichs, die hier zur Eröffnung gegeneinander spielen sollen. Die eintreffenden französischen Offiziellen haben keinerlei Funktion in diesem Krimi, was sicher eine der besseren Ideen von „Abseits“ ist. Viele kleine Gags rund um das Ermittlerteam werten einen Durchschnittskrimi auf, ohne ihn zu einem der wichtigeren Tatorte zu machen – es sei denn, man ist besonders an der Entwicklung der Stadt Leipzig und des dortigen Fußballs interessiert.
6,5/10
© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)
Musik: Günther Illi
Kamera: Achim Poulheim
Buch: Horst Freund
Regie: Hajo Gies
Hauptkommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Hauptkommissar Kain – Bernd Michael Lade
Hartmut Utz – Fritz Wepper
Hannelore Utz – Charlotte Schwab
Anna Fellner – Julia Thurnau
Jost Meckel – Zacharias Preen
Georg Bracht – Günter Junghans
Daniel Bracht – Siegfried Terpoorten
Ralf Rogge – Igor Jeftic
Polizeipräsident – Hanns-Jörn Weber
und andere
Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

