Im Abseits – Tatort 805 #Crimetime 791 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Abseits #Fußball

Crimetime 791 - Titelfoto © SWR, Jacqueline Krause-Burberg

I. Kurzkritik

Spätestens, als die viele Prominenz auftrat, hatten wir ein unangenehmes Gefühl im Bauch, was den Tatort 805 „Im Abseits“ angeht. Auf der einen Seite ist es schön, wenn der Frauenfußball promotet wird, andererseits – der Schuss scheint uns hier nach hinten losgegangen zu sein. Ein Eigentor, möglicherweise.

Nicht für die Frauen-WM im eigenen Land, die heute in einer Woche, am 26. Juni 2011, mit dem Eröffnungsspiel Deutschland-Kanada starten wird. Auch nicht für den Frauenfußball insgesamt.

Aber für den Tatort und die Rollen der Beteiligten. Das liegt daran, dass hier einiges durcheinander gegangen ist und dazu geführt hat, dass keine Tiefe und keine Glaubwürdigkeit entstehen konnte. Der Tatort Im Abseits strotzt von Klischees, außerdem wurden richtige Fakten und Fiktion zu stark vermischt, was den Frauenfußball betrifft.

Viele historische und tatsächliche Informationen stimmen zwar, aber zum Beispiel der Abgleich US-Profiliga und deutsches Amateurwesen fragwürdig. Uns ist keine deutsche Topspielerin bekannt, die Absichten  zum Wechsel in die USA hätte, wenngleich der Frauenfußball dort sehr beliebt ist und schon länger Akzeptanz genießt als in Deutschland (weshalb die USA bis heute die erfolgreichste Frauen-Fußballnationalmannschaft stellen, vor Deutschland). Dort gab es schon Stars wie Mia Hamm, bevor  in Deutschland über Frauenfußball viel gesprochen wurde, aber derzeit ist die US-Profiliga von  kommerziellen Problemen belastet, auch wenn die Brasilianerin Martha dort so viel verdient wie der der deutsche Topverein Turbine Potsdam insgesamt an Jahresbudget zur Verfügung hat (nur der FFC Frankfurt liegt in Deutschland deutlicher besser). Uns ist keine deutsche Topspielerin bekannt, die derzeit Wechselabsichten Richtung USA hat.

Ermittlungstechnisch ist der Tatort 805 sehr konventionell, es gibt keine ganz starken Fehler, aber die eine oder andere stark fragwürdige Szene. Das Problem aber sind dieses Mal nach unserer Ansicht die Figuren, die sehr klischeehaft gezeichnet sind und die zu große Viefalt an Themen, die allesamt nicht wirklich ausgearbeitet werden.

II. Inhalt, Besetzung, Stab

Zusammen mit ihrer Trainerin Petra Krömer hat sich die Frauenfußballmannschaft des FC Eppheim nach oben gearbeitet und hat die Meisterschaft nun fest im Visier. Dabei setzt Krömer im Tatort „Abseits“ vor allem auf die sehr leistungsstarke Spielerin Sonja Tossik. Doch der Manager Klaus Meingast setzt eher auf ihre attraktive Konkurrentin Fadime Gülüc und fördert diese. Auch wurde sie von ihm schon zum Aushängeschild des Vereins gemacht und wird vermarktet. Doch als man sie ermordet, sehen sich Lena Odenthal und Mario Kopper im Tatort „Abseits“ vielen Aggressionen und auch Motiven gegenüber.

So verloren z. B. Petra Krömer und auch Sonja Tossik wegen der Toten immer mehr Boden im Verein. Die junge Frau verletzte aber auch ihre Familie und deren Erwartungen, als sie sich für den Fußball und gegen ihren Verlobten Tobias Freitag entschied. Nun fragt man sich, ob er der Trennung, welche er im Tatort „Abseits“ hartnäckig leugnet, nicht verkraftet hat. Oder war es ihre Konkurrentin im Verein, die nicht damit klarkam, dass in der internationalen Karriere die besser vermarktete Spielerin die Oberhand gewinnt und sie anhängt? Die beiden Ermittler vermuten hinter der tat tief verwurzelte Gefühle und Kopper wird dabei nicht müde zu betonen, dass Fußball eine Leidenschaft ist.

Besetzung der Tatort – Folge „Im Abseits“:
Hauptkommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Hauptkommissar Mario Kopper – Andreas Hoppe
Frau Keller – Annalena Schmidt
Kriminaltechniker Peter Becker – Peter Espeloer
Petra Krömer [Trainerin] – Susanne-Marie Wrage
Gerichtsmedizinerin – Brigitte Zeh
Tobias Freitag – Constantin von Jascheroff
Martin Jansen – Stefan Konarske
Irem Gülüc – Siir Eloglu
Klaus Meingast – Bernd Gnann
Fadime Gülüc – Filiz Koc
Batur Gülüc – Ferhat Keskin

Stab:
Regie – Uwe Janson
Buch – Jürgen Werner

Als prominente Fußballgäste:

Dr. Theo Zwanziger – DFB-Präsident
Joachim Löw – Bundestrainer Herrn-Nationalmannschaft
Silvia Neid – Bundestrainerin Damen-Nationalmannschaft
Oliver Bierhoff – Teammanager Herrn-Nationalmannschaft
Steffi Jones – OK-Präsidentin Damen-Fußballweltmeisterschaft 2011 in Deutschland
Celia Okoyino da Mbabi – Nationalspielerin (kurze Sprechrolle)
Mehrere Nationalspielerinnen – Statistenrollen, u. a. Fatmire Bajramaj als Nachbarin von Fadime Gülüc in der Mannschaftsaufstellung

III. Rezension

  1. Eine seltsame Art von Promotion

Auf der einen Seite ist es ja nett, dass sich beinahe die gesamte weibliche und männliche DFB-Nomenklatura für den Film zur Verfügung gestellt hat, aber der Werbeffekt erscheint uns fraglich, angesichts des Themas. Dass sich als Mörder der Spielerin Fadime Gülüc ein fanatischer Fußballfan und Traditionalist herausstellt, ein Faktotum des Frauenvereins, das den Aufstieg durch vier Ligen mitgemacht hat, mit dem man trotz seiner lebensfremden Einstellung am Ende ein wenig Mitleid hat, das birgt ja, wenn man es ernst nimmt, eine Botschaft, die der DFB nicht unterstützen kann. Nämlich die, dass die heutige Kommerzialisierung des Sports generell und nicht nur bei den Frauen, wo sie erst einsetzt, das Herz des Fußballs zerstört.

Viele Fans haben diese Einstellung, man merkt das immer, wenn in Fußballforen gegen den FC Bayern gegiftet wird, die seit langem am professionellsten geführte deutsche Fußballmannschaft. Es ist eben die Frage, ob Fußball das Herz durch Zusammenstehen, durch  Gemeinschaft wärmen soll – oder durch Erfolge. Das eine wird als wichtig angesehen, wenn das andere aber nicht eintritt, ist es mit dem Frieden heutzutage auch schnell vorbei, wie unzählige Trainerwechsel in der Männer-Bundesliga in der abgelaufenen Saison gezeigt haben. Dass die Trainerin des hier gezeigten FC Eppheim, dass der Manager, dass alle unter Druck stehen, das ist nicht unrealistisch. Und dass eine Spielerin, die  aus dem Rahmen fällt, alles durcheinander bringt, ist in einem Kollektiv (die Trainerin stammt ja hier nicht umsonst aus der DDR) ein negativer Aspekt. Dagegen spricht wiederum der Werbeeffekt für den Verein und den Sport. Aber wo sind die Grenzen?

Nach unserer Ansicht hat man in „Im Abseits“ deutlich zuviele Problemfelder angeschnitten, um einem davon gerecht werden zu können.

  1. Nationales, Religiöses, Kommerzielles, Sportliches

Sicher war das alles gut gemeint, um den Zuschauern alle Faktoren des Frauenfußballs in 90 Minuten nahezubringen. Aber man hat vielleicht die Informiertheit der Menschen ein wenig unterschätzt. Zwischen Tatortfans und Fußballfans dürfte eine Schnittmenge von mehr als 50 % bestehen, und für diese Klientel ist der Tatort 805 zu basic. Zudem ist es nicht so, dass der Frauenfußball gegenwärtig nicht wahrgenommen wird. Natürlich konnte man im Winter, als der Tatort gedreht wurde, noch nicht ganz einschätzen, wie z. B. die Ergebnisse der Frauen-Nationalmannschaft vor der WM sein würde und wie der Ticketverkauf laufen wird. Er läuft sehr gut, auch ohne den Tatort 805.

Ginge es darum, dass nur Menschen zum Fußball gehen, die den ganzen Betrieb nicht auch als Problemfeld kennen, wäre der Tatort-Schuss hier wirklich nach hinten losgegangen. So aber trifft er lediglich das Tor nicht. Er wird nichts bewirken, was die Wahrnehmung des Frauenfußballs angeht. Alles, was hier gezeigt wird, gibt es bei den Männern auch. Zicken sind dort kindische Millionäre, Mimosen, verbiesterte und eher lockere Typen, Stars und Mitläufer, Eifersucht und Geltungsdrang gibt es in beinahe allen Mannschaften, bei denen es wirklich um etwas geht, das ist ganz geschlechtsneutral. Das einzige Thema, das es bei Männern nicht in dieser Form gibt, ist: Sollen muslimische Frauen Fußball spielen (dürfen)? Wenn man sieht, wie die Sache hier ausgeht, muss man fast sagen: Die Eltern, die das nicht wollen, haben recht.

Und diese Botschaft wäre falsch. Sie haben natürlich nicht recht, generell gesprochen. Dieses Thema war wohl auch das Thema zu viel. Da schmeißt sich der Vater Gülüc in der Rechtsmedizin wohl die Leiche seiner Tochter über die Schulter und trägt sie wohl über die offene Straße nach Hause, wo sie dann im Bett aussieht, als ob sie schliefe, obwohl schon mehrere Tage tot. Das ist peinlich. Die islamische Grundregel der Bestattung möglichst am Sterbetag  ist sowieso verletzt. Auch auf die hiesige Sargpflicht als dem Islam entgegenstehend wird eingegangen, aber das ist einfach zu viel für den Fall (in Berlin ist sie übrigens aufgehoben, auf speziellen Grabfeldern kann wegen der abweichenden religiösen Vorschriften auch ohne Sarg bestattet werden).

Es gibt einige  schöne Szenen, Videoaufnahmen aus dem Leben der ermordeten Fadime Gülüc, gut gemacht, wie am Ende einmal eine Sequenz aus der Zeit gebracht wird, als die  Mannschaftswelt noch in Ordnung war und die Frauen offenbar nicht einmal auf Rasen trainiert hatten – seltsamerweise, denn das kleine Stadion dürfte ja wohl schon länger einen haben und Trainingsplatz und Spielstätte sind hier sicher identisch. Egal. Der Punkt ist, dass das religiöse Thema hier hätte rausgenommen werden können. Wechselweise das kommerzielle.

Dieser Managerverschnitt namens Meingast (Bernd Gnann) ist selbst für die manchmal nicht sehr professionell wirkenden Fußballverhältnisse in Deutschland ein wenig zu holzschnittartig gezeigt. In einer Szene wird der Verein quasi als das Hoffenheim des Frauenfußballs angedeutet, aber da täte man Dietmar Hopp und seinem Management wohl doch ein wenig Unrecht. Wie der Meingast hier seinen kleinen Angstellten, das Urgestein des Vereins, kaltschnäuzig feuert, nur, weil dieser eine Gedenkplakette für Fadime fertigen will und das kleine Faktotum dann durchdreht – zum zweiten Mal – das ist schon ganz schön grob geschnitzt, auch wenn es das geben kann, dass jemand, der seinen Lebensmittelpunkt verliert, aus den Fugen geht. Wie dieser ruhige, kleine Mann außer sich gerät, das ist halt etwas an den Haaren herbeigezogen, auch, dass er Fadime umbringt, weil sie den Verein verlassen will und ihm damit schaden könnte – oder ist es eher, wie sie sich für zweifelhafte Werbefotos zur Verfügung stellt? Das kommt nicht ganz klar heraus.

  1. Fehlende Dramatik

Gerade Sportkrimis kann  man doch sehr schwungvoll inszenieren, aber die Tatortmacher tun sich damit schwer. Sind Regisseure und Drehbuchautoren zu wenig sportnah? Natürlich wäre es viel Aufwand gewesen, zum Beispiel die Mannschaft auch spielen zu lassen, mit Zuschauern, mit Stadionatomosphäre und allem Pipapo. Andererseits geht doch heute alles auf digitalem Weg, so teuer wäre das dann auch nicht gewesen. Schlimmstenfalls hätte man irgendein reales Stadion wiedererkannt. Da Kommerz und Religion die Hauptrolle spielenk, geht das Sportliche generell zu sehr unter. Die Dynamik innerhalb der Mannschaft wird nur gestreift und anhand einer einzigen konkurrierenden Spielerin darsgestellt, die sich durch Gülüc zurückgesetzt fühlt.

Außerdem hat man früh bei diesem Whodunit so eine Berührung mit der Wahrheit. Der Manager? Nein, zu offensichtlich. Eine konkurrierender Spielerin? Da hätte der DFB wohl kaum seine Prominenz mitmachen lassen. Die türkische Familie? Das geht aus Gründen der politischen Korrektheit nicht – zumal man in Ludwigshafen mit dem Thema schon durch war, wobei man tatsächlich einen Schritt hin zum Ehrenmord gewagt und dann gewissermaßen einen Umweg gemacht hat, um nicht zu viele Diskussionen auszulösen  (im bereits rezensiertenSchatten der Angst).

Da blieb als Täter eigentlich nur noch der stille, freundlich wirkende, aber fanatische Fußballfan übrig, der als Platzwart und Mädchen für alles seit Jahren für diesen Frauenfußballverein lebt und dem man abnimmt, dass er dabei nicht die oft sexuellen Hintergründe auslebt, die viele Männer am Frauensport faszinieren. Wobei wir mal nicht das Fass aufmachen wollen, was viele Frauen an männlichen Sportlern wirklich anzieht.

  1. Die Ermittler

Wir können’s nicht ändern, gerade erst haben wir Lena Odenthal ein wenig von den überhöhten Nordkommissarinnen-Figuren abgehoben, dann diese Enttäuschung. Sowohl sie als auch der  Kollege Kopper agieren rüpelhaft und wirken stellenweise pubertär. Wir meinen nicht die Szenen, in denen sie Tisch- oder Straßenfußball zusammen spielen, obwohl man auch die noch etwas schöner hätte gestalten können. Sondern die  ganze Art. Eine Mischung aus angenervt und urlaubsreif und zu  wenig über den Dingen stehend. Und das auch noch recht beliebig verteilt. Da kann man beinahe von einer gewissen Lieblosigkeit der Regie gegenüber den Ermittlerfiguren sprechen, trotzdem Kopper am Ende den Hund des Täters mitnimmt – und hoffentlich behalten darf. Das Duo Kopper / Odenthal ist wohl auch ein Opfer zu vieler Themen geworden, die es schwer machen, Kurs zu wahren – die Ermittler müssen sich ständig positionieren und wirken überfordert. Nicht so sehr als Ermittler, aber als gute Figuren.

IV. Fazit

Daraus hätte man mehr machen können, das ist der Hauptgedanke ca. 80 Minuten nach dem Ende des Tatortes „Im Abseits“. Entweder einen echten Fußballkrimi … oder? Oder gar nichts. Nach Abwägung meinen wir, das Thema der Herkunft der Spielerin hätte man höchstens streifen sollen. Das wäre auch im Sinn der selbstverständlichen Integration, die zumindest auf der hohen Ebene der Nationalspieler und -spielerinnen mittlerweile herrscht, zweckdienlicher gewesen. Natürlich gibt es auch das andere alles noch, die Tradition, die gegen die Karriere von Frauen muslimischen Glaubens nicht nur im Sport steht – aber dann hätte man es zentral und damit glaubwürdiger und differenzierter darstellen müssen.

Hier ist man wieder der Versuchung erlegen, möglichst viele Fährten auszulegen und sie auch noch alle mit ziemlich weit gefassten Themen zur verknüpfen – was letzlich zu einer Verengung jedes einzelnen Themas führt. Leider die schwächste aller Tatort-Erstausstrahlungen, die wir bisher zu bewerten hatten, eine Rolle spielt auch der Enttäuschungsfaktor, denn von der Umsetzhung des an sich sehr spannenden, weil tatortmäßig noch nicht abgegriffenen Themas Frauenfußball hatten wir mehr erwartet. 6,0 von 10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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