Robert Altman’s Last Radio Show (A Prairie Home Companion, USA 2006) #Filmfest 1137

Filmfest 1137 Cinema

Der letzte Film ist immer melancholisch

Robert Altman’s Last Radio Show ist der letzte vollendete Spielfilm des US-amerikanischen Regisseurs Robert Altman aus dem Jahr 2006. Die Komödie basiert lose auf der US-amerikanischen Radioshow A Prairie Home Companion von Garrison Keillor, der sich selbst spielt, und mischt dokumentarisch anmutende mit fiktionalen Elementen. Sie wurde unter anderem von den Filmstudios GreeneStreet FilmsRiver Road Entertainment und Sandcastle 5 Productions produziert. Der Film startete am 9. Juni 2006 in den US-amerikanischen Kinos. Der offizielle deutsche Kinostart war am 12. April 2007. Gedreht wurde auf HDCAM

Robert Altman wurde einem breiten Publikum durch Filme wie „M.A.S.H.“ (1970) und „Mc Cabe And Mrs. Miller“ (1971) bekannt, die man beide zu den wichtigen Werken des zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits etablierten New Hollywood zählen kann. Siebenmal wurde Altman für einen Oscar nominiert, erhielt aber keinen. „Last Radio Show“ war im Rennen um den Goldenen Bären der Berlinale 2006 und galt als einer der Favoriten, verlor aber gegen Jasmila Žbanićs Nachkriegsdrama Esmas Geheimnis – Grbavica.

Angefangen hat der 1925 in Kansas City, Missouri, geborene Regisseur in den 50er Jahren mit Dokumentar- und Kurzfilmen – und als Regisseur vieler Folgen von Fernsehserien. Sicher ist die Erfahrung aus dieser Zeit in „Last Radio Show“ eingeflossen, auch wenn eine Radio-Liveshow wieder anders tickt als der Dreh einer Serie fürs die Flimmerkiste, die damals auch in den USA noch überwiegend schwarzweiß sendete.

Vielleicht kann man aber dieses Singsangartige des Films ein wenig aufs Serielle der Routinedrehs von TV-Material zurückführen. Das Gleiche oder Ähnliche wiederholt sich vor immer wieder wechselnden privaten Ereignissen. So ist es hier das Ensemble, sind es die Mitwirkenden einer populären Radioshow und deren private Momente, die uns hinter die Kulissen einer Veranstaltung blicken lassen – die es zum letzten Mal gibt. Das Radio Theatre, in das die Leute des Mittleren Westens strömen, als sei die Zeitstehen geblieben oder als seien sie in der Lage, den Lauf der Zeit zu  ignorieren, soll abgerissen werden, ein Investor hat das Grundstück gekauft und will ein Parkhaus darauf bauen lassen.

Während der letzten Show stirbt einer der Künstler, seine Stimme versagt bereits während der letzten Töne seines Songs. Eine junge Frau hingegen hat ihren ersten Auftritt auf der Bühne und kann das Publikum überzeugen. Der Reigen des Lebens formmiert sich aus Debüts, Abgängen und vielen Erinnerungen der Generation dazwischen. Robert Altman selbst starb kurz nach Vollendung es Filmes im Jahr 2006, ein halbes Jahr, bevor das Werk in die deutschen Kinos kam. Kurz zuvor hatte er den Ehrenoscar des Jahres erhalten, überreicht von Meryl Streep und Lily Tomlin, seinen Stars aus „Last Radio Show“.

Handlung (1)

Der Privatdetektiv Guy Noir berichtet von der Sendung zum dreißigjährigen Jubiläum der beliebten Radioshow A Prairie Home Companion, der er selbst an einem regnerischen Samstag Abend in Saint PaulMinnesota, als Sicherheitsmann beiwohnt. Während die beliebte Sendung im Zeitalter des Fernsehens zu überleben schien, wurde der Radiosender WLT von texanischen Investoren gekauft. Das kleine Theater soll nun einem Parkhaus weichen. Moderator Garrison Keillor lässt sich nichts anmerken und führt souverän mit fiktionalen Werbespots und Geschichten über eine erfundene Stadt namens Lake Wobegon das Publikum durch seine letzte Sendung.

Die beiden Schwestern Yolanda und Rhonda Johnson erinnern sich hinter der Bühne wehmütig an die gute alte Zeit zurück. Die Country-Sängerinnen hatten mit zwei weiteren Schwestern als vielversprechendes Quartett ihre Musikkarriere begonnen, Yolanda selbst hatte eine Liaison mit Keillor unterhalten. Mit von der Partie sind auch das ordinäre Cowboy-Gesangsduo Dusty und Lefty alias die Old Trailhands und Yolandas Tochter Lola. Der Teenager, der depressive Poesie verfasst, erhält spontan und ungeplant in der Show die große Chance, zum ersten Mal selbst als Sängerin die Radiobühne zu betreten als am Ende noch sechs Minuten Sendezeit übrig sind. Eine schwangere Bühnenarbeiterin, der erwartete Vertreter des neuen Besitzers und eine geheimnisvolle blonde Frau in Weiß, die den Tod des Showveteranen Chuck Akers herbeiführt, sorgen hinter den Kulissen für weitere Aufregung. 

Rezension

Sehr, sehr melancholisch muss ein Film sein, in dem eine Frau in Weiß als Gesandte des Todes auftritt und einen alternden Künstler heimwärts holt, in dem zwei Frauen über 50 viele, viele Szenen lang über die guten alten Zeiten plaudern, in denen ihre Karriere begann, in dem das Gebäude, in dem die Radio Show letztmalig stattfindet, bald  abgerissen wird, in dem selbst Teenager nekrophile Poesie verfassen, bevor sie ihr Bühnendebüt feiern dürfen.

Ensemblefilm

So etwas kann wohl nur ein Filmemacher zustande bringen, der Ensembles zu steuern weiß, der nichts mehr beweisen muss und sich, wissend um seine Leukämie-Erkrankung, einen Abschied nach Maß gönnen kann. So muss man den Film angehen, um ihn genießen zu können – als eine Hommage an viele, viele Dinge, welche die USA, das Filmen, den Mittleren Westen ausmachen. Die Dialoglastigkeit, dieses elegische Eintauchen ins Abschiednehmen, das erfordert auch eine gewisse Altersmilde – mindestens die Bereitschaft, in ein Milieu zu folgen, das den meisten von uns fremd erscheinen wird, auch wenn die allgemein menschlichen Konflikte, Probleme, Dramen uns die Figuren näher bringen.

Die vielen in den USA bekannten Schauspieler, die Altman hier zusammenbringt, machen ihre Sache sehr gut und verbreiten als gereifte Persönlichkeiten Original-Nostalgie. Man erinnert sich besonders bei den Szenen mit Meryl Streep natürlich auch daran, wie sie selbst zu Beginn der 80er  Jahre die Leinwand eroberte und einer der größten Stars der folgenden Dekaden wurde. Sie schlägt im Wesentlichen die Brücke zum Auslandspublikum, das mit dieser Art werbefinanzierter Radioshow, wie sie hier vorgeführt wird und mit der Mehrzahl der übrigen Darsteller nicht sehr vertraut ist.

Den Narrator macht Kevin Kline, der den Detektiv Guy Noir (ein schöner, sprechender Name) spielt, sein Kommentar leitet den Film ein und begleitet ihn stellenweise, ohne zu sehr in den Vordergrund zu treten. Natürlich ist auch der Narrator nostalgisch – der Detektiv, der Narrator sind in dieser Form tatsächlich typische Merkmale des klassischen Film Noir, der oft Rückblenden aufweist, während in „Last Radio Show“ die Figuren vom Gestern sprechen, ohne dass es gezeigt wird. Episch ist „Last Radio Show“ im Grunde nicht.

Gemurmelte Dramaturgie

Alles, was geschieht, wirkt ein wenig geschwätzig und doch lakonisch gerade durch dieses Übermaß an Dialog. Nicht nur der Ensemblefilm ist typisch für Altman, nicht nur die Behandlung von Country-Themen, sondern auch die Überlappung der Dialogpassagen verschiedener Figuren. Da ist das Grundrauschen des Kommunikationsbedürfnisses spürbar, das banal und – menschlich ist. So richtig sind wir wohl nur in der eigenen Welt beheimatet, die Spiegelung anhand von Dritten ist immer vorwiegend selbstreflexiv.

Demgemäß ist das Leben nicht, wie ein gut gemachter Krimi, ein Plot, der auf eine Klimax zusteuert, dessen Spannung sich tagtäglich erhöht, es ist nicht literarisch und hat keine ausgefeilte Dramaturgie. Es ist für die meisten Menschen so, wie es sich in „Last Radio Show“ darstellt. Es ist ein dahinplätschernder Bach, der ewig murmelt und vor der Kulisse und hinter der Kulisse passiert im Grunde das Gleiche, wenn man authentisch ist oder wirkt – wie die Figuren in Altmans Spätwerk. Die Lieder sind einfach, die Werbebotschaften, die dazwischen von Moderator Garrisson Keillor vorgetragen werden, der sich selbst spielt, sind es ebenso. Natürlich führen auch die Menschen keine scheinintellektuellen Gespräche wie bei Woody Allen, dessen Filme in gewisser Weise großstädtische Gegenentwürfe zu Filmen wie „Last Radio Show“ sind (einer davon trägt ja auch die Bezeichnung „Radio Days“). Die Grunddisposition der Charaktere ist eine ähnliche, die Dramaturgie ist manchmal auch sehr flach gehalten – das Milieu macht den Unterschied.

Der Film hat eine nonchalante Art, mit all dem Menschlichen umzugehen, keine melodramatische Wucht, er ist, auf diese Weise, ein typischer Altman und wenn man will, kann man ihm Unverbindlichkeit unterstellen, die keine tiefe Tiefe zulässt. Das ist aber auch die Art, wie die meisten Menschen gestrickt sind, auf den simplen Nenner gebracht: Was geschieht, geschieht, und das Leben geht weiter oder auch nicht, die Menschen sind als Individuen interessant, in ihrer ebenso subtilen wie banalen Unterschiedlichkeit, nicht ihre Story oder die Story allgemein ist es, was zählt.

Bildästhetik und Phantastik

Die Bilder des Films wirken zunächst wie das genaue Gegenteil einer streng gestylten, aussageorientierten Gestaltung. Alles ein wenig chaotisch, hinter der Bühne, unordentlich und detailreich. Letzteres ist aber auch das Programm. Die Menschen backstage. Herrlich, wie die Garderobe von Yolanda und Rhonda (Meryl Streep, Lily Tomlin) ausgestattet ist, da gibt es viel gelebtes Leben zu entdecken, das sich im Lauf der Zeit angesammelt hat an einem Ort, der Heimat für diese Künstlerinnen ist. Dekoration ist wichtiger als Komposition, Zufälligkeit von Bildschausschnitten wird inszeniert, und das – im Gegensatz zur Dialogführung und den Dekors – unaufdringlich und in jedem Fall unspektakulär (wenn man von den mysteriösen Auftritten der gefährlichen Frau in Weiß (Virginia Madsen) absieht, von denen einige besonders ausgleuchtet sind).

Diese Figur bringt ein ungewöhnliches Element in den Film ein, eine phantastische Note. In anderen Filmen, oftmals B-Produktionen, spielte die blonde Virginia Madsen Femmes fatales, wie die Figur des Guy Noir ist auch sie eine Art Zitat – deshalb agieren auch diese beiden Zitatfiguren miteinander; der Detektiv nutzt das Erscheinen der Frau, um die Abgesandten der Grundstückskäufer um die Ecke bringen zu lassen. So wird sie von einer gefährlichen Frau zu einer Todesbotin zu einem Engel derer, für welche die Radioshow das Leben bedeutet.

Finale

Der Film fängt wunderbar die Atmosphäre ein, die eine US-Radioshow kennzeichnet. Wir haben bisher nur wenige historische Ausschnitte aus solchen Shows gehört, aber die Idee ist wohl, dass es sich hier nicht um eine mächtige Theatervorstellung handelt, auch nicht Hörtheater mit dramaturgischen Höhepunkten – sondern, gemäß dem Originaltitel, um ein Begleitprogramm für Menschen, die in der weitgehend einsamen Prärie des amerikanischen Mittelwestens leben – dort, wo Regisseur Robert Altman geboren wurde, und dem man demgemäß bei der Darstellung dieser Welt jede Authentizität zutrauen darf und auch die künstlerische Kraft, es individuell und interessant zu zeigen.

Zur Atmosphäre gehört eine Beiläufigkeit und Leichtigkeit, die mit dem Programm der Show korrespondiert und in Kontrast zu den schweren Themen und der Abschiedsstimmung steht, die eigentlich aufkommen müsste, angesichts eines Todesfalles im Künstler-Ensemble und der Tatsache, dass diese Show (anders als bei der realen Vorlage, die immer noch existiert) ihre Pforten bald wird schließen müssen. Die Welt, die Altman zeigt, ist nicht wirklich vergangen, weil der Mittelwesten so konservativ ist und so einen großen Bedarf an einfacher Unterhaltung hat, wie sie hier gezeigt wird.

Eher ist „Last Radio Show“ ein persönlicher Abschied des Regisseurs, der zum Zeitpunkt des Drehs schon so krank war, dass man ihm versicherungsseitig einen Ersatzmann zur Verfügung gestellt hat, der den Film hätte zu Ende bringen können, wäre Altman dazu  nicht mehr in der Lage gewesen. In Deutschland ist der Film natürlich eine Perle für Country-Liebhaber, die es auch hierzulande in nicht geringer Anzahl gibt.

Wir haben uns, der Atmosphäre und der großen Schauspielnamen, der Authentizität zum Trotz ein wenig schwer getan mit dem Zugang zu diesem Werk. Vielleicht, weil wir so gepolt sind, dass wir dem Geplauder, das den Film onstage und backstage dominiert, gerne mehr Verbindliches entnommen hätten und gerne eine ausgefeilte Dramturgie mit Höhenunterschieden bewundern, die es in diesem Film nicht gibt. Sicher ist bei Altmans letztem Werk auch ein wenig Kunst für die Kunst dabei, nicht alles ist bis in die Tiefe zu hinterfragen und nicht jedes von den vielen Figuren geäußerte Wort besitzt eine Bedeutung und einen Subtext. Dafür hat alles einen Humor und eine Leichtigkeit, die auch wieder eine Art von Konsequenz erkennen lassen – und natürlich Altmans Handschrift.

Anmerkung anlässlich der Wiederveröffentlichung der Rezension im Jahr 2024: „Robert Altmans [Altman’s] Last Radio Show ist mehr ein Kritikerfilm als ein Publikumsfilm wie der Metascore von 75/100 gegenüber der IMDb-Durchschnittswertung von 6,7/10 belegt. Wir haben unsere Bewertun aus dem Jahr 2012 unverändert gelassen und sie lediglich ins 100-Punkte-Schema übertragen.

73/100

© 2024, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Zur Entstehungsgeschichte des Films siehe den betreffenden Absatz im selben Wikipedia-Artikel. 

Regie Robert Altman
Drehbuch Garrison Keillor
Produktion Robert Altman,
Wren Arthur,
Joshua Astrachan,
Tony Judge,
David Levy
Kamera Edward Lachman
Schnitt Jacob Craycroft
Besetzung

 

 


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