Everything Everywhere All at Once (USA 2022) #Filmfest 1164 #Top250 #DGR

Filmfest 1164 Cinema – Concept IMDb Top 250 of All Time (203) – Die große Rezension

Everything Everywhere All at Once (engl. für „Alles überall gleichzeitig“) ist eine Science-Fiction-Komödie von Daniel Kwan und Daniel Scheinert. [1]

Wir sind im Hier und Jetzt angekommen. Beinahe jedenfalls. Es zeigt sich, dass es eine gute Idee war, die Länder-Chronologien auf dem Filmfest konsequent zu verfolgen, weil uns das zwingt, uns immer wieder auch mit modernen Filmen auseinanderzusetzen. Wir sind bei der US-Chronologie also im Jahr 2022 gelandet und bei dem Film, der die Oscars abräumte. Die wichtigen Oscars wie „Bester Film“, „Beste Regie“ und „Bestes Originaldrehbuch“  (Daniel Scheinert, Daniel Kwan), „Beste Hauptdarstellerin“ (Michelle Yeoh), „Bester Nebendarsteller“ (Ke Huy Quan), „Beste Nebendarstellerin“ (Jamie Lee Curtis). Ausgezeichnet wurde der Film auch im technischen Fach „Bester Schnitt“. Wenn Sie ihn gesehen haben, werden  Sie verstehen, warum. Im Bereich „Beste visuelle Effekte“ war er interessanterweise nicht einmal nominiert, obwohl die visuellen Effekte den Film – mitgestalten oder dominiere, je nachdem, ob man ihn für etwas überfrachtet hält oder sagt, das ist genau die richtige Art und Weise, wie man heute ein uraltes Thema darstellen sollte. Um welches Thema, besser, um welchen Themenkomplex es geht und ob wir die  Darstellung für gelungen halten, steht in der Rezension.

Handlung  (1)

 Die in China geborenen und aufgewachsenen Eheleute Evelyn und Waymond Wang betreiben in den Vereinigten Staaten einen heruntergekommenen Waschsalon und leben in der kleinen Wohnung darüber. Das Leben der Immigranten verläuft ein wenig chaotisch. Unzufriedene Kunden sind noch ihr kleinstes Problem. Nachdem Evelyn bei ihrer Steuererklärung ein Fehler unterlaufen ist, wird der Waschsalon von der Bundessteuerbehörde der Vereinigten Staaten, dem Internal Revenue Service, geprüft. Gleichzeitig konfrontiert Waymond seine Frau ständig mit den Scheidungspapieren, und dann ist da noch Evelyns Vater, der gerade aus China in die USA gekommen ist und dessen Ansprüchen sie genügen will. Da das chinesische Neujahrsfest ansteht, ist Evelyn zudem bemüht, das Essen für mehrere Dutzend Gäste zuzubereiten. Joy, die lesbische Tochter des Ehepaars, will die Gelegenheit nutzen und ihre Freundin Becky dazu einladen, um sie der Familie vorzustellen.

Während eines Besuches in der Steuerbehörde übernimmt eine Entität namens „Alpha Waymond“ plötzlich die Kontrolle über Evelyns Ehemann und erzählt ihr von den vielen Paralleluniversen, die existieren würden. In einem dieser Universen sei Evelyn eine Anführerin gewesen, die die „Verse-Sprung“-Technologie entwickelt habe, die es den Menschen ermöglicht, auf die Fähigkeiten, Erinnerungen und den Körper ihrer Gegenstücke in einem Paralleluniversum zuzugreifen. Weil das Multiversum nun von Jobu Tupaki bedroht wird, die nach Belieben von einem Universum ins andere springen und auch Materie manipulieren kann, und Alpha Waymond glaubt, nur Evelyn könne sie aufhalten, fordert er sie auf, ihr ungenutztes Potenzial zu nutzen, weil sie dies von allen ihren Versionen bislang am wenigsten getan hat.[2][3] In Einblendungen wird gezeigt, dass Alpha-Waymond im Alpha-Universum mit einer Gruppe Gleichgesinnter sitzt, die ebenfalls versuchen, Jobu Tupaki aufzuhalten.[2]

Rezension & Information

Everything Everywhere All at Once vereint Elemente aus verschiedenen Filmgenres.[20] Vornehmlich ist die Geschichte im Science-Fiction-Fantasy- und Actiongenre angesiedelt[21], setzt insbesondere auf Martial-Arts-Action und spricht die Filmkomödie an. Aufgrund der Prämisse und der unendlichen Möglichkeiten des Multiversums, in dem der Film spielt, wird Everything Everywhere All at Once oft auch als reine Science-Fiction beschrieben.[20][22] Trotz all seiner Fantasy-Insignien beschäftigt sich der Film aber auch mit alltäglichen Themen und Problemen aus der Lebenswirklichkeit von Müttern und Töchtern, Ehemännern und Ehefrauen wie dem Erwachsenwerden und einem Coming-out, mit Träumen und Enttäuschungen, dem Anderssein und Zugehörigkeit, mit Konflikten zwischen den Generationen bis hin zu Problemen mit der Steuererklärung und der Informationsüberflutung.[23] Trotz dieser grundsätzlich ernsteren Themen wird der Film in der medialen Öffentlichkeit vereinfacht oft als Science-Fiction-Komödie beschrieben.[24][22]

Weil ich kein extremer Genre-Fan bin, vom Film noir abgesehen, tendiere ich dazu, alles, was oben steht, gar nicht so sehr dem SF-Genre zuzurechnen oder dem Martial-Arts-Genre, sondern vor allem dahinter die Geschichte zu sehen, welche die Botschaft verbreitet, dass Menschen so akzeptiert werden sollen, wie sie sind, mit allen Fehlern, und trotzdem geliebt werden sollten. Und das ist eine uralte Botschaft, die aber im Zeitalter des Superhelden-Kinos nicht selten vergessen wird, das prinzipiell nicht egalitär, nicht inklusiv oder integrativ ist, das ich gerne als profaschistisch bezeichne. Allein, sich davon abzuheben in diesen rechtslastigen Zeiten, ist ein Verdienst dieses Films, der einmal ein Humanitäts-Klassiker moderner Machart werden könnte. Aktuell ist er davon ein Stück entfernt, trotz der vielen Oscars, die er gewinnen konnte, trotz der Tatsache, dass er wohl der weltweit meistprämierte Film des Jahres 2022 ist. Die IMDb-Nutzer:innen geben aktuell (September 2024) durchschnittlich 7,8/10. Das ist sehr gut, aber reicht zum Beispiel nicht, um in die Top-250-Liste zu kommen (erforderlich sind aktuell 8,1/10). Kurzfristig war „Everything Everywhere, All at Once“ darin enthalten. Der Metascore der US-Kritiken liegt genau dort, bei 81/100.

Die Premiere des Films fand im März 2022 beim South-by-Southwest-Filmfestival statt. In den deutschen Kinos wurde er ab dem 28. April 2022 gezeigt. Der Film erhielt sieben Oscars, darunter die Preise in vier Big-Five-Kategorien (Bester FilmBeste RegieBeste HauptdarstellerinBestes Originaldrehbuch).

Anfangs hat mich der Film eher genervt, was allerdings auch einem äußeren Umstand zu verdanken war, für den er nichts konnte. Ich hatte deshalb überlegt, ihn noch einmal zu sichten, verzichte aber aus Zeitgründen darauf. Irgendwann hat dieses Nicht-Märchen, wie ich „Everything Everywhere, All at Once“ bezeichnen möchte, mich erfasst und zum Ende hin mehr und mehr berührt. Mehr ist nicht zu wollen. Dass es mich sofort aus den Socken haut, kommt mittlerweile eher selten vor, das liegt wohl an einer gewissen Welternüchterung und natürlich auch an der Erfahrung von etwa 2.500 geschriebenen Rezensionen, von denen etwa die Hälfte veröffentlicht ist (zusätzlich ca. 1.300 Crimetime-Kritiken). Ich erkenne natürlich relativ schnell die Muster eines Films, und bezüglich der Muster bietet „Everything Everywhere, All at Once“ vor allem das, was ich oben angesprochen habe. Aber da das gänzlich Neue nicht nur die Erzählweise, sondern auch die Darstellung von Inhalten betreffen würde, kann man sagen: So Indie ist „Everything“ wieder nicht, dass man ganz neue Wege gehen würde. Er macht, wenn man sich erst einmal auf den wilden Ritt durchs Multiverse eingelassen hat, mehr und mehr Spaß, ich habe zusammen mit der anfänglich ebenfalls konfusen Hauptfigur gelernt, die Dinge zu ordnen und zu beherrschen. Insofern ist mein schwieriger Start in dem Film nur die Entsprechung des Gefühls von Konrollverlust, das Evelyn Wang hat, ihr gesamtes Leben betreffend. Am Ende schafft sie sogar die Berichtigung der Steuererklärung. Und wem das gelingt, der versöhnt sich auch mit der Tochter, die er so behandelt hat, dass sie als das Böse alle Universen gleichzeitig unsicher macht. Das ist natürlich wundervoll allegorisch, macht uns klar, dass Menschen, die nicht sie selbst sein gelassen werden, entweder ihr Potenzial gar nicht abschöpfen, wie Evelyn, oder austicken und anfangen, Unheil anzurichten.

Schließlich ist Evelyn auch mit sich selbst versöhnt, obwohl die anderen Universen, die sie bereist hat, einiges zu bieten haben, mehr al ihr tatsächliches Leben. Vor allem natürlich dasjenige, in dem sie der Filmstar ist, wie Michelle Yeoh, die Evelyn verkörpert, in der Realität. Das Hotdogfinger-Universum ist wohl das am wenigsten prickelnde, es belegt, es könnte alles noch schlimmer kommen. Wer in dem Universum, in dem Menschen ihre Hände nicht richtig gebrauchen können, fürs Bauen und Wohnen sorgt, frage ich an der Stelle lieber nicht. Es ist ja nur ein Gag, ein Seitenhieb auf die amerikanische Alltagskultur und deren Dysfunktionalität, die oft als maximal praktisch und nutzenorientiert rübergebracht wird.

David Ehrlich von IndieWire schreibt, es sei Michelle Yeohs monumentale Leistung, die das Multiversum zusammenhalte. Evelyn bewege sich fließend zwischen den Welten, was es Yeoh ermögliche, in Rollen zu glänzen, die ihre besten sind, zuerst nacheinander und später in allen gleichzeitig. Ihre Leistung als ultimative Everywoman sei einzigartig, weil sie ihre vielen Talente in diesem Film gut zusammenbringen könne. Das gesamte zweite Kapitel des Films entfalte sich wie eine exponentiell komplexere Version der Erinnerungsjagd aus Being John Malkovich, so Ehrlich, oft erinnere er aber auch an einige Filme aus dem Jahr 1999, so Magnolia und Fight Club. Mit diesem so großen Multiversum hätten Daniel Kwan und Daniel Scheinert etwas wirklich Besonderes geschaffen, nämlich einen Film, der die unbegrenzten Möglichkeiten seines Mediums feiert, und einen Film, der die Kleinheit unseres Lebens mit der Unendlichkeit dessen Potenzials versöhnt. In Everything Everywhere All at Once gehe es darum, etwas zu finden, an dem man sich inmitten des Vergessens festhalten kann. Die Musik von Son Lux bringe ein gewisses Maß an Harmonie in das Chaos.[2]

Michelle Yeoh wurde im Martial-Arts-Kino groß, spielte auch in Wuxia-Filmen, von ihrer Kung-Fu-Schulung kann sie auch in diesem rasanten Werkstück wieder etwas einbringen. Aber sie agiert auch auf der Höhe der Emotionalität, die man von einer nunmehr Oscarpreisträgerin erwartet und natürlich trägt sie den Film und hält ihn zusammen. Ohne eine solche starke Mittelpunktfigur wäre er vielleicht nicht einmal zu chaotisch oder zu schnell, aber bei dieser Art der Ausführung – auch zu langweilig. Zumindest würde ich das so empfinden; aber auch der ebenfalls ausgezeichnete Ke Huy Quan als ihr Ehemann ist wichtig, da er ihr den Zugang zum Multiverse verschafft und in mehreren der Universen eine wichtige Rolle spielt. Er muss dabei nicht ganz so variabel spielen wie Yeoh, aber im Grunde ist es ein hervorragendes Ensemble, das hier für Unterhaltung und auch für einigen Tiefgang sorgt. Ab 16 soll man den Film verstehen und „seine Gewaltszenen einordnen können“, wie die Bundesfilmprüfstelle schreibt, die eine entsprechende Freigabe erteilt hat. Die Gewalt fand ich für heutige Verhältnisse gar nicht so überbordend, aber man ist ja nun auch einiges gewöhnt. Wichtig, und da trifft sich der Film quasi mit den Asterix-Comics und natürlich mit dem amerikanischen Action-Kino, in dem Menschen häufig schwer verletzt, aber für den weiteren Verlauf der Handlung noch gebraucht werden: Es stirbt nie wirklich jemand an den vielen Blessuren, die verteilt werden. Warum auch, die Universen, in denen es am übelsten zugeht, sind ja nur parallel, nicht hauptsächlich.

Der Film hat durchaus auch etwas Märchenhaftes, das gilt aber nicht für den Kern, den Waschsalon, das Neujahrsfest, die Steuerprüfung. Ich finde es virtuos, wie Überzeitliches, Banales, Fantastisches und SF-Mäßiges doch halbwegs zu einer Einheit geformt werden, deren Logik sich Schritt für Schritt erschließt. Ich finde den Film nicht so kryptisch wie z. B. „Inception“, den ich mir noch einmal anschauen muss, um darüber eine Kritik zu schreiben. Vielleicht war ich bei der Erstsichtung im Kino auch etwas abgelenkt.

Nein, im Grunde ist „Everything“ recht einfach konstruiert, nur eben visuell sehr schnell gemacht und dadurch immer spektakulär, bis zu einem gewissen Grad trotz des klassischen Musters überraschend und nie langweilig. Für mich hätte er zwar auch nach dem Ende der Filmvorführung im Filmstar-Universum zu Ende sein können, aber, dann wäre es kein Hollywoodfilm, denn alles wäre offen geblieben. Das ist im Grunde auch das, was ich vielen Filmen wie diesen am meisten vorwerfe, dass sie unbedingt das Muster bis zum Ende durchziehen müssen und in dem Moment, in dem klar ist, dass sie das tun, für den Rest der Spielzeit vorhersehbar werden. Ganz unmöglich, dass Evelyn sich nicht mit ihrer geplagten Tochter versöhnt und mit ihrem Leben als nunmehr steuerlich geprüfte Waschsalonbesitzerin. Das geht dann auch sehr schnell, zumindest bei der Tochter. Der Konflikt wird durch den Ritt durchs Multiverse gelöst, nicht in Form einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Rollen und Traditionen. Der Bagel wurde vermieden, also wird alles gut. Ein bisschen erinnert mich in seiner letztlich planen Anlage „Everything“ deshalb auch an die Schemata, die man aus Disney-Filmen kennt, in denen die großen Faktoren menschlicher Existenz und Emotionalität und die ewigen Werte exzellent herausgearbeitet werden, um dann immer in eine konventionelle Auflösung zu münden.

Andererseits kann  man einem Mainstream-Film, der „Everything“ ja doch ist, nicht vorwerfen, dass er eine mainstreamige Handlungsstruktur anbietet und das macht, was Rezipienten mainstreammäßig lieben, nämlich eine vollkommene,  harmonische Auflösung von allem, sogar eine, in der am Ende alle integriert werden, wirklich alle. Der traditionelle Opa darf „Partnerin“ zur Partnerin seiner Enkelin sagen, die Steuerprüferin wird doch noch ganz nett und bietet einen Rauch an, die Tochter sowieso, auch der Sinn des Wäsche Waschens als systemrelevantes Business erschließt sich erst am Ende so richtig. Wer, wenn nicht eine Frau, die alle Talente nicht ausgelebt hat, könnte diesen wichtigen Job erledigen bzw. die Waschmaschinen dafür anbieten? Ein Hoch auf alle, die zum Beispiel im Gesundheitswesen tätig sind, obwohl doch dadurch Massen an kreativem Talent möglicherweise auf immer verschüttet sind, nie freigelegt wurden, was man sich eben alles vorstellen kann, wenn Menschen einen Weg gehen und hätten tausend andere gehen können, auf denen sie vielleicht viel mehr brilliert hätten. Geht es nicht den meisten von uns so wie Evelyn und ist unser Leben deshalb sinnlos? Ist es  zum Beispiel sinnlos oder doch irgendwie befriedigend, dass ich in meiner Freizeit eine solche Rezension schreibe, anstatt einen Romanbestseller? Ich müsste mal eine Tour durch andere Universen machen, um zu sehen, was ich dort so anstelle, denn es ist ja alles in mir angelegt, was dort zu sehen sein wird. Ich denke aber gerade an das nicht so prominent hervorgehobene Gefängnis-Universum von Evelyn und daran sieht man, dass jede Option Tücken haben kann.

Dass der Wechsel in andere Universen technisch so anspruchslos wirkt, ist auch mittlerweile eine Tradition, die mit Augenzwinkern daherkommt: Mach das Komplizierte simpel, mach es ein wenig ironisch, hype die Technik, die wir alle bedienen können, ein Mobiltelefon, ein Headset, erreiche so den handlungsmäßigen Schwung, der in Filmen wie „Die Fliege“ oder Hard-SF unmöglich zu erzielen ist, in dem die tatsächliche Gangbarkeit der Technik bzw. deren quasi-immanent-logische Suggestion eine große Rolle spielt. Am besten wäre es vielleicht, verrückt zu werden und in allen Universen gleichzeitig Schabernack treiben zu können, wie Jobu Tupaki alias Joy.

Michael Ranze vom Filmdienst schreibt in seiner Kritik, erschöpft lasse man die Ideenflut in diesem sorgsam geplanten Chaos an sich vorbeiziehen. Er bemerkt, dass jedes Universum seinen eigenen Look und seine eigene Atmosphäre hat, die Kampfszenen perfekt inszeniert seien und jede Einstellung, jeder Sound-Effekt und jeder visuelle Gag dort stehe, wo ihn die Regisseure haben wollen. Die Kakophonie an akustischen und visuellen Eindrücken, die vom Ideenreichtum der Macher zeuge, verleihe dem Film eine frenetische Hyperaktivität, und in seiner Kompliziertheit sei der Film nur schwer zu greifen: „Irritiert sucht man nach Orientierung und findet Halt in Einzelaspekten, zum Beispiel in Michelle Yeoh als Zentrum des Films, um das sich alles dreht.“ Im Kern gehe es in diesem Film um eine Mutter, die das Scheitern des amerikanischen Traums beklagt und gleichzeitig lernen muss, ihre Tochter loszulassen.[3]

Nun, geht doch, der Kern ist im Wesentlichen erkannt, und das Loslassen verbindet sich ja mit der Erkenntnis, dass Akzeptanz dazugehört. Dass Liebe voraussetzungslos ist, wenn sie echt ist. Dass der Mensch zählt, nicht dessen Erfolg oder Funktionalität. Man sollte im Grunde meinen, nach so vielen Jahren Pädagogik des Wandels wäre das Thema schon langsam durch, ist es aber nicht. Es ist überzeitlich, in uns allen angelegt, spricht gleich mehrere Ambivalenzen an, dieses Ringen wird niemals enden. Es ist, weil es menschlich ist und die Evolution bei uns einige Fehler gemacht hat. Der größte ist aber nicht mangelnde Empathie oder dergleichen, sondern die Unfähigkeit, zu lernen aus den Fehlern anderer und oft auch aus den eigenen. Wir sind belastet mit der Tradition, wie Evelyn, aber selbst die individuelle Befreiung besagt nicht, dass deshalb ein paar Jahre später, wenn Joy Kinder (zusammen mit ihrer Partnerin adoptiert) haben wird, alles gut ist. Es bleibt spannend, deswegen kann man den Film auch über sein Ende hinaus denken, was freilich auf viele Filme zutrifft, in denen die Figuren eine Zukunft haben. Das Universum und alle seine Parallelwelten ist riesig, wir sind sehr klein und immer kann eine neue Stufe der Erkenntnis hinzutreten, die uns noch kleiner wirken lässt. Sei klein wie ein Stein, die Sequenz finde ich übrigens mit am witzigsten, wegen der eingeblendeten schriftlichen Dialoge, da ist es plötzlich auch mal still und man kann ein wenig durchschnaufen.

Finale

Die Redaktion des deutschen Online-Portals Filmdienst wählte das Werk auf Platz drei der besten Filme des Jahres 2022, hinter Licorice Pizza von Paul Thomas Anderson und Der schlimmste Mensch der Welt von Joachim Trier.[29]

„Everything“ ist zwar grundsätzlich Mainstream-Kino, aber kein Blockbuster, hatte kaum mehr als zehn Prozent der Einnahmen von „Top Gun – Maverick“, der natürlich auch in den Top 250 der IMDb gelandet ist. Den habe ich noch nicht gesehen, aber ich kenne meine Einstellung zu militaristischen  Heldenepen, und da geht eben de wirkliche Mainstream hin und zahlt Eintritt oder leiht oder streamt, und verpasst somit die bessere Botschaft eines Films wie „Everything Everywhere, All at Once“, auch wenn sie nicht neu ist. Neu sind die rechtslastigen Gegenbotschaften aber auch nicht, bloß viel weniger charmant.

82/100

© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Fußnoten, kursiv, sofern kein selbst verfasster Text und tabellarisch Wikipedia

Regie

Daniel Kwan,
Daniel Scheinert

Drehbuch

Daniel Kwan,
Daniel Scheinert

Produktion

Daniel Kwan,
Mike Larocca,
Anthony Russo,
Joe Russo,
Daniel Scheinert,
Jonathan Wang

Musik

Son Lux

Kamera

Larkin Seiple

Schnitt

Paul Rogers

Besetzung

·         Michelle Yeoh: Evelyn Wang
·         Stephanie Hsu: Joy Wang / Jobu Tupaki
·         Ke Huy Quan: Waymond Wang
·         James Hong: Gong Gong (kant. für Großvater)
·         Jamie Lee Curtis: Deirdre Beaubeirdre
·         Jenny Slate: Debbie, die Hundebesitzerin
·         Harry Shum Jr.: Chad, der Koch
·         Tallie Medel: Becky, Joys Freundin
·         Biff Wiff: Ric, ein Kunde

[1]Everything Everywhere All at Once – Wikipedia
[2]Everything Everywhere All at Once – Wikipedia, weitere Handlung: Evelyn gelingt es, ihre Kräfte immer besser zu beherrschen, allerdings bleibt sie zeitweise in den alternativen Universen hängen, da diese ihr besser gefallen. Schließlich erfährt sie von Waymond, dass Jobu Tupaki von Alpha-Evelyn in den Wahnsinn getrieben wurde und deshalb in allen Universen zugleich ist. Auch stellt sich heraus, dass Jobu Tupaki in Wahrheit Evelyns Tochter Joy ist. Mit diesem Wissen versucht Evelyn, ihrer Tochter entgegenzutreten, und erkennt, dass sie nur bestehen kann, wenn sie dieselben Fähigkeiten erlangt. Dies führt dazu, dass sie zunächst unkontrolliert durch die Universen reist und erst nach einiger Zeit die Kontrolle erlangt. Zugleich wird sie von einer Gruppe von Universumreisenden gejagt, die von ihrem Vater aus dem Alphaverse angeführt werden.

In einer finalen Konfrontation zeigt Jobu Tupaki Evelyn einen Bagel, der alles verschlingt und für beide das Ende bedeuten würde. Allerdings kann Evelyn ihrer Tochter widerstehen und beginnt, die Universen nach ihrem Willen zu bereisen. So begegnet sie im Kungfu-Universum ihrem Mann, der sie auffordert, das Beste zu geben. Auch in ihrer eigenen Welt fordert er, der sich noch einige Stunden zuvor von ihr trennen wollte, sie nun auf, freundlich zu sein. Evelyn setzt diese Erkenntnis in eine neue Kraft um und es gelingt ihr, die Menschen in ihrer Umgebung zu verwandeln und ihnen das zu geben, was sie sich am meisten wünschen. Zum Schluss kann sie auch ihre Tochter retten und teilt ihr mit, dass sie immer und überall für sie da sein werde.


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