Crimetime 1249 – Titelfoto © SWR
Bienzle und die Feuerwand ist die 315. Folge der Fernsehreihe Tatort. Die vom Süddeutschen Rundfunk produzierte Folge wurde erstmals am 16. Juli 1995 im Ersten Programm der ARD ausgestrahlt. Für Kriminalhauptkommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) ist es der fünfte Fall. Bienzle hat es mit einem Mordfall im Zusammenhang mit den Machenschaften einer Sekte zu tun.
Der Film ist nicht zu verwechseln mit "Bienzle und der Feuerteufel", der zehn Jahre später als 584. Tatort veröffentlicht wurde, die Rezension dazu war eine der ersten, die wir im neuen Wahlberliner in "Crimetime" gezeigt haben (Nr. 8 aus dem Jahr 2018).
Handlung
Die Ermittlungen in einem für Stuttgarter Verhältnisse eher unüblichen Mordfall – ein Reiseleiter wird mit einem Giftpfeil aus einem Blasrohr getötet – führen Kommissar Bienzle zu einer einflussreichen Organisation, die sich „Kirche der wissenden Gedanken“ nennt. Ihr Ziel ist es, Schlüsselpositionen in wichtigen Bereichen von Politik und Wirtschaft zu besetzen.
Als Bienzle Hinweisen nachgehen will, dass die „Kirche der wissenden Gedanken“ Verbindungen zu einem südamerikanischen Rauschgiftkartell unterhält, stößt er auf einen anscheinend unüberwindbaren Gegner. Am Ende hat Bienzle zwar einen Fall gelöst, aber als Sieger kann er sich nicht fühlen.
Rezension
Anni und Tom über „Bienzle und die Feuerwand“
ANNI: Je mehr ich von Bienzle sehe, desto mehr gefällt mir der Typ. Schwäbischer Pietismus, der Begriff fiel ja schon mal in einer anderen Rezension. Dieses Mal wird er sogar im Film erwähnt. Der Tatort selbst allerdings eher eine seltsame Mischung von zu ruhig und etwas zu aufgekratzt und platt.
TOM: Bienzle gewinnt bei der Lösung des Falls und verliert gegen eine schwäbische Form von Scientology. Der Sekten-Guru wohnt einem Architektenhaus in Stuttgart und ist gleichzeitig Konsul, da klingt wohl noch der berühmte Titelvermittler Konsul Weyer nach. Weyer lebt übrigens noch, es ist nur auch um ihn ruhig geworden. Wie eben um Scientology, die ja eindeutig das Vorbild für die „Kirche der wissenden Gedanken“ ist.
ANNI: Dabei gibt es gar keinen Grund, darüber so ruhig zu sein, denn SC ist ja weiterhin aktiv. Ich bin schon oft an dem ziemlichen großen Haus, das in Berlin ihre Deutschland-Zentrale darstellt, vorbeigefahren.
TOM: Vermutlich würdest du aber auch alle deutschen relevanten Mitglieder in diesem Haus unterbringen können. Die Größe der Zentrale repräsentiert eher die Tatsache, dass SC überdurchschnittlich gut finanziell ausgestattet ist, pro Mitglied und wohl auch durch Zuwendungen aus den USA, wo es einen Kern von etwa 100.000 Anhängern geben soll – Angaben der Wikipedia.
ANNI: Durch Tom Cruise und einige andere Promis wirkt dieses Ding aber irgendwie viel größer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Topstars sich für so einen kleinen Haufen als Aushängeschild zur Verfügung stellen.
TOM: Vielleicht ist er auch tatsächlich überzeugt von dem, was er vertritt.
ANNI: Und deswegen ist er wohl auch so nett. Wär ja auch blöd, als stieseliger Sonderling kannst du keine Mitglieder werben.
TOM: Tja, was ist Ei, was ist Huhn, und was war zuerst da? Die Typen von der „KdwG“ jedenfalls sind lächerlich. Wer würde denen abnehmen, dass sie besondere Liebe zu geben wissen?
ANNI: Ich sage ja, teilweise zu aufgekratzt. Zu plump. Und dann noch diese Involvierung ins Drogen-Business. Die konnte man natürlich nicht durchziehen, weil sich da reale Sekten hätten angegangen fühlen können.
TOM: Solange niemand direkt genannt wird? Aber genau da macht der Tatort auch einen wichtigen Fehler. Finanziert sich jetzt die „KdwG“ aus Drogen oder aus dem Aussaugen von Mitgliedern wie der Verlegersgattin? Beides in Kombination ist sinnfrei, das merkt übrigens auch Bienzle an einer Stelle, und die realen Sekten werden schon aufpassen, dass sie nicht zu direkt mit Drogenschäften in Verbindung gebracht und dadurch als Scheinorganisationen der OK in Konkurrenz mit den Clans verschiedener Ethnien treten müssen. Aber der Schnuff im Schild der Indianer war cool. Ich habe lachen müssen.
ANNI: Ich hab schon vorher ein Grinsen nicht vermeiden können. Hannelore als Miss Undercover. Vor allem, wo auf der Vernissage ja einige Sektenmitglieder anwesend waren und klar sehen konnten, dass sie mit Ernscht, dem Ermittler, liiert isch. So ein Quatsch! Nur, damit man sie im Aufzug stecken lassen kann. Wobei ich die Szenen im Hotel an sich nicht schlecht fand, und das war ja der Zweck, dieses Gefühl von eingesperrt und ausgeliefert sein zu erzeugen. Fand ich wirklich bedrückend, und war auch mit so einem schön engen Bildausschnitt gefilmt. Ein Highlight im typischen Bienzle-Tatort, der ja nicht gerade durch extravagante Bildsprache besticht.
TOM: Die war 1995 nicht so verbreitet. Die Kölner haben für deren Durchsetzung ab 1997 mit dem damals neuen Team Ballauf / Schenk viel getan. Die Musik ist auch wieder gruselig synthetisch, aber so war’s halt damals. Die Tatorte der frühen 1990er waren keine filmischen Leckerbissen. Aber doch meist sauber gearbeitet, das trifft auch auf „Bienzle und die Feuerwand“ zu.
ANNI: Technisch sauber, meinst du. Die Handlung war allerdings auch sehr sauber im Sinn von verständlich, nicht so sehr im Sinn von logisch. Aber Handlungslogik ist ja deins, hab ich dir dieses Mal anhand von Hannelores Sondereinsatz und dessen mangelhafter Plausibilität etwas weggenommen. Die Schauspieler waren alle okay, aber so ein Hype war Eberhard Feik, Gott hab ihn selig, vormals Thanner in Duisburg, dann auch nicht. Haben eigentlich alle Völkerkunde-Museumsdirektoren in Stuttgart bayerische Tracht zu tagen? Ist das Bayerisch das neue Indianisch? Vielleicht gar nicht so blöd und der einzige subtile Ansatz in diesem Tatort. Erschreckt hat mich die Frau des Verlegers. Wie kann man sich so manipulieren lassen und sich dann so radikal selbst ein Ende setzen?
TOM: Da muss es ein nie hinterfragtes Vakuum in ihrem Leben gegeben haben, trotz des netten Mannes, den sie hat, und trotz der interessanten Arbeit mit einem interessanten Unternehmen. Tja, manche Entwicklungen sind nur den absolut Wissenden zugänglich, die durch die Feuerwand getreten sind, uns nicht. Und viele Drehbuchautoren gehören zu den Wissenden, den Eindruck habe ich nach über 400 Tatortrezensionen* ganz deutlich. Deswegen müssen sie auch keine Figuren so herleiten, dass wir Normalos sie glaubwürdig finden. Die Bienzle-Tatorte sind übrigens ein besonderer Quell der lässig aus der Hand geschüttelten Schicksale. Das wird viel zu wenig beachtet, wie einfach es geht, Dramatik zu erzeugen, wenn man nicht mühevoll stimmige Pesonen und deren unvermeidliches Konfliktpotenzial als die Grundlage für den Spannnungsaufbau nimmt, sondern einfach ein paar Situationsbausteine immer neu variiert. Und dann noch ein paar Leute erfindet wie den Dr. Kohlmeier. Sehr witzig, die Anspielung auf Helmut Kohl und Peter Altmeier – Letzterem ähnelt er ja optisch, zurück in eine Zeit gedacht, als er noch nicht so gut zugelegt hatte. Falls dir mal einer begegnet, der das Kinn so vehement vorschiebt, denk dran, er könnte ein Wissender und sogar ein fanatischer Wissender sein.
ANNI: Ich mag es auch mehr, wenn Charaktere nicht so lächerlich übertrieben und gleichzeitig unterkompetent dargestellt werden. Aber trotzdem war da eine Atmosphäre von Bedrängnis, die ich empfunden habe. Du stehst Typen gegenüber, die absolut zweifelsfrei in ihrem kruden Gedankengut und Weltbild sind und zu allem bereit. Denkst du da nicht auch an was anderes, was heute leider so nah ist, an Leute, die so fanatisiert sind, dass sie ohne jede Schonung, sogar sich selbst gegenüber, bis zum Äußersten gehen? 1995 war ja diese Zerfaserung der Orientierung nach dem Ende der Blöcke schon gut zu spüren. Der Film greift leider gar keine Zusammenhänge auf, hinterfragt nicht, warum eigentlich die Leute auf so einen Humbug abfahren, wie ihn die „KdwG“ verkauft, und was es mit der damals schon rückläufigen Orientierungsmöglichkeit in einer immer komplexeren Welt zu tun haben könnte. Filmisch wäre da so viel mehr drin gewesen. Und dann dieses blöde Video, in dem die Leute „entre nous“ quatschen, damit auch wirklich klar ist, was sie wollen, was sind und was sie nicht sind. Das ist alles … trashig, irgendwie. Und schau mal, das Video kam von diesem Glyzenius, der ja so tut, als sei er gegen die KdWG, und in Wirklichkeit tötet er deren Gegner. Was, bitte, ist der Sinn davon, dass er dann ein so entlarvendes Video weiterleitet? Die Idee hinter der Art von Camouflage, die er betreibt, hat sich mir nicht erschlossen.
TOM: „Bienzle und die Feuerwand“ leidet unter vielen Unstimmigkeiten, auch wenn es 1995 aktuell und richtig war, auf die Gefahren der Sekten hinzuweisen. Das Dumme ist nur, dass jeder, der wirklich für eine solche Sekte arbeitet, die Leute, die im Film gezeigt werden, eher als Hilfspersonal empfunden haben dürfte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es um dieses Werk eine große Kontroverse gab und dass reale Gurus sich wirklich angegriffen fühlten. Dazu ist alles doch auf einem zu einfachen Level angesiedelt. Trotzdem und wie immer: Wichtig und richtig, diese Filme heute wieder zu zeigen. Dient der Vollständigkeit unseres Bildes von der Tatort-Reihe.
ANNI: Und dieses Bild geht ja schon längst, wie Hannelores Malerei, über den Status der Gebrauchskunst hinaus. Auch die Vorträge bei der Vernissage , die Kunstbewertungen und das alles, sind kolportagehaft, aber irgendwie auch zum Schmunzeln. Über die Bilder selbst maße ich mir kein Urteil an.
TOM: Ich bin kunstneutral. Ich wehre mich höchstens dagegen, wenn moderne Kunst immer in Filmen mit Tendenz zur Intellektuellenfeindlichkeit verunglimpft wird, und das trifft ja auch auf die meisten Mainstream-Filme zu.
ANNI: Deswegen sind Ritas … Hannelores Bilder ja auch hübsch gegenständlich und haben so nette, klare und positive Farben.
TOM: Wenn sie ursprünglich Buch-Illustrationen waren, dass sie etwas illustrieren und nicht verfremden.
ANNI: So, ich hab meine Punkte notiert, gib deine an!
TOM: Ich bin ja auch irgendwie ein Bienzle-Schätzer geworden, auch wenn er in anderen Tatorten schon mehr aufgedreht hat als in diesem, ich respektiere das Thema und gebe 7/10.
ANNI: So weit liege ich gar nicht weg, obwohl ich einiges grausam fand … 6,5/10. Und ich hab gewonnen, im Gegensatz zu Bienzle, der den Guru-Konsul davonfahren lassen muss, weil er ihm nichts nachweisen kann. Dieses für die damalige Zeit noch recht ungewöhnliche Ende, nach dem ein Kampf gegen das Böse nicht abgeschlossen werden kann, haben wir ja mittlerweile häufiger, besonders bei Tatorten, die mit der OK zugange sind. Dafür übrigens ein Extrapunkt, sonst wären es von mir nur 5,5 gewesen. Gemäß der Viertel-Abwertung hab ich also meine Wertung sozusagen durchgesetzt.
TOM: Ich freu mich für dich und werde ganz ruhig schlafen.
6,5/10
© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2016)
Kursiv und tabellarisch. Wikipedia
*Angaben mit Zeitbezug oder Angaben zum bisherigen Rezensionsgeschehen stammen aus dem Jahr 2016, in dem der Entwurf erstellt wurde. Kurz nach dessen Abfassung verstarb Dietz-Werner Steck, der Darsteller von Ernst Bienzle (31.12.2016).
| Regie | Hartmut Griesmayr |
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| Drehbuch | Felix Huby |
| Musik | Roland Baumgartner |
| Kamera | Georg Steinweh |
| Schnitt | Christiane Krafft |
| Premiere | 16. Juli 1995 auf ARD |
| Besetzung | |
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