Bienzle und der Feuerteufel – Tatort 584 / Crimetime 8

Erstsendung 02.01.2005, Titelfoto (c) SWR / Schweigert

Die Sehnsucht nach dem perfekten Brand

Handlung

Die Stuttgarter Feuerwehr hat es in den letzten Monaten mit einem „Feuerteufel“ zu tun. Beim letzten Brand gab es allerdings ein Todesopfer. Die Kommissare Bienzle und Gächter werden gerufen und nehmen die Ermittlungen auf. Das verbrannte Gebäude gehört zum Bauhof des Unternehmers Hohlbein, der das Opfer als seinen Mieter identifiziert. Gächter entdeckt indessen in der Nähe des Brandes die Journalistin Rosita Ianescu, die vorgibt an einer Recherche zu arbeiten.

Nachdem die Kriminaltechniker den Brandherd genau untersucht haben stellt sich heraus, dass auch hier, wie bei den letzten Bränden vom Täter eine sogenannte doppelte Verpuffung „eingebaut“ wurde. Das lässt darauf schließen, dass es sich auch dieses Mal um denselben Täter handelt, der sehr professionell gearbeitet hat. Bienzle hält es für möglich, dass es sogar ein Feuerwehrmann gewesen sein könnte. Er lässt daraufhin die Leute der Feuerwache Süd überprüfen, was dem Leiter Klaus Stöckle sehr zuwiderläuft.

Handlung bis zum Ende und weitere Infos: Wikipedia.

Rezension

Dies ist die erste Tatort-Kritik, die wir direkt für den neuen Wahlberliner schreiben – nach einer Wiederholungausstrahlung. Der Plan war eher, die bereits bestehenden Rezensionen vor jeweiligen Neuausstrahlungen zu posten, aber irgendwann wird sicher „Bienzle und der Feuerteufel“ noch einmal gezeigt werden. Der Musterschwabe Ernst Bienzle, der im Tatort 584 seine Lebenspartnerin in eine schwierige Situation bringt, weil er nicht bereit ist, Geld für Manschettenknöpfe auszugeben, war Tatort-Ermittler in Stuttgart von 1992 bis 2007 und sein Wirken endete nach der hübschen Zahl von 25 Fällen. Bei allen Tatortpolizisten, die 15 Jahre oder länger am Werk waren, sprechen wir gerne von einer Ära und von einer prägenden Figur. Bienzle war einer der profiliertesten Kommissare – und seine Filme schon 1992, als sie starteten, bewusst auf konservativ gebürstet. Die (vollständig oder beinahe) gleichberechtigten Teams waren damals noch eine Novität, 1991 in München mit den noch heute aktiven Batic / Leitmayr erstmals zu sehen und neben Bienzle gab es noch die Hut-und-Trench-Träger Markowitz in Berlin und Stoever in Hamburg sowie Brinkmann, den Herrn mit Fliege, in Frankfurt. Doch als Bienzle 2007 abtrat, war er ein Relikt aus einer anderen Zeit. Seine Tatorte werden in der Regel bewertet wie er selbst: Solide, aber nicht gerade aufregend.

Bienzle war wegen dieses Images einer der letzten Ermittler, mit dem wir uns im Rahmen der retrospektiven Tatortkritik verstärkt beschäftigt hatten und wie man an „Bienzle und der Feuerteufel“ feststellen kann, gibt es  bis heute Lücken. Der lange Abstand zur letzten Bienzle-Sichtung und dass wir in den letzten Monaten gar keinen älteren Tatort mehr rezensiert, sondern uns nur noch um die Premieren gekümmert haben, ist ein interessanter Aspekt, der möglicherweise diese Rezension etwas beeinflusst.

Der Stil der deutschen Premium-Krimireihe hat sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt, aber schon für 2005 wirkt „Bienzle und der Feuerteufel“ sehr konservativ, wie aus den späten 1980ern oder frühen 1990ern ins neue Jahrtausend transportiert. Als ich las, dass Arend Agthe Regie geführt hatte, dachte ich sofort an „Bienzle und der einzige Zeuge“, deinen der besten Bienzles, in dem Agthe seine Erfahrung mit darstellenden Kindern zum packenden Psychogramm eines Jungen verdichten konnte, der einen Mord beobachtet. Ich will aus „Bienzle und der Feuerteufel“ nicht schließen, dass der Regisseur generell mit Kindern besser kann als mit Erwachsenen, aber der Film wirkt auf eine seltsame Weise schräg. Das liegt natürlich auch an den Dialogen, für die kann der Regisseur nun einmal nichts, wenn er nicht auch das Drehbuch verfasst hat, aber die sind nicht nur seltsam, sondern auch steif umgesetzt. Ich hatte selten bei einem Tatort so sehr den Eindruck, die Schauspieler sind nicht rollensicher, und da dies für alle gilt und ich Bienzle in vielen Filmen auch als sehr authentischen Typ wahrgenommen habe, kann es nicht an der Qualität der Darsteller liegen.

Leider kommen mehrere negative Faktoren zusammen und wirken natürlich auch zusammen: Eine Sprache und ein Umgang der Personen miteinander, die künstlich auf Übergriffigkeit und Krawall gebürstet sind, ohne dass daraus echte Dramatik entsteht, der steife Inszenierungsstil, die Handlungsanlage als Whodunit anstatt Thriller, die Vorhersehbarkeit einerseits bei fragwürdiger Motivation andererseits. Auf der Habenseite steht, dass die Logik im Ganzen gewahrt ist, die offenbar penible Recherche von Brandsetzungsmöglichkeiten und dass der Film am Ende tatsächlich spannend wird.

Fortfolgend sind Angaben zur Auflösung enthalten!

Allerdings erst ab dem Moment, ab dem Henzler auf seiner Enduro nach Hause fährt – da war doch ein Thrill zu verspüren: Bringt er sich aus Verzweiflung schon durch einen absichtlichen Unfall ums Leben oder passiert erst später etwas? Wer der Brandstifter nun war, das war keinerlei Überraschung, es hatte sich zu deutlich abgezeichnet, dass der Freak unter den Feuerwehrleuten den perfekten Brand stiften wollte. Dieses Gezicke zwischen Bienzle und dem Chef der Feuerwache gehört zu den nervigen Konstrukten des Films, zumal es nicht, wie bei den Krimis, in denen Vorgänge bei der Polizei eine Rolle spielen, zu einer Abhandlung über den Corpsgeist und seine Wirkungen ausgeformt wird. Der Chef hat sich eben in seinem besten Mitarbeiter geirrt, sowas kommt vor. Wie auch Bienzle hier Fehler macht und seiner Hannelore einen Kaufhausdiebstahl zutraut. Diese Nebenhandlung: Bienzle will sparen, Hannelore ihm was Gutes tun, gerät in eine Art Hinterhalt, steht unter Tatverdacht, läuft komplett neben dem eigentlichen Plot her. Dazu gibt es prinzipiell zwei Ansichten. Die erste: Dies ist ein Füllelement, weil das eigentliche Geschehen die erforderlichen 88 Minuten Spielzeit nicht getragen hätte. Wäre der Hauptplot besser, die Figuren stärker, wäre sowas nicht nötig gewesen. Die zweite: Das Privatleben der Ermittler ist doch auch interessant und man muss nicht zwanghaft alles miteinander verknüpfen. Eine solche Verknüpfung wäre es beispielsweise gewesen, wenn die Kaufhausdiebin die Frau von Hensler gewesen wäre, die ihm damit aus der finanziellen Klemme hat helfen wollen.

Interessant übrigens, dass die Überwachungskameras aus mehreren Perspektiven mehr oder weniger deutlich filmten, wie die Diebin die Kette in Hannes Tasche gesteckt hatte, nicht aber den eigentlichen Diebstahlsvorgang und dass die Videos nicht routinemäßig ausgewertet wurden, sondern dass Hannelore sich an Gächter wenden muss und der dann wieder den KT-Chef mit der Sichtung betraut. Aber zu realistisch wäre zu einfach gewesen und die Gefahr für Hannelores straffreien Ruf wäre nicht entstanden. Kompliziert wird die Lage dadurch, dass Bienzle seine Angebeteten auch noch misstraut bzw. sich missverständlich verhält. Der Kommissar und seine Malerin werden ja oft ein einen etwas bemüht wirkenden Konflikt gesetzt, das gehört zur Konzeption der Stuttgart-Tatorte dieser Epoche, aber dieses Mal ist es wirklich sehr nervig gewesen. Wie oben geschrieben: Es lag nicht nur an der Idee zu diesem Konflikt, sondern auch an seiner unbeholfenen Umsetzung. Man ist demnach froh, wenn der noch schwäbischere Vermieter Rominger auftritt, denn bei dem ist das Übersteigerte eines Schottenschwaben, der aber auch jedes Mal im Treppenhaus zugange ist, wenn jemand anders sich dort aufhält, Programm und sorgt für eine gewisse Erheiterung.

Bienzles Assistent Gächter bekommt in Nummer 584 ein gewisses Eigenleben zugestanden und auch dies passt leider ins Bild: Ein hätte, könnte, vielleicht, ein Blick, ein Sehnen, ein Abschied. Da wünscht man sich beinahe den Berliner Ritter von der bestiefelten Gestalt, den Berliner Großstadtjäger Till Ritter herbei, damit er mit Gächter einen Kurs macht, wie man sich Frauen in jener Zeit annähern konnte, bevor man eine schriftliche Vorabgenehmigung zur Gesprächsaufnahme benötigte, wie sie aus sachlogischen Gründen nicht ganz einfach zu erlangen ist, weshalb ja auch die Interaktion immer schwieriger wird.

Ich habe darüber nachgedacht, ob der kantige Duktus und das aggressive Verhalten der Personen gegenüber die sozialpolitische Aussage des Films darstellen sollen, nämlich dass Konflikte aus Kränkungen und Unverständnis entstehen; denn das ist ja bei all diesen Verhältnissen deutlich zu beobachten. So gesehen ist der Stil nicht altbacken, sondern schlau und weist darauf hin, wie moderne Kommunikation viele Brandherde im wörtlichen und übertragenen Sinn gar nicht erst entstehen lässt. Stimmt natürlich nicht für den Feuerteufel, dessen Manie leider nur aus seinem Perfektionismus hergeleitet wird, was eindeutig zu wenig ist und weshalb die Figur und das Ende des Films so unbefriedigend sind. Ein wenig anders bei der Familiensituation von Hensler, die ist ein echter Klassiker. Der Vater einer hübschen Frau, dem der Schwiegersohn nicht gut genug für ebenjene ist, sorgt für eine Drucksituation, die in der Katastrophe mündet. Oder beinahe, am Ende wird ja doch nicht alles, aber einiges gut und das Objekt des übersteigerten Wollens, das Selberausbau-Haus, ist abgebrannt, symbolisch für die falschen Ziele eines Mannes, der doch nur beweisen wollte, wie er an seiner Frau hängt. Obwohl der Schwiegervater ein Arschloch ist, das vermutlich noch in der HJ erzogen wurde und seine Momente für echte innere Verkrampfung bei mir sorgten, hatte ich das Gefühl, dass die Tochter alles ausgelöst hat, weil sie sich nicht genug aus dessen Einflussnahme hat befreien können, in jahrelanger Ehe mit zwei Kindern. Das gibt es alles und eines kann man Felix Huby, dem Erfinder von Bienzle und Haupt-Drehbuchautor auch dieses Films, nicht unterstellen: Dass er unterschwellig patriarchalische Botschaften transportieren will. Auf eine recht altväterliche Art wird in diesen Tatorten häufig Sozialkritik geübt, die Methoden sind allerdings, wie man auch an der Darstellung dieser Familie sieht, nicht immer die Subtilsten. Einen gewissen Interpretationsspielraum bietet höchstens Frau Hensler, alle anderen Figuren sind entweder plan oder können nur ausspekuliert werden, was bekanntlich nicht das Gleiche ist wie die Möglichkeit zur Deutung – das trifft leider auf den Brandstifter zu.

Fazit

Der Whodunit tendiert leider zu genau dieser Schwäche: Dass die einzelnen Charaktere zu wenig ausformt werden können, damit der Zuschauer nicht zu früh weiß, wo der Hase am Ende hinlaufen wird, gerade bei den ruhigen Bienzle-Krimis ist deshalb die Anlage als Howcatchem, bei welcher der Zuschauer den Täter früh kennt und sich ein Duell entwickelt und die Spannung darin liegt, ob und wie er gefangen wird, die bessere. Häufig wird diese Version angereichert um ein Element des Zeitdrucks, etwa in der Form, dass der Täter jemanden gefangen hält und droht, ihn umzubringen, wenn nicht bis zu einem bestimmten Moment seinen Forderungen nachgekommen wird – und ähnliche Möglichkeiten der Spannungssteigerung. Es gab mal einen Bienzle, in dem sogar Hannelore als Geisel genommen wird.

Das meiste entsteht und bleibt in der Familie, wie meist im wirklichen Leben.

5,5/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

Regie    Arend Agthe

Drehbuch           Felix Huby

Dieter de Lazzer

Produktion         Brigitte Dithard

Musik   Martin Cyrus

Matthias Raue

Kamera                Hans-Jörg Allgeier

Schnitt  Carola Hülsebus

Besetzung

Dietz-Werner Steck: Ernst Bienzle, Kriminalhauptkommissar

Rüdiger Wandel: Günter Gächter, Kriminaloberkommissar

Rita Russek: Hannelore Schmiedinger

Bernd Gnann: Paul Henzler

Harald Koch: Frank Sobor

Jürgen Haug: Klaus Stöckle

Yekaterina Medvedeva: Rosita Ianescu

Klaus Spürkel: Dr. Bernhard Kocher, Gerichtsmediziner

Dirk Salomon: Schober, Kriminaltechniker

Walter Schultheiß: Rominger, Vermieter

Oliver Böttcher: Luigi Benigni

Arved Birnbaum: Kolb

Michael Gahr: Hohlbein

Ulrike C. Tscharre: Sylvia Henzler

Joerg Adae: Leipold

Michael Trischan: Dr. Sievert, Lehrer

Michael Heinsohn: Maurer

Peter Höfermeyer: Hotterbach

Thomas Lang: Kaufhausdetektiv

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