The Enchanted Drawing (USA 1900) #Filmfest 1181

Filmfest 1181 Cinema

The Enchanted Drawing ist ein Kurzfilm, der in Teilen in Stop-Motion animiert und am 16. November 1900 veröffentlicht wurde. Regie führte J. Stuart Blackton, der auch die Rolle des Zeichners übernahm. Der Film entstand in den Vitagraph Studios, die von J. Stuart Blackton gegründet wurden. The Enchanted Drawing wurde von Thomas A. Edison veröffentlicht.[1]

Dieses Mal war die Auswahl nicht so einfach, unter anderem, weil wir das Jahr 1899 überspringen mussten. Eine Jahr-für-Jahr-Chronologie der USA und plötzlich reißt es ab, nachdem schon Mitte der 1890er so viele Filme produziert wurden? Es gibt in der Tat kaum erhaltene Werke aus dem Jahr 1899, die tatsächlich und vollständig amerikanischen Ursprungs sind. William K. L. Dickson, den wir mittlerweile schon gut kennen, hat in Großbritannien beim dortigen Ableger eines amerikanischen Unternehmens zwar den ersten Shakespeare-Film überhaupt gedreht, aber es ist nun einmal ein Film, der in Großbritannien gefilmt wurde, mit britischer Finanzierung.

Wenn wir nicht auf einen Film zurückgreifen wollen, der nur nach Katalog beschrieben ist, weil verloren, wie etwa die Eismann-Komödie aus dem Jahr 1899, dann müssen wir weiter ins Jahr 1900. Und wir spüren, dass die Welt auf etwas wartet, auf einen Schub bei vielen Technologien. Beim Kino war es der längere Film. 

Nicht ganz zufällig sehen wir deshalb im Jahr 1900 die ersten Filme von Edwin S. Porter, der alsbald Ruhm mit seinem „Der große Eisenbahnraub“ erlangen sollte. Wir haben uns zwei erhaltene Werke von ihm aus dem Jahr angeschaut und uns dann anders entschieden. Sicher sind diese Filme Fortschritte gegenüber den Szenen, die William K. L. Dickson ein paar Jahre zuvor aufgenommen hatte, aber künstlerisch zweitrangig gegenüber dem, was Georges Méliès in Frankreich zu der Zeit drehte, darauf werden wir im Rahmen der zweiten französischen Chronologie noch zu sprechen kommen.

„The Enchanted Drawing“ („Die verzauberte Zeichnung“) stammt aus den Edison-Studios, die die ersten Jahre der amerikanischen Filmentwicklung dominierten, aber er ist ein früher Stop-Motion-Animationsfilm, der durch seine schlichte, aber effektvolle Gestaltung einen allerersten Hinweis darauf gibt, was einmal eine der vielen Stärken des US-Kinos werden sollte: der Zeichentrickfilm. Sogar eine Vermischung von Realfilm und Zeichentrick sieht man schon, rudimentär zwar, aber unzweifelhaft ein integrativer Ansatz, dessen Ausformung noch viele Jahre und technische Sprünge brauchen würde, um massenwirksam zu werden. Heute wirkt er fort in den Filmen von Walt Disney und den Studios, die Disney mittlerweile alle gekauft hat. Oder fast alle.

Handlung (1)

Ein Cartoonist steht vor einem leeren Blatt Papier und zeichnet einen rundlichen Mann. Des Weiteren zeichnet er eine Flasche Wein und ein Weinglas. Er holt beides aus der Zeichnung und trinkt ein Glas Wein. Den restlichen Wein trinkt die Figur auf dem Papier aus der Flasche. Er zeichnet dem Mann einen Hut, den er ihm dann jedoch wegnimmt und sich selbst aufsetzt. Schließlich zeichnet er dem Mann auch eine Zigarre und lässt ihn diese eine Weile genießen.

Dies ist ein einfach konzipierter, aber gut ausgeführter Trickfilm. Es ist im Grunde der einfache Trick, die Kamera anzuhalten und neue Gegenstände zu ersetzen, aber es wird mit einem Sinn für Witz gemacht. Es ist nicht wirklich ein Animationsfilm, aber er weist in die Richtung der Animation und kann als ein Film gesehen werden, der die Punkte zwischen Animation und dem einfachen Substitutionstrick verbindet. Blackton selbst scheint sich als Künstler bei der Arbeit wohl zu fühlen, und es macht auch Spaß, dem Kurzfilm zuzusehen.[2]

Während Winsor McCay oft als Vater des Animationsfilms gehandelt wird, waren andere wie Emile Cohl (der im Gegensatz zu McCay für ein Studio arbeitet) und Stuart Blackton definitiv schon vorher in der Bildfläche. Ihre Stile sind alle sehr unterschiedlich (besonders der von Cohl), aber Blackton macht wunderbare Dinge mit dem Medium der Animation, die im Geiste den Animationsfilmen und -episoden, die wir kennen und lieben lernen, sehr ähnlich sind. Ich bewerte es nicht nur wegen seines Erfindungsreichtums, sondern auch wegen seiner historischen Bedeutung, da es zu einem Stil, Genre und einer Epoche gehört, die in der Filmgeschichte oft unterschätzt wird (oft wird sie ein oder zwei Seiten in Filmgeschichtsbüchern erwähnt). Aber dank Leuten wie John Canemaker und Donald Crafton wird die Animation immer besser kanonisiert und man sollte dies in Betracht ziehen.[3]

Dieser „Trickfilm“ (wie sie genannt werden) dauert anderthalb Minuten und spielt sich ähnlich ab, wie die obige Zusammenfassung beschreibt: Ein Mann zeichnet ein Gesicht auf ein großes Blatt Papier, dann mehrere Gegenstände (eine Flasche, ein Glas, eine Zigarre, einen Hut), die dank Stop-Motion zum Leben erweckt werden, wenn er nach ihnen greift. Das Gesicht selbst verändert sich, wenn Dinge weggenommen oder zurückgegeben werden. Das Gesicht selbst ist nicht animiert, obwohl dieser Film als frühes Beispiel für den Animationsfilm gilt.

Der blitzschnelle Zeichner des Films ist James Stuart Blackton, der mit seiner Staffelei im Varieté tourte und das Publikum mit seinen schnellen Zeichnungen verblüffte. Er hat eine ganze Weile für Edison gearbeitet, aus offensichtlichen Gründen – ein Jahrhundert später ist der Film wirklich, wirklich cool, und die gleiche Stop-Motion, die in TV-Serien wie „Bewitched“ funktioniert hat, scheint immer erstaunlich zu sein.

Aber dieser hier, selbst so früh, wie er gemacht wurde, hat einen Charme, den manche Kurzfilme nicht nachahmen können. Zunächst einmal ist es extrem gut gemacht; Als Blackton sich die Flasche und das Glas schnappt, ist das überraschend. Zweitens ist Blackton selbst ein Showman, sodass seine Zeichnungen und seine Interaktion damit auf eine animierte, unterhaltsame Weise erfolgen. Und schließlich macht es einfach Spaß: Eine Zeichnung, die wütend wird, wenn ihre Weinflasche gestohlen wird, aber glücklich wird, wenn sie mit dem Wein gefüttert wird, ist einfach zu süß und lustig, um sie banal oder langweilig zu finden.[4]

Finale

Viel mehr, als in den obigen Rezensionen zusammengefasst ist, kann ich zu dem Film nicht schreiben, vielleicht aus deutscher Sicht, dass mich der gezeichnete Rundkopf und sein genießerisches Dasein ein wenig an Heinrich Zille erinnert haben, aber auch an Vater und Sohn von O. E. Plauen.

Das weist darauf hin, dass es bei karikaturistisch angehauchten Zeichnungen einen Zeitstil gab, über Ländergrenzen hinweg, und dass man mit einfachen Mitteln sehr treffend zeichnerische Charaktere darstellen kann. Heute kein großes Ding mehr, nachdem unzählige Zeichentrickfiguren erfunden wurden, die äußerst populär geworden sind, aber damals als süßer kleiner Spaß sehr originell. Bei einem solchen Werk fällt der zeitgeschichtliche Hintergrund mehr oder weniger flach, es sei denn, man philosophiert ernsthaft oder auch, gemäß dem Genussleben der Zeichentrickfigur und des Zeichners ein wenig angeheitert, über die unbekümmerte Darstellung des Lasters als Genuss.

Der Film erhält in der IMDb eine für ein Werk dieser Generation hohe Bewertung von 6,9/10, was ich sehr angemessen finde, ich weiche auch, wie bei den bisherigen Filmen aus der absoluten Pionierzeit des Kinos, nach oben ab, allerdings nicht mehr so deutlich wie bei den allerersten Geh- bzw. Laufversuchen des Mediums.

72/100

© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Produziert von Vitagraph Studios
Thomas Edison
Die Hauptrolle spielend J. Stuart Blackton
Vertrieben von Edison Studios
Erscheinungsdatum
  • 16. November 1900
Laufzeit
1:30
Land USA
Sprachen Stummfilm
Englische Zwischentitel

[1] The Enchanted Drawing – Wikipedia

[2] Die verzauberte Zeichnung (1900) | Fantastische filmische Grübeleien und Geschwafel (fantasticmoviemusings.com)

[3] The Enchanted Drawing (Kurzfilm 1900) – Benutzerrezensionen – IMDb

[4] The Enchanted Drawing (Kurzfilm 1900) – Benutzerrezensionen – IMDb

 


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