Saudi-Arabien: WM-Gastgeber mit zweifelhaftem Ruf (Statista + Kommentar)

Briefing Geopolitik Sport Menschenrechte, Fußball-Weltmeisterschaft 2034, Saudi-Arabien, FIFA

Wir reden bzw. schreiben im neuen Wahlberliner nicht mehr viel über den Sport, im „ersten“ Wahlberliner (2011-2016, den neuen gibt es seit 2018) war das noch anders. Aber Politik und Sport? Auch der Sport ist ein Gradmesser, wie es um die menschliche Zivilisation bestellt ist.

Erinnern Sie sich noch, wie intensiv die Diskussion über die WM in Katar im Jahr 2022 war? Vor ein paar Tagen hat Saudi-Arabien den Zuschlag für die FIFA-Fußballweltmeisterschaft 2034 bekommen. Statista hat das Land in Form seiner Index-Rankings dargestellt.

Infografik: Saudi-Arabien: WM-Gastgeber mit zweifelhaftem Ruf | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz CC BY-ND 4.0 Deed | Namensnennung-Keine Bearbeitung 4.0 International | Creative Commons erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Die FIFA vergibt wenig überraschend die Fußball-Weltmeisterschaft 2034 an Saudi-Arabien. Nach der WM in Katar wird also erneut ein Fußball-Großereignis in einem von Menschenrechtsorganisationen stark kritisierten Staat ausgetragen. Human Rights Watch spricht in einem aktuellen Bericht beispielsweise von Zwangsarbeit, Lohndiebstahl und mangelndem Schutz vor extremer Hitze. Auch ungeklärte Todesfälle unter Arbeitern werden dokumentiert. Die Lage in dem Land, dem die Beauftragung des Mordes an Journalist Jamal Khashoggi im Jahr 2018 zugeschrieben wird, wird teilweise sogar als kritischer gesehen als in Katar.

Das unterstreicht auch das Abschneiden Saudi-Arabiens in verschiedenen internationalen Indizes. Wie die Statista-Grafik auf Grundlage dessen zeigt, gilt das Leben in Saudi-Arabien im Allgemeinen als unfrei. Das begründet sich vor allem in der Beschränkung und Kontrolle der Presselandschaft sowie dem Zugang zum Internet. So schneidet Saudi-Arabien beispielsweise im World Press Freedom Index von Reporter ohne Grenzen mit Rang 166 von 180 besonders schlecht ab und steht im Ranking sogar unter Russland. Der Freedom on the Net Report von Freedom House sieht das arabische Königreich in der 2024er Ausgabe auf Platz 65 von 72 untersuchten Ländern.

Auch die demokratische Teilhabe des einfachen Volkes ist in Saudi-Arabien nicht gegeben. Der Democracy Index 2023 stuft den Staat als autoritäres Regime ein. Das sich dieses Regime, nicht zuletzt durch Importe aus Deutschland, zunehmend bewaffnet und immer mehr im globalen Waffenhandel mitmischt, kritisiert Visions of Humanity im jährlichen Global Peace Index. Noch am besten schneidet Saudi-Arabien im Corruption Perceptions Index ab, der das Maß der wahrgenommenen Korruption innerhalb des Landes misst – hier liegt der WM-Gastgeber 2034 im Mittelfeld.

Kommentar

Zum CPI (Corruption Perception Index) haben wir uns erst vor ein paar Tagen geäußert. Es geht hierbei um die Wahrnehmung der Bevölkerung des betreffenden Staates, nicht das tatsächliche Maß an Korruption. Vielleicht hatten die Menschen in Saudi-Arabien Vorsicht walten lassen bei ihren Einschätzungen. Vielleicht ist bei der strikt vom Herrscherhaus organisierten Staatsstruktur die klassische Korruption im Filz aus Beamten, Politik und Wirtschaft tatsächlich nicht so ausgeprägt. Im Grunde ist es egal, schließlich ergibt sich aus all den Indizes ein deutlich negatives Bild, wenn es um alle Freiheiten geht, nach denen der Westen definiert, ob ein Staat gut oder schlecht ist. Denn es ist nun einmal eine westliche Sichtweise, formale Freiheit als Qualitätsmaßstab an andere Länder anzulegen.

Auf jeden Fall ist es gut, dass Statista noch einmal darauf hingewiesen hat, wie intensiv Deutschland Geschäfte mit Saudi-Arabien betreibt, und das, damit wir schön alle günstig an Rohstoffe herankommen. Da stellt sich natürlich sofort eine Frage:

Warum sollten Sportfunktionäre anders handeln als die Politik und die Wirtschaft und als die Mehrheit der Bevölkerung in Demokratien, die diese Geschäfte toleriert? Weil der Sport eine Vorbildfunktion hat?

Ist das noch so, gerade im hoch kommerzialisierten Fußball? Oder ist er nur noch ein weiteres Geschäft? Sport ist sicher auch politisch, aber auch daran erinnern wir uns gut: Die für Deutschland desaströse WM in Katar war eine, in der die Nationalmannschaft ein gesellschaftliches Statement zugunsten der Vielfalt abgeben wollte und sollte und was dabei herauskam, war große Häme von der Seite vieler Menschen, die nun einmal anders denken über Diversität, als dieses Statement nicht an sich bewertet wurde, sondern in Relation zum sportlichen Erfolg. 

Ist die Vergabe von sportlichen Großereignissen in einer von ganz unterschiedlichen Normensystemen durchsetzten und von ganz unterschiedlichen Ansichten über eine gute Gesellschaft durchzogenen Welt tatsächlich ein Instrument, mit dem man demokratisches Wohlverhalten prämieren kann? Wie wichtig sind Menschenrechte im Sport, wenn man ihm keine Vorbildfunktion zurechnen will? Schon gar keine, die sich an Maßstäben orientiert, welche die unseren im Sinne der Demokratie sein sollten, die wir aber nicht zwangsläufig anderen im Sinne einer Wertepolitik überstülpen können, die außerdem erhebliche Macken im Sinne von Doppelstandards hat, wenn wir mal etwas genauer aufs eigene Land schauen, aufs eigene Verhalten und darauf, wie die Politik bei weitem nicht bei allen Ländern die gleichen Maßstäbe anlegt. 

Leider gibt es viele Menschen, die sich das Leben in Autokratien nicht ausgesucht haben, weil es dort nichts auszusuchen gibt. Wie viele stehen in solchen Systemen hinter den Systemen? Das ist schwer zu ermitteln, wenn es keine freien Wahlen, keine freien Medien und keine politische Freiheit im Ganzen gibt. Insofern müsste der Sport der Anwalt der mutmaßlichen Regimekritiker:innen und der Unterdrückten auftreten, auch wenn sie nicht die Mehrheit der Bevölkerung darstellen, wenn er Ländern wie Saudi-Arabien die Ausrichtung von Großereignissen verwehren will, wofür gerade dieses Land ganz sicher die finanziellen und organisatorischen Möglichkeiten hat.

Ein anderer Maßstab wäre der sportliche selbst: Sollte man nur Länder Weltmeisterschaften ausrichten lassen, die selbst Chancen auf den Titel haben oder wenigstens eine große Fußballtradition? Auch das ist im Grunde eine diskutable Sichtweise.

Sich für die Demokratie einsetzen heißt nicht, die eigenen Maßstäbe auf alle Länder und deren Menschen zu übertragen. Etwas anderes ist, wie sich die Angehörigen dieser Nationen im eigenen Land verhalten, in dem das Grundgesetz gilt, da schauen wir auch sehr genau hin, weil es wiederum in unserem Interesse liegt, Vielfalt und Toleranz zu erhalten.

Wir bezweifeln nach jahrzehntelanger Beobachtung sehr stark, dass Sport sich als Plattform für bessere Politik eignet – im Grunde widerspricht das sogar seiner völkerverbindenden Funktion, die wir jedoch ebenfalls kritisch sehen, vor allem, wenn durch den Sport Nationalismen befördert werden, wie bei Fußball-Weltmeisterschaften. Politik, die sich ein Bashing wegen ihres mangelhaften Umgangs mit Menschenrechten zuzieht, kann gerade dadurch oft nationale Aufwallungen für sich nutzbar machen, indem sie behauptet, es ginge um die Herabwürdigung des Landes, der Menschen, ihrer Traditionen. Auch diejenigen, die in Demokratien leben, verhalten sich bei solchen Ereignissen außerdem nicht völkerverbindend, sondern frönen ungehemmter, als das im Alltag möglich ist, ihrer nationalistischen Überheblichkeit.

Der Fußball ist besonders anfällig für negative Begleiterscheinungen, weil er traditionell ein Katalysator für alles Mögliche ist, besonders in Ländern, in denen er einen hohen Stellenwert hat, und weil er ein Geschäft ist, das auf der Pflege von Konkurrenzdenken basiert. Wie jede Sportart und besonders der Mannschaftssport. Kein Wunder, dass gerade die USA bei diesen Sportarten finanziell immer mehr in Sphären abheben, die nicht mehr viel mit der Realität der Mehrheit dort zu tun haben. Aber stört es die Mehrheit und gibt der Sport der Demokratie wenigstens etwas und wirkt dämpfend auf den Rechtsdrall und die Gefährdung der Demokratie? Es ist uns noch nicht aufgefallen.

Man darf diese WM-Vergabe an Saudi-Arabien gerne kritisieren, aber aufpassen, dass es nicht in Heuchelei ausartet. Wir akzeptieren um der eigenen Bequemlichkeit willen unglaubliche Zustände in der Welt, und dass Staaten wie Saudi-Arabien mit ihren Rechtssystemen durchkommen und sogar gut fahren, liegt genau daran. Kann man der FIFA unter diesen Umständen verdenken, dass sie auch so konstruiert ist, dass sie vor allem den eigenen Nutzen im Blick hat? Das ist übrigens nicht dasselbe, als wenn es dort korrupt zugeht, also tatsächliche, überprüfbare Standards nicht eingehalten werden.

Nämlich, dass uns das alles, wenn es nicht gerade um plakativ zum Fingerzeigen geeignete Großereignisse geht, ziemlich wurscht ist. Selbstverständlich nehmen wir von dieser Zuschreibung alle aus, die sich aktiv für Menschenrechte überall auf der Welt gleichermaßen einsetzen, also eine kleine Minderheit.

TH


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