Filmfest 1240 Cinema
Rosen für den Gerichtsrat
Die Herren mit der weißen Weste ist ein deutscher Spielfilm aus dem Jahr 1970. Die Handlung der von Wolfgang Staudte inszenierten Kriminalkomödie spielt in Berlin. Die Uraufführung erfolgte am 12. März 1970 im Gloria-Palast, Berlin.
Wir schreiben das Jahr 1970. Der bessere Teil des deutschen Altkinos ist irgendwo im Nirgendwo verschwunden und der Junge resp. Neue Deutsche Film noch nicht reif fürs allgemeine Publikum. In diesem qualitativen Vakuum tummeln sich gruselige Paukerklamotten, Sexfilmchen und auch Heinz Erhardt ist mit der „Willi“-Reihe auf dem Tiefpunkt seines Schaffens angekommen. Und weil er das wusste, bekam er wenig später einen Herzinfarkt.
Handlung (1)
Zu Beginn des Films kehrt der Kriminelle Bruno Stiegler alias Dandy aus den Vereinigten Staaten als Boxpromoter nach West-Berlin zurück, um mit seiner „Gaunerbande“ verschiedene geplante Straftaten zu verwirklichen.
Der inzwischen pensionierte Oberlandesgerichtsrat Zänker hat in seiner aktiven Dienstzeit vergeblich versucht, Dandy mit legalen Mitteln hinter Gitter zu bringen. Nun dreht er mit seinen Freunden und seiner Schwester Elisabeth den Spieß um. So will Dandy die Einnahmen aus einem Fußballspiel von Hertha BSC aus dem Olympiastadion stehlen, Zänker kommt ihm aber zuvor.
Gleiches erreicht Zänker bei Dandys Versuch, den Geldschrank des dubiosen Geschäftsmanns Kunkelmann auszurauben und bei einer Parade das Juweliergeschäft Haase auszuräumen. Zänker gelingt dies dadurch, dass er den von ihm früher verurteilten und bei der Begnadigung unterstützten Pietsch als Spitzel in Dandys Bande benutzt.
Pikant ist dabei, dass Zänkers Schwiegersohn Walter, der zusammen mit dessen Tochter Monika im Haus bei Zänker lebt, bei der Polizei arbeitet und damit beauftragt ist, diese Straftaten aufzuklären.
Rezension
Aber zwei Jahre zuvor, eben in jenem 1969, in dem die Menschen nach allgemeiner Ansicht erstmalig den Mond betraten, aber im deutschen Kino Pioniertaten beinahe abseits des öffentichen Interesses statffanden, gab es noch einen Film wie „Die Herren mit der weißen Weste“. Es ist eine Gaunerkomödie mit einem klassischen Handlungsmuster, sogar mehrfach ausgeführt: Eine alternde Gang und ihr letzter Coup – oder eben mehrere allerletzte Raubzüge. Einen Unterschied gibt es aber zu all den Filmen, die ähnliche Muster haben und die oft viel ernster damit umgehen, weil alt sein, abtreten, ja so etwas Tieftrauriges hat. „Die Herren mit den weißen Westen“ ist das genaue Gegenteil.
Die Herren sind Robin Hood (Martin Held als Kammergerichtsrat a. D.) und seine wunderbaren Kameraden, die Gegner sind Unternehmer, die alte Leute abzocken, und Gauner, die sich immer der Justiz entziehen. Beide Gruppen, die sich nur dadurch unterscheiden, dass die Gauner, besonders in Person von Dandy Stiegler (Mario Adorf) origineller und liebenswerter sind, werden mit ihren eigenen Waffen geschlagen: indem man schneller ist als sie (der Raub der Fußballspiel-Einnahmen im Berliner Olympiastadium) oder sie wiederum selbst austrickst. Zum einen dienen die Unternehmungen dazu, geprellten kleinen Leuten ihr Geld zurückzuerstatten, zum anderen dazu, den Dandy und seine Leute zu überführen. Zu Tode kommt dabei nur ein Gangster, auf ziemlich spektakuläre Weise, aber nur durch ein Geräusch angezeigt, glücklicherweise nicht bildlich.
Das hätte auch nicht zum sanft-ironischen Stil dieses Films gepasst. Es soll ja eine Satire sein, kein Horrorfilm, wo es doch schon so viel Gruseliges auf deutschen Leinwänden zu sehen gab (siehe oben).
Für diese wunderbar gespielte und plotmäßig weitgehend stimmige Kriminalkomödie (Computer wurden allerdings schon damals überschätzt, als noch niemand einen zu Hause hatte) wurde ein großes Aufgebot an Darstellern engagiert, die sichtlich Spaß daran hatten, endlich mal wieder eine gute Rolle zu bekommen. Der besagte Heinz Erhardt wird vom geplagten Familienvater zum lockeren Babysitter, der das Baby auf für damalige Verältnisse sehr moderne Weise auf dem Rücken mit sich trägt, wenn er niemanden findet, an den er’s weiterreichen kann. Martin Held wird vom Staatsanwalt mit brauner Vergangenheit („Rosen für den Staatsanwalt“, 1959) zum Gerichtsrat mit korrekter, aber bezüglich des Zugriffs auf die schweren Jungs unbefriedigender Vergangenheit und somit in der Gegenwart ein Mann illegalen, aber mit bester Absicht ausgeführten Plänen, die er unter Zuhilfenahme kundiger und findiger Mitstreiter umsetzt.
Dass die Männer auch als Herrenchor fungieren, ist „Ladykillers“ abgeschaut, auch wenn es dort ein Streichquintett war. Der Ort der meisten Szenen ist ein herrschaftliches, schon für die späten 1960er etwas muffig wirkendes Haus, in dem der Gerichtsrat mit Sohn und Schwiegertochter lebt. Der Sohn wird gespielt von Walter Giller, der als Kriminalpolizist keinen leichten Stand gegen den gewieften Papa hat und der von den Umständen gerüttelte Typen so gut spielen kann. Hier fügt er sich gut in das Ensemble ein, in dem er unter den Männern mit Mario Adorf zusammen die Jugend repräsentiert. Sein Chef ist Friedrich Schürenberg, der Mann mit der sonoren Stimme, der diese Rolle schon als Scotland Yard-Chefermittler in Edgar Wallace-Filmen geübt hat (u. a. „Der Hexer„, 1964).
Das Zusammenwirken all dieser Hochkaräter ist ein Genuss, aber man hatte seitens der Phillipsen-Wendtlandt-Produktion, die schon Karl May und Edgar Wallace zu großer Präsenz im deutschen Kino verholfen hatte, auch keine Mühen gescheut. Als Komponist der Filmmusik fungierte Peter Thomas, der die prägenden Scores zu einigen der besonders beliebten Wallace-Adaptionen geschrieben hatte, wobei er in „Die Herren mit der weißen Weste“ etwas dezenter agiert und einen Jazz light anbietet, der gut zum Stoff und den Akteuren passt, und sein Wirken mehr im Hintergrund hält als bei den knalligen Gruselkrimis, die ein paar Jahre zuvor sosehr in Mode waren.
Regisseur schließlich ist der in Saarbrücken geborene Wolfgang Staudte, den wir kaum vorstellen müssen. Seine frühen Nachkriegswerke wie „Die Mörder sind unter uns“ oder „Der Untertan“ zählten zu den wichtigsten Filmen des ersten Nachkriegsjahrzehnts. Mit Martin Held hatte er dann im erwähnten „Rosen für den Staatsanwalt“ gearbeitet, der nach schwierigen Jahren wieder ein großer Erfolg für Staudte werden sollte. Allerdings sind wir ja wieder ein Jahrzehnt weiter und Staudte war immer kontrovers, weil einer der engagiertesten Zeitgeistkritiker.
Diese Kritik wird auch in „Die Herren mit der weißen Weste“, der die Verhältnisse im damals zunehmenden allgemeinen Wohlstand der BRD beleuchtet, die Welt nur vordergründig verdreht und uns erklärt, wie man ohne Gesetzesübertretungen gar nicht auskommt, wenn man der Bösewichte dieser Welt Herr werden will. Und Staudte war gewiss so sehr ein Moralist, dass er sich eine Gesellschaftsordnung wünschte, in der keine Menschen mehr zu Verbrechern heranwachsen. Aber er verpackte, durch Erfahrungen mit der west- und der ostdeutschen Zensur und Kritik klug geworden, alles in eine Komödie vom Feinsten, die man ihm kaum zugetraut hätte. Seine früheren Filme waren deutlich kantiger als dieses vergnügliche Schelmenstück.
Sicher hat das Drehbuch eine Rolle gespielt und das stammt vom sehr publikumserfahrenen Horst Wendlandt und von Wolfgang Menge, der einen sämigen, österreichischen Touch in eine Berliner Komödie hineingeschrieben hat und einer der wichtigsten Fernsehfilmer dieser Zeit war.
Ein richtiger Berlin-Film ist „Die Herren mit der weißen Weste“ auch. Das Olympiastadion kommt zum Einsatz, es spielt die Hertha, und wir rätseln lange darüber, wem es helfen soll, dass die alten Herren die Einnahmen des Spiel gegen – der Gegner wird leider nicht genannt, aber ein Plakat Hertha-Schalke hängt im Kassenraum – mitgehen lassen. Allein der Ehrgeiz schneller zu sein als der Dandy, der ebenfalls zugange ist, kann’s nicht sein. Es erklärt sich am Ende aber recht logisch. Im weiteren Verlauf kommt der Tempelhofer Flughafen zu Ehren, der damals die einzige Möglichkeit war, per Luft aus Westberlin in die weite Welt zu gelangen und der als Zielflughafen der Rosinenbomber während der Blockade 1948-49 zu großer Berühmtheit gelangte, ebenso wie diese amerikanischen Versorgungsflugzeuge und einige ihrer Besatzungen. Die Anwesenheit der (West-) Alliierten wird noch einmal in Szene gesetzt, als während der Militärparade am 1. Juli, die seit 1964 stattfand, ein Raub ausgeübt wird. Wegen der vorbeifahrenden Panzer sind die Alarmanlagen ausgeschaltet und der Lärm ringsum ist ebenfalls bestens geeignet, einen, in diesem Fall, Juwelenraub zu ermöglichen.
Finale
Wenn wir aus all den schönen Rollen eine herausgreifen müssten, um unseren Favoriten oder unsere Favoritin zu bennen, dann wäre es wohl die von Agnes Windeck als Schwester des Kammergerichtsrates, die tut, als wäre sie schwerhörig. Nicht, dass dieser Gag eine bahnbrechende Innovation ist, doch die Art, wie Windeck ihn ausspielt, ist nicht nur zum Schmunzeln, wie viele Momente des Films, sondern hat bei uns richtige Lacher verursacht. Das war nur möglich, weil die Dialoge für deutsche Verhältnisse außergewöhnlich flüssig und witzig sind. Man muss sie aber so sprechen können, dass es wirkt.
Am anderen Ende der Skala steht leider Heinz Erhardt – nicht, weil er so schlecht spielt, oder weil seine Figur nicht so kurios wäre wie seine sonstigen Charaktere, sondern, weil die Gags, die er aus seinen bekannten Programmen bringen darf, die Gedichte, die Sprüche, die man meist bereits kennt, den Film jedes Mal ein wenig aus dem Takt bringen. Die Solonummern wirken in diesem Ensemblestück dem Rahmen gefallen und halten den Gang der Dinge auf – umso bewundernswerter, dass in den üblichen 90 Minuten, die auch im Fernsehen funktionieren, ein so runder und umfangreicher Plot erzählt werden konnte. Staudte hatte eben auch 1969 noch das Talent, einen Film straff zu führen – vielleicht sogar mehr als in seinen ersten bzw. früheren Werken, den Dramen, die mehr psychologische, langsame Momente haben.
„Eine unbeschwert-heitere Gaunerkomödie, solide konstruiert und witzig inszeniert. Nicht zuletzt auch wegen der hervorragenden Darstellerriege ein nicht nur für die damaligen (Kino-)Verhältnisse […] außergewöhnlicher deutscher Unterhaltungsfilm.“ – Lexikon des internationalen Films[4]
„Scherz, Satire, Ironie und ein bisschen tiefere Bedeutung für das Deutschland des Wirtschaftswunders.“ – Heyne Filmlexikon[5]
„Scharfe Satire mit Witz und Charme; Glanzrolle für Held. Wertung: überdurchschnittlich.“ Adolf Heinzlmeier und Berndt Schulz: Lexikon „Filme im Fernsehen“[6]
80/100
© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2014)
| Regie | Wolfgang Staudte |
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| Drehbuch | |
| Produktion | Horst Wendlandt |
| Musik | Peter Thomas |
| Kamera | Karl Löb |
| Schnitt | Jane Sperr |
| Besetzung | |
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(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia
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