Der Hexer (D 1964) #Filmfest 94 #EdgarWallace

Filmfest 94 A "Special Edgar Wallace" (15)

Vom Stummfilm zur Ufa zu Edgar Wallace

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Gwenda Milton, Sekretärin des Rechtsanwalts Messer, wird ermordet und es stellt sich heraus, dass sie die Schwester des „Hexers“ ist, der in London Verbrecher in den Selbstmord trieb und nach Australien ausgewiesen wurde; nun ist zu erwarten, dass er zurückkommt und die für den Tod seiner Schwester Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen wird, ohne dabei seine Identität preiszugeben, die alarmierte Polizei sieht sich der doppelten Herausforderung ausgesetzt, sowohl dem Hexer als auch dem Verbrechen an Gwenda Milton auf die Spur zukommen.

Zur besonderen Gestaltung der Edgar Wallace-Rezensionen innerhalb des Filmfests siehe „Der Frosch mit der Maske“.

Der Hexer ist der 20. von 38 Nachkriegsfilmen über Stoffe des britischen Kriminalschriftstellers Edgar Wallace, die mit deutschen Schauspielern und deutschem Stab gefilmt wurden und mehrheitlich eine Produktion der dänischen bzw. dänisch-deutschen Rialto-Film von Preben Philipsen waren. „Der Hexer“ ist der fünfte Edgar Wallace-Film dieser Produktionsserie, über den wir für den Wahlberliner schreiben.

Produktionsdaten und Trivia

  • „Der Hexer“ ist einer von vierzehn Filmen, die Alfred Vohrer als Regisseur zur Reihe beigesteuert hat. Seinen Arbeiten wird die Entstehung des speziellen Stils der deutschen Wallace-Filme von 1959 bis 1972 wesentlich zugeschrieben. Dieser Stil ist in „Der Hexer“ sehr deutlich herausgearbeitet.
  • Mit „Der Hexer“ konnte Produzent Horst Wendlandt wieder einen Teil des Publikums zurückgewinnen, das der Reihe in den beiden Vorjahren abhanden gekommen war. „Der Hexer“ erreichte 2,6 Millionen zahlende Besucher. Danach allerdings flaute das Interesse der Kinogänger an der Reihe merklich ab. Die Bestmarke hält „Das Gasthaus an der Themse“ aus dem Jahr 1962 mit 3,6 Millionen Eintrittzahlern vor „Das Geheimnis der gelben Narzissen“, Premiere 1961, mit 3,5 Millionen.
  • Der Film wurde vom 3. Juni bis 11. Juli 1964 in West-Berlin gedreht und am 21. August 1964 in den Kinos Capitol und Alhambra in Düsseldorf uraufgeführt.
  • Die älteste Fassung des Romans Der Hexer schrieb Edgar Wallace 1925 (Originaltitel: The Gaunt Stranger). 1926 schrieb Wallace den Roman in ein Theaterstück um und verfasste anhand der darin enthaltenen Änderungen auch eine neue Version des Romans (Originaltitel des Theaterstücks und des Romans: The Ringer). Die zweite Romanfassung erschien 1926 in deutscher Sprache, das Theaterstück 1927. Die deutsche Übersetzung der ersten Romanversion erschien erst 1983. In Deutschland tragen alle drei Versionen den Titel Der Hexer.
  • Die FSK gab den Film ab 16 Jahren frei, nachdem ein Nacktbild, das Sir John auffindet und das von seinem Inspektor Higgins gerade entwickelt worden war, durch eines im Bikini ersetzt worden war.
  • Die endgültige Drehbuchfassung stammte vom bekannten Kriminalautor Herbert Reinecker, der mehrere deutsche Fernsehserien zu großen Erfolgen geführt hatte (1).
  • Die Außenaufnahmen in West-Berlin fanden unter anderem in der Zitadelle Spandau und im ehemaligen Hotel Esplanade statt. Die London-Aufnahmen entstanden bei den Dreharbeiten zu Der Zinker und Wartezimmer zum Jenseits. Die Innenaufnahmen drehte man in den Studios der CCC-Film im Berliner Bezirk Spandau.
  • Dies war der letzte von insgesamt sechs in Ultrascope produzierten Edgar-Wallace-Filmen. Die beiden populärsten Ermittler der Edgar-Wallace-Filme, Joachim Fuchsberger und Heinz Drache, standen in diesem Film zum ersten und einzigen Mal gemeinsam vor der Kamera. Der von Fuchsberger dargestellte Inspektor Higgins hat dieselben Vornamen wie der Sohn von Edgar Wallace (Bryan Edgar Wallace), wird im Film jedoch einmal als Edgar Bryan angeredet.
  • Ein in der Original-Kinoversion kurz vor Ende eingeblendeter Schriftzug, der lautete: „Wissen Sie schon jetzt, wer der Hexer ist?“ ist in aus von uns gesehenen Fernsehversion extrahiert worden, wohl aber gibt es wieder den originalen Vorspann, der fürs Fernsehen zwischenzeitlich auch eliminiert worden war.
  • Die Szene mit Archibald Finch (Eddie Arent) und einem Zeitungsverkäufer auf dem Piccadilly Circus wurde aus dem Film Der Zinker (1963) übernommen und für diesen Film neu vertont.
  • Eine Parodie auf die Wallace-Filme entstand 2004 unter dem Namen Der WiXXer, der den Titel von „Der Hexer“ verwendete und parodistisch veränderte.

Ausführlichere Handlungsbeschreibung mit Auflösung (Wikipedia)

Gwenda Milton, die Sekretärin des Rechtsanwaltes Messer, wird tot in der Themse aufgefunden. Was wie ein Unfall erscheint, entpuppt sich als Mord: Die Autopsie ergibt, dass sie nicht ertrunken ist, sondern erwürgt wurde. Gwenda Milton war die Schwester von Arthur Milton, dem so genannten Hexer. Dieser hatte einige Gauner dazu gezwungen Selbstmord zu begehen, wurde deshalb aus England ausgewiesen und lebte seitdem in Australien. Der Mord an Gwenda ruft also nicht nur Scotland Yard, sondern auch den Hexer selbst auf den Plan, da dieser sich an den Mördern seiner Schwester rächen will.

Sir John und Inspektor Higgins von Scotland Yard stehen nun vor der schwierigen Aufgabe, den Mörder Gwenda Miltons zu finden, bevor der Hexer in seiner üblichen Weise die Täter bestraft. Inspektor Higgins ist erfreut darüber, dass sich der pensionierte Scotland Yard Inspektor Warren, der als einziger jemals den Hexer von Angesicht zu Angesicht gesehen hat, bei Sir John meldet und seine Hilfe bei der Jagd anbietet. Der Hexer ist ein Meister der Tarnung und versteht es immer wieder, sein Aussehen zu verändern.

Gleichzeitig mit dem Hexer treffen auch seine Frau Cora Ann Milton und der geheimnisvolle Australier James W. Wesby in London ein. Arthur Milton führt die für den Tod seiner Schwester Verantwortlichen der Reihe nach der aus seiner Sicht gerechten Strafe zu: Dem Tod. Als es die Beamten von Scotland Yard schließlich doch noch schaffen, den Hexer festzusetzen und ihn zu enttarnen, gelingt Arthur Milton mit einem Trick die Flucht.

Rezension

Es ist nicht alles rund, in diesem Film. Zunächst weist eine Leiche keine Merkmale von Gewalt auf, dann wird durch Ergebnisse der KT klar, dass die Person erwürgt wurde, was auf jeden Fall sichtbar hätte sein müssen. Warum bloß gibt Wesby sich nicht gleich als Kriminaler zu erkennen, sondern tut geheimnisvoll? Weil er glaubt, dass Der Hexer in Wirklichkeit einer der Polizisten ist, mit denen er es in London zu tun bekommt? Damit man ihn für den Hexer halten kann, aus keinem anderen Grund. Logik ist auch an anderen Stellen nicht die größte Stärke ausgerechnet dieses erfolgreichen und bekannten Films der Edgar Wallace-Reihe.

Vielleicht muss das aber auch nicht sein. In dem als Essenz aller bisherigen Filme angelegten Werk wurden erkennbar andere Prioritäten gesetzt. Der Film ist mit großer Leichtigkeit inszeniert, die Dialoge sind gut bis außergewöhnlich witzig, der Film zitiert andere Wallace-Filme, sein Medium und auf eine Weise, die klar macht, man wusste, dass man nicht mithalten kann, die ersten James Bond-Filme. Ein U-Boot gibt es aber schon hier – Unterwasserfahrezuge sollten bei Bond erst ab dem folgenden Jahr 1965 eine wichtige Rolle spielen.

Joachim Fuchsberger ist nicht Sean Connery, aber der Film ist auch schon fast wieder eine James Bond-Parodie. Sir John in Person von Siegfried Schürenberg gibt einen aufgelockerten M, der immer sagt: „Das müssen Sie doch berücksichtigen!“ und hat einer Vorzimmerdame, die als sexy Karikatur von Miss Moneypenny zu verstehen ist. Fanden wir sehr gelungen, wie rasch neue Entwicklungen des Kinos hier schon aufgegriffen werden. Natürlich wussten die Produzenten, dass sie Bond nicht kopieren konnten und beließen es daher bei zeitweiser Persiflierung der damals noch taufrischen Erfolgsserie. Bei den späteren Wallace-Filmen hätte man sich allerdings die Rezeptur damals moderner Agententhriller etwas genauer ansehen können um zu verstehen, in welcher Richtung die Wallace-Filme hätten weiterentwickelt werden können, denn den geheimnisvollen Großverbrecher gibt es ja auch hier und er ist bei Bond vielleicht sogar den Wallace-Krimis abgeschaut.

Die Produktionen der Wallace-Filme waren aber viel preiswerter als die Bond-Abenteuer und ein Krminalinspektor Higgins wird vom Chef nicht nur deshalb auf sein niedriges Gehalt hingewiesen, weil es gerade um Sozialneid geht, sondern auch, weil klar sein musste, dass die Mittel andere sind als in britischen Großproduktionen. Trotzdem sind die Spiele zwischen Higgins und seiner Verlobten Alic reizend gemacht und wirken so ungekünstelt, wie man es in deutschen Filmen der Zeit gerne häufiger gesehen hätte. Auch andere Genrefilme zitiert „Der Hexer“ flockig. Zum Beispiel verbindet er „Charade“ und „The Pink Panther“ (beide aus 1963) in der Dachrinnenszene, die darin endet, dass zwei Männer vom Balkon aus durchs Schlafzimmer einer Frau laufen und diese fragt „kommen noch mehr von euch?“.

Insgesamt ist die Atmosphäre viel zu humorvoll, als dass man so richtig das Gruseln kriegen könnte. Zu Anfang ist es noch wahrnehmbar, als die arme, zu Tode gebrachte Sekretärin, die zu viel über ihren Chef wusste, in dies Klein-U-Boot gepfercht, mit toten Augen aus der Glaskuppel schaut. Später sind die Twists zu zahlreich (wenn auch im Großen und Ganzen nachvollziehbar), um allzu deutliche Ernsthaftigkeit aufkommen zu lassen.

Alles wirkt, wie das, was es sein soll. Nach einigen weniger erfolgreichen Filmen veschworen sich Produktion, Regie und Drehbuch dazu, den ultimativen Wallace-Film zu drehen, besetzten besonders hochkarätig (Joachim Fuchsberger und Heinz Drache sind normalerweise nur einzeln als Ermittler zu sehen gewesen, Siegfried Lowitz spielt eine Doppelrolle), alles, was es schon in Wallace-Filmen gab, wurde zusammengetragen und zu einer Essenz verdichtet, die zwar übertrieben wirkt, aber gerade dadurch hohen Spaßfaktor hat. Der Film hat ein wenig den Charakter der heutigen Tatort-Schiene Münster, die ihr Format auch nicht sehr ernst nimmt (bildsprachlich und die Effekte betreffend unterscheiden sich die Produktionen allerdings erheblich, wie der „Tatort“ die Überbleibsel der Wallace-Filme in gewisser Weise erst jetzt wiederentdeckt, wo sehr ereignisreiche und übertriebene Filme in Mode gekommen sind.

Eher die Ausnahme ist, dass der Film nicht (unter anderem) auf einem Schloss spielt bzw. ein solches keine Rolle darin spielt. Dafür gibt es ein Verbrechen des Mr. Messer, das sozusagen nebenbei abgehandelt wird, obwohl es zentral für die Entstehung und den Verlauf der Handlung ist: Der Rechtsanwalt ist Chef eines Mädchenhändler-Rings, der sich hinter der Fassade eines strikt kirchlich geleiteten Pensionats verbirgt. Ein böser Pfarrer, der für den Anwalt arbeitet, gibt eine Kirchenmann-Figur, die im damaligen deutschen Kino noch ungewöhnlich war. Eine zu dramatische Behandlung dieser Verbrecherei hätte aber den höchst schulterklopfenden Humor des Films wohl beeinträchtigt, daher konzentrierte sich der stilprägende Regisseur Vohrer vor allem auf die Pointierung seiner ohnehin pointierten Filmsprache.

Die Bilder sind konstrastreich, der Schnitt temporeich, ebenso wie der Plot. Dennoch schafft man es, Szenen vernünftig zu Ende zu filmen und nicht zu hastig zu werden.

Mit Anspielungen wie der, dass man, wenn man fürs Fernsehen schreibt, nicht so viel draufhaben muss wie als Autor für den Kinofilm oder der erwähnten eingeblendeten Frage stört die Regie wieder bewusst die Fiktion, wie schon in „Der grüne Bogenschütze“, wenn auch weniger aufdringlich. Das bedeutet auch dieses Mal wieder, die Macher und das Publikum finden sich zusammen zu besonderer Kumpanei: Die Filmer wissen, dass sie sie hier ein Schaustück servieren, das vor allem den bisherigen Arbeiten der Reihe huldigen soll und dass die Zuschauer wissen, dass es so gemeint ist. Nicht allen Zuschauern wird das klar gewesen sein, als sie 1964 aus dem Kino kamen, aber es ist so gemacht, dass es dem Film nicht geschadet und der Reihe ein Highlight eingebracht hat.

Dass der Film heute noch frisch wirkt und Spaß macht, lässt erkennen, wie gut Regisseur Vohrer das Publikum angezielt hat. Weit weniger als alle anderen Wallace-Filme, die wir bisher rezensiert haben, wirkt „Der Hexer“ nostalgisch. Ihn als zeitlos zu apostrophieren, wäre sicher auch unangemessen, denn der Stil ist in dieser Ausprägung nach der Wallace-Reihe nie wieder verwendet, in manchen Krimiserien sogar bewusst zugunsten von mehr Realismus und mehr sozialer Botschaft und im Stil des Autorenkinos negiert worden – aber mittlerweile traut sich das Fernsehen wieder, die Wallace-Filme nicht nur zu persiflieren, wie in „Der WiXXER“ (2004), sondern auf reizvolle Weise zu zitieren, wie im Tatort „Das Dorf“ (2012). Das Mädchenpensionat, das hier nur kurz angerissen wird, trägt in der Art, wie die Schülerinnen und die Vorsteherin gekleidet sind, Züge eines ähnlichen Ortes in „Mädchen in Uniform“ (1958), der allerdings in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg spielt.

Kritik wurde inhaltlich unter anderem daran laut, dass Selbstjustiz, wie der Hexer sie verübt, allzu leichtfertig positiv dargestellt wird (im Film ist es nicht mehr so wie in der früheren London-Phase des Hexers, die mehrfach angesprochen wird, dass er Verbrecher zum Selbstmord zwingt, er begeht auch selbst Tötungshandlungen). Die Sympathie gerade seitens der Polizei, die arbeitslos wäre, würden alle Opfer oder Dritte handeln wie der Hexer, ist sicher etwas zu deutlich herausgearbeitet, aber die Botschaft nicht so deutlich, dass man deswegen dem Film insgesamt eine Tendenz zur Verherrlichung alttestamentarischer Vergeltungsformen als Hauptanliegen unterstellen kann.

Angesichts der Handlungsfülle und des Humors ist diese Tendenz eher versteckt und ob sie in der Form, wie sie dargeboten wird, aufs Unterbewusstsein des Publikums einwirkt, darf bezweifelt werden. Eher ist das Geschlechter-Rollenbild zu kritisieren, das dem der Bond-Filme jener Zeit tatsächlich sehr nahe kommt. Demnach sollten Frauen öfter mal die Klappe halten, um länger schön zu bleiben. Ganz sicher hatte dieser von Inspektor Warren (Siegfried Lowitz) gesprochene Satz einige Lacher im männlichen Teil des Publikums. Der Film ist auch ein wenig sexistisch, aber da tun wir uns schwer mit dem ernst nehmen des Themas, weil alles erkennbar auf pointierte Karikatur hin gearbeitet ist.

Im Umgang mit Erotik, den kriminellen Elementen und in der allgemeinen Stimmung spiegelt sich bereits etwas, das etwa 1965/66 aufkam: Die Atmosphäre der Swinging Sixties im Film, die sich zunächst nicht überwiegend in neuen kinematografischen Ausdrucksformen, sondern eher in der ironisierenden Brechung altbekannter Muster ausdrückte (sieht man von einigen Avantgarde-Filmen spezieller Meister in Frankreich oder Italien ab).

„Der Hexer“ ist also schlicht auch eine Krimikomödie und der zuweilen makabere Witz darin hat tatäschlich etwas Britisches. Der Stil und die Figuren aber nach wie vor nicht, obwohl es dieses Mal (bei Scotland Yard, im Dienstzimmer von Sir John) Tee gibt.  

Typische Merkmale von Edgar Wallace-Filmen gemäß Wikipedia (kursiv) und unsere Anmerkungen zum jeweiligen Film:

  • Regie: Kein Regisseur hat den Stil der Edgar-Wallace-Filme mehr beeinflusst als Alfred Vohrer. Der erfahrene Synchronregisseur inszenierte 14 Filme der Serie, darunter Klassiker wie Die toten Augen von London, Das Gasthaus an der Themse und Der Hexer. Die leicht übertriebene Schauspielführung und die pointierte Schnitt- und Zoomtechnik sind für praktisch alle Film- und Fernseharbeiten Vohrers typisch.  
    • „Der Hexer“ ist gewiss ein besonders einprägsames Beispiel für diesen Stil, der zudem 1964 zu voller Ausformung und Blüte entwickelt war – sinnfällig wird das am Vorspann deutlich, der mit der Zeit immer mehr standardisierte und wallace-spezifische Elemente aufweist und sie dann für längere Zeit beibehält. Das einzige, was fehlt, ist der dezidierte Grusel, wie ihn Klaus Kinski trefflich in die Wallace-Filme einbringen konnte. Es gibt angstverzerrte Gesichter und Momente, in denen jeder der Hexer sein könnte (außer Higgins und Sir John und dessen Verlobter), es gibt Action und brutale Momente, abe keine wirklich knisternden Momente des Grauens und einer Spannung, wie sie monströse Persönlichkeiten verbreiten können. Die Typen in „Der Hexer“, auch der Hexer selbst, sind zwar teilweise getrieben, aber nicht pathologisch. 
  •  Darsteller: Die Besetzung mit bewährten Schauspielern in ähnlichen Rollen war typisch für die Edgar-Wallace-Verfilmungen. Zu den meist reifen und besonnenen Ermittlern zählten Joachim Fuchsberger (13 Filme), Heinz Drache (acht Filme), Siegfried Lowitz (vier Filme), Harald Leipnitz (drei Filme) oder Klausjürgen Wussow (zwei Filme). In den weiblichen Hauptrollen waren meist attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme) (…) zu sehen. (…) Komische Rollen übernahmen Eddi Arent (23 Filme), Siegfried Schürenberg (16 Filme) und Hubert von Meyerinck (vier Filme) (…).
    • „Der Hexer“ zeichnet sich auch dadurch aus, dass er beinahe einen All-Star-Cast aufbietet. Heinz Dracher und Joachim Fuchsberger sind normalerweise die Leading Men, von denen nur einer in einem Film auftritt, hier spielen sie beinahe gleichberechtigt zusammen (Drache mit weniger Spielzeit, aber den besseren Szenen, Fuchsberger vergleichweise humorvoll und auch ziemlich oft in Nöten). Fuchsbergers Figur zeigt auch die Grenzen des Schauspielers auf: Er wirkt manchmal richtig knuffig und lausbubenhaft, aber etwas mehr Grandeuer hätte bei der Rollenauslegung auch sein dürfen. Vom Frauenliebhaber zum Frauenschwarm hätte es dann tendieren können, aber das wäre vielleicht ein Schritt zu sehr Annäherung an James Bond gewesen.
  • Titel: Die Filmtitel, die meist den Romantiteln entsprachen, sollten beim Publikum eindeutige Assoziationen mit dem Genre des Edgar-Wallace-Films hervorrufen. So verbarg sich hinter vielen Titeln ein eindeutiger Hinweis auf den Hauptverbrecher des Films (Der grüne Bogenschütze, Der Zinker, Der Mönch mit der Peitsche u. a.).
    • „Der Hexer“ führt dieses Merkmal aus. Die Maskierung ist dieses Mal nicht, wie in einigen frühen Filmen der Serie, personenneutral, etwa ein Tier oder eine Art Robin Hood, sondern es steckt der Hexer in der Person eines anderen Menschen.
  • Handlung: Die Handlungselemente der Edgar-Wallace-Filme waren ähnlich angelegt. So drehte sich das Geschehen vordergründig um einen meist fantasievoll maskierten Hauptverbrecher. Im Gegensatz zum Psychothriller war hierbei das Entlarven des bis zum Finale unbekannten Verbrechers entscheidend (Whodunit). Die Motive der Verbrecherfiguren waren meist Habgier, Rache, Erbschleicherei sowie Mädchen- und Drogenhandel.
    •  Der Film ist ein sehr schöner Whodunnit mit einer durchaus überraschenden Auflösung. Die Person des Hexers hätte man sich etwas grandioser vorgestellt, nicht so angstvoll, sie sie kurz nach der Enttarnung wirkt, aber sowohl das Motiv des Hexers (Rache) als auch seiner Gegenspieler von der Mädchenschieberbande (Habgier, verwirklicht und institutionalisiert im Handel mit den Mädchen) sind im klassischen Schema angesiedelt.
  • Handlungsorte: Der (hauptsächliche, A. d. Verf.) Handlungsort war, wie in den Romanvorlagen, fast immer London und Umgebung, wobei sich die Akteure vorwiegend in alten Schlössern, Herrenhäusern oder Villen bewegten. Auch verruchte Nachtlokale, düstere Blindenheime, Irrenanstalten und finstere Kellergewölbe waren beliebte Haupt- und Nebenschauplätze der Handlung. In späteren Filmen kamen Mädchenheime und -pensionate hinzu. Die tatsächlichen Drehorte befanden sich aufgrund geringerer Produktionskosten jedoch selten in Großbritannien sondern in Deutschland. So dienten vor allem Straßen in Berlin und Hamburg. (…) Als Kulisse für London-Szenen. Für die nötige Authentizität in den Filmen sorgten oft allein Archivaufnahmen Londons, die man in die Filme einfügte.
    • Erwähnt haben wir, dass es ein Schloss dieses Mal nicht gibt. Aber Kellergewölbe und Mädchenpensionate kommen vor und eine Anwaltskanzlei, die ein wenig von der düsteren Variante der Schlösser-Inneneinrichtung aufweist.
  • Vorspann: Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen. Um der Serie einen noch höheren Wiedererkennungswert zu verleihen, wurde der Vorspann der Wallace-Filme ab 1962 mit aus dem Off erklingenden Schüssen und dem Satz „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ eröffnetDieser Satz wurde in einigen Fällen von Regisseur Alfred Vohrer eingesprochen.
    • Alles dies erfüllt „Der Hexer“, hinzu treten die Schüsse, die jeden Buchstaben von „Edgar Wallace“ untermalen. Der 20. Wallace-Film setzt sogar noch eins drauf, indem er eine gesungene Titelmusik zeigt, in welcher während des Vorspanns „Der Hexer“ gesungen bzw. mit Nachhall geflüstert wird. Da  zeigt sich schon, der Film will und wird es auf die Spitze treiben.
  • Musik: Besonders prägnant gerieten auch die Soundtracks der Filme, vor allem die oft reißerische und eingängige Titelmusik. Die Musik von insgesamt 18 Filmen der Serie stammt von Peter Thomas, der mit seinen phantasiereichen Arrangements und modernen Aufnahmetechniken der markanteste und dominanteste Komponist der Serie war. Während die Soundtracks von Martin Böttcher (fünf Filme), Willy Mattes (zwei Filme) oder Peter Sandloff (ein Film) eher aus zeitlosem Orchestersound mit Easy-Listening-Charakter bestanden, griffen Heinz Funk (drei Filme) und Oskar Sala (ein Film) auch auf neue Techniken der elektronischen Musik und experimentelle Kompositionen zurück.
    • Peter Thomas kann sich in diesem Film voll austoben, das zeigt sich bereits während des zuvor erwähnten Vorspannes. Auch sonst ist die Musik hervorragend zur Unterstützung der Handlung eingesetzt und begleitet sie nicht ganz unauffällig. Nicht so kontrastreich wie in „Der unheimliche Mönch“, den wir als ersten Wallace-Film rezensiert haben, aber sehr präsent. Was der Score unterlässt ist, die ironische Brechung zu steigern, indem er etwa besonders düstere Momente hätte, die quasi die Ironie ironisieren würden.

Finale

Dass wir für diesen Film nicht zur 8/10 greifen, sondern knapp darunter bleiben, liegt mehr daran, dass wir die Relationen wahren und ihn nicht ambitionierteren Werken gleichstellen wollen, denn er ist gut gemachtes, pointiertes Unterhaltungskino. Keine der Figuren erreicht eine Tiefe, die uns emotional mitnehmen würde, die Inszenierung ist straff, aber nicht von dem Wunsch beseelt, ein dramaturgisches Hochgebirge aufzufalten.

Einerseits ist er der exemplarische Wallace-Film oder wenigstens derjenige, in dem vieles kulminiert, was die Serie auszeichnet, andererseits ein schönes Produkt seiner Entstehungszeit, die eine des Aufbruchs und des Optimismus war.

Für Wallace-Fans ist der Film ohnehin ein Muss, aber auch, wenn  man nicht einen Crush auf diese Reihe hat, kann man sich ihn gut anschauen. „Das indische Tuch“ ist vielleicht der essentiellste Film der Reihe, „Der Hexer“ hingegen derjenige, der die meisten Elemente der klassischen Ära von 1959 bis 1965 vereinigt, sogar Heinz Dracher und Joachim Fuchsberger, die normalerweise die Hauptrollen alleine innehaben und auch sonst einen sehr großen Cast mit vielen bekannten Namen aufweist.

75/100

© 2020 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner

  1. Reinecker hatte unter anderem die Serien „Der Kommissar“ mit Erik Ode in der Titelrolle (1968-1975) und „Derrick“ mit Horst Tappert entworfen und eine große Zahl von Drehbüchern für beide Reihen verfasst. Von Karl May über Edgar Wallace bis zu vielen Einzelfilmen, die teilweise in der jungen Bundesrepublik hoch dekoriert wurden, reichen seine Drehbuch-Arbeiten. Reinecker hatte sich in jungen Jahren ebenso wie viele andere Filmer mit einer dezidierten NS-Vergangenheit besudelt, die wohl mit dazu geführt hat, dass die Wallace-Reihe vielen linksorientierten Kritikern ein Dorn im Auge war. Gerade in dieser Reihe waren einige Filmschaffende mit einer ähnlichen Biografie am Werk und nicht nur die inhaltlichen und künstlerischen Aspekte dürften daher die zeitgenössische Kritik insgesamt beeinflusst haben, als sie die Wallace-Filme zerriss.
  2. Bldsprachlich und die Effekt sowie die Schauspielerei betreffend unterscheiden sich die Produktionen allerdings erheblich, wie der „Tatort“ die Überbleibsel der Wallace-Filme in gewisser Weise erst jetzt wiederentdeckt, wo sehr ereignisreiche und übertriebene Filme in Mode gekommen sind.   

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