Befehl des Gewissens (The Fugitive, USA 1947) #Filmfest 1359

Filmfest 1359 Cinema

The Power and the Glory, simplified

Befehl des Gewissens ist ein US-amerikanisches Filmdrama aus dem Jahre 1947 von John Ford mit Henry Fonda in der Hauptrolle. Die Handlung basiert auf dem Roman Die Kraft und die Herrlichkeit (1940) von Graham Greene.

Wenn John Ford eines gut konnte, dann waren es pathetische Filme. Aber keiner, den wir bisher von ihm gesehen haben, kommt „The Fugitive“ auch nur nahe. Denn die mächtige Bildsprache wird begleitet von einer Ernsthaftigkeit, die klarstellt, dass Ford hier nicht in erster Linie auf die gute Verdaulichkeit seines Kinostoffes achten wollte. In den Ford-Western zum Beispiel wird das Pathos immer wieder durch humorvolle Szenen gebrochen. Das Publikum war wohl befremdet über diesen Purismus und hat den Film weitgehend abgelehnt – anders als führende Kritiker wie Bosley Crowther von der New York Times.

Handlung

Ein Priester, gespielt von Henry Fonda, der in der Besetzungsliste nur “ein Flüchtling” genannt wird, kehrt an den Ort zurück, an dem er einst gewirkt hatte, obwohl nach der Revolution ein radikales Regime die Kirche und ihre Würdenträger mit Stumpf und Stiel ausrotten möchte. Der Flüchtling ist der letzte Priester, der noch in Freiheit ist und es wagt, sein Amt auszuüben. Das Militär beschließt, aus jedem Dorf eine Geisel zu nehmen und zu erschießen und dies solange, bis jemand den Priester verrät, der im und vom Volk versteckt wird. Doch ihm gelingt die Flucht in die USA . Nach einiger Zeit in einem Krankenhaus kehrt er freiwillig in die Gefahrenzone zurück, um einem amerikanischen Banditen den letzten Segen zu erteilen.

Rezension 

Die religiöse Thematik hat Ford danach nicht ganz losgelassen, wie man an seiner Adaption von „Three Godfathers“ (1948) sieht, allerdings war diese Film ein Western mit John Wayne, und John Ford und John Wayne, das hat bekanntlich immer funktioniert. Und der Film ist ein Beleg dafür, dass Ford sich etwas zurücknehmen wollte. Sein nächster Film nach „The Fugitive“ war aber „Fort Apache“ (1948), der Start der legendären Kavallerie-Trilogie (zusammen mit „She Wore a Yellow Ribbon“, 1949 und „Rio Grande“, 1950) und ein großer Erfolg. Auch der Vorgänger von „Befehl des Gewissens“, „Faustrecht der Prärie“, ebenfalls mit Henry Fonda in der Hauptrolle, war ein Film, er nicht nur Erfolg hatte, sondern heute noch gerühmt wird.

Gewiss aber war die Adaption des Graham Greene-Romans „The Power and the Glory“ eine Herzensangelegenheit von Ford, in die er viel Engagement eingebracht hatte. Keine Frage, die Bilder sind ungeheuer stark, der Expressionismus hätte direkt aus dem deutschen Film der 1920er stammen können, abgesehen von der religiösen Symbolik, die Ford in geradezu monumentaler Art aufbaut.

Da steht zum Beispiel der Flüchtling am Eingang seiner früheren Kirche, man sieht nur den Schatten, wie er die Tür geöffnet hat, beide Hände an deren Griffen oder Türblättern, und wie die Hände dann langsam absinken, bis sie anliegen. So etwas filmen zu dürfen, muss man sich erarbeiten, denn die Silhouette ähnelt anfangs sehr stark einem Christus am Kreuz, der dann zu einem ganz kleinen und bescheidenen Diener Gottes wird, ohne die ausgestreckten Arme. Manche religiösen Zeichen sind nicht symbolisch, sondern sehr direkt angelegt und immer, wenn es sakral wird, scheint das Licht von hinten und schafft ausdrucksstarke Schatten. Der heilige Geist leuchtet in die Finsternis eines Landes, dessen neue Regierung aus Gottlosen besteht.

Uns hat Fords überschießende Bildsprache gefallen, zu der auch die subjektiven Shots von unten gehören, die Gesichtern so etwas Erhabenes geben. Während der Flüchtling und die indianische Frau, die er kennenlernt und deren Kind er tauft, oft von unten anvisiert werden, gilt dies selbstverständlich nicht für die anderen Figuren, die oft aus ungünstigen Winkeln gezeigt werden. In der Mitte steht der Leutnant der Häschertruppen, er wird plan von vorne aufgenommen, weil er ein ehrlicher Mensch ist, der tatsächlich glaubt, es sei besser, den Menschen im Hier und Jetzt ein angenehmeres Leben zu ermöglichen, als das Leid anzubeten und sie auf später zu verweisen, nämlich auf die Wiederauferstehung und das Paradies.

Mehr ist leider von der komplexeren religiösen Verortung des Buches nicht übrig geblieben, weil Ford nicht erklären, sondern seine Bilder zeigen wollte, und die hätten bei umfänglichen Informationen, etwa den ideologischen Hintergrundes des neuen Regimes betreffend, nicht mehr so beeindruckt, wären ein wenig marginalisiert worden, hätten vielleicht sogar lächerlich gewirkt.

Außerdem war 1948 natürlich der Production Code voll in Kraft, das heißt, Ford konnte in dem Film, falls er es denn wollte, nichts zeigen, was die Kirche diskreditiert hätte. Die wenigen krichenkritischen Sätze des Leutnants, des Mannes aus dem Volk, waren gerade so die Grenze – und gingen wohl nur deshalb, weil er auch als grausamer Vollstrecker von Exekutionen gezeigt wird, mithin als ein typischer Revolutionär oder eher ein Faktotum der Revoltuion ohne Namen. Weitere wichtige Punkte sind sehr geglättet worden: Im Roman ist der Priester dem Whisky zugetan, während im Film nur die moralische Seite seines Handelns hinterfragt wird, seine Geeignetheit zum Märtyrer. Dadurch, dass er sich nicht stellt, als die Polizei in das Dorf kommt, sondern sich in der Menge verbirgt, hat er nach seiner Ansicht die Gnade verloren – wenn wir es richtig gesehen haben, wollte er sich aber als Geisel zur Verfügung stellen, ohne freilich seine Identität zu verraten. Er meint, er habe  zu sehr an der Ausübung des Amtes gehängt und sei zu wenige demütig dem Schicksal gegenüber gewesen. Wenn man es pragmatisch betrachtet: Was nützt ein toter Priester seiner Gemeinde? Dass sich die anderen an solchen Beispielen von Heldentum aufrichten, kommt in der Realität und in realitischen FIlmen eher selten vor.

So nüchtern darf man es aber nicht sehen. Denn die anfangs furchtsamen Dörfler sitzen am Ende im Kirchenschiff, der neue Priester kommt und die Kontinuität der Religionsausübung ist gesichert. Dass ein neuer Priester die Autorität hat, derer es zur Führung einer Gemeinde gegen die Oberen bedarf, kommt daher, dass der Flüchtling sich hat exekutieren lassen und damit doch den Mut bewiesen hat, den es braucht, um die Heldenfackel an den nächsten Träger zu reichen.

Ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass das Kind der Indianerin, die sehr devot von Dolores del Rio verkörpert wird, im Buch von dem Priester stammt, im Film aber von dem Leutnant, der den Priester verfolgt. Das Buch zeigt also einen Mann, der den  Zölibat verletzt hat, der Film erspart sich, den Zuschauern und der Zensur diese schwierige Konstellation, denn die  Zensur hätte sie bewerten müssen, die Zuschauer, besonders die Katholiken, sie akzeptieren müssen.

Der politische Hintergrund ist wohl eine tatsächliche antikirchliche Kampagne der mexikanischen Regierung im Jahr 1938, und Graham Greene hatte Mexiko zu der Zeit besucht, seine Erlebnisse fiktionalisiert und zu dem Buch werden lassen, das John Ford als Vorlage dient. 1947 war aber auch die Zeit, als die Anti-Hitler-Koalition auseinanderbrach und in den USA die Kommunistenhetze begann, und es liegt nicht so fern, den Film in die Richtung zu interpretieren, dass der durchaus konservative John Ford die Mexikaner mit den nazi-ähnlichen Armbinden an den Uniformen zeigt, aber die russischen Bolschewisten meint.

Die Figur des Amerikaners und was er mit dem Priester zu tun hat, wird leider nicht erklärt. Die Fahndungsfotos der beiden könnten auf ein gemeinsames Stück Weg schließen lassen, doch eher belegen sie wohl die Gegenüberstellung, dass jemand wegen ethisch vollkommen unterschiedlich zu bewertender Tatent gejagt werden und dass ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt sein kann.

Für uns als Betrachter beinahe 70 Jahre nach dem Entstehen des Films ist nicht uninteressant, dass an dem, was der Leutnant sagt, etwas dran ist: Die katholische Kirche hat häufig sehr viel dafür getan, diktatorische, absolutistische und sonst volksfeindliche Regimes über Wasser zu halten, indem sie den frommen Menschen den revolutionären Stachel nahm, der sie vielleicht zur Abschüttelung ihrer Peiniger hätte verleiten können. Sicher ist Religion im Sinne von Spiritualität nicht Gift fürs Volk, schon gar nicht für Individuen, die sich für ein religiös orientiertes Leben frei entscheiden konnten, aber sie wurde und wird noch heute missbraucht, um unhaltbare Zustände zu festigen und um die Menschen gegeneinander aufzustacheln. Dass man sie auch verwenden kann, um Menschen gegen die Unterdrückung stark zu  machen, wie im Film gezeigt, hat etwas Urchristliches und Verschworenes.

Finale

Wer einen besonderen Film von John Ford sehen möchte, der zudem im deutschen Fernsehen nur sehr selten gezeigt wird und zudem Sinn für Religion und Motivation von Handlungen aus der Religion heraus hat, der sollte sich „The Fugitive“ / „Befehl des Gewissens“ anschauen. Wir haben dafür erstmalig auf einen kleinen Sender namens „Bibel TV“ zurückgegriffen, der notabene weltanschaulich geprägt ist. Die Kopie war leider eine der schlechtesten, die wir in letzter Zeit zu sehen bekamen,  was bei den starken Schwarz-Weiß-Bildern von Ford und seinem mexikanischen Kameramann Gabriel Figueroa besonders schade ist.

Trotz all seiner Verkürzungen und damit Verflachungen kündet der Film von John Fords Meisterschaft, Bilder zu erzeugen, die eine hohe innere Spannung aufweisen. Obwohl es sehr lange Einstellungen und ganz in sich gekehrte Momente in diesem Film gibt, die ihn dramaturgisch ein wenig holprig wirken lassen, ist er aber auch aufgrund seiner Handlung spannend – unter anderem, weil er insofern von seiner literarischen Grundlage profitiert, als er nicht vorhersehbar ist.  Man ahnt wohl, dass es so ausgehen könnte, nämlich tödlich für den Flüchtling, wenn er ein wahrer Mann Gottes ist, aber man hat nicht diese Gewissheit vorab, die viele Filme, auch wenn sie dramaturgisch konsequenter sind, unter den Vorbehalt stellt, dass Spannung nur darüber entsteht, auf welchem Weg das vorgegebene Ende erreicht wird, nicht über das Ende selbst.

Das Schicksal kennt eine solche Vorausdeutung nicht, es kann alles anders kommen. Der Priester hat sich letztlich seinem Schicksal gefügt und ist bewusst in eine Falle gegangen, die man ihm gestellt hat.

Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2025: Mittlerweile wissen wir mehr über Pedro Armendáriz und vor allem Dolores del Rio und haben beide in einer Retrospektive des Werks von Roberto Gavaldon (in verschiedenen Filmen) gesehen, neben Fernández der gemäß einer modernen Liste der besten mexikanischen Filme größte Regisseur (beide sind mit je fünf Filmen unter den besten 100 vertreten).

Der berühmte mexikanische Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Emilio Fernández hatte die Produktionsleitung vor Ort. Dolores del Río und Pedro Armendáriz, Mexikos zu dieser Zeit berühmteste Filmschauspieler, die in den 1940er Jahren mehrfach in ihrer mexikanischen Heimat unter der Regie von Fernández gedreht hatten, darunter beider größter heimischer Filmerfolg Maria Candelaria (1943), traten hier erneut gemeinsam vor die Kamera und diesmal erstmals in einer amerikanischen Produktion.

75/100

2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2014)

Regie John Ford
Drehbuch Dudley Nichols
Produktion Merian C. Cooper,
John Ford
Musik Richard Hagemann
Kamera Gabriel Figueroa
Schnitt Jack Murray
Besetzung

 

 

 


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