Filmfest 1404 Cinema – Werkschau Buster Keaton (26)
Das Bleichgesicht (Originaltitel: The Paleface; Alternativtitel: Das Blassgesicht) ist eine US-amerikanische Kurzfilm–Slapstick–Komödie aus dem Jahr 1922 mit Buster Keaton in der Hauptrolle, der auch für Drehbuch und Regie verantwortlich war.
Die Erstveröffentlichung unserer Rezension zu „The Paleface“ erfolgt im Rahmen der Buster-Keaton-Werkschau, die wir gerade parallel zur Chaplin-Werkschau zeigen. Dass wir den Film 2019 gesehen und rezensiert haben, ist insofern ein Nachteil, als wir damals noch keine umfangreichen Analysen zu dieser Art von Kurzfilmen geschrieben haben, weder für Chaplin (hier allerdings schon infolge der Arte-Übertragung des Mutual- und dann des Essanay-Projekts schon 2014 und 2015), noch für Keaton. Auch die Ausstrahlung einiger Keaton-Shorts im Jahr 2019 geschah bei Arte und wir ergänzen die Werkschau mit bisher nicht gesehenen Keaton-Filmen, unter anderem der kompletten Arbuckle-Keaton-Kooperation, mit der Keaton seine Karriere startete. Wir sichten aber nicht erneut die Filme, die wir bereits kennen.
Handlung (1)
Durch die Machenschaften eines Kriminellen, der einen Boten der Indianer tötete und diesem die Übertragungsurkunde für das Land der Indianer stahl, gelangen gierige Ölsucher in den Besitz der Urkunde. Mit dem Gesetz auf ihrer Seite fordern sie den Indianerstamm zur Räumung des Gebietes auf. Der zornige Häuptling verkündet daraufhin, den ersten weißen Mann zu töten, der durch das Tor zum Indianerland tritt. Da erscheint ein Schmetterlingssammler auf der Jagd (Keaton) im Indianerland, woraufhin er an einen Pfahl gebunden wird und verbrannt werden soll.
Das Bleichgesicht kann sich selbst befreien und flüchtet in eine nahegelegene Hütte, in der es feuerfesten Asbest findet, aus dem es sich feuerfeste Unterwäsche bastelt. Wieder eingefangen, setzen die Indianer ihr Vorhaben in die Tat um. Als sie bemerken, dass das Bleichgesicht nicht verbrennt, verehren sie es und nehmen es als vollberechtigtes Stammesmitglied mit dem Namen „Kleiner Häuptling Bleichgesicht“ in ihre Gemeinschaft auf. Später zeigt der Häuptling dem Bleichgesicht die Forderung der Ölsucher. Entrüstet darüber stattet das Bleichgesicht zusammen mit den Indianern den Gierigen einen bedrohlichen Besuch ab.
Der Anführer der Ölsucher flieht jedoch, nimmt während der folgenden Verfolgungsjagd das Bleichgesicht gefangen, zwingt es mit ihm die Kleidung zu tauschen und kann so entkommen. Nach einigen Reibereien mit den indianischen Freunden, die das Bleichgesicht vorübergehend mit dem Chef der Ölsucher verwechseln, sowie einem anderen Indianerstamm, findet das Bleichgesicht in einer Tasche seiner neuen Kleidung die Übertragungsurkunde, die es den Indianern zurückgibt. Aus Dank dafür bekommt es eine junge Indianerin zur Frau.
Rezension
„Das Bleichgesicht“ aus dem Jahr ist für uns ein kleiner Höhepunkt unter den Shorts von Buster Keaton. Wie gut eine Story sein kann, die nicht nach einem Drehbuch gefertigt wird, ist sicher eine interessante Frage. Jedenfalls war es bei den meisten Stummfilmkünstlern so, dass sie improvisierten. Schon der zuvor gesichtete „Die Ziege“ hat zwar einen merkwürdigen Namen, aber schon eine recht gute Story. Die Geschichte von Buster und den Indianern ist sogar ein verkürzter Spielfilm, die Spielzeit hätte man viel weiter ausdehnen und mit weiteren Elementen anreichern können. Er zeigt auch einige spektakuläre optische Witze, denen vorwiegend die Weite des Filmings on Location zugutekommt. „Das Bleichgesicht“ zeigt sehr viel Landschaft, Buster wagt sich sprichwörtlich ins Gelände. Das war 1922 sicher nicht mehr ungewöhnlich, aber die Kontrolle des Sets ist gerade beim Slapstick ein nicht zu unterschätzender Vorteil.
Umso schöner ist die Choreografie des „Indianerstammes“ gelungen, die uns ein ums andere Mal zum Schmunzeln gebracht hat. Dass wir bei Buster Keatons Kurzfilmen so richtig loslachen, ist bisher noch nicht passiert, anders übrigens als bei Charles Chaplins Frühwerken aus den Jahren 1915 bis 1918, die ARTE in den Jahren 2013-14 und 2015 in einem Special gezeigt hat. Gelegentlich ist allerdings die richtige Eingrenzung. Entweder werden wir immer ernster, oder Buster Keatons Filme sprechen bei uns eine andere, weniger kindliche Seite an.
Wir schauen genau hin, ob alles gut gelungen ist, und bleiben dabei – mit ähnlich ernster Mimik wie der Schauspieler selbst. Das hat er davon, dass er bei adaptiv veranlagten Zuschauern wie uns eine solche Wirkung erzielt. Nach einigen seiner frühen Filme glauben wir, dass es damit tatsächlich etwas zu tun hat, denn wir können unter den Tisch fallen, wenn Stan und Ollie in ihren Tonfilmen zusammen loslachen, exemplarisch in „Fra Diavolo“, als sie „Näschen, Kniechen, Öhrchen“ spielen (Reihenfolge aus dem Gedächtnis geschrieben). Dieser Effekt hat sich über die Jahre kaum verändert, also ist es Buster Keatons Art von Komik, die bei uns eher das Beobachten als das Mitgehen triggert.
Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung der Rezension 2025: Das ist eine interessante Beobachtung: Beim Chaplin-Keystone-Projekt, also der Sichtung seiner Filme wirklich von Beginn an, blieb dieser Effekt auch weitgehend aus und bei der Neusichtung weiterer Kurzkomödien aus den Jahren 1915 bis 1917 hatte sich unserer Rezeption jetzt in beide Richtung etwas verändert – bei einigen weiteren Filmen bliebt sie hingegen gleich. Es gab Auf- und Abwertungen gegenüber 2014 bis 2016. Dies bedeutet, dass wir auch bei Buster Keaton vermutlich nicht „ernster geworden“ sind als zuvor, sondern ihn grundsätzlich anders wahrnehmen als Chaplin und noch mehr als spätere Komiker wie Laurel & Hardy oder die Marx Brothers.
Dabei ist „The Paleface“ wirklich ein gelungener Film, auch, weil er eine eindeutige soziale Botschaft zugunsten der ursprünglichen Amerikaner hat, die hier in einem Reservat existieren und dann von gierigen Ölspekulanten auch noch um dieses Stückchen Land gebracht werden sollen. Es ist symbolisch von einem hohen, festen Zaun umgeben. Einlass findet man nur, wenn man ein massives Tor durchquert – allerdings dann doch recht leicht, wie der Schmetterlingssammler beweist, den Buster Keaton hier gibt. Hat Karl May bei ihm abgeschrieben? Wohl kaum, aber umgekehrt kannte Keaton diesen Autor wahrscheinlich auch nicht. Die Ureinwohner sind also drinnen eingesperrt und draußen toben sich die Weißen aus, anders als in den klassischen Western, in denen sich alle, Truppen und Zivilisten, in einem Fort versammeln, dort versuchen, eine Art Mini-Zivilisation aufrechtzuerhalten – um die Angriffe der wilden Rothäute abzuwehren.
Auch die Szenenanschlüsse sind die besten, die wir bisher bei einem Short von Keaton gesehen haben. Bis auf wenige Momente, in denen es mit der Continuity und innerhalb der Szenen auch etwas an der Logik der Abläufe hapert, kann man nichts gegen die Technik einwenden. Der zweite Stamm von Ureinwohnern, die alles beim Strip Poker (das gab es also damals schon) verloren haben, ist überflüssig, da hat der Wunsch, komisch zu sein, die Political Correctness, die diesen Film weit vor dem Mainstream prägte, für eine Minute überlagert. Dass dieser gut ausgeführte Film in der IMDb vergleichsweise schwache 6,9/10 erhält (6,8/10 im Jahr 2025), finden wir erstaunlich. Velleicht ist er nicht typisch genug oder es ist vielen Nutzern peinlich, dass ein Werk aus dem Jahr 1922 schon eine Haltung zeigt, die Hollywood im Allgemeinen erst viele, viele Jahre später und recht langsam entwickelte. Es kann allerdings auch ein wenig in die andere Richtung gehen, denn stellenweise sind die Gags darauf aufgebaut, dass die Rothäute nicht die hellsten Kerzen auf der Torte sind; besonders deutlich ist das im Rahmen des Versuchs zu sehen, Buster an den Marterpfahl zu stellen. Seine Idee, nicht etwa final abzuhauen, was ohne Weiteres möglich gewesen wäre, sondern sich in einer Hütte einer Rolle Asbestbelag zu bedienen, um sich eine feuerfeste Unterbekleidung zu schneidern, sich dann „verbrennen“ zu lassen und durch das wundersame Überleben plötzlich einen herausragenden Status in der Community zu gewinnen, ist eine der besten Ideen, die wir bisher in einem der Shorts gesehen haben – weil sie eine Strategie offenbart und nicht darauf ausgerichtet, nur gerade die aktuelle Situation zu überstehen. Wir lernen dabei auch, dass Asbest doch nicht nur Nachteile hat.
ARTE hat sich wohl etwas dabei gedacht, die Filme in der Reihenfolge „Der Hufschmied“, „Die Ziege“ und „Das Bleichgesicht“ zu zeigen. Ersterer ist der jüngste der drei, aber eindeutig der disharmonischste und doch sehr auf Einzelgags ausgelegt, die nur mühsam zu einem Ganzen finden, während „Die Ziege“ eine gute Kombination aus schnellen Scherzen, einer nachvollziehbaren Story und der niemals falschen Lächerlichmachung von Cops ist.
In „Bleichgesicht“ bekommen Busters Fähigkeiten dann etwas Konstruktives, weil er den Ureinwohnern am Ende ihr Land sichert. Dass Buster Keaton ein Indianermädchen zwei Jahre lang ununterbrochen küsst, ist ein süßes Sahnehäubchen am Ende, das in den 1920ern wohl nicht heikel war, weil sich Komiker mehr erlauben konnten – und Buster Keaton, das sei ihm gedankt, nutzte das mehr aus als andere. Während die Texttafel „Zwei Jahre später“ eingeblendet war, erwarteten wir natürlich, dass in der Folgeszene mindestens sechs Kinder um ihn herumtollen, aber die Auflösung hat uns auch gefallen.
Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung: Im kürzlich erst angesehenen „Hard Luck“ geschieht es ihm wirklich, dass er interkulturell heiratet (eine Chinesin) und am Ende mehrere Kinder hat. Und „nicht heikel“ muss man differenziert sehen. Anders als Ehen zwischen Weißen und Afroamerikanern waren solche zwischen Weißen und Ureinwohnern zumindest nicht verboten. Manche Filme nehmen die Wendung, dass sich Ureinwohner als Weiße entpuppen. Die Fiktion einer Verbindung gegen den Mainstream muss als kulturelles Diversitätszeichen genügen.
75/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2019)
| Regie | Buster Keaton |
|---|---|
| Drehbuch | Buster Keaton |
| Produktion | Joseph M. Schenck |
| Kamera | Elgin Lessley |
| Besetzung | |
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