Fritz Lang – Der andere in uns (DE 2016) #Filmfest 1408

Filmfest 1408 Cinema

Fritz Lang – Der andere in uns ist ein deutscher Spielfilm von Gordian Maugg aus dem Jahr 2016. In den Hauptrollen des in schwarzweiß gedrehten Dokudramas sind Heino FerchThomas Thieme und Samuel Finzi zu sehen. Der Film beleuchtet semifiktional und collagenartig die Recherchen Fritz Langs zu seinem Spielfilm M.

Handlung (1)

Nach Werken wie Die NibelungenMetropolis und Frau im Mond sucht der deutsche Regisseur Fritz Lang nach Stoff für einen neuen Film, einen Tonfilm. Er ist der aufwendigen Großprojekte müde, sein nächster Film soll deutlich kleiner ausfallen. Zudem kriselt es in seiner Beziehung zu Thea von Harbou, die sich mehr und mehr für die Ideale des Nationalsozialismus zu begeistern scheint.

Während seiner Recherchen stößt er auf Berichte über einen Serienmörder aus Düsseldorf. Lang reist von Berlin ins Rheinland und schließt sich dem Kriminalkommissar Ernst Gennat an, der die Ermittlungen leitet. Als Verdächtiger wird Peter Kürten festgenommen, Fritz Lang bekommt die Gelegenheit, Kürten zu interviewen.

Als er auf Anna Cohn, Freundin eines Opfers und mutmaßliche Augenzeugin, trifft, wird er von Erinnerungen an seine erste Frau Lisa übermannt, der Anna über die Maßen ähnlich sieht, und die Lang damals erschoss, als sie ihn mit Thea von Harbou erwischte.

Handlung (Zusatztext)

Ein Serienmörder versetzt Düsseldorf in Angst und Schrecken. Fritz Lang, Regisseur von Meisterwerken wie „Die Nibelungen“ und „Metropolis“, findet in der Geschichte des Triebtäters Peter Kürten nicht nur den Stoff seines ersten Tonfilms, sondern begegnet mit ihr auch seinen eigenen Kindheits- und Kriegserinnerungen. Ausgehend von realen Personen und Ereignissen erzählt Gordian Maugg in dem Drama „Fritz Lang – Der Andere in uns“ über die Entstehung von „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“.

Rezension: Anni und Tom über „Fritz Lang – der Andere in uns“

Anni: Nachdem wir vor einiger Zeit tatsächlich „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ angeschaut haben, ist es jetzt natürlich super interessant, ein Dokudrama über die Entstehungsgeschichte von M hinterherzuschieben.

Tom: Und wie Fritz Lang nach seinem vorherigen Film „Die Frau im Mond“, der noch stumm war, sich jetzt mit M dem Tonfilm annähert. Die Dokufiction beginnt schon mit Reportagen über seine Großwerke der 1920er, den Gigantismus des Zweiteilers „Die Nibelungen“ (1925/1926) und natürlich vor allem von „Metropolis“ (1927). 400 Köpfe rasiert, um Maschinenmenschen darzustellen, insgesamt 11.000 Statisten, darunter viele Arbeitslose, die das Proletariat in der Unterstadt natürlich gut verkörpern konnten.

Anni: In die gespielten, also neu gefilmten Szenen hinein werden immer die Bilder von Berlin, die Hektik, das Treiben der damaligen Stadt geschildert, diese wahnsinnig fiebrige Atmosphäre, das alles hat natürlich auch die Filme der Zeit beeinflusst. Nicht nur in Deutschland natürlich, das Jazz Age war überall.

Tom: Aber in den heute gedrehten Passagen sind dann trotzdem immer wieder deutlich sichtbare Fehler. Wie in Hollyood, nur langsamer gefilmt. Irgendwie scheint es da niemanden zu geben, der solche Dinge überwacht.  Das Taxi, in das Lang um 1930 einsteigt, ist von 1934 oder 1935, und es gab damals noch keine spiralförmigen Telefonleitungen, die sind erst in den 1960ern aufgekommen.

Anni: Na gut, als Lang in der Schaffenskrise steckt, nach seinem letzten Stummfilm, als er mit seiner Frau und Drehbuchautorin Thea von Harbou nicht mehr klarkommt, als eigentlich alles Shit ist, da liest er über die „Bestie von Düsseldorf“ Peter Kürten und macht sich natürlich sofort auf dem Weg. Ob das mal wirklich so simpel abgelaufen ist? Ich meine, dieses Treffen mit Kürten gab es nicht, oder? Und natürlich schon gar nicht diese Szenen, in denen Lang den Kürten beobachtet, wie er eine Leiche vergräbt.

Tom: Eigentlich sogar „Der Vampir von Düsseldorf“, weil er das Blut seiner Opfer trank. Man merkt natürlich, dass die alten Aufnahmen ebenfalls einen leicht surrealen Touch haben, wenn etwa deutlich sichtbar ist, dass Lang am Bahnhof in einen anderen Zug mit einer anderen Lok einsteigt als derjenigen, die man später in Fahrt sieht. 

Anni: In Fahrt eine andere als diejenige, die in den Bahnhof einfährt. Dein Gedächtnis!

Tom: Dass es da ein bisschen mehr surrealistisch zugeht, merkt man daran, dass offensichtlich, als Lang in Düsseldorf ankommt, bereits Szenen von außen  zu sehen sind, etwa wie ein Unschuldiger verdächtigt wird und eine hysterische Meute sich breitmacht. Der Kriminalist Ernst Gennat, der aus Berlin nach Düsseldorf reist, um zu ermitteln, ist also das Vorbild für Lohmann in „M“, der dann auch in „Das Testament des Dr. Mabuse“ noch einmal aufgetaucht ist

Anni: Und die OK lassen sie in Form eines Pelzgeschäft-Einbrechers auftreten, der auch verdächtigt wird, und damit die OK wieder in Ruhe arbeiten kann, denkt sie natürlich darüber nach, den Mörder doch lieber selbst zu fangen, als die Polizei ewig herummurksen zu lassen. Aber die grandiose Szene mit Gustaf Gründgens und seiner Gang und dem Gericht über „M“, die wird natürlich nicht nachgespielt, sondern der absolute Höhepunkt, in dem Peter Lorre den von sich selbst verfolgten Mann darstellt, also den, der vom „Anderen“, dem Triebtäter, besessen ist, wird im Original gezeigt – kurz, als Ausschnitt, und die Stimme daraus überlagert einige Neufilmmomente, was etwas kurios wirkt. Weil Samuel Finzi, der den Kürten 2016 darstellt, in dem Moment ein Voiceover bekommt und seiner eigenen Stimme verlustig geht. Eigentlich Quatsch, zumal er ja Kürten ganz anders interpretiert als in der beinahe Mitleid erregenden, hochgradig getriebenen Art, wie Lorre es 1931 tut. Aber ein so ruhiger Triebtäter wäre wohl 1931 nicht machbar gewesen. Viel zu normal, das Unfassbare zu wenig sichtbar. Der Grusel im Normalen, der ist heute mehr en vogue als zu Zeiten, in denen es ohnehin etwas Neues und ein Wagnis war, einen Kindermörder zum Star eines Films zu machen.

Tom: Das kann man wirklich sagen: Er ist der Star. Man möchte nicht, dass er der Star ist; man klammert sich an Lohmann oder, wenn man so veranlagt ist, an Loden-Gustav, aber man will sich von „M“ fernhalten und kann es nicht. Da merkst du, wie im Kleinen und diesseits der Tötungshemmung der Andere auch in uns ein wenig wirkt. Das Obsessive und das Grausame sind dem Menschen wohl immanent. Kein Wunder, dass der Film von den Nazis verboten wurde, die sich selber sahen. Aber mehr in der Form, wie Finzi den Kürten spielt, nicht mit diesem irren Blick wie Lorre. Wäre ja auch zu einfach gewesen, die künftigen Massenmörder anhand ihrer häufig entgleisenden Züge identifizieren zu können.

Anni: Naja, also Typen wie Hitler und Goebbels … aber klar, das war kalkulierter Ausbruch, Ausdruck des gebündelten Ein-Mann-Volkszorns gegen alles, was ab 1918 passiert ist. Projektionsfläche für den Hass, während „M“ eher alle Ängste in uns wachruft. Trotzdem gehört es zusammen.

Tom: Die Visualisierung der Fiktion ist im Film von 2016 schon ausgeprägt. Wie Lang durch dieses Büro wandert und sich Bestecke und Werkzeuge anschaut, diese ganzen Bilder. Und dann lässt er sich quasi zu einem antizipierten Tatort aufs Land fahren, während in „M“ ja alle Morde in der Berliner Großstadt passieren. Und wie dann dieser Mann mit der Frau über die Schulter gehängt durchs Nirgendwo da draußen läuft, hebt ein Grab aus, legt sie hinein. Und die Pathologie – da schlägt dem Tatort-Fan das Herz höher.

Anni: Es gibt Rückgriffe auf Langs Leben. Verwundung im Ersten Weltkrieg, Verlust eines Auges inbegriffen, der seltsame Tod seiner ersten Frau, der nie ganz aufgeklärt wurde, und wie es anfangs mit Thea hochherging und der gute Sex zu guten Filmen führte.

Tom: In den 1920ern traten oft diese Menschenmassen in Filmen auf; das Individuum kam dann mit dem Tonfilm wieder mehr zum Tragen.

Anni: Im sowjetischen Agitpropfilm vielleicht … Menschenmassen im Stummfilm ohne Storytelling mit Invidiuen.

Tom: Natürlich, nicht so einseitig. Zwischen Fritz Langs Filmen und etwa den russischen Revolutionsfilmen dieser Jahre, die ähnlich mit Menschen als Masse operierten, gibt es große Unterschiede. Dort taten sie sich als gebündelte revolutionärer Wille hervor, versteht sich.

Im Verlauf vermischt sich alles mehr und mehr mit der Geschichte von Lang und seiner Frau Thea, aber einige Fakten, wie der Tod durch einen Schuss von Langs erster Frau Elisabeth, sind ebenso wahr wie die Kooperation zwischen Lang und von Harbou. Langs Filmbekanntschaft aus 1930/31 und seine erste Frau verschwimmen zu einer Person und wirkt, als würde sie ihn wieder zurückführen zum Ausgangspunkt, dem Verbrechen, das er vielleicht selbst begangen hat.

Anni: Schön spekuliert, aber so könnte es ja gewesen sein. Und natürlich Langs Tötungshandlungen im Ersten Weltkrieg, inklusive einer Szene mit unnötig überschießender Gewalt, mit entmenschtem Handeln im Krieg, Damals, in seinem österreichischen Regiment, und natürlich ist das eine politische Aussage. Es gibt keine Tötungen der besseren Art, der Mensch wird im Blutrausch zum Tier, und wo kann man so viel Blut vergießen wie an der Front und steht selbst immer mit einem Bein im Grab? Es ist alptraumhaft, und aus diesen Alpträumen steigen die Obsessionen, die Tötungszwänge, die unfassbaren Verbrechen einige Jahre später. Kriegsteilnehmer sind notwendigerweise traumatisiert und oft brutalisiert.

Tom: Beim Kürten im 2016er-Film gibt es aber eine andere Herleitung: den Missbrauch, den er als Kind erleiden musste und für den er nun Rache nimmt. Ergänzen müsste man, dass dieses Rachegefühl sich an Frauen auslässt, weil seine Mutter ihn vor diesem Missbrauch nicht geschützt hat.

Anni: Ich weiß, dass das psychologisch oft so gesehen wird, aber vielleicht sind Frauen auch einfach Opfer, weil sie für schwächer gehalten werden Männern mehr Machtgefühl vermitteln können – rein körperlich. Aus dem unterlegenen Kind wird der überlegene Mann. Das Blöde ist, Kürten wurde wohl selbst nicht missbraucht. Aber er ist ein Kind seiner Zeit, mit einem Schläger als Vater, und es ist ein Wunder, dass nicht viel mehr Kinder, vor allem Jungen, so zu Gewohnheits- und Gewaltverbrechen wurden wie er.

Tom: Du hast die Nazis selbst erwähnt, die nur allzu bereitwillig Gewalttaten verübten. Es kam in der Masse zum Vorschein, was herangezüchtet wurde, siehe „Das weiße Band“. Ich kann aus Kürtens Biografie viel herauslesen – nur: Lang hat immer bestritten, dass Kürten das Vorbild für „M“ war. Und dieser Zweifel fällt im Film ganz weg. Was ich auch nicht sehr gut beurteilen kann – ob Heino Ferch den Lang entweder ihm selbst gemäß oder in einer hervorragenden, dessen Person verdichtenden Interpretation spielt.

Anni: Lass uns zugeben, dass uns mit dem Film ein Missgeschick passiert ist. Wir haben ihn in drei Teilen schauen müssen, weil immer wieder einer von uns sanft weggenickt ist und der andere nicht stören wollte – und dadurch ist unsere Wahrnehmung ähnlich fragmentiert wie diese teilweise hypnotischen Filmbilder und Kürtens Leben. 

Tom: Dann noch der Abspann mit den Infos. „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ hatte am 11. Mai 1931 Premiere, zwei Monate, bevor Peter Kürten hingerichtet wurde. Die Linke interpretierte den Film damals als Plädoyer für die Todesstrafe, während Propagandaminister Joseph Goebbels ihn hingegen als heilsame Warnung vor Humanismus-Duselei ansah. Zwei Jahre später wird die Ehe von Fritz Lang und Thea von Harbou geschieden. Fritz Lang verlässt daraufhin Deutschland und emigriert über Paris in die USA. Dort stirbt er, 86-jährig, am 2. August 1976. Anmerkung. Er drehte zwischenzeitlich aber wieder in Deutschland, etwa „Die tausend Augen des Dr. Mabuse“. Über die Umstände, die zum gewaltsamen Tod seiner ersten Frau geführt haben, sprach Lang Zeit seines Lebens nicht. Meine Wertung: 7/10.

Anni: Der Film interpretiert den Mörder also also doch sehr als eine Allegorie auf Fritz Langs eigenes Leben. Anders würde der Film ja auch keinen Sinn ergeben, wenn er heißt „Fritz Lang – der Andere in uns“. 6,5/10 von mir.

Nachtrag anlässlich der Veröffentlichung 2025: Als wir uns den Film angeschaut hatten, wurde die Serie „Babylon Berlin“ gerade erst gedreht – Fritz Langs Filme hatten mit Sicherheit Einfluss auf deren Gestaltung und natürlich auf die modernen Buchvorlagen von Volker Kutscher.

68/100

2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2017)

Regie Gordian Maugg
Drehbuch Gordian Maugg
Alexander Häusser
Produktion Nicole Ringhut
Musik Tobias Wagner
Kamera Lutz Reitemeier
Schnitt Florentine Bruck
Besetzung

 


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