Briefing PPP Politik Personen Parteien, CDU, CSU, AfD, SPD, Die Grünen, Die Linke, Rechtsruck, Bashing, Disruption, Destruktivität, Demokratie in Gefahr, Grundgesetz, Demokratiefeindlichkeit, NRW, Kommunalwahlen, Ostdeutschland, Landtagswahlen 2024, Ost und West, Civey-Umfrage, Sonntagsfrage
Wir müsen heute eine politische Meldung machen, die wir uns und Ihnen lieber erspart hätten. Erstmals, seit wir Civey als politischen Monitor verwenden, und das ist fast seit der Gründung des Instituts, das Meinungsforschung etwas anderes auffasst als die klassische Konkurrenz, liegen dort Union und AfD gleichauf. Anders als bei anderen Umfragen einzelner Institute war die AfD bei Civey noch nie vor der Union. Was wir aktuell sehen, ist ein historischer Moment, der unser Leben in Deutschland verändern wird, das ist bereits unausweichlich: Civey-Umfrage: Wen würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre? Es ist möglich, dass zu dem Zeitpunkt, zu dem Sie unseren Artikel lesen, der Stand bereits abweicht, er gibt die Lage am 17.09.2025, 18 Uhr wieder.
Das Besondere an der aktuellen Civey-Sonntagsfrage ist, dass erstmals seit unserer Beobachtung dieser Datenreihe Union (CDU/CSU) und AfD mit exakt denselben Zustimmungswerten (je 25,9 %) gleichauf liegen. Dies ist ein Novum bei Civey, während bei anderen Instituten Gleichstände oder sogar eine Führung der AfD schon zuvor aufgetreten sind.dw+3
Historische Einordnung
Civey war in der Vergangenheit in seinen Umfragen meist konservativer, was die AfD-Bewertungen anging; dort war ein Gleichstand dieses Ausmaßes mit der Union bisher noch nie dokumentiert. Andere Institute wie INSA, Forsa oder das RTL/n-tv-Trendbarometer meldeten bereits seit Monaten einzelne Gleichstände oder punktuelle Führungen der AfD vor der Union. Civey wiederum gilt wegen seines trendschnellen, internetgestützten Modells als relativ sensibles Frühwarnsystem für Verschiebungen der politischen Stimmung.stern+3
Politische Bedeutung
Der Gleichstand zwischen CDU/CSU und AfD birgt eine besondere politische Brisanz:
-
Traditionell hält sich die AfD in bundesweiten Umfragen meist 1–4 % hinter der Union. Mit der aktuellen Nivellierung in der bedeutenden Civey-Umfrage wird das volle Ausmaß der Schwäche der „bürgerlichen“ Mitte (Union) und der Attraktivität der AfD als Protestangebot deutlich sichtbar.sueddeutsche+2
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Auch die absolute Schwäche von SPD, Grünen, FDP und der neuen Linken (inkl. BSW) verstärkt das Gewicht dieses Gleichstands, da sich die politische Landschaft zunehmend auf ein Duopol an der Spitze zuspitzt. Das erschwert klassische Koalitionsoptionen erheblich.wahlrecht+2
Vergleich mit bisherigen Entwicklungen
Im April und Juli 2025 verzeichneten sowohl Forsa als auch INSA und andere Institute bereits Umfragen, in denen Union und AfD temporär gleichauf lagen – meist im Bereich 23–25 %. Doch erst jetzt ist mit Civey ein Institut, das als „Realtime-Barometer“ gilt, auf diesen Trend eingeschwenkt – ein Indiz, dass der Gleichstand in der Bevölkerung inzwischen deutlich verfestigt ist und nicht nur ein Ausreißer in einer Modellrechnung.ipsos+4
Statistik – Aktuelle Werte (Civey-Sonntagsfrage)
|
Partei |
Prozent |
|---|---|
|
CDU/CSU |
25,9 % |
|
AfD |
25,9 % |
|
SPD |
14,2 % |
|
GRÜNE |
11,2 % |
|
LINKE |
10,6 % |
|
BSW |
3,6 % |
|
FDP |
3,1 % |
|
FREIE WÄHLER |
1,0 % |
|
Andere |
4,5 % |
Diese Werte spiegeln eine historische Situation wider, die das Parteiensystem und mögliche Bündniskonstellationen vor neue Fragen stellt. Die Entwicklung markiert einen weiteren Wendepunkt in der Dynamik der politischen Stimmung in Deutschland.n-tv+3
Kommentar
So viel hat sich gar nicht verändert, in den letzten Wochen. Kaum eine Partei hat ihre Zustimmungswerte nennenswert verbessern können oder verschlechterte sich erheblich. Aber genau die paar Promille, die die Union zur Zeit verliert, die AfD-Gewinne in etwa gleichem Maße machen den Unterschied und führen zu dieser besonderen Situation des Gleichstands, die für uns eine größere Zäsur darstellt als etwa die gerade durchgeführten Kommunalwahlen in NRW (hier unser Artikel dazu).
Wir schreiben es seit Jahren: Es zahlt nicht auf das Konto der Rechtskonservativen ein, wenn sie die Rechtsextremen kopieren wollen. Das kaufen die Menschen nicht, weil sie wissen, dass es sich um eine opportunistische Kopie handelt. Und in einer Sache macht die Union derzeit besonders negativ von sich reden: Sie basht eine gesellschaftliche Gruppe nach der anderen, auch Menschen, die zu ihren Kernwählern zählen, und das kann nicht gutgehen. Die Bürgergeldempfänger mögen noch „billige“ Opfer sein, die Immigranten sowieso, aber die Arbeitenden, die angeblich zu faul sind, die Rentner, die nicht genug arbeiten, jetzt die wehleidigen Arztgänger – wen glaubt die Union damit eigentlich erreichen zu wollen? Ein paar arrogante Kapitalisten vielleicht, aber die sind nicht die Mehrheit des Wahlvolks.
Dazu die unseriöse Verwendung von Fakten, die von Linnemann haben wir schon beschrieben, aber aktuell ist Kanzler Merz (bezogen auf die Arztbesuche) ebenso drauf. Das wirkt mies, boshaft und auch noch inkompetent. Wären jetzt Bundestagswahlen, würde eine Union-SPD-Koalition gemäß dem obigen Civey-Barometer keine Mehrheit mehr bekommen, denn die SPD steckt fest zwischen blanker Anbiederung an diese CDU-Spins und identitätstechnischem Niemandsland. Auch alle anderen Parteien kommen nicht voran, sodass 2029 eigentlich nur eine CDU-AFD-Koalition möglich sein wird, wenn der aktuelle Trend sich verfestigt. Vielmehr: umgekehrt, wenn die heutige Situation sich verfestigt. Dass dies dies einen Systemwechsel in Deutschland nach sich ziehen würde, muss nicht mehr umständlich erklärt werden. Die Demokratie wird jetzt schon von einer freidrehend rechten Bundesregierung beschädigt, damit die AfD sie dann endgültig zertrümmern kann. Man hat den Hass, der in dieser Partei steckt, lange Zeit nicht ernstgenommen. Man nimmt auch die Landtagswahlergebnisse im Osten, die im September 2024 zustandekamen, noch nicht ernst, weil: der Westen ist ja viel größer, und der Westen ist stabil. Das ist richtig dumm, denn eine AfD, die im Osten auf 40 Prozent kommt und im Westen auf über 20 Prozent, wird die Union überholen, die im Osten einbricht und im Westen allenfalls noch Hochburgen halten kann, aber ansonsten ebenfalls sinkt. Auf den ersten Blick wirkt die Kommunalwahl in NRW wie ein „noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen“ für die Demokratie, sogar im wörtlichen Sinn.
In Wirklichkeit handelt es sich um eine Erosion, die mit der Marginalisierung von Volksparteien einhergeht. Eine SPD, die froh ist, dass sie noch zweitstärkste Partei in NRW ist und über 20 hat, bei weiteren Verlusten, und somit noch vor der AfD liegt. Ist ein Hurra da angebracht? Ganz sicher nicht. Denn 2020 bekam die AfD noch 5,1 anstatt über 14 Prozent, das ist ja noch nicht so lange her, und es zeigt, wie schnell es gehen kann. Dass die AfD so stark ist, daran hat auch die SPD einen großen Anteil, auf vielen Ebenen.
Wir werden heute, auch aus Zeitgründen, den Kommentar nicht sehr ausdehnen, nicht versuchen, immer wieder neue Aspekte der Gefahr für die Demokratie darzustellen, sondern wollen nur darauf hinweisen, dass heute etwas passiert ist, das zwar kein politisches Event darstellt, das auch keine spektakuläre Änderung eines schon länger bestehenden Trends bedeutet, aber es ist ein Moment, der das Blut gefrieren lässt. Wer die Gefahr noch nicht spürt, die auch in seinem eigenen Wahlverhalten liegen kann, der hat nicht verstanden, warum die Demokratie wertvoll ist, warum sie immer mehr in Gefahr gerät und warum es an der Zeit ist, zu handeln. Der Widerstand muss natürlich der AfD gewidmet sein, aber auch die Union braucht endlich ein Stoppzeichen gegen ihre zerstörerische, disruptive Haltung, und leider gilt das auch für die SPD, die auf eine gruselige Weise mitmacht und zu einem Schatten ihrer selbst verkommt. Jenseits davon kann man eigentlich nur Grüne oder die Linke wählen, aber das tun eben derzeit nur etwa 23 Prozent der Menschen, und selbst mit der SPD wären es nur 37 Prozent und damit nicht genug gegen den rechten Block, zumal die SPD es nicht mehr verdient hat, auch nur mittig genannte zu werden, wenn sie weiterhin der Union auf den Leim geht, die der AfD hinterherhetzt und dabei ins Hetzen gegen immer weitere Bevölkerungsgruppen kommt. Manchmal glaubt man, all diese traditionellen Parteien haben einen eingebauten Selbstzerstörungsmechanismus, welcher zur Konsequenz hat, dass damit der AfD ihr Durchmarsch erleichtert wird.
Wir waren keine Fans von Angela Merkel oder Olaf Scholz, aber so peinlich und billig haben diese nie der AfD nach dem Mund geredet, wie das jetzige Unions-Spitzenpersonal es tut und damit sich selbst und der Demokratie schadet. Das Ergebnis dieses Selbstmords auf Raten sehen wir im obigen, heute am frühen Abend eingefrorenen Umfrageergebnis. Wenn dieser Kipppunkt erst einmal überall in den Köpfen ist, dann wird die AfD ganz schnell weiter davonziehen, weil sich daraus eine Eigendynamik entwickelt, die dafür sorgen wird, dass auch immer mehr Opportunisten, die sich nie als Nazis sehen würden, die Blauen wählen. Die Wirklichkeit müsste genau umgekehrt sein. Nicht lamentieren über alles, um dies als Vorwand für den Wunsch nach politischer Durchsetzung des eigenen rechten Gedankenguts zu verwenden, sondern dagegenhalten, ganz offensiv und jeden Tag. Wer angesichts des obigen Umfrage-Ergebnisses noch glaubt, es wird sich schon alles wieder irgendwie richten, wer auf rechte CDU-Politiker hereinfällt und der rechten Presse auf den Leim geht, die permanent versucht, die AfD zu normalisieren, obwohl immer weitere und immer mehr Anzeichen dafür erkennbar sind, dass sie die Demokratie auf Basis des Grundgesetzes nicht unterstützt, der ist selbst schuld, wenn er in einer Diktatur aufwacht. Es ist aber trotzdem die Aufgabe einer zivilgesellschaftlichen Minderheit, das aktiv zu verhindern. So war es immer schon, und davon sollten wir uns auch gar nicht irritieren lassen.
TH
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https://www.stern.de/news/afd-in-umfrage-wieder-gleichauf-mit-der-union-35914334.html
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https://www.n-tv.de/politik/AfD-und-Union-in-Umfrage-erstmals-gleichauf-article25682625.html
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https://www.sueddeutsche.de/politik/umfrage-bundestagswahl-sonntagsfrage-deutschland-li.3303828
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https://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend/deutschlandtrend-3470.html
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https://civey.com/umfragen/37307/wen-wurden-sie-wahlen-wenn-am-sonntag-bundestagswahl-ware
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https://www.zeit.de/news/2025-04/05/afd-und-union-in-umfrage-erstmals-gleichauf
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https://www.zeit.de/news/2025-09/17/umfrage-keine-mehrheit-fuer-cdu-und-spd
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