Filmfest 1428 Cinema – Werkschau Buster Keaton (29)
Der Hufschmied (Originaltitel: The Blacksmith; Alternativtitel: Seines Glückes Schmied) ist eine US-amerikanische Kurzfilm–Slapstick–Komödie aus dem Jahr 1922 mit Buster Keaton in der Hauptrolle, der auch gemeinsam mit Malcolm St. Clair für Drehbuch und Regie verantwortlich war.
Im Rahmen der Werkschau Buster Keaton zeigen wir diese Rezension aus dem Jahr 2019 erstmals auf dem Filmfest des Wahlberliners. Die damalige Sichtung von „Der Hufschmied“ innerhalb einer ersten Serie von Kurzfilmen des amerikanischen Komikers entstand durch eine Auswahl, die seinerzeit auf Arte zu sehen war.
Handlung (1)
Als Gehilfe des Hufschmieds macht es Buster Keaton seinem Meister nicht leichter. Unter anderem bindet er einem Schimmel mit einem sehr wählerischen Hufeisengeschmack die Hufeisen nur an, anstatt das Pferd richtig zu beschlagen; fährt er seinen Meister an und sperrt ihn ein; verkauft er der Besitzerin eines braunen Pferdes einen nicht funktionierenden Sattelstoßdämpfer und zerstört die Automobile, die in der Schmiede repariert werden sollten. Von den Geschädigten wütend verfolgt, macht sich Buster Keaton am Ende aus dem Staub und fährt mit der Schimmelbesitzerin in die Flitterwochen.
Rezension
Eine sehr ausführliche Besprechung von Buster Keatons „The Blacksmith“ („Der Hufschmied“), der in der IMDb mit dem deutschen Titel „Seines Glückes Schmied“ angegeben ist, findet sich hier:
https://cinemasojourns.com/2014/10/06/a-lost-version-of-buster-keatons-the-blacksmith-is-discovered/
Die interessante Geschichte ist dabei, wie vor einigen Jahren in zwei Etappen zusätzliches Material gefunden wurde, das „The Blacksmith“ um etwa fünf Minuten verlängerte. Was wir anhand der kundigen Rezension eindeutig feststellen konnten: Wir haben die von Lobster Films restaurierte verlängerte Variante gesehen, sodass wir nicht darüber spekulieren müssen, wie gut der Film in dieser Fassung sein könnte.
Ein bekannter Kritiker, der Buster Keaton dem Olymp, also Charles Chaplin, näherbringen oder ihn sogar höher heben wollte, schrieb einmal, Keaton sei auch ein Apologet des technische Zeitalters gewesen, weil er den kreativsten Umgang mit der Mechanisierung unter allen Komikern pflegte. Während Chaplin sich auf destruktive Weise damit befasste (zum Beispiel schon in „The Pawnbroker“ im Jahr 1916 und bis in „Modern Times“ hinein) und Stan Laurel und Oliver Hardy einen heroischen Kampf mit der Tücke des Objekts ausführten, sei Buster Keaton ein affirmativer Umgang mit der Moderne gelungen. Am besten sieht man das wohl in „The General“, obwohl auch hier das Ende ziemlich heikel ist.
Vielleicht dient aber auch die Komödie „Das vollelektrische Haus“ aus dem Jahr 1923 als Anhaltspunkt dafür, wie fantasievoll Keaton auf moderne Entwicklungen reagierte und sich mehr davon wünschte. In „Flitterwochen im Fertighaus“, den wir kürzlich rezensiert haben, bekommt man allerdings eher den Eindruck, Keaton reagiert mit einiger Ironie auf die Konfektionierung des Lebens – und nun, in „The Blacksmith“ tut er genau das, was viele Slapstick-Komiker vor ihm und nach ihm getan haben: Er dekonstruiert. Sogar ein weißer Rolls Royce muss daran glauben. Soziologisch hat man das so gedeutet, siehe die bezogene Rezension, dass das Publikum, das sich überwiegend nicht einmal das neben dem Rolls in der Garage stehende Ford Model T leisten konnte, entsetzt über diese Verschwendung gewesen ist.
Das würde zu einer Mentalität passen, die zwar herzlich über die Lächerlichmachung der Autoritäten, also der Cops, in vielen Stummfilmkomödien lachen konnte, aber nicht viel Spaß verstand, wenn es um ein Kratzen am amerikanischen Traum ging, der jedem versprach, dass er eines Tages einen weißen Rolls-Royce fahren würde können.
Hinzu kam, dass im Jahr des Drehs, 1922, das Zeitalter der Prosperity an Fahrt gewann, das tatsächlich den allgemeinen Wohlstand in bisher nicht gekannte Höhen hob – bis 1929, danach wurde es erst einmal wieder für viele Menschen schwieriger.
Der Umgang mit dem großen Auto ist erst einmal so gestaltet, dass Keaton sich lieber einem geschundenen Ford-Modell widmet, als lediglich die Stoßstange des Rolls zu reparieren, die damals ein ziemlich neues Element an Automobilen war und offensichtlich noch nicht ganz ihren Zweck erfüllte.
Das wirkt vielleicht etwas subversiv, vielleicht aber auch unbedarft. Darauf hat Keaton wie kaum ein anderer Komiker Wert gelegt, mit ehernem Gesicht den Unbedarften zu spielen. Der soziale Kommentar ist zwar vorhanden, aber, und da ist Keaton in diesem Short gar nicht so weit weg von Chaplin in Filmen wie „The Tramp“, es wird immer suggeriert, anything goes. Wenn nicht für immer, so doch für ewig.
So kriegt Buster am Ende das Mädchen mit dem Schimmel, dem er fancy Hufeisen anzieht wie Damenschuhe, anstatt sie anzuschmieden. Dass das Pferd dabei seinen eigenen Geschmack hat, ist süß, aus dem Gag hätte man aber mehr herausholen können. Das gilt auch für den zweiten Pferdesketch mit dem Sattel, der zwei Blattfedern aufweist und auf den ersten Blick noch unfunktionabler wirkt als die lediglich angebundenen Hufeisen.
Vielleicht sind wir da ein bisschen heikel, aber wir mögen visuell-physische Gags am liebsten, bei denen man nicht sofort erkennt, dass das Ganze im Desaster enden muss. Das ist auch bei dem Rolls-Royce schon der Fall, als das weißglänzende Auto in die dreckige Schmiede einfährt und abgestellt wird. Es ist komplett vorhersehbar, wie es weitergehen wird. Was die Ausführung von Dekonstruktionen ausgeht, sind aber Laurel & Hardy die unumstrittenen Meister.
Sie können das, was anfangs ganz passabel und normal erscheint, über Minuten, über eine halbe Stunde hinweg immer weiter abwärts steigern, und es ist zum Brüllen komisch. Wieso gelingt es uns bei Keaton nicht, ähnlich viel zu lachen?
Dass man nicht so mitfühlen kann wie bei Charles Chaplin hingegen liegt an der weniger sentimentalen Art der Keaton-Filme. Man kann keinen Vorwurf daraus machen, dass er einen distanzierten Bezug zu den emotionalen Dingen des Lebens zeigt. Aber die Gags sind in den Filmen, die wir bisher gesehen haben, noch nicht so ausgefeilt, dass man sagen könnte, Keaton sei der Meister unter den Meistern gewesen. Die Fantasie erkennt man wohl, es ist einiges an Originalität drin, in einer Zeit, in der meist simple Verfolgungsjagden mit unzähligen Unfällen oder Tortenschlachten mit unzähligen Torten gezeigt wurden.
Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2025: Im Jahr 1922 waren die Komödien nicht mehr so simpel, die obige Beschreibung passt eher auf 1914 bis 1917. Auch Komiker wie Keaton, insbesondere aber Charles Chaplin, hatten gezeigt, dass Humor nicht so simpel sein muss und doch funktioniert.
Allerdings gibt es auch zwei nette echte Überraschungen, und die sind wohl tatsächlich durch die Retaurierung unter Einbindung des zusätzlichen Materials hereingekommen. Die typische und konventionelle Konstellation, dass der schmächtige Keaton seinen bulligen Chef triezt und damit die Sympathie von uns allen für den David, der gegen Goliath kämpft, erweckt, wird für einen Moment aufgebrochen, als die beiden einer Frau beim Ausziehen zuschauen und sich dafür nebeneinander auf eine Bank setzen. Natürlich sieht man nur einen Schattenriss durch die Gardinen hindurch. Als die Frau das Licht löscht, wird aus der Verbindung der Männer im Betrachten des beliebtesten Objekts, das Männer betrachten können und das in Keatons Filmen leider selten Subjekt wird, wieder die herzliche Antipathie, die man zuvor sehen konnte. Der zweite Überraschungsgag ist das Werbeposter des „Senseless Six“, eines Sechszylinder-Modells, das sich insofern als sinnlos entpuppt, als es eben nur ein Aufsteller ist.
Keine Frage, dass Keaton sehr schnell agiert und nicht mit Einfällen spart. Sehr ungewöhnlich ist das wiederum nicht, in einer Zeit, in der Filme die Menschen noch aufgrund ihrer Möglichkeit, die Dinge zu bewegen und dabei sogar etwas darzustellen, was über die Realität hinausgeht, faszinierten. Gerade „The Blacksmith“ zeigt aber auf, wie famos das Timing eines „slow burn“ ausentwickelt werden kann – und die Motivwiederholung.
Diese darf man nicht vergessen. All die Manierismen, die man zu zweit besser ausspielen kann. Nun mag man einwenden, dass alle Komiker um 1920 sich bereits auf eine große Slapstickkomödien-Tradition stellen konnten, aber dann müssen wir wieder auf Chaplin zurückgreifen, der 1921 mit „The Kid“ schon einen sozialkritisch-romantischen Langspielfilm gedreht hatte und generell viel subtiler mit sozialen Tatbeständen umging. Die Klassenunterschiede waren für ihn geradezu ein Meta-Thema, mit dem er seine „humble Beginnings“ abarbeiten konnte – die angesichts seiner Stellung als bestbezahlter Stummfilmakteur der Welt natürlich auch chillig für ihn selbst waren. Man kann aber niemandem einen Vorwurf daraus machen, dass er mit der Figur eines Ausgestoßenen die Massen so anzieht, dass er selbst dadurch zum Privilegierten wird.
Am Ende kriegt Buster Keaton, wie schon im „Fertighaus“, das Mädchen, dieses Mal ist es auch ein erkennbar den gehobenen Schichten entstammendes Mädchen; das Ganze wirkt unspektakulär und nicht vordergründig programmatisch. Und werden die Zuschauer darüber diskutiert haben, jene Kurzfilmkomödienzuschauer, ob das nun sehr ironisch ist oder eben der Idee entspricht, dass in Amerika alle Klassengegensätze überbrückbar sind?
Manchmal haben wir den Eindruck, spätere Kritiker legten in diese Filme etwas hinein, was man nicht mehr als Interpretation, sondern als Projektion bezeichnen muss. Es ist so hintergründig, dass man es nur mit einer gewissen Intellektualität erkennen kann – und die hatten die meisten Zuschauer in den frühren 1920ern nicht, und auf die Rezeption, die Keaton bei ihnen beabsichtigt hatte, sollte es in erster Linie ankommen und nicht auf das, was er sich zum eigenen Vergnügen vielleicht noch gedacht hat.
Wenn es diese Ebene gab, dann war es in gewisser Weise sogar gerecht, dass er in den 1930ern ziemlich unterging und es bis in die elaborierten frühen 1960er dauerte, bis Kritiker so elaboriert waren, dass sie ihn wiederentdecken konnten.
Die Faszination für seine Werke, die aus dieser Haltung, hinter die Kulissen und seine Fassade zu blicken, entstand, sollte man aber, wiederum mehr als 70 Jahre später, ebenfalls einer Überprüfung unterziehen und vielleicht die eine oder andere Übertreibung nicht unhinterfragt übernehmen.
Finale
Wir werden selbstverständlich unsere Meinung komplett umstellen, wenn wir unweigerlich auf das erste Werk von Keaton treffen, das alles andere, was damals gefilmt wurde, überstrahlt. Alle Komiker kamen nicht aus dem Nichts, sondern entwickelten sich weiter, erreichten ihren Zenit und dann gab es einen Niedergang. Selbst bei Chaplin, um diesen noch einmal ins Spiel zu bringen.
Erstaunlich, wie universell dieser Verlauf ist, der für Schauspieler*innen in den ernsteren Fächern und auch in Komödien nicht gleichermaßen durchgängig zu beobachten ist. „Der Hufschmied“ ist ein akzetabler und ideenreicher Slapstick-Kurzfilm, der aber nicht durch herausragende Ausführung glänzt – ähnlich wie die zuletzt rezensierten Keaton-Filme der frühen 1920er, also aus der Nach-Arbuckle-Ära.
66/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2019)
(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia
| Regie | Buster Keaton, Malcolm St. Clair |
|---|---|
| Drehbuch | Buster Keaton, Malcolm St. Clair |
| Produktion | Joseph M. Schenck |
| Kamera | Elgin Lessley |
| Besetzung | |
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