Der Pfandleiher (The Pawnbroker, USA 1964) #Filmfest 581

Filmfest 581 Cinema

Leben und Überleben nach der Shoah

Der Pfandleiher (Originaltitel The Pawnbroker) ist ein US-amerikanisches Filmdrama von Sidney Lumet aus dem Jahr 1964, dessen Synchronfassung erstmals 1967 in deutschen Kinos gezeigt wurde. Der Film entstand nach einem Roman von Edward Lewis Wallant, erstmals veröffentlicht 1961 in New York.[1] Rod Steiger spielt den Juden Sol Nazerman, der das KZ überlebte, aber innerlich zerbrochen ist und mit seinen Erinnerungen weiterleben muss. Geraldine Fitzgerald und Brock Peters sind in tragenden Rollen besetzt.

Vor vier Jahren haben wir diesen besonderen Film angeschaut, der tiefen Eindruck bei uns hinterlassen hat und nicht einfach in Worte zu fassen war, obwohl er die Schrecken der Vernichtungslager nur indirekt bzw. in seinen Folgen zeigt, anhand eines Überlebenden, der sich in New York in seiner Welt eingekapselt hat. Jetzt zeigen wir die Rezension auf dem Filmfest des „neuen“ Wahlberliners. Der Film gilt heute als einer der wichtigsten Beiträge zum Thema Schuld und Verdrängung als Folge des Nazi-Terrors bis dahin. Den Begriff „Shoah“ denke ich mir immer noch als mit Schaudern und Entsetzen geflüstert, wenn ich ihn schreibe, und wir haben ihn in der –> Rezension selbst nicht verwendet. Den Film sollte man sich zwei Mal anschauen, um ihn vollständig zu erfassen, wir haben das bisher nur ein Mal getan. Aber möglichst nicht häufiger, dazu ist er zu bedrückend.

Handlung (1)

Sol Nazerman ist Pfandleiher in Spanish Harlem. Als jüdischer Deutscher und KZ-Überlebender emigrierte er nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA. Doch die traumatisch verdrängten Erlebnisse verfolgen ihn: die Verschleppung seiner Familie, die Ermordung seiner Kinder und die Vergewaltigung seiner Frau Ruth durch Nazi-Offiziere – alles musste er hilflos mit ansehen. Nazerman versucht seine zerrüttete Psyche durch äußere Härte und Verschlossenheit zu schützen. Die einzigen, die zeitweise näher zu dem gebrochenen Mann vordringen können, sind sein Mitarbeiter Jesus Ortiz und die Sozialarbeiterin Marilyn Birchfield.

Als Sol erkennen muss, dass sein Kunde Rodriguez sein Geld mit Prostitution verdient, kommen seine Erinnerungen aus der Vergangenheit wieder hoch. Mit schmutzigen Geschäften will er nichts zu tun haben. Ortiz versucht ihn aufzumuntern und ihm begreiflich zu machen, dass es noch mehr im Leben gibt, als die deprimierende Umgebung, in der sie leben. Der alte Mann ist jedoch nicht zu überzeugen. Er reagiert abweisend und verletzend. Ortiz ist enttäuscht und organisiert einen Überfall auf Nazermans Geschäft. Als es bei dem Überfall plötzlich zum Gebrauch von Schusswaffen kommt, sieht sich Nazerman erneut in seinem Leben dem Tode gegenüber. Ortiz schützt ihn jedoch und wird statt seiner erschossen. Der junge Mann stirbt in den Armen des alten Mannes. Nazerman verlässt sein Geschäft und wandert durch die Straßen New Yorks.

Anni und Tom über „Der Pfandleiher“

Anni: Jetzt ist das … also eigentlich müsste man jetzt das alles sprechen können, so leise im Halbdunkel, es aufzuschreiben, ist schon so furchtbar indirekt. Ich bin immer noch bisschen benommen. Vielleicht gut, dass der Film so langsam ausklingt, dass am Ende nur noch die Straße gezeigt wird, die Autos, die da versuchen, voranzukommen, die parken und sich einreihen und in der zweiten Reihe stehen und das alles.

Tom: Sidney Lumet kennt als Regisseur jeder, zumindest seinen berühmtesten Film „Die zwölf Geschworenen“ (1957). „Network“ (1976) ist auch recht bekannt. Aber „Der Pfandleiher“ wird hierzulande selten gezeigt. Dabei ist es doch heute kein Problem mehr, Filme über Holocaust-Überlebende zu machen und offen im Sinne von umfassender Aufarbeitung mit diesem Menschheitsverbrechen umzugehen. Oder doch? In den 1960ern dauerte es auch drei Jahre, bis der Film nach Deutschland kam und sowohl hier wie in den USA wollten die großen Verleihfirmen nicht zugreifen. In der Tat gab es Kontroversen nicht nur in jüdischen Gemeinden über ihn. Die Kritiken jedoch sind weit überwiegend positiv.

Anni: Premiere feierte er übrigens 1964 bei den Filmfestspielen in Berlin und das passt wirklich allzu gut. Aber um ihn besprechen zu können, mussten wir Bibel TV schauen. Nichts war restauriert, alles sehr original, sehr direkt, und was für ein bahnbrechender Film. Der Pfandleiher“ ist zwar im Grunde noch klassisch gedreht, aber auch schon irgendwie New Hollywood. Ein Übergangsfilm?

Tom: Manches an der Ästhetik ist ganz zeittypisch, das karge Schwarz-Weiß, das bei ernsten Themen damals immer noch häufig verwendet wurde, die realistische Anmutung von New York … sagen wir, hyperrealistische Anmutung, stellenweise, diese ist dann in den 1970ern Standard geworden, um die sozialen Hintergründe im  Polizeifilm zu illustrieren, manchmal auch zu exploitieren. Keine Kulissen, alles in der Tat echt, auch das Verbrauchte, der Dreck, die Existenzen am Rande der Gesellschaft. Die Kunden in der Pfandleihe also, die im Grunde auch Überlebende sind, wie Sol Nazerman. Der Überlebende des Holocausts als Symbol für ein Volk, das auch eine im Sinne des dringend gebotenen Universalismus schwierige Erzählung pflegt. Die Ideologie vom auserwählten Volk kommt, kann man annehmen, auch daher, dass man sich in der jahrtausendelangen Diaspora daran klammerte., dass der Tag kommen möge und alles Leiden sich gelohnt hat. Der Höhepunkt der Krise und der Tiefpunkt im Sinne all dessen, was Zivilisation ausmacht, war die Vernichtung jüdischen Lebens in den NS-Vernichtungslagern.

Anni: So hab ich das auch noch nie gesehen. Ich habe zwar längst verstanden, dass gewisse heutige Härten auf  dieses Trauma des Holocausts zurückzuführen ist und dieses Erbe der Gewalt sieht man auch bei Nazerman. Das lebt in jedem fort, der Opfer war, dessen Eltern, Großeltern, Urgroßeltern Opfer waren, aber irgendwann brechen die Gefühle doch auf, wie man am Ende sieht. Ist das eine Hoffnung?

Tom: Das kann derzeit wohl niemand klar beantworten. Ich dachte zunächst, Nazerman rammt sich den Quittungen-Spieß oder wie das Gerät heißt, in die Handfläche, tut er aber wohl doch nicht. Wenn wir von Krise reden: Der Tod des jungen Mexikaners oder Puertoricaners ist die Katharsis für den Mann, der so viel vom Tod gesehen hat. Hier endet das In-Sich-Verschließen des Traumas und er ist frei für einen neuen Anfang. Mit wem auch immer. Vielleicht mit der Soziologin Frau Birchfield.

Anni: Aber so einfach ist es doch nicht. Im Laufe des Films bricht Nazerman auf. Rod Steiger spielt zu Beginn so reduziert, dass es bei mir anfing zu kribbeln, dass ich nervös wurde – und dann kommt die Faszination für einen Charakter, der mehr und mehr aus sich herausgeht, bis – bis auch das schon wieder fast beschämend wirkt. Oder peinigend für den Zuschauer, den gepeinigten Menschen zu sehen. Da ist immer noch dieses große Nichts, auch am Ende. Auch deswegen siehst du keine Person mehr im Bild, sondern nur noch Funktion, den Versuch von Autos auf einer endlosen Straße, irgendwie in Fahrt zu kommen, anzuhalten, zu  parken, eben ihre Funktion zu erfüllen. Und es ist purer Materialismus, da ist nichts Spirituelles. Bei Nazerman hätte es ja auch sein können, dass er sich in die Religion flüchtet, wie die radikal Gläubigen das tun, Religion als Droge nehmen und alles über sie definieren. Aber es ist Geld. Hier ist es nur Geld, und er sagt es, als wolle er das Klischee spiegeln, das die Nazis über die Juden verbreitet haben.

Tom: Geld ist auch Macht. Wer wollte das heute bestreiten, wo Goldman Sachs, BlackRock & Co. die Welt regieren? Durch die Bankenkrise ist deren Position noch stärker geworden. Aber wir sind im Jahr 1964 und Nazerman ist lange nicht auf der Seite des Geldes angekommen. Interessanterweise ist es in Harlem ein Afroamerikaner, der Bordelle, Mietskasernen und was alles betreibt, der Nazermans einzige wertvolle Geschäftsverbindung darstellt. Alles andere ist Kleinkram, fast so, dass es wirkt, als sei der Pawnshop eine Art Vorwand, die kleinen Geschäfte nur die Fassade für das einzige große Geschäft mit dem König der regionalen OK. Ich habe übrigens nicht ganz dieses Spiel mit dem Wechsel von Bargeld in Schecks verstanden – es handelt sich offenbar um Geldwäsche, aber wie sie funktioniert und was genau bezwekt wird, hat sich mir nicht erschlossen.

Anni: Und das wurmt dich bei einem wirtschaftlichen Tatbestand. Natürlich ist das kein abstrakter Film, alles folgt der monetären Logik. Aber darüber, wie diese Geschäfte zwischen dem King of the Kiez und Nazerman funktionieren, hab ich mir nicht maximal Gedanken gemacht. Wir sind halt … sagen wir mal, keine Kapitalisten. Oder? Jetzt kommt aber etwas, das mir die ganze Zeit im Kopf herumging: Was im 20. Jahrhundert alles passiert ist, nicht nur in Nazi-Deutschland, hat die Ideale allesamt vernichtet. Was sind Zivilisation und Humanität wert, wenn sie so schnell verschwinden wie damals in Deutschland? Warum sollen sich Kapitalisten heute moralisch den Kopf machen, wenn sie bzw. ihre Vorfahren einst zu den Unterdrückten und Verfolgten gehörten? Oder auch nicht. Es ist ja eigentlich egal, denn der alte Adel und der neuere Geldadel arbeiten sowieso zusammen. Alles durchtränkt sich und es hat nie wirklich eine Chance für die Armen gegeben. Nur, als man alle gebraucht hat, nach dem Zweiten Weltkrieg, da gab es mal eine Art Idee einer etwas sanfteren Marktwirtschaft auf der einen Seite oder eines realen Sozialismus auf der anderen. Heute ist alles Harlem.

Tom: Welch ein Satz. Und es kommt alles daher, dass die Ideale, diese lichte Welt des Geistes und der Wissenschaft, in der Nazerman einmal gelebt hat, mit seiner Familie, seinen Freunden und Verwandten, dass das alles hinter einem Stacheldraht verschwand und er jetzt einen Draht um sich gezogen hat, in der beengt wirkenden, die Klaustrophobie fördernden Pfandleihe, ist sozusagen die Übertragung in ein anderes Land, eine andere Zeit, aber dieselbe brutale Welt, gegen die man sich nur abschotten kann und auf die man sich nicht einlassen darf. Das tut er am Ende aber doch, Ausgang ungewiss. Ich denke, wir werden uns den Film irgendwann noch einmal ansehen, auch wenn er schmerzhaft ist. Darin hat alles seine Symbolik, die haben wir noch nicht gänzlich erfasst. Den Effekt gibt es ja auch in Sidney Lumets „Die zwölf Geschworenen“, dass nichts, aber auch nicht das kleinste Detail, Zufall ist. Sicher hat das mit dem zugrundeliegenden Stück zu tun. „Der Pfandleiher“ ist hingegen eine Romanverfilmung – der Stil weist aber Ähnlichkeiten mit „Zwölf“ auf. Leider ist die Atmosphäre aber anders, nicht so spannungsgeladen und flirrend, sondern bedrückend. Sehr düster, und die Dämonen der Vergangenheit sind nicht besiegt, auch wenn es eine Art Wandlung aufgrund des Todes von Sol Nazermans Gehilfen Ortiz gibt. Die Bewertung ist schwierig. Ich gebe 9/10.

Anni: Vielleicht wird dich das überraschen, aber ich kann nicht über 8/10 gehen. Vielleicht, weil ich mich weigere, diese düstere Welt, die sich immer weiter fortschreibt und in unsere gewaltsamen Tage hineingefressen hat, so zu akzeptieren. Es ist vielleicht naiv, aber unsere Welt ist nicht Harlem, wir sind nicht verfolgt und beinahe getötet worden, haben nicht alle unsere Lieben verloren. Deswegen ist diese Darstellung nicht unwichtig und nicht falsch, aber die Konsequenz, die am Ende stehen bleibt, die ist zu bitter. Selbst wenn da mehr eine Frage als ein Fazit herauskommt. Okay, 8,3/10. Mehr geht emotional einfach nicht. Und, nein, ich fühle mich nicht persönlich schuldig am Schicksal von Sol Nazerman. Schlimm genug, dass das alles bis heute fortwirkt und eine Verantwortung auslöst, die ganz schön schwer zu tragen ist. Aber wir sind nicht in 1964, und wir haben wieder das Recht, eine andere Welt zu wollen als dieses Harlem, dieses Meta-Symbol für allen Dreck dieser Erde. Selbst dort gibt es aber Menschen, und daraus kannst du etwas machen. Los, sag, dass ich Recht hab.

Tom: Natürlich hast du recht. Wärst du in Harlem tätig, wärst du Frau Birchfield, die an die Zukunft der dortigen Jugend glaubt und konkrete Projekte mit ihr durchführt. Das wollen wir festhalten und auf diese Kräfte hoffen, gerade in unserer Zeit.

87/100

© 2021, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Regie Sidney Lumet
Drehbuch Morton S. Fine, David Friedkin
Produktion Ely A. Landau Philip Langner Roger Lewis Herbert R. Steinmann
Musik Quincy Jones
Kamera Boris Kaufman Schnitt Ralph Rosenblum

Rod Steiger: Sol Nazerman
Geraldine Fitzgerald: Marilyn Birchfield
Brock Peters: Rodriguez
Jaime Sánchez: Jesus Ortiz
Thelma Oliver: Freundin von Ortiz
Marketa Kimbrell: Tessie
Baruch Lumet: Mendel
Juano Hernández: Mr. Smith
Linda Geiser: Ruth Nazerman
Raymond St. Jacques: Tangee

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