Wo ist Deutschland korrupt? (Statista / Umfrage + Recherche + Kurzkommentar)

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Wir wollten heute einen schlauen Doppel-Artikel schreiben, in dem Korruption mit Lobbyismus in Verbindung gebracht wird – aber wieder einmal ist uns die Zeit ein bisschen knapp geworden, deswegen werden wir Letzteres in den nächsten Tagen selbstständig oder als Update behandeln.

Was glauben die Menschen im Land, wo Korruption am meisten verbreitet ist. Im Anschluss das Korruptionsranking. Und dann zu etwas, was wir im Grunde zu einem Dossier ausbauen müssten, wo wir doch die Newsletter aller wichtigen Lobby-Forscher bekommen: Alles darüber, warum Deutschland in erster Linie von mächtigen und finanzstarken Lobbys regiert wird, und nicht von den Wählenden, wie es in einer Demokratie sein sollte.

So war die Einleitung des Artikels gedacht, so lassen wir sie jetzt auch stehen.

Die Lobbykratie fördert die Korruption, worunter wir nicht nur direkte Vorteilsnahme verstehen, die man nachweisen kann, das wäre viel zu oberflächlich. Allein, welche lukrativen Posten die Lobbys Politikern in Aussicht stellen können, wenn sie den Sattel wechsel möchten, ist im Grunde ein No-Go für eine funktinierende Demokratie. Es gibt nicht nur Bestechung durch im Grunde simple Geldtransfers, es gibt auch eine innere Korruption der politischen Klasse, die mit zu deutlicher Interaktion mit Verbänden und Unternehmen verbunden ist. Und diese ist in Deutschland so ausgeprägt wie in nur wenigen anderen Ländern, die sich als funktionierende Demokratie verstehen wollen. Die besten unter den Demokratien sind zum Beispiel wesentlich transparenter organisiert, sowohl die Informationsfreiheit als auch das Leben ihrer Politiker betreffend.

Infografik: Umfrage: Wo gibt es in Deutschland Korruption? | Statista


Begleittext von Statista

Viele Deutsche denken, dass Korruption in politischen Parteien weit verbreitet ist. Das ist das Ergebnis einer Eurobarometer-Umfrage. Außerdem sehen viele privatwirtschaftliche Unternehmen als vergleichsweise korrupt an: 37 Prozent der Befragten gaben an, dass Korruption in dieser Gruppe weit verbreitet ist. Es folgen Politiker, Beamte, die Baugenehmigungen erteilen oder öffentliche Aufträge vergeben. Eine weite Verbreitung von Korruption innerhalb der Polizei können sich dagegen nur acht Prozent der Befragten vorstellen.

Wichtig ist allerdings ein kritischer Blick auf diese Umfrageergebnisse: Die Daten zeigen nicht, wie viele tatsächliche Korruptionsfälle existieren, sondern lediglich, wie die deutsche Bevölkerung die Verbreitung von Korruption einschätzt. Damit reflektieren sie subjektive Wahrnehmung und Meinung — und keine verifizierten, quantitativen Befunde. Die Einschätzung kann beeinflusst sein durch mediale Berichterstattung, persönliche Einstellungen oder Einzelfälle, die stark im Gedächtnis bleiben. Sie ersetzt keine objektive Analyse der tatsächlichen Korruptionsrate, wie sie etwa durch polizeilich registrierte Straftaten oder Ermittlungen erhoben wird.

Das Eurobarometer ist eine fortlaufende Umfrageserie der Europäischen Kommission, die die öffentliche Meinung in allen EU-Mitgliedstaaten erfasst. Seit 1973 werden regelmäßig repräsentative Befragungen zu Themen wie Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt, Technologie oder Vertrauen in Institutionen durchgeführt. Ziel ist es, zu verstehen, wie die Bevölkerung in den verschiedenen Ländern über aktuelle Entwicklungen denkt und welche Erwartungen sie an die EU hat.

Kommentar 1

Interessant, wie deutlich Statista dieses Mal darauf hinweist, dass es sich bei der Grafik nicht um eine verifizierte Statistik handelt. In dem Fall ist es aber offensichtlich, denn wie soll man Korruption, die verdeckt abläuft und nur ans Tageslicht kommt, wenn sich Investigativjournalisten aufgrund vermuteter erheblicher Größenordnung auf einen Fall stürzen, wie soll man also etwas, das inoffiziell ist, messen? Man könnte die Zahl der aufgedeckten Korruptionsfälle zählen, aber das wäre ja nur ein Bruchteil und vermutlich verzerrt innerhalb der oben genannten Branchen oder Cluster.

Politiker und ihre Parteien stehen beinahe unter Generalverdacht – selbst schuld, denn der ausufernde Lobbyismus in Deutschland hat grundsätzlich den Geruch, dass er nicht idealistisch, sondern mit Vorteilen für beide Seiten verbunden ist, es also um ein demokratisch nicht sauberes Geben und Nehmen geht. Und die Unverfrorenheit, mit der Politiker gegen die Interessen der Bevölkerung arbeiten, wird immer größer. Allein, wie manche Politiker ihr Fachwissen in Vorträgen gegen die Interessen der Allgemeinheit wenden, ist schon sehr frech.

Am anderen Ende die beinahe saubere Polizei. Wirklich? Und was ist mit der Justiz, die mit der Polizei arbeitet, im Bereich der Strafverfolgung und des Strafrechts? Leider ist die Bestechung von Richtern und Staatsanwälten gar nicht erst abgefragt worden. Aber was denken Sie, warum das Organisierte Verbrechen ungehindert blüht und gedeiht? Weil die Politik wegschaut (geschmiert oder nicht). Aber wir sind nicht überzeugt davon, dass die Polizei sich nicht doch lieber mit ungefährlichen Bagatelldelikten fast unbescholtener Bürger befasst, als sich mit mächtigen Verbrechersyndikaten anzulegen – und manchmal hilft sicher auch eine kleine Zuwendung, damit die Lage ruhig und das Geschäft ungestört bleibt.

Dass Richter von der OK unter Druck gesetzt werden, ist bekannt – aber wir glauben des Weiteren nicht, dass bei den vielen äußerst milden Urteilen in diesem Bereich nicht auch die sanftere Version der Beeinflussung, die der kleinen Geschenke, eine Rolle spielt. Es dürfte in Wahrheit eine Kombination oder ein Stufenmodell sein. Wir können das nicht belegen, aber es wäre sehr verwunderlich, zu erfahren, dass in diesem Land die Dinge sauber laufen. Auch in diesem t. Wir sehen nur die Ergebnisse, und die stinken so zum Himmel, dass die schöne Wendung pecunia non olet so zu lesen istt: Man merkt nicht, wo Geld den Laden schmiert, weil es nicht sinnlich erfassbar negativ auffällt.

Finanzstärke zahlt sich immer aus, demokratische Ethik selten. Es gibt viele Formen von Gerechtigkeit, die immer mehr in Schieflage geraten. Gleichbehandlung und saubere Geshäftsführung auf allen Ebenen zählen zu den Gerechtigkeitsfeldern in einer Demokratie. Es gibt auch ein paar Länder, die sich ernsthaft in dieser Richtung bemühen. Deutschland gehört nicht dazu, wie der folgende Blick auf den Korruptionsindex 2024 zeigt (der Index gilt immer für das Vorjahr, wurde also im Frühjahr 2025 veröffentlicht, der für 2025 folgt also in ein paar Monaten).

Gute Frage — ich habe die aktuellste Quelle geprüft: Transparency International’s Corruption Perceptions Index (CPI) 2024 (veröffentlicht 11. Februar 2025). Unten findest du die wichtigsten Fakten, die Spitzen- und Schlusslichter, eine Einordnung Deutschlands (inkl. Tendenz) sowie eine kurze Antwort auf die Frage «schlechteste Länder unter den Demokratien» — ich habe dafür die EIU-Democracy-Index-Klassifikation zugrunde gelegt (voll- + fehlerhafte Demokratien). Quellen sind am Ende jeder Abschnittsangemerkt. (Transparency.org)


1) Kurzüberblick — was ist aktuell

  • Der CPI 2024 bewertet 180 Länder (Skala 0 = sehr korrupt bis 100 = sehr sauber). Die globale Durchschnitts-/Mittellinie liegt bei 43; über zwei Drittel der Länder liegen unter 50. (Transparency.org)


2) Spitzenreiter (sauberste Länder, Top 5 nach CPI 2024)

(Score / Land)

  1. Dänemark — 90. (Transparency.org)

  2. Finnland — 88. (Transparency.org)

  3. Singapur — 84. (Transparency.org)

  4. Neuseeland — 83. (Transparency.org)

  5. Luxemburg / Norwegen / Schweiz (je 81 — in den Top-10; Reihenfolge je nach Stellen) . (Transparency.org)


3) Schlusslichter (meist als korrupt wahrgenommene Länder, Bottom 7)

(Score / Land; niedrigste zuerst)

  • South Sudan — 8.

  • Somalia — 9.

  • Venezuela — 10.

  • Syria — 12.

  • (davor folgen z. B. Libyen, Eritrea, Äquatorial-Guinea in sehr niedrigen Bereichen).
    (Quelle: CPI 2024 Übersicht / Map & Report). (Transparenz International Deutschland)


4) Deutschland — aktuelle Einordnung und Tendenz

  • Score 2024: 75 /100.

  • Rang: 15. Platz von 180.

  • Veränderung ggü. Vorjahr: −3 Punkte (also leicht schlechter). Transparency International nennt für Deutschland eine Verschlechterung im Vergleich zu 2023. Zusammengefasst: Deutschland bleibt relativ gut (bei den besseren EU-Staaten), zeigt aber 2024 eine negative Tendenz. (Transparency.org)


5) „Die schlechtesten Länder unter den Demokratien“ — Vorgehen & Ergebnis

Vorgehen: Ich habe die EIU/Democracy-Index-Klassifikation (full + flawed democracies) genutzt, um zu prüfen, welche Länder, die weiterhin als Demokratien eingestuft werden, vergleichsweise niedrige CPI-Werte haben. (Hinweis: EIU unterscheidet „full democracies“, „flawed democracies“, „hybrid regimes“ usw.; ich zähle hier full + flawed als «Demokratien» im weiteren Sinn). (d1qqtien6gys07.cloudfront.net)

Beispiele (Demokratien mit relativ niedrigen CPI-Werten 2024; Score / Rang):

  • Mexiko — 26 (Rang ≈ 140) — stark abgefallen; schlechtestes OECD-Mitglied. (Transparency.org)

  • Brasilien — 34 (Rang ≈ 107) — Rekordtief/negativer Trend. (Transparency.org)

  • Indien — 38 (Rang ≈ 96) — relativ niedriger Wert für eine große Demokratie. (Transparency.org)

  • Ungarn — 41 (Rang ≈ 82) — innerhalb der EU der niedrigste Wert; EIU stuft Ungarn als „flawed democracy“. (Transparency.org)

Kurz gesagt: Unter den (von der EIU als Demokratien geführten) Ländern finden sich manche große Demokratien mit auffallend niedrigen CPI-Werten — namentlich Mexiko, Brasilien, Indien, Ungarn u. a. (siehe die Länderseiten in Transparency International für Einzelwerte). (Transparency.org)


6) Was bedeutet das praktisch / Interpretation

  • Der CPI misst Wahrnehmung von Korruption im öffentlichen Sektor (nicht absolute Korruptionsfälle). Ein Rückgang (z. B. −3 Punkte für Deutschland) signalisiert schlechtere Wahrnehmung — oft verursacht durch Skandale, Ermittlungs-/Justizfragen, politische Entscheidungen oder „undue influence“. (Transparency.org)

  • Demokratien schneiden im Mittel besser ab: Full democracies im Schnitt ~73, flawed democracies ~47, nicht-demokratische Regime ~33 (TI Analyse). Trotzdem gibt es Ausnahmen: einige Demokratien haben sehr niedrige CPI-Werte. (Transparency.org)


7) Quellen (wichtigste Referenzen)

  • Transparency International — CPI 2024 (Hauptseite & Report / Pressemitteilung) (Release 11. Feb 2025). (Transparency.org)

  • Transparency International — Deutschland (Länderprofil: Score 75, −3). (Transparency.org)

  • Transparency International — Länderprofile (z. B. Mexiko, Brasilien, Indien, Ungarn) für Scores und Rang. (Transparency.org)

  • Economist Intelligence Unit — Democracy Index 2024 (zur Einordnung, welche Länder als Demokratien gelten). (d1qqtien6gys07.cloudfront.net)


Platz 15 und etwas oberhalb der Mitte der demokratischen Länder, das klingt doch ganz gut, Deutschland betreffend, oder? In der Recherche wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass auch sie nicht auf harten statistischen Fakten basieren kann, weil Korruption eben keine offizielle Messung erfährt. In Deutschland herrscht aber eine erstaunlich große Korruptionsakzeptanz, und das ist die eigentliche Essenz aus der Umfrage: Die Zustimmungswerte bezüglich „hier müsste es großflächig Korruption geben“ müssten eigentlich höher liegen, in den meisten Bereichen über 50 Prozent. Nachträgliche Anmerkung: Wir haben die Grafik des Vorjahres gesichtet. In der Tag gibt es hier eine erstaunliche Verschiebung. Weil derzeit nur wenig von großen Finanzskandalen die Rede ist, weist die aktuelle Grafik tendenziell niedrigere Wert auf als die vorhergehende (einige Abweichungen / Änderungen bei den erfragten Gruppen gibt es ebenfalls). Deshalb zum Vergleich:

Infografik: Wen halten die Deutschen für bestechlich? | Statista

Viele haben hier schräge Ansichten zu allen möglichen Dingen, aber der Verdacht auf Korruption ist relativ gering ausgeprägt, obwohl es nicht schräg ist, ihn generell zu äußern. Aber wenn man etwas darüber nachdenkt: Kein Wunder, in einem Land, das weltweit zu den Spitzenreitern in Sachen Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung rechnet – zumindest unter den Ländern, die als einigermaßen funktional angesehen werden und es besser machen könnten.

Die Mentalität hierzulande ist grundsätzlich darauf ausgerichtet, dass jeder besheißt, wo er kann und wo er damit rechnet, dass er nicht auffliegt. Dass es nicht noch schlimmer ist, liegt nicht an der Ethik, sondern daran, dass einige Menschen einfach sehr ängstlich sind und auch ein Aufdeckungsrisiko von vielleicht 5 Prozent nicht eingehen möchten. Und natürlich gibt es Jobs, sogar einige, in denen das Thema aus sachlichen Gründen keine Rolle spielt. Es gibt dort nichts, was mit Geld bewegt werden oder illegal produziert, vertrieben, an der Gemeinschaft vorbei organisiert oder verschleiert beiseite geschafft werden kann. Eine Supermarkt-Kassiererin hat nichts zu verteilen, was Geldwert besitzen könnte und kann zumindest in diesem Job auch nicht schwarz arbeiten. Höchstens in die Kasse greifen, aber das ist kein Korruptionstatbestand. Vielleicht hat sie Friseurin gelernt, dann geht ein bisschen Schwarzarbeit (auch kein Korruptionstatbestand, aber Gegenstand der Finanzethik-Gesamtmisere in Deutschland).

TH / Korruptionsindex-Recherche durch KI


















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