Verständnis für den ÖPNV-Streik? (Umfrage + Die Sicht eines Berliner BVG-Nutzers)

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Wir müssen es heute endlich mal schreiben. Dass wir es in Berlin nicht gerade einfach haben. Es ist Februar. Es wird nicht endlich wärmer, sondern immer kälter. Die Art, wie die Gehwege in Berlin nach zwei Mal Glatteis innerhalb weniger Wochen gemanagt werden, ist ein Witz. Ein typischer Berliner Witz. Ein Dauerwitz, mittlerweile.

Und jetzt kommt auch noch die BVG daher und streikt mitten in diese Situation hinein. Wir mussten heute deshalb unsere Planung ändern und einen wichtigen Termin verschieben. Wir haben die Lage erst mitbekommen, nachdem es schon fast zu spät war.

Da kommt doch eine passende Civey-Umfrage wie gerufen, um Dampf abzulassen. Oder?

Civey-Umfrage: Haben Sie Verständnis für die aktuellen bundesweiten Warnstreiks im Nahverkehr?

Der Begleittext der Meinungsforscher:

Heute morgen um drei Uhr haben die bundesweiten, 24-stündigen Warnstreiks im öffentlichen Nahverkehr begonnen. Dazu hatte letzte Woche die Gewerkschaft Verdi in der laufenden Tarifrunde bei den kommunalen Nahverkehrsunternehmen aufgerufen. Betroffen sind nahezu 100.000 Beschäftigte in rund 150 Betrieben. Hintergrund ist die Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen: kürzere Schichtzeiten, längere Ruhezeiten, höhere Zuschläge sowie in einigen Bundesländern zusätzlich höhere Löhne. Laut Verdi verweigern die kommunalen Arbeitgeberverbände in den meisten Bundesländern bislang substanzielle Zugeständnisse. Nur in Niedersachsen gilt weiterhin eine Friedenspflicht.

Die schlechten Arbeitsbedingungen gefährden die Zukunft des ÖPNV, mahnt Verdi. Die Gewerkschaft begründet den Streik mit der hohen Belastung des Personals im öffentlichen Nahverkehr, verursacht durch Schichtarbeit, Zeitdruck und unattraktive Dienstpläne. Die Verdi-Vize Christine Behle warnte, dass ohne deutliche Verbesserungen „die hohe Fluktuation“ nicht gestoppt werden könne. Eine Studie von Verdi und der Klima-Allianz Deutschland zeigt zudem, dass Beschäftigte im Fahrdienst im Jahr rund zweieinhalb Wochen unbezahlte Pausenzeiten leisten. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass bessere Arbeitszeiten und verlässliche Pausenregelungen nicht nur das Personal entlasten, sondern auch den Betrieb insgesamt stabilisieren könnten.

Verschiedene kommunale Verkehrsunternehmen und Arbeitgeberverbände kritisieren die Streiks scharf als unverhältnismäßiges Mittel. Die Freiburger VAG beklagte, dass es seit 2023 bereits zwölf Streiktage gab. „Die Leidtragenden sind unsere Fahrgäste“, so Vorstand Oliver Benz. Der Kommunale Arbeitgeberverband Bayern bezeichnete die Forderungen als „realitätsfern“ und verwies auf ein Angebot von fünf Prozent Lohnerhöhung in zwei Stufen. Zudem betont die VAG, dass die Umsetzung aller Forderungen rund drei Millionen Euro Mehrkosten jährlich verursachen würde. Angesichts steigender Defizite und wachsender Personalkosten sehen viele Betriebe keine finanziellen Spielräume mehr.

Kommentar

Lassen wir die Verkehrsbetriebe in Süd- und Westdeutschland mal außen vor. Wir können zum Beispiel die Qualität von deren Dienstleistungen, auch in Relation zu den Fahrpreisen, nicht beurteilen.

Bei den Berliner Verkehrsbetrieben BVG können wir das sehr wohl:

1.) Es wird immer schlechter. Kürzlich haben wir ein vollmundiges Plakat fotografiert, in dem Staunen über total pünktliche Verkehrsmittel angekündigt wird – im Vordergrund eine U-Bahn-Anzeigetafel, auf der die nächste Bahn in geschlagenen 14 Minuten angekündigt wird. Das ist mittlerweile kein Einzelfall mehr. Der Takt sollte bei 3 bis 4 Minuten liegen, insbesondere zur Berufsverkehrszeit. Die Züge sind demgemäß brechend voll, die Infektionsgefahr ist hoch, für Menschen mit Platzangst ist U-Bahn-Fahren ein Alptraum, und natürlich: Das Material verschleißt viel schneller, wenn die Züge dermaßen unregelmäßig fahren und dann so überfüllt sind. Also fallen wieder mehr Züge aus und die verbleibenden sind noch voller und noch gestopfter. Von den Verspätungen ganz abgesehen. Wir haben es kürzlich geschafft, trotz eines Zeitpuffers von 20 Minuten zu einem Termin verspätet zu erscheinen, weil nacheinander drei BVG-Verkehrsmittel nicht ordnungsgemäß unterwegs waren.

2.) Es wird immer teurer. Es scheint bei der Preisgestaltung kein Halten mehr zu geben. Im Durchschnitt der Jahre konsequent Fahrpreiserhöhungen oberhalb der offiziellen Inflationsrate. Kein Wunder, dass sogar Menschen, die ein Anrecht auf Vergünstigungen haben, nach unseren Beobachtungen fast alle sich das nicht mehr gerade billige Deutschland-Ticket leisten (30 Prozent Preisaufschlag innerhalb von zwei Jahren). Da die BVG für eine Sache offenbar noch massig Kapazität hat, kriegen wir gut mit, wer mit welcher Art von Fahrschein unterwegs ist: Kontrolliert wird so eifrig wie nie zuvor. Von Personal-Engpässen und Sparzwängen in diesem Bereich keine Spur. Wir können die Zahl der eingesetzten Fremdfirmen schon nicht mehr zählen. Auch für deren Gewinne hat die BVG Geld.

Und dieses Beförderungsunternehmen wirkt, als wenn es aus dem letzten Loch pfeifen würde.

Das ist es auch, was wir heute vor allem adressieren möchten. Nicht den Verdi-Streik. Klar, er hätte nicht gerade bei dieser Saukälte (aktuell -8 Grad zur normalerweise wärmsten Zeit des Tages) sein müssen. Wir sehen in der Umfrage (Stand der eindeutig Zustimmenden 27 Prozent, der eindeutig Ablehnenden 47 Prozent) auch, dass den meisten die eigene Bequemlichkeit am wichtigsten ist. Wir haben jedoch mit „eher ja“ gestimmt. Was uns umtreibt, ist, dass man nicht noch ein paar Tage warten konnte, bis die Wege wieder frei sind, sondern mitten in die allgemeine Dysfunktionalität dieser Stadt auch noch einen Streik platzieren musste. Und irgendwo fällt natürlich unsere massiv negative Einstellung gegenüber der BVG als Dienstleister auch auf die Beschäftigten zurück. Selbst, wenn sie gar nichts dafür können. Oder, besser geschrieben: Wir müssen uns viel Mühe geben, es niemandem persönlich anzurechnen, was die BVG an fortschreitendem Niedergang zeigt.

Grundsätzlich bleibt es aber dabei, dass wir für den Streik Verständnis haben. Denn je schlechter die Arbeitsbedingungen werden, desto wichtiger ist es, ein Druckmittel dagegen in die Hand zu haben. Und wir können uns kaum vorstellen, dass die Bedingungen bei der BVG für die Arbeitenden wesentlich besser sind als für die Kunden. Das eine hat sehr wohl mit dem anderen zu tun, auch wenn und gerade weil es durch Politik- und Managementfehler ausgelöst wird, denen wir als Nutzer der BVG genauso machtlos gegenüberstehen wie die Angestellten. Sie haben einen Betriebsrat, sie sind noch gewerkschaftlich organisiert, es geht ihnen besser als vielen, die im Wildwuchs der tariflosen Berliner Dienstleistungswelt nach dem Motto „jeder kämpft für sich allein“ leben müssen. Das ruft Neid hervor, auch daher dürfte die überwiegende Ablehnung der Streiks kommen, nicht nur von den Unannehmlichkeiten, mit denen sie verbunden sind.

In dieser Minute profitieren wird von dem Streik, weil wir, siehe oben, einen Termin verlegt haben und dafür ein, zwei andere Dinge erledigen können, die erst für die nächsten Tage geplant waren. Dafür wird der Donnerstag richtig gepackt sein, hoffentlich werden die Streiks bis dahin nicht wieder aufgenommen. Und hoffentlich kriegen sie die Taktung der Züge bis dahin wieder einigermaßen hin. Sind ja bloß drei Tage – „in den frühen Morgenstunden“ soll morgen der Streik beendet sein. Wir hatten noch gar nicht gemerkt, dass gestreikt wird, als wir angekündigt haben, morgen im Büro zu erscheinen. Wir könnten dies auch in einen weiteren Tag Homeoffice wandeln.

Uns ist sehr bewusst, dass viele das nicht können, auch wir haben dieses Privileg noch nicht lange in der aktuellen, sehr angenehmen Form.

Wir verstehen den Unmut.

Viele Menschen sind zwingend und dringend auf funktionierende öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, und von ihrer Arbeit hängt es wiederum ab, ob dieser Laden irgendwie läuft.

Aber wir appellieren auch, ein wenig Solidarität ins Spiel zu bringen. Der Domino-Effekt, dass aufgrund des Streiks weitere Dinge nicht mehr geleistet werden können, ist durchaus nicht nur negativ, solange es nicht um Lebenswichtiges geht.

Der Streik betrifft viele von uns, behindert uns. Aber die Situation der Beschäftigten eint uns mit ihnen. Die Löhne sind in den letzten Jahren langsamer gestiegen als die Inflation. Wobei man immer bedenken muss, dass gerade Menschen mit geringem Einkommen die höchsten Inflationsraten zu bewältigen haben, weil die Basisprodukte, vor allem Lebensmittel, seit mindestens fünf Jahren sehr rasant teurer werden. Und die Arbeitsbedingungen verbessern sich nicht, was wiederum hohe Ausfallzeiten verursacht. Wir können uns gut vorstellen, wie es bei vielen Mitarbeitenden der Verkehrsbetriebe motivationsseitig aussieht.

Immer, wenn ein Bus- oder U-Bahn-Fahrer ganz unmotiviert, mindestens aber in Relation zur Vekehrslage stark übermotiviert, eine kleine Vollbremsung hinlegt, und das kommt nicht so selten vor, können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass Menschen ihre Nerven nicht mehr im Griff haben, die uns sicher von A nach B bringen sollen. Oder sie sind miserabel geschult, aber für die Fahrgäste läuft das aufs Selbe hinaus: Unberechenbare Zustände überall.

Und dann ertappen wir uns bei diesem Gedanken: Lieber Himmel, lass endlich die Roboter kommen! Sie werden keine Stimmungen haben, werden so programmiert sein, dass sie in jeder Lage freundlich sind, sie werden hervorragende Fahrkünste an den Tag legen. Sie werden selbstständig einen Moment warten, wenn unzählige Menschen die U-Bahn im selben Bahnhof wechseln müssen, die aufgrund der unregelmäßigen Taktung eh schon spät dran sind, anstatt ihnen konsequent vor der Nase wegzufahren. Sie werden nie streiken. Lediglich muss man sie besteuern, damit ihre Arbeit etwas zur Erhaltung der Infrastruktur beiträgt.

Bis dahin ist es in einer Chaos-Stadt wie Berlin noch ein weiter Weg und nicht jeder wird diesen Weg gut finden, wofür es wiederum viele gute Gründe gibt.

Billiger werden die Verkehrsmittel durch Tarif-Erhöhungen nicht werden, das ist auch klar. Aber frustrierend ist, dass die Leistung immer teurer und gleichzeitig immer schlechter wird. Das ist gemeinsames Politik- und Management-Versagen. Wir nicken und sagen: „Eher ja.“ Wir sind eher für als gegen diesen neuesten Streik, der so viele Implikationen hat.

Hier nur ein kurzer Artikel aus Sicht der Streikenden, den wir während des Schreibens entdeckt haben: „Können irgendwann nicht mehr“: Busfahrer klagt über extreme 13-Stunden-Dienste.

TH


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