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Der neue Deutschland-Monitor wurde gerade von mehreren Medien aufgegriffen und zeigt eine Tendenz, die wir als Freunde der Demokratie zu besprechen haben. Vor allem zeigt er etwas, das man als kognitive Dissonanz bezeichnen kann. Zwei Artikel haben wir herausgegriffen, um den Monitor zu beleuchten:
Die Janus-Köpfigkeit der deutschen Demokratie: Zwischen Ideal und autoritärer Sehnsucht
Eine Analyse der aktuellen Befunde des Deutschland-Monitors
Die jüngsten Veröffentlichungen des „Deutschland-Monitors“ haben eine Debatte angestoßen, die über die üblichen Ost-West-Vergleiche hinausgeht. Sie rührt an das Fundament unseres Staatsverständnisses. Während die eine Seite von einer stabilen demokratischen Grundüberzeugung spricht, sieht die andere die Erosion des Pluralismus und einen gefährlichen Hang zu autoritären Strukturen.
1. Vergleich der Berichterstattung: Handelsblatt vs. Tagesspiegel
Bei der Betrachtung der Artikel von Handelsblatt und Tagesspiegel wird deutlich, dass sie zwar auf derselben Datenbasis beruhen, jedoch unterschiedliche Schwerpunkte in der Tonalität setzen.
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Der Tagesspiegel wählt einen eher systemkritischen Einstieg. Mit der Schlagzeile über die 40-prozentige Unzufriedenheit rückt er die Funktionskrise der Demokratie ins Zentrum. Der Fokus liegt hier stark auf der Differenz zwischen Ost und West sowie den sozioökonomischen Ursachen.
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Das Handelsblatt hingegen spitzt in seiner Überschrift („Einheitspartei und starker Führer – viele sagen ja“) auf die autoritäre Provokation zu. Hier wird die vermeintliche Inkonsistenz der Bürger deutlicher herausgearbeitet: Die Bejahung der Demokratie als Abstraktum bei gleichzeitiger Forderung nach deren Abschaffung durch die Hintertür (Einheitspartei).
Die Tendenz der Inkonsistenz:
Beide Artikel transportieren das Paradoxon, dass die Befragten zwischen „Diktatur“ (negativ besetzt) und „Einheitspartei/starker Führer“ (als vermeintlich effiziente Lösung) unterscheiden. Faktisch ist die „Einheitspartei, die den Volkswillen verkörpert“, die institutionelle Definition einer totalitären Struktur. Dass die Zustimmung hierzu (31 % bundesweit) so viel höher liegt als die Zustimmung zur Diktatur (4-6 %), offenbart eine semantische Camouflage: Viele Bürger lehnen das Etikett der Diktatur ab, sehnen sich aber nach deren Mechanismen – eine klare Tendenz zu rechtspopulistischen Narrativen von der „wahren Identität des Volkes“.
2. Zahlen der Besorgnis: Was wiegt schwerer?
Die Zahlen bieten in der Tat Grund zur Sorge, erfordern aber eine differenzierte Gewichtung.
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Die grundsätzliche Bejahung (98 %): Dieser Wert ist ein „Schönwetter-Indikator“. Er zeigt, dass Demokratie in Deutschland als soziale Norm so tief verankert ist, dass man sich kaum offen gegen sie bekennen kann. Er ist jedoch kein Schutzschild gegen autoritäre Erosion.
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Der Hang zur autoritären Führung: Dieser ist schwerer zu gewichten, da er das operative Verständnis von Politik betrifft. Wer eine Einheitspartei fordert, lehnt den Kern der Demokratie – den Kompromiss und den Pluralismus – ab.
Der Einstieg der Artikel:
Beide Artikel steigen über die Diskrepanz ein: Der Kontrast zwischen der abstrakten Liebe zur Demokratie und der konkreten Frustration über deren Alltagsprozesse. Sie machen deutlich, dass die Unzufriedenheit nicht mehr nur Randgruppen betrifft, sondern tief in die Mitte der Gesellschaft und vor allem in strukturschwache Regionen eingedrungen ist.
3. Analyse: Das Paradox der „demokratischen“ Autokraten
Einleitung: Die entkoppelte Zufriedenheit
Deutschland erlebt im Jahr 2025/26 eine Entkoppelung von Verfassungsideal und politischer Realität. Der Deutschland-Monitor 2024/25 zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die das Betriebssystem „Demokratie“ zwar offiziell schätzt, aber die tägliche Performance der Hardware als fehlerhaft empfindet. Rund 40 % Unzufriedenheit bundesweit und über 50 % im Osten sind keine bloße Kritik an der Regierung, sondern ein Warnsignal für eine systemische Entfremdung.
Der Kern des Problems: Sehnsucht nach Komplexitätsreduktion
Die auffallend hohe Zustimmung zur Forderung nach einer „einzigen starken Partei, die den Willen des Volkes verkörpert“ (31 % bundesweit, 35 % im Osten), ist der analytische Kern der Studie. Hier offenbart sich eine tiefe Erschöpfung gegenüber dem demokratischen Prozess. Demokratie ist mühsam, laut und oft unvollkommen. Die „Einheitspartei“ verspricht eine Erlösung von der Komplexität. Sie suggeriert, es gäbe einen einheitlichen Volkswillen, den man nur umsetzen müsse. Dass dies die Abschaffung des Minderheitenschutzes und der Meinungsvielfalt bedeutet, wird von einem Drittel der Bevölkerung entweder billigend in Kauf genommen oder nicht als Konsequenz erkannt.
Die Inkonsistenz als politisches Risiko
Es ist ein psychologisches Phänomen: Man möchte die Freiheit der Demokratie (Reisen, Meinungsfreiheit), lehnt aber die Anstrengung des parlamentarischen Streits ab. Diese Inkonsistenz macht die Bürger empfänglich für populistische Führerfiguren, die versprechen, „durchzugreifen“. Die Daten zeigen, dass autoritäre Einstellungen besonders dort gedeihen, wo Menschen sich als Bürger zweiter Klasse fühlen oder wirtschaftliche Abstiegsängste dominieren. Besonders in Ostdeutschland wirken „Abwertungserfahrungen“ der Nachwendezeit wie ein Katalysator für das Misstrauen in die aktuellen Institutionen.
Einschätzung: Die gefährdete Resilienz
Ist die Demokratie in Gefahr? Ja, aber nicht durch einen plötzlichen Umsturz, sondern durch eine schleichende Delegitimierung. Wenn ein Drittel der Menschen glaubt, eine Einheitspartei sei die Lösung, dann ist der Boden für eine illiberale Demokratie nach ungarischem oder polnischem Vorbild (Letztere vor dem jüngsten Regierungswechsel) bereitet.
Das Hauptproblem ist die Gewichtung: Die 98 % Zustimmung zur Demokratie-Idee wiegen in Krisenzeiten weniger als die 31 % Sehnsucht nach Autoritarismus. In der Geschichte waren es selten Mehrheiten, die Demokratien stürzten, sondern entschlossene Minderheiten, die auf eine passive, frustrierte Masse trafen.
Die Ergebnisse des Deutschland-Monitors sind ein Weckruf. Die Politik darf sich nicht auf den hohen Zustimmungswerten zum Grundgesetz ausruhen. Die „gefühlte“ Demokratie findet vor Ort statt – in der Verwaltung, in der Infrastruktur und in der ökonomischen Sicherheit. Wenn der Staat hier versagt, suchen sich die Menschen Ersatzgötter in Form von starken Männern oder Einheitsparteien. Die Aufgabe der kommenden Jahre wird es sein, nicht nur die Demokratie zu predigen, sondern ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Nur eine Demokratie, die liefert, kann die Sehnsucht nach der einfachen Antwort im Keim ersticken.
Kommentar
Realistisch oder idealistisch an eine Staatsform heranzugehen, das entscheidet durchaus mit über den Schlüssel zu ihrem Verständnis.
Wir schreiben seit Längerem, dass Demokratie an für die Mehrheit liefern, nicht nur Rechte für Minderheiten gewähren muss. Findet ersteres nicht mehr statt, gerät Letzteres in Gefahr. Natürlich ist dies für uns keine Schönwetterveranstaltung, wir würden nie die AfD wählen, nur, weil wir gerade mit dem Lauf der Dinge unzufrieden sind. Wir tendieren genau umgekehrt und sehen die Probleme in einer zu weit nach rechts orientierten Verfasstheit des Landes und seiner Politik.
Die Besprechung des Monitors offenbart aber schön, wo es bei vielen Menschen schon hakt: Das Verständnis von Demokratie ist rudimentär und beschränkt sich auf autoritäres Durchregieren im Sinne einer gefühlten Mehrheit. Die es selbst nach den ernüchternden Zahlen des Monitors aber nicht gibt. Man kann bestenfalls einem Drittel der Befragten eine Verklärung der Realdiktatur unterstellen, die wiederum mit einer Idealisierung der theoretisch besten Demokratie einhergeht.
Die Zahlen belegen aber auch etwas, was wir vor ein paar Jahren noch nicht so klar gesehen haben: Die AfD hat noch Luft nach oben, selbst wenn sich das generelle Meinungsbild nicht weiter nach rechts verschieben sollte. Ihre Grenze würden wir bundesweit derzeit erst bei Wahlergebnissen von 30 Prozent sehen. Bei anstehenden Wahlen im Osten wird sie diese Marke ohnehin überschreiten, und nach allem, was die Menschen über sie wissen, kann man das unmöglich als Protestpotenzial ansehen, sondern muss es als Ausdruck verfestigter rechter, der Demokratie abgeneigter Haltungen akzeptieren. Haltungen, die sich so schnell auch nicht ändern werden, nachdem auch die Konservativeren mit hohem Risiko daran arbeiten, sie hoffähig zu machen.
Es ist nach Jahren des Mahnens und des Tags #DemokratieinGefahr schwierig geworden, eins draufzusetzen. Zumindest wollten wir das im heutigen Artikel nicht tun, sondern nur den Stand der Dinge festhalten. Viele haben Demokratie entweder immer noch nicht gelernt und sind damit Teil des Problems. Nur Liefern lassen geht nämlich auch nicht, man muss selbst mitmachen, die Demokratie aktiv gestalten. Wenn das zu nichts führt, dann liegt es meist daran, dass wir eher in einer Lobbkykratie leben. Insofern ist auch unser Ansatz systemkritisch. Wir sehen aber mit Grauen einer Vereinigung der Lobbys mit einem „starken Führer“ entgegen. Das hatten wir nämlich schon. Das war eine echte totalitäre Diktatur, die nicht darauf aus war, sich einen demokratischen Anstrich zu geben, der allfälligen, aber nicht freien Wahlen zum Trotz.
Bezüglich der DDR hingegen kommt kognitiv erschwerend hinzu, dass sich eine Diktatur demokratisch nannte, also die eingangs erwähnte Camouflage betrieb. Gehen Sie mal ins Haus der Geschichte und schauen Sie sich einen DDR-Wahlzettel an. Danach wissen sie, was eine Demokratie nicht ist. Ein weiteres Problem ist die Verklärung dieser nicht-demokratischen Vergangenheit und das Zusammenwirken mit dem Hang zum Autoritarismus, der nicht überall im Land grundsätzlich gleichstark ausgeprägt ist und es auch vor der DDR nicht war, wie u. a. die letzten freien Reichstagswahlen Anfang der 1930er zeigen.
Wir halten es derzeit nicht für möglich, die Demokratie dort mit großem Einsatz zu implementieren, wo sie bei näherer Betrachtung nie einen guten Stand hatte, sondern ihre Zentren zu stärken, damit von dort der Widerstand gegen das Abwandern in die Autokratie gestärkt werden kann. Dafür sitzen wir in Berlin an der richtigen Stelle. Deswegen werden wir auch immer wieder von hier über den Stand der Demokratie schreiben.
TH / Analyse: KI
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