Olympische Spiele 2036 in Deutschland? Was sagt die Bevölkerung? (Statista + Kommentar: Sport, Geschichte, Politik, Fairness)

Briefing Sport, Gesellschaft, Wirtschaft, Olympische Spiele, 2036 Olympics, Berlin, Hamburg, NRW, München, Olympische Sommerspiele 1936, Olympische Sommerspiele 1972, Hochleistungssport, Geopolitik, Weltlage, Sauberkeit des Sport, historische Belastung, NS-Diktatur, Terroranschlag, Nachteile und Vorteile, IOC, Weltpolitik

Deutschland wieder als Austragungsort Olympischer Spiele – nach 64 Jahren? So lange wird es dann nämlich her sein, dass die Sommerspiele von München hierzulande stattfanden. Inzwischen sind einige Bewerbungen gescheitert und die Bevölkerung ist bei Weitem nicht immer begeistert von Großereignissen dieser Art. Unter anderem zeichnet sich eine gewisse Skepsis ab, die Bewerbungen aus Deutschland von denen aus anderen Ländern unterscheidet. Dort stellt oft die Bevölkerung das Prestige gegenüber dem persönlichen Nutzen in den Vordergrund. Das macht es für eine ähnlich orientierte Politik leichter, Kräfte für das teuerste Sportereignis der Welt zu mobilisieren. Nun soll es aber 2036 wieder ernst werden. Ausgerechnet 100 Jahre nach den Spielen unter der NS-Flagge in Berlin. Und tatsächlich wieder in Berlin? Lesen Sie unseren Kommentar dazu.

Infografik: Wie populär ist Olympia? | Statista

Begleittext von Statista

Frühestens 2036 könnten Olympische Sommerspiele hierzulande stattfinden. Derzeit wollen sich Berlin – das 1936 zuletzt Olympische Spiele ausrichtete – Hamburg, die Region Köln-Rhein-Ruhr und München um eine Ausrichtung bewerben.

Während die Einwohner:innen der bayerischen Landeshauptstadt das Vorhaben bereits abgesegnet haben, ist bei den übrigen Städten noch offen, ob es tatsächlich zu einer Bewerbung kommt. In Hamburg sind die Bürger:innen mehrheitlich dagegen, wie eine aktuelle Infratest dimap-Umfrage zeigt. Endgültige Klarheit soll Ende Mai ein Olympia-Referendum bringen.

In Berlin überwiegt dagegen aktuell die Befürwortung, wie der Blick auf die Statista-Grafik zeigt. Eindeutiger in Front war das Pro-Olympia-Lager dagegen laut RBB in einer kürzlich vom DOSB veröffentlichten Umfrage. Zwar plant der Senat hier bislang keine Befragung der Bürger:innen, allerdings versucht das NOlympia-Bündnis Berlin ein Volksbegehren auf die Beine zu stellen.

Besonders groß ist die Unterstützung in Nordrhein-Westfalen. Hier stimmen die Einwohner:innen von 17 Kommunen bis zum 19. April darüber ab, ob es tatsächlich zu einer Bewerbung kommt. Aktuell liegt die Wahlbeteiligung laut WDR zwischen 20 und 36 Prozent.

Kommentar

Bei lediglich drei Prozent mehr ja als nein von Befürwortung zu sprechen, ohne absolute Mehrheit, ist ziemlich steil, vor allem, weil die Umfrage in Berlin schon fast ein Jahr alt ist – anders als an den anderen beiden möglichen Standorten, wo im März bzw. Februar 2026 gefragt wurde. Auch wenn die Sache in München schon „durch“ ist, hätte uns interessiert, wie die Bevölkerung dazu steht.

Auch München ist nicht unbelastet, denn die zuvor wunderschönen Sommerspiele von 1972 wurden von einem Tag auf den anderen durch das PLO-Attentat auf die israelische Mannschaft überschattet, das bis heute die historische Einordnung dieser Spiele prägt. Insgesamt 17 Menschen starben im Wege dieses Terroranschlags, elf israelische Sportler und Delegationsmitglieder, fünf Terroristen und ein deutscher Polizist. Nie zuvor und nie wieder hat es derlei bei Olympischen Spielen gegeben, und es fand ausgerechnet auf deutschem Boden statt. Und es leitete den Stimmungsumschwung im Nachkriegs-Wirtschaftswunderland ein, der im bleiernen Herbst 1977 seinen vorläufigen negativen Höhepunkt erreichte.

Ob man sagt, wir wollen dem etwas in jeder Hinsicht Gelungenes und Sicheres entgegensetzen, ist eine schwierige Entscheidung. Gerade in Deutschland und angesichts der Vorgeschichte wären die Sicherheitsvorkehrungen auf einem Niveau anzusiedeln, das apokalyptische Ausmaße erreicht. Das gilt aber nicht nur für München. Die Hamburger, kaufmännisch, wie sie sind, haben wohl schon durchgerechnet, dass sich dieser Aufwand nicht auszahlen kann.

Und, sorry, Berlin geht gar nicht. Nicht 2036, aus den oben angedeuteten geschichtlichen Gründen. Aber es gibt mehr Aspkete, die eine negative Haltung fördern. Zum Beispiel eine Stadtpolitik, die es zulassen würde, dass die Preise durch Olympia noch einmal ohne Schutz für die Bevölkerung anziehen und die Stadt für viele weitere Menschen unleistbar würde. Die Berliner Politik hat die Eigenart, die Menschen hier ständigem Stress auszusetzen, auf vielen Ebenen, sonst wäre die Zustimmung bei den grundsätzlich offenen und begeisterungsfähigen Einwohnern der Stadt deutlicher als nur schmale drei Punkte Abstand zur Ablehnung.

Vielleicht so wie im Ruhrgebiet. Für uns der einzige Austragungsort, bei dem wir ein positives Grundgefühl hätten, käme diese Bewerbung zustande. Die Menschen sind gastfreundlich und die Region braucht dringend Impulse. Was in preislich dichten Städten wie München, Hamburg und Berlin negative Auswirkungen hätte, wäre im Ruhrgebiet vielleicht das, was notwendig ist, um wieder positive Zukunftszeichen zu setzen, wenn es schon sonst mit dem Strukturwandel nur in der Form vorangeht, dass viele Kommunen in einen immer kritischeren Zustand geraten.

Wir können nur für Berlin eine direkte Meinung abgeben, und die ist negativ. Auch bei München hätten wir kein positives Sentiment, es sei denn, man kann das Narrativ gut verkaufen, dieses Mal integrieren wir etwas von dem, was 1972 geschehen ist. Sofern das eben geht. Die Hamburger müssen selbst wissen, was sie wollen, wir haben dazu keine sehr deutliche Meinung.

Nur bei der NRW-Bewerbung stellt sich eine gewisse Stimmung von „das könnte passen“ ein.

Wir sind also nicht generell gegen Olympische Spiele, zumindest nicht auf der bisher besprochenen Ebene der deutschen Bewerberstädte. Und wenn es mal wieder zu besserer Politik in Berlin kommt, würden wir auch eine Berliner Bewerbung auf dieser Ebene anders sehen.

Wenn bloß voraussehen könnte, wie es für die Menschen hier im Jahr 2040 aussieht. Ob endlich wieder etwas für sie getan wird, was eine Bewerbung harmonisch in ein größeres, modernes Stadtkonzept integrieren könnte. Viele Sportstätten gibt es ja, die allenfalls renoviert werden müssten. Nun ja, wenn man 2036 ablehnt, müsste man das im Grunde auch beim Olympiastadion als Austragungsort tun, aber so gesehen, kann man immer weitere Ablehnungsgründe finden.

Wir haben zu einer deutschen Olympia-Bewerbung also keine monolithische Haltung, sondern schauen genau auf die Unterschiede, zeitlich und bezüglich der Bewerberstädte und -regionen?

Leider gibt es da noch mehr, und damit zu übergeordneten Aspekten. Zum Beispiel die politische Dimension der Spiele, die Unmöglichkeit, sie aus der Weltlage herauszuhalten, die man bis 2036 oder gar 2040 nicht ansatzweise prognostizieren kann. Wenn es so weitergeht, werden es keine einschließenden, sondern ausschließende Spiele werden, geprägt von politischen Einflüssen, Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten, bis hin zu Boykottmaßnahmen. Hinzu kommt die Hintergründigkeit von Organisationen wie dem IOC, auch wenn sie vielleicht nicht so stark ausgeprägt ist wie bei der FIFA.

Und dann, leider, der Sport selbst. Wir sind des Hochleitungssports müde geworden. Wir haben es bei den Winterspielen gerade wieder gesehen. Wir sind uns sicher, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht, mit immer weiteren Rekorden und einem absurden Medaillensegen für kleine Länder. Wir sehen überall Fairness-Grundsätze und damit den olympischen Gedanken verletzt. Dieser Zirkus von einem Sportbetrieb ist nicht das, was wir am Sport grundsätzlich immer noch anziehend finden, nämlich sich Ziele zu setzen, gesund leben, sich mit dem, was man wirklich kann, ohne mit verbotenen Methoden nachzuhelfen, mit anderen messen in in einem Wettkampf messen. Wir würden auch die Nationalismen, das eben nicht Völkerverbindende, was dabei international gerade bei einem Großereignis mit vielen Sportarten, bei dem es ums Sammeln von möglichst vielen Medaillen für den Ruhm der Nation, zutage tritt, noch gerade in Kauf nehmen. Wenn da nicht die Zweifel an der Sauberkeit wären.

Das heißt, auch die Olympiabewerbung von quasi halb NRW sehen wir zwar im Rahmen der Auswahl, die sich in Deutschland zeigt, im Gegensatz zu anderen Standorten positiv, unter Berücksichtigung des erweiterten Rahmens der Sport- und Weltpolitik jedoch ebenfalls kritisch.

Man sagt, aus der rheinischen Ecke stammt der Spruch: Man muss auch jönne könne (gönnen können), und das mögen wir an der dortigen, nicht so verbiesterten Mentalität. Also würden wir unabhängig von allen sonstigen Überlegungen den Menschen in Nordrhein-Westfalen Olympische Spiele gönnen, wenn sie sich dafür aussprechen, diese auszutragen.

TH


Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar