Haben die Grünen geeignete Antworten auf aktuelle Probleme? (Umfrage + Kommentar) #Berlinwahl2026

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Nach dem Ende der Ampelkoalition, in deren Politik die Handschrift der Grünen stark erkennbar war, haben sie sich in der Opposition relativ schnell eingefunden. In Umfragen stehen sie bundesweit bei 13 bis 14 Prozent, ihre Mitgliederzahl wächst beständig und in Berlin ringen sie gerade um die führende Position bei Umfragen für die Abgeordnetenhauswahlen im September. Aber haben sie auch Antworten für die drängenden Probleme des Landes? Dazu hat Civey eine Umfrage aufgesetzt, die wir besprechen wollen:

Grüne: Geeignete Antworten auf Probleme?

Begleittext von Civey

Die Grünen wollen sich mit einer Parteireform schlagkräftiger aufstellen. Anfang Juli stimmten die Mitglieder in einer bundesweiten Urabstimmung allen 17 Reformvorschlägen zu. Künftig soll ein Generalsekretär die bisherige Bundesgeschäftsführung ersetzen, Parteitage durch höhere Hürden für Anträge und Kandidaturen gestrafft und der Parteirat mit Landes- und Fraktionsspitzen aufgewertet werden. Im Wahlkampf hatten die Grünen einen starken Zuwachs an Mitgliedern auf rund 183.000 Mitglieder erhalten. Die bisherige Bundesgeschäftsführerin Pegah Edalatian sagte: „Mit dieser Reform werden wir handlungsfähiger, innovativer und demokratischer.“

Als größten jüngsten Erfolg verbuchen die Grünen den Wahlsieg von Cem Özdemir bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Dort setzte der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister auf einen Wirtschaftswahlkampf mit Bürokratieabbau, steuerlichen Entlastungen für Unternehmen und einer Klimapolitik, die „mit der Wirtschaft, nicht gegen sie“ funktionieren solle. Das unterscheidet sich teils von der Bundespartei, etwa beim Umgang mit dem Verbrennungsmotor. Mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Berlin stellen die Grünen bezahlbare Energie, soziale Sicherheit und gleiche Bildungschancen unabhängig vom Wohnort in den Mittelpunkt.

Parteivorsitzender Felix Banaszak sieht die Grünen dennoch nicht ausreichend auf die Herausforderungen der Zeit vorbereitet. Im Handelsblatt fordert er „weniger Belehrung und mehr Begegnung“ und wirbt für Formate wie Familienfeste, Karaokeabende oder Müllsammelaktionen, um wieder stärker mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. „Die Grünen haben eine große Liebe zu Inhalten und Programmdiskussionen. Das ist ja grundsätzlich gut und wichtig. Aber damit allein gewinnen wir nicht die Herzen der Menschen“, sagte Banaszak. Eine Studie des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) aus dem Jahr 2023 kam zudem zu dem Ergebnis, dass die Anhängerinnen und Anhänger von Grünen und AfD besonders häufig in sozialen Blasen leben und vergleichsweise wenig Kontakt zu Menschen mit anderen politischen Ansichten haben.

Kommentar

Fangen wir mit der letzten Anmerkung im obigen Text an. Bei den AfD-Anhängern überrascht uns die Feststellung des FGZ etwas, denn die Anhängerschaft der Partei hat sich in den letzten Jahren erst herausgebildet und die Menschen, die meinen, die AfD wählen zu müssen, haben vorher meist andere Parteien gewählt und sollten weiterhin mit Menschen interagieren, die das immer noch tun, also nicht „umgefallen“ sind.

Bei den Grünen hingegen gehen wir mit, schlicht, weil es unserer Alltagsbeobachtung entspricht. Ein Grund, warum wir, anders als in unseren ersten Berlin-Jahren, die Grünen nicht mehr wählen, ist, dass ihre Anhängerschaft und wir soziologisch und damit auch sozialpolitisch nicht sehr kompatibel sind. Wir treffen in beruflichen Zusammenhängen auf viele Grünwähler, das ist in der Berliner Innenstadt selbstverständlich – wie auch immer häufiger auf AfD-Anhänger:innen, die meist hier arbeiten und in den Randbezirken oder außerhalb von Berlin wohnen.

Deutschland ist prinzipiell keine Gesellschaft des Zusammenhalts mehr und war es vermutlich nie, wenn man von den großen Zeiten der Arbeiterbewegung absieht. Die von den Grünen besonders propagierte Identitätspolitik hat ihren Anteil am Auseinanderdriften der letzten Jahrzehnte und sind gleichzeitig verbürgerlicht, arriviert, überheblich. Oft ohne Substanz, wollten wir gerade schreiben, aber wir sind auch dann, wenn wir Substanz erkennen, keine Freunde allzu abgehobener Sicht- und Handlungsweisen.

Es liegt nah, sich für besser zu halten, weil man glaubt, man sei idealistischer oder klüger oder zukunftsorientierter. Während der Ampelkoalition hatten wir den Eindruck, dass dadurch zwei Probleme sichtbar wurden, die während der langen Oppositionszeit der Grünen auf Bundesebene nicht so auffielen: Große Lücken zwischen Anspruch und Wirklichkeit in Sachen Kompetenz bei den führenden Politiker:innen, namentlich Annalena Baerbock und Robert Habeck, bei gleichzeitiger Unfähigkeit oder Unwillen, vorhandene progressive Ansätze so zu kommunizieren, dass sie auch über die eigene Blase hinaus akzeptiert werden. Da die Grünen aber mittlerweile eine Anhängerschaft haben, die über 10 Prozent der Wahlberechtigen hinausgeht, hat ihnen diese Mischung aus Underperfornance und überdrüber rüberkommen nicht sehr geschadet.

Haben die Grünen aber wenigstens viel zu bieten? Wir schreiben hier keinen Werbeartikel für die bald anstehenden Berliner Abgeordnetenhauswahlen, aber Die Linke ist in jeder Hinsicht besser oder konsequenter, wo die Grünen relativ stark sind: Sie hat das stärkere Klimaschutzprogramm, sie ist sozialpolitisch um Längen voraus, sie kann viel besser die heimatlos gewordenen SPD-Wählenden abholen, und sie ist nicht so verdächtig anschlussfähig an Positionen von CDU oder FDP, die für jemanden, der einen sozialökologischen Kern bewahrt hat, keine Wahloption darstellen. Und sie hat die härteren Identitätspolitker:innen und die übelsten Augen-vor-der-Realität-Verschließer:innen, falls jemandem das wichtig ist. Wir kennen sie aus eigener Anschauung. Diese Personen müssen wir ertragen, ebenso wie die Steinzeitkommunisten, die es in der Linken immer noch gibt, die aber nicht den gebotenen Klassenkampf, sondern Putinismus betreiben, während einige andere (nicht so viele, wie die rechte Presse es darstellt) Antisemitismus betreiben, was bei den Grünen anerkennenswerterweise fast ausgeschlossen ist. Das sind sichtbare Macken, aber auch Ausdruck eines großen Spektrums innerhalb einer langen Tradition, das immer wieder integriert werden muss, während sich die Grünen schon vor langer Zeit vom linken Parteiflügel und linken Positionen verabschiedet haben. Trotzdem würden wir die Linke den Grünen vorziehen bzw. werden das bei der nächsten AGH-Wahl tun. Trotzdem sind die Grünen für uns die überhaupt denkbare Alternative. Hinzu kommt, dass sie in Berlin traditionell sozialpolitisch besser aufgestellt sind als im Bundesdurchschnitt, und wir wollen ja gute Politik für Berlin.

Die Grünen haben, zunächst auf Berlin bezogen, etwas zu bieten, wenn sie wieder in die Verantwortung gehen können. Nämlich, dass sie nach der Wahl im September wieder eine Koalition mit der Linken und der SPD bilden, egal unter wessen Führung. Der CDU hingegen zum Weiterregieren zu verhelfen, ist kein Angebot für Menschen, die wollen, dass in dieser Stadt wieder etwas vorangeht. Was die eigene Blase außerhalb von Berlin vielleicht gar nicht im Blick hat: Die Grünen hier haben von allen Parteien die stärkste Anbindung an die Mietenbewegung, und die Wohnungsfrage ist nicht nur ungelöst, sie verschärft sich immer mehr. Die Grünen müssen sich endlich klar für ein Enteignungsgesetz stark machen, zusammen mit der Linken, und die herumeiernde SPD mitziehen. Da gibt es kein Wenn und Aber, und wir glauben auch nicht, dass der Bund ein Landesgesetz einfach verbieten kann, ohne das Grundgesetz dabei auszuhebeln. Natürlich, man kann durch ein Verfahren vor dem BVerfG wieder viel Sand ins Getriebe streuen und die SPD steht auf beiden Seiten, aber die Grünen müssen die in letzter Zeit wieder häufiger hörbaren sozialen Ansätze in Taten wandeln. Damit treten sie auch aus der Blase heraus, in der nur wenige Menschen mit finanziellen Problemen verortet sind.

Was sie auf Bundesebene anbieten können, ist im Moment kaum relevant. Es wird bei der Wahl 2029 nicht zu einer Mehrheit für grüne Politik kommen. Zum Beispiel dafür, endlich den Klimaschutz so zu verankern, dass er nicht von einer rückwärtsgewandten Lobbyistentruppe wie der Merz-Administration wieder gekippt werden kann oder gar von der AfD vollkommen vernichtet wird. Die Grünen müssen bei der Organisation einer neuen progressiven Mehrheit helfen, dafür müssen sie gut und stark sein, deswegen haben wir nichts dagegen, wenn sie in Umfragen stabil sind und weiter ansteigen. Inhaltlich breiter aufgestellt und viel stärker programmatisch orientiert ist die Linke, daran führt nichts vorbei, sie hat natürlich auch mehr Kanten.

Die Grünen müssen eine Politik machen, die mehr SPD-Wähler anzieht, denn diese Partei wird auf lange Sicht keinen Rolle mehr in der deutschen Politik spielen. Sie arbeitete in vielen schwarz-roten Koalitionen an der eigenen Zerstörung, allerdings tat sie das auch unter Mithilfe der grünen während der Regierung Schröder. Sie tut es jetzt wieder als Anhängsel der Merz-CDU bzw. gibt sich den Rest. Wenn es so weiterläuft, werden wir für die SPD bundesweit einstellige Umfragewerte sehen. Und das ist nicht mehr zu reparieren und entspricht dem Weg anderer einst großer sozialdemokratischer Parteien in Europa. Die SPD hat aus diesen Vorgängen nichts gelernt.

Hingegen haben die Grünen eine gute Zukunft, denn das Klimaschutzhema wird relevant bleiben, egal, ob eine Mehrheit das ausblendet oder nicht, und den sozialen Part könnte man mehr der Linken überlassen, das wäre die natürliche Partnerschaft der beiden Parteien. Man würde sich gegenseitig bei einer progressiven Politik nicht sehr im Wege stehen, und das ist mehr, als man vollen anderen Koalitionen sagen kann, die perspektivisch in Deutschland möglich sind. Die Frage ist, wie man den vorläufig notwendigen dritten Partner organisiert, eine Partei, die nicht dem Untergang geweiht ist, wie die SPD. Wir haben keine Idee dazu, weil wir keine weitere politische Kraft sehen, die im Kommen ist. Im Kommen ist die AfD, und die Grünen müssen sich bei deren Abwehr bewähren. Dazu gehört auch, nicht nur die Blase der Überzeugten zum Nicken zu bringen, sondern auch mal Menschen zu gewinnen, die außerhalb dieser Blase stehen. Durch weniger klassistische Kommunikation, durch mehr Verständnis für die Sorgen „einfacher“ Menschen. Wir bleiben dabei, das ist eher eine Aufgabe für die Linke, aber die Grünen haben eine besondere Verantwortung, weil sie intern viel flexibler sind als eine Partei, die immer noch nicht frei ist von inneren Brüchen, die immer wieder Wählerstimmen kosten.

Das war nun eher der strategische Teil des Kommentars oder der Teil, der den politischen Raum betrachtet. Den Klimaschutz haben wir aber schon erwähnt, und damit hängen viele andere ökologische Themen zusammen, bei denen die Grünen glaubwürdig sein müssen, gleich, mit wem und wie sie gerade in den Bundesländern regieren. Vor allem aber müssen sie etwas entwickeln, was nun wirklich gar nicht in ihren Genen liegt, und sie müssen es tun, weil andere es jahrzehntelang versäumt haben: Eine strategische Wirtschaftspolitik entwickeln, die ökologische Transformation und Wohlstandssicherung miteinander vereint. Das ist eine Mammutaufgabe. Man kann das stemmen, man kann daraus neue Arbeitsplätze machen, man kann sogar ein neues Narrativ für Deutschland daraus generieren – aber, ganz offen geschrieben: Wir sehen bei den Grünen nicht die Personen, die dafür stehen, diese große Aufgabe zu meistern. Womit sich die Grünen in die Reihe der politischen Kräfte stellen, denen es an überzeugenden Persönlichkeiten fehlt.

Das ist kein neues Phänomen, Ähnliches haben wir schon während der Kanzlerschaft von Angela Merkel geschrieben. Aber es bleibt eine Tatsache: Die Grünen brauchen Hoffnungsräger, die sich nicht als zu schwach für eine weitere Verbreitung guter Ideen durch gute Politik erweisen. Die Neuen an der Spitze haben zumindest noch nichts Entscheidendes falsch gemacht. Reicht das, um Zukunftspolitik zu verkaufen?

Wir meinen, es reicht nicht. Die aktuellen Umfragewerte belegen es: Lediglich 17 Prozent der Abstimmenden sind aktuell der Meinung, die Grünen haben die richtigen Konzepte. Und 61 Prozent haben eindeutig mit nein gestimmt. Das ist eine Hypothek für grüne Politik, dass sie von einer so starken Mehrheit glatt abgelehnt wird. Es trifft selbst dann zu, wenn sie trotzdem richtig ist und wenn man berücksichtigt, dass es aus mehreren Gründen Unschärfen bei diesen Werten gibt. Drehen wird sich das Bild nicht. Das heißt, eine noch relativ wenig profilierte Führung der Grünen muss das Kunststück vollbringen, die Partei und ihr Angebot besser zu verkaufen, als frühere Promis es konnten.

Nicht, um 2029 wieder in den Bundestag einzuziehen. Nicht, zum zweistellig zu werden, bei einem mittlerweile zweistelligen Stammwähler:innenpotenzial. Sondern, um die 20-Prozent-Marke anzupeilen, die notwendig sein dürfte für die dringend notwendige politische Wende in Richtung Zukunft. Dafür müssen ein paar Prozent Wähler und Wählerinnen gewonnen werden, die vielleicht noch nie grün gewählt haben. Am einfachsten dürfte das bei Erstwählenden sein oder bei Jungwähler:innen, die noch relativ unkompliziert sind, wenn es darum geht, sich politisch neu auzurichten. Die Grünen waren einmal eine Partei für junge Menschen, das sind sie nicht mehr. Hier führt die AfD das Feld an, vor der Linken. Wir sind nun gespannt, welche Konzepte die Grünen haben, um erstere Tendenz endlich zu stoppen. Es kann nicht so schwer sein, denn die Union und die SPD sind für junge Menschen komplett unattraktiv geworden. Aber das ist die Theorie. Die Praxis zeigt, dass die Grünen zuletzt vom altersmäßigen Mittelbau gelebt haben, der mit ihnen sozialisiert wurde, oft noch vor der Wende.

Wir haben im Moment keine eindeutige Haltung. Die Grünen sind relevant, wie einige ihrer Themen, aber können sie diese Themen und sich selbst wieder mehrheitsfähig machen? Unentschieden, ist unsere Antwort auf die Abstimmungsfrage. Wir wissen es nicht. Wir haben vor allem auf die Zukunft geschaut, und die ist ungewiss.

TH


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