Euro abschaffen und Rückkehr zur D-Mark? (Umfrage + Mehrwert-Recherche + Kommentar)

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Heute haben wir eine der spannendsten Umfragen der letzten Zeit gefunden, die wir auf jeden Fall mit Ihnen besprechen möchten: Hätten Sie Interesse daran, wieder zu D-Mark zurückzukehren? Dann müssen Sie die AfD wählen, denn keine andere relevante Partei hat diesen Punkt im Programm. Sie können natürlich auch sagen, die D-Mark wäre schon toll, aber die übrigen Positionen der AfD sind so furchtbar, dass ich sie trotzdem nicht wählen werde. Das ist nicht nur legitim, sondern vermutlich auch nicht dumm, wenn man sich an politischen Lagern orientiert oder auch an der vermutlichen Verfassungsmäßigeit der Positionen unterschiedlicher Parteien. Aber das tun wir heute ausdrücklich nicht, sondern bleiben ganz an der Sache. Und fragen auch: Will die AfD auch wirklich aus der EU austreten, wie im folgenden Civey-Begleittext an einer Stelle zu lesen ist? Wir haben die wichtigten Positionen der AfD zur EU in einer Mehrwert-Recherche für Sie tabellarisch dargestellt. Hier zunächst die Frage:

Euro abschaffen und Rückkehr zur D-Mark?

Begleittext von Civey

Am Sonntag haben sich die AfD-Co-Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla zu ihren politischen Vorhaben geäußert. Angesichts guter Umfragewerte zeigten sie sich vor den anstehenden Landtagswahlen in ihren jeweiligen ZDF-Sommerinterviews siegessicher und äußerten sich wie bereits in der Vergangenheit kritisch zur Europäischen Union und der Gemeinschaftswährung. Deutschland gehört seit 1957 als einer der Gründungsstaaten zur EU und führte den Euro 1999 als Buchgeld sowie 2002 als Bargeld ein. Zuvor war die D-Mark seit 1948 das offizielle Zahlungsmittel der Bundesrepublik.

Weidel fordert im Falle einer Regierungsbeteiligung auf Bundesebene den Ausstieg Deutschlands aus dem Euro-Währungssystem sowie aus dem Schengen-Raum. Im ZDF bezeichnete sie den Euro als instabile Weichwährung, die zu Vermögensverlusten und einer Verarmung der arbeitenden Bevölkerung führe. Die Forderung nach einem Euro-Austritt und einer Rückkehr zur D-Mark vertrat die AfD bereits im Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025. Darin begründet die Partei die angestrebte D-Mark-Rückkehr damit, dass die dauerhaften Kosten für Rettungsmilliarden an notleidende EU-Staaten höher seien als einmalige Umstellungsbelastungen. Künftig sollen die vollständig nach Deutschland zurückgeholten Goldreserven als Deckungsoption für die D-Mark dienen, während EU-Kreditaufnahmen und eine europäische Bankenunion abgelehnt werden.

Die Abkehr vom Euro stößt bei Wirtschaftsfachleuten regelmäßig auf Kritik. Anlässlich einer ähnlichen Debatte rund um die Europawahl im Sommer 2024 äußerte sich Monika Schnitzer, die heutige Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, im Handelsblatt. Sie betonte, eine D-Mark-Rückkehr berge enorme Sprengkraft und würde Deutschlands exportorientierte Wirtschaft massiv belasten. Der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, warnte ebenfalls davor, dass ein Austritt aus Euro und EU die Wirtschaft in eine tiefe Depression stürzen und mit hoher Arbeitslosigkeit verbinden würde. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), bezeichnete Behauptungen über ständige Rettungsmilliarden zudem als Umkehrung der Fakten, da erst der Euro Deutschland zu einem der größten Gewinner gemacht habe.

Kommentar 1

Die Diskussion um den Euro erinnert uns daran, dass wir für die AfD einiges Interesse gezeigt hatten, als sie gegründet wurde, denn sie bestand damals nicht aus den Rechtsextremen und Völkischen von heute, sondern wurde von liberalkonservativen euroskeptischen Ökonomen ins Leben gerufen, die längst nicht mehr Mitglieder der Partei sind. Wir waren damals erheblich angefixt von der Art, wie die Eurokrise 2009 gemanagt worden war und wie andere Euroländer damals meinten, mit der deutschen Politik umspringen zu können. Angela Merkel hat das alles – genau, weggemerkelt, aber die Niedrigzinspolitik, die über Jahre hinweg den schwächelnden Wirtschaften dieser Länder geschuldet war, hat in Deutschland massive Fehlsteuerungen verursacht, Unsummen in die falschen Branchen gelenkt, anstatt die Innovationskraft zu fördern.

Und Ökonomen, die behaupten, die Exportnation Deutschland habe vom Euro enorm profitiert, geben im Grunde zu, dass der Euro schwächer ist, als es die D-Mark war und damit die Exporte erleichert hat. Bei den Leuten ist offenbar noch nicht angekommen, dass Deutschlands Wirtschaft durch zu günstige Exporte sich mittelfristig eher geschadet als genützt hat, außerdem verteuern sich durch eine schwache Währung natürlich auch die Importe, und dies wiederum schwächt die Wirtschaft, weil zum Beispiel fossile Energie teurer eingekauft werden muss. Neutral sind Wechselkursschwankungen vor allem für die USA, weil die meisten Rohstoffe in Dollar berechnet werden, nicht aber für den Euro-Raum.

Am stärksten war Deutschland wirtschaftlich, als die starke D-Mark dazu zwang, sich wirklich anzustrengen, um auf den Exportmärkten zu performen. Die Schweiz ist außerdem ein schlagendes Beispiel dafür, dass eine starke Währung einem Land nicht unbedingt schaden muss. Vermutlich bezieht Alice Weidel auch aus ihrem Leben in der Schweiz einiges von ihren ökonomischen Ansätzen.

Desweiteren lohnt ein Blick auf die EU: Obwohl mit Spanien ein Land im Euroraum ist, das relativ starke Wirtschaftswachstumsdaten aufweist, wächst die Eurozone seit Jahren geringer als der Durchschnitt der EU. Das mag auch der Tatsache geschuldet sein, wie bei der Schweiz, dass es sich bei den EU-Nicht-Euro-Ländern vor allem um kleinere Staaten handelt, die offenbar gegenwärtig generell einen Vorteil bei der Bewältigung der wirtschaftlichen Transformation haben – aber durch die Hoheit über ihre eigene Währung haben sie auch ein Steuerungsinstrument, über das Deutschland nicht mehr verfügt, und das ist gerade bei einer großen Volkswirtschaft schwierig im Sinne der strategischen Wirtschaftspolitik, die wir schon so lange ersehnen und die niemals kommt, mit Bundesregierungen, die es schlicht nicht können. Wenn sie es wollten und könnten, würde ihnen mit der unabhängigen Geldpolitk allerdings auch ein Hebel fehlen, den andere Staaten regelmäßig einsetzen, um ihre ökonomischen Interessen zu wahren.

Nach allen aktuellen Berechnungsmodellen gilt auch die chinesische Währung Remimbi als unterbewertet gegenüber dem Euro, was es chinesischen Importeuren zusätzlich zu den generischen Preisvorteilen durch geringere Produktionskosten zusätzlich erleichtert, geradezu Schneisen in die europäische Wirtschaft zu schlagen. Eine Antwort darauf findet die EU bisher nicht.

Im Moment ist es Deutschland, das günstigere Zinsen bräuchte, um beispielsweise die Neuverschuldung besser stemmen zu können und die eigene Währung abwerten zu können, aber die EZB bewegt sich im Rahmen von 2,25 bis 2,65 Prozent bei den Leitzinsen. Das ist nicht sehr hoch im historischen Vergleich, aber für Deutschland gegenwärtig eben zu viel. Wer an die D-Mark denkt, wird sicher nicht in erster Linie im Blick haben, dass man sie auch gezielt schwächer machen könnte als den Euro, um die Wirtschaft tatsächlich wieder „anzukurbeln“, wie Merz & Co. Wachstumsimpulse nennen, als handele es sich bei der komplexen heutigen Ökonomie um ein Auto des frühen 20. Jahrhunderts, das noch mit einer Handkurbel gestartet werden muss.

Auf den ersten Blick klingt es paradox, wenn wir die Niedrigzinspolitik der 2010er kritisieren und jetzt eine solche für Deutschland fordern. Aber die Strukturdefizite sitzen mittlerweile so tief, dass man auch mit währungspolitischen Mitteln etwas dazu beitragen könnte, sie verringern. Durch günstiges Geld für Investionen, die sich wirklich lohnen, beispielsweise. Und nur dafür, nicht, um reiche Immobilienbesitzer immer reicher zu machen, wie nach der Finanzkrise. Sicher, auch dieser Effekt wäre nicht zu vermeiden, ansonsten müsste man harte Kontrollmechanismen dagegensetzen, aber damals hatte Finanzminister Schäuble ausgerechnet die schwarze Null initiiert, als es günstig gewesen wäre, Investitionen zu finanzieren, die heute allüberall fehlen. Wir hatten damals in der Tat eine andere Ansicht zu dieser Sache vertreten, als wir das in der Rückschau tun, und wir wissen auch, dass Ökonomen, die nicht einfach nachplappern, was sich die Regierung wünscht, schon damals erkannt hatten, dass Deutschland sich kaputtspart ausgerechnet in einem Moment, in dem andere offensiv an einer teilweise auch schuldenfinanzierten Modernisierung gearbeitet haben, was sich heute auszahlt.

Vermutlich ist das gerade nicht der Ansatz der AfD, nämlich den Spielraum für Deutschland durch eine eigene Währung wieder zu vergrößern, sondern es geht eher um die populistische Illusion, diese wäre stärker und damit stabiler als der Euro. Wir sehen vor allem den Vorteil, dass sie flexibler zu handhaben wäre, und das würde gegenwärtig bedeuten, sie nicht zu stark werden zu lassen. Die Bundesbank müsste die Möglichkeit haben, ihre Leitzinssätze immer mindestens um ein Prozent unter denen der aktuell stärkeren europäischen Länder zu halten. Das würde langfristig auch wieder zu einer stärkeren Position Deutschlands und der EU insgesamt beitragen.

Ob man diese Währung wieder D-Mark nennen müsste, ist eine ganz andere Frage. Psychologisch ist diese Bezeichnung sehr interessant: Sie würde eine Rückkehr zu den „guten alten Zeiten“ suggerieren, die vielleicht sogar einen positiven Effekt an den Märkten hätte, aber nur für kurze Zeit, falls überhaupt – und diese Suggestion ist eben genau dies, sie spiegelt nicht den veränderten ökonomischen Rahmen.

Die guten alten Zeiten kommen auch mit einer neuen Währung nicht zurück, aber sie wäre ein Neustart, nachdem der Euro nie wirklich passgenau war für Deutschland war. Wer das auf eine wirklich üble Weise ausgenutzt und gegen die Euro-Erschaffer gewendet hatte, war übrigens Bundeskanzler Gerhard Schröder. Die Euro-Bauer wollten Deutschland mit der Gemeinschaftswährung einhegen, er nutzte den Euro, um eine Kostensenkungsarie durch Billiglöhne zu inszenieren, die andere Länder nicht mitgehen konnten oder wollten, sodass die zuvor sehr hohen deutschen Lohnstückkosten sich relativ zu anderen großen EU-Volkswirtschaften immer mehr ermäßigten. Auch diese Methode, mit dem Euro umzugehen, hat langfristig nicht die deutsche Wirtschaft gestärkt, sondern Fehlanreize gesetzt. Die Arbeit wurde verbilligt und die Innovation blieb auf der Strecke.

Dieses Mal setzen wir die Mehrwert-Recherche zwischen die Kommentarteile:

Wir haben gecheckt, wie die AfD bezüglich des Euros, der EU und nebenbei auch dem Schengen-Raum wirklich tickt:

Als grundsätzliche Position strebt die AfD einen deutschen EU-Austritt („Dexit“) an, allerdings häufig verbunden mit einer Vorbedingung und einem politischen Alternativmodell. Im aktuellen Bundestagswahlprogramm steht nicht schlicht ein sofortiger, bedingungsloser Dexit; die Partei verlangt zunächst eine weitreichende Umgestaltung der EU zu einem lockeren „Bund europäischer Nationen“. Scheitert diese aus AfD-Sicht, soll Deutschland austreten.[afd-im-netz][institutkw]

Die offizielle Programmlinie

Das AfD-Europawahlprogramm 2024 formuliert den Ausgangspunkt besonders eindeutig: Die heutige EU sei „nicht reformierbar“ und ein Austritt Deutschlands aus der Europäischen Union werde als notwendig angesehen. Zugleich verbindet die Partei dies mit der Idee, die EU durch einen lockereren Zusammenschluss souveräner Staaten zu ersetzen.[institutkw][wahreheimatliebeist]

Im Bundestagswahlprogramm 2025 ist die Sprache etwas stärker auf institutionelle Neuordnung gerichtet. Kernziel ist nicht europäische Zusammenarbeit vollständig abzuschaffen, sondern Zuständigkeiten wieder weitgehend zu den Nationalstaaten zu verlagern: Die AfD will aus der gegenwärtigen EU einen „Bund europäischer Nationen“ machen. Falls diese grundlegende Reform nicht gelingt, soll Deutschland aus der EU austreten.[institutkw]

Das ist daher keine bloß theoretische Einzelmeinung: Der Dexit ist programmatisch als Option mit klarer Konsequenz angelegt – EU grundlegend nach AfD-Vorstellungen umbauen oder Deutschland herausführen.

Euro, EU und Schengen unterscheiden

Diese drei Fragen werden oft vermischt, rechtlich und politisch sind sie jedoch nicht dasselbe:

ThemaAfD-PositionVerhältnis zur EU-Mitgliedschaft
EuroDeutschland soll aus dem Euro-System austreten; eine nationale Währung soll wieder eingeführt werden, gegebenenfalls parallel zum Euro oder einer ECU-ähnlichen Verrechnungseinheit. [zdfheute]Ein Euro-Austritt ist in den EU-Verträgen nicht als reguläre Option vorgesehen; ein EU-Austritt wäre juristisch der eindeutigste, aber nicht zwingend einzig denkbare politische Weg.
SchengenDie AfD-Spitze, insbesondere Alice Weidel, hat im August 2026 öffentlich einen Austritt Deutschlands aus Schengen angekündigt. [fr][n-tv]Schengen ist nicht identisch mit der EU. Es gibt EU-Staaten außerhalb Schengens und Schengen-Staaten außerhalb der EU.
EUGrundlegende Umwandlung in einen loseren Staatenbund; bei Ausbleiben dieser Umgestaltung: Austritt Deutschlands. [afd-im-netz][institutkw]Das wäre ein Dexit und beträfe die Mitgliedschaft in der EU insgesamt.

Was daran derzeit uneindeutig ist

In der aktuellen politischen Kommunikation bestehen Spannungen:

  • Beim Euro-Ausstieg ist die programmatische Forderung ausgesprochen klar: „Deutschland muss aus dem Euro-System austreten.“ Parteichefin Alice Weidel hat diese Linie im Sommer 2026 erneut vertreten.[zdfheute][zdfheute]
  • Beim EU-Austritt wirkt die praktische Kommunikation deutlich vorsichtiger. Beobachter sprechen von einer gewissen Unklarheit, weil Parteivertreter mal Dexit, mal EU-Reform oder einen künftigen europäischen Wirtschaftsraum betonen.[boersen-zeitung]
  • Das Alternativmodell bleibt in zentralen Punkten offen: Es ist nicht präzise festgelegt, welche Verträge, Institutionen, Binnenmarktregeln, Freizügigkeitsrechte oder gemeinsamen Standards ein „Bund europäischer Nationen“ konkret übernehmen würde.

Politische Einordnung

Pro-Argument aus AfD-Sicht: Die Partei verspricht, nationale Gesetzgebungs- und Budgethoheit zurückzugewinnen, EU-Bürokratie und gemeinschaftliche Haftungsrisiken zu begrenzen sowie Migrations-, Grenz- und Energiepolitik stärker national zu steuern.

Contra und unsere Einordnung: Ein Dexit wäre kein bloßer Verwaltungsakt und auch keine einfache Rückkehr zu mehr nationaler Kontrolle. Er würde Deutschlands Stellung im Binnenmarkt, in der Zollunion, bei Freizügigkeit, europäischen Lieferketten, Forschungsprogrammen und der politischen Gestaltungskraft unmittelbar neu verhandeln. Gerade weil die AfD gleichzeitig den Euro-Austritt und inzwischen teils einen Schengen-Austritt fordert, ergibt sich daraus ein Bündel tiefgreifender institutioneller Brüche. Das konkrete Ersatzmodell bleibt bislang zu vage, um zu zeigen, wie die wirtschaftlichen und rechtlichen Nachteile eines EU-Austritts vermieden werden sollen.[zdfheute][n-tv][boersen-zeitung]

Kurz: Die AfD ist nicht nur eurokritisch. Sie hält einen deutschen Austritt aus der EU ausdrücklich für erforderlich beziehungsweise für die Konsequenz, falls ihre Forderung nach einer radikal umgebauten EU nicht durchsetzbar ist.

Kommentar 2

Die Einordnung hat die KI wieder selbstständig vorgenommen, ohne dass dies in unserer Fragestellung enthalten war, allerdings gibt es auch eine dahingehende allgemeine Arbeitsanweisung im entsprechenden Projekt, Civey-Umfragen und Statista-Grafiken für unsere Leser:innen ausführlicher zu besprechen.

Es gibt ja ein Vorbild, den Brexit. Hat dieser Großbritannien wirklich ökonomische Vorteile gebracht? Die Daten sprechen eine andere Sprache. Großbritannien hat nicht eine ganz so gravierende Wachstumsschwäche wie Deutschland, würde sich aber bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklung, wäre es noch in der EU, seit Jahren im hinteren Drittel befinden. Seit den 1980ern hatte Großbritannien hingegen eine überschlägig positivere Entwicklung genommen als andere große Volkswirtschaften der heutigen EU, als fast während der gesamten Zeit seiner Mitgliedschaft in der EG und dann in der EU. Zwischenzeitlich sah es sogar danach aus, dass das UK (nicht ganz deckungsgleich mit Großbritannien) beim BIP pro Kopf wieder an Deutschland würde vorbeiziehen können. Es kam anders, auch durch die Scheinblüte der deutschen Wirtschaft nach der Finanzkrise, die geradezu symbolhaft für Angela Merkels Politik der schönen Scheinlösungen war.

Auch wenn wir eine unabhängige Währungspolitik nicht für einen Nachteil für Deutschland halten, schon bei der EU im Ganzen unterscheidet sich unsere Haltung von jener der AfD: Einige sehr konstruktive EU-Mitgliedsländer haben eine eigene Währung, insbesondere Dänemark und Schweden heben wir an der Stelle hervor. Man kann ein gutes europäisches Land sein, ohne jede Vergemeinschaftung mitmachen zu müssen, die per Saldo Nachteile verursacht. Und es ist nach wie vor ein Nachteil, dass im Euroraum Volkswirtschaften von sehr unterschiedlicher Stärke und mit unterschiedlichen Wirtschaftszyklen zusammengespannt sind, keine dieser Volkswirtschaften kann die Währungspolitik optimal an ihre wirtschaftlichen Gegebenheiten anpassen. Um dies zu ermöglichen, müssten ökonomische Regeln insgesamt vereinheitlicht werden, unter anderem die Steuerpolitik und die Arbeitsmarktregeln.

Dies ist aber nicht abzusehen, was wiederum ein schräges Licht auf eine Bankenunion wirft. Man macht es ganz und schafft einen einzelnen Bundesstaat, in dem nationale Egoismen keinen Platz mehr haben, oder man ist vorsichtig und behält einen guten Grundstock an ökonomischer Souveränität. Aber nach wie vor überwiegend nationalstaatliche Wirtschafts- und Finanzpolitik, gepaart mit einer supranationalen Währung, das gibt es nur in Europa und wirklich überzeugend ist die Performance dieses Konstrukts nie gewesen, seit es den Euro gibt. Immer wieder hatten durch diese Zwangsgemeinschaft einzelne Länder übermäßige Vorteile oder Nachteile.

Die Besonderheit Deutschlands: Es hätte in den 2010ern die Vorteile der Niedrigzinspolitik der EZB nutzen können, hat es aber nicht getan.

Nun zur Abstimmung. Wir haben uns heute einmal eine echte Minderheitenmeinung gegönnt und mit „eher ja“ abgestimmt, ohne dabei an dem Begriff „D-Mark“ zu kleben. Nur knapp 18 Prozent sagen derzeit „eindeutig ja“, weitere 5 Prozent „eher ja“, wie wir. Satte 63 Prozent sagen: auf keinen Fall.

Wir glauben, dass bei dieser Austritts-Panik zwei Faktoren eine Rolle spielen, die beide nicht rational sind: 1.) man teilt keine Positionen mit der AfD, wobei gegenwärtig die AfD bundesweit sogar mehr Stimmenanteile erhalten würde, als Menschen für den Euro-Austritt stimmen, also auch einige AfD-Wählerinnen müssen wohl dagegen sein. 2.) Wir müssen wieder an jeder Grenze Geld wechseln. Das ist irrational, denn die Nicht-Euro-Länder und deren Menschen haben bei Reisen in der EU aufgrund des heutigen bargeldlosen Zahlungsverkehrs mit sofortiger Umrechnung wenig Schwierigkeiten mit dem Reisen. Das wohl eklatanteste Beispiel dafür ist der sehr intensive Grenzverkehr zwischen Deutschland und Polen, das an seiner Währung Zloty festhält (und ökonomisch damit gegenwärtig sehr gut fährt).

Bei der Ausrichtung der europäischen Integration wurden enorme Fehler gemacht, die von nationalem Machtdenken verursacht wurden und vor allem der Strategie des Dreiecks Luxemburg-Paris-Brüssel entsprungen sind. Der gemeinsame Markt war richtig, aber bei der weiteren Verzahnung sind große Unwuchten organisiert worden, es fehlt an einem eindeutigen Plan und einem eindeutigen Bekenntnis, entweder wirklich gemeinsam zu gehen oder die Zügel wieder zu lockern.

Hingegen gibt es keine tragfähige gemeinsame Sicherheits- und Außenpolitik, wie sich bei jeder geopolitischen Fragestellung erneut zeigt. Immer wieder weichen Länder voneinander ab oder von der gemeinsamen Linie ab. Nicht selten sind dies gerade die Nicht-Euro-Länder, wie Ungarn.

Die europäische Schwäche in zentralen Fragen der Außenwahrnehmung kann man nach unserer Ansicht nicht durch eine auf zu schwachen Füßen stehende gemeinsame Währungspolitik ersetzen. Als Euro-Mitgliedsland kann man höchstens versuchen, Einfluss auf die Entscheidungen der EZB zu nehmen. Dass diese in Frankfurt sitzt, bedeutet aber nicht, dass Deutschland auch eine besonders starke Stimme bei der Geldpolitik hat. Es gab bisher keine deutsche EZB-Präsidentschaft, sondern den über viele Politikfelder hinweg sichtbaren Ansatz, dass die französisch-luxemburgische Linie in Brüssel dominiert und die EU-Politik stärker bestimmt, obwohl das ökonomisch und bezüglich der Größenordnung nicht gerechtfertigt ist.

Vielleicht haben Sie mitbekommen, dass kürzlich einige Staatschefs von Geberländern der EU sich zusammengefunden haben, um den Ausgaben-Expansionismus zu bremsen, der wiederum die oben genannte dominierende Macht in der EU privilegieren würde. Darunter waren auffälligerweise zwei EU-Länder, die insofern gute Europäer sind, als sie mehr in den EU-Haushalt einzahlen, als sie im Gegenzug durch Förderungen erhalten, aber nicht den Euro haben, und die – sic! – wirtschaftlich in den letzten Jahren relative Stärke gegenüber den Euroländern gezeigt haben.

Wir glauben, dass die EU in ihrer gegenwärtigen Gesamtaufstellung ohne Euro wirtschaftlich besser fahren würde, wir glauben aber auch, dass eine richtig akzentuierte Gemeinschaft, wenn sie wirklich gemeinsam handeln würde, selbstverständlich einen Größenvorteil hätte, mit der gemeinsamen Währung. Gerade kleine Länder, die wirtschaftlich gut dastehen, zeigen aber auch, dass Größe per se kein Argument ist, und von einer dominanten Stellung als Leitwährung der Welt, die eine gewisse Größenordnung voraussetzen würde, ist der Euro weit entfernt. Diese Position wird, wenn überhaupt, vom Dollar auf die Währung der neuen ökonomischen Supermacht China übergehen oder in ein mehr kollektives System von aufstrebenden Volkswirtschaften.

TH


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