70 Jahre Luftbrücke Berlin

Am 26. Juni 1948 starteten die ersten Flugzeuge, um die Westberliner aus der Luft zu versorgen, nachdem der sowjetische Staatschef Josef Stalin zwei Tage zuvor alle Zufahrtswege zu den Westsektoren hatte sperren lassen. Formaler Anlass der Blockade war die Einführung der D-Mark in den Westsektoren Berlins am 20.06.1948.

Heute erinnern wir mit dem folgenden Tagesschau-Video an diese Zeit, in der die Westberliner fast über Nacht von Feinden zu Freunden der Westalliierten wurden -und nach wenigen Jahren von Tätern zu Opfern.

http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-418687~player_branded-true.html

Meine Familie lebte damals nicht in Berlin, wir hatten keine Verwandten oder Freunde hier, ich bin doch ein gutes Stück nach dieser Zeit geboren. Aber für mich ist die Luftbrücke das im positiven Sinn emotionalste politische Ereignis überhaupt, mehr als der Fall der Berliner Mauer 1989, vergleichbar allenfalls mit der „Heimholung der 10.000“, der letzten Soldaten, die noch in sowjetischer Gefangenschaft waren, im Jahr 1955.

Berlin hat wahrlich eine besondere Geschichte und hier zu leben, ist schon besonders, wenn man sich dieser Geschichte immer bewusst ist. Diese Geschichte erzählt von großartigem Aufstieg und erkämpfter Einheit, von großen Kriegen und unfassbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit, aber dann auch von Solidarität und Widerstand in mehreren Formen. 1948, 1953, 1968, 1989. Zu diesen Ereignissen der Nachkriegszeit gibt es keine einfache politische Zuordnung und keine Generalerzählung, mit der man alles Menschliche, das sich dabei im Guten wie im Schlechten zeigte, ideologisch glattstreichen könnte. Natürlich gab es handfeste politische Interessen, welche hinter der Entscheidung zur Versorgung der Berliner mit zwei Millionen Tonnen an Gütern und einer Landung durchschnittlich alle drei Minuten standen, aber es war eine großartige Leistung, verknüpft mit bewegenden Geschichten und Schicksalen – und hat den Hungertod vieler Menschen verhindert.

Wenn man links denkt, muss man feststellen, dass die Solidarität, die damals viele Länder für viele andere Länder zeigten, heute nur noch eine Erinnerung ist.

Deutschland schafft es nicht einmal, das Entwicklungshilfeziel von 0,7 Prozent des BIP einzuhalten und stellt derzeit lediglich 0,52 Prozent seiner Wirtschaftleistung zur Verfügung, um Flucht und Vertreibung aus Krisengebieten vor Ort zu verhindern und wirtschaftliche Entwicklung zu stärken. Natürlich gibt es private und einzelnen politischen Kräften zuzuordnende Solidarität und fliegen humanitäre Organisationen in jene Krisengebiete, unterhalten also kleine Luftbrücken – aber gemessen an den heutigen Möglichkeiten einer reichen Welt ist das alles sehr wenig und wird überschattet durch Dutzende von Kriegen, Bürgerkriegen, Konflikten aller Art, in denen Staaten, die helfen könnten, in Wirklichkeit Partei sind – und von einer politischen Situation, in der sich bisher feste Strukturen und Bindungen nach 1989 noch einmal verändern – müssen.

Die Deutschen und damit natürlich die Berliner_innen müssen in unseren Tagen eine Entscheidung treffen, ob sie sich von der asymmetrischen und bedingungslosen Bindung an die USA lösen, welche symbolisch mit der Luftbrücke begründet wurde. Sie müssen entscheiden, ob sie die Stellung als Beschützte und politische Ziehkinder des Westens neu justieren und dabei mehr Eigenverantwortlichkeit und Friedensliebe zeigen wollen und ob sie dabei  noch einmal so beherzt sind wie 1948, als sie ihren Teil dazu beitrugen, dass die Luftbrücke gelingen konnte.

Dieses Mal läge der Mut darin, mit den Nachbarin in Europa einen aufgeklärten und humanistisch orientierten Weg zu gehen, aufmerksam gegenüber allen anderen Völkern und Menschen und deren berechtigten Interessen, einen Weg, der endlich auch Russland in eine erweiterte Wirtschafts- und neue Sicherheitsarchitektur einbindet. Auch das lehrt uns die Berliner Luftbrücke, obwohl es damals noch gerade gut ging: Der Aufwand dafür, die drei Westsektoren zu versorgen, war riesig und heute muss es andere Lösungen geben, als auf diese Weise Konstellationen zu befrieden oder deren Folgen zu mildern, die erst durch verbrecherische Taten wie den Angriffskrieg Deutschlands ab 1939 entstanden.

Wir wollen nicht die großartige, berührende Leistung dieser Luftbrücke vergessen, aber auch nicht, wie es dazu kam. Ich hoffe, im Geschichtsunterricht für junge Berliner_innen, die aus aller Welt hierherkommen, wird die Luftbrücke noch angesprochen, denn sie hat eine universelle, überzeitliche Bedeutung und erzählt davon, was machbar wäre, wenn wir es schafften, mehr Solidarität und weniger Egoismus in die Welt zu bringen.

TH

 

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