Der Buchmarkt ist im Arsch – warum bloß?

Lesewelt 2 / Kommentar 4

2018-06-24 KommentarDie neueste Studie zum Buchkauf- und Leseverhalten der Menschen in Deutschland, welche der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bei der GfK hat fertigen lassen, ist alarmierend. Allein zwischen 2012 und 2016 hat der Buchhandel 6,1 Millionen Leser_innen verloren. Wo liegen die Gründe?

Es ist offensichtlich, dass Medienangebote audiovisueller Art den heutigen Konsumenten aus vielen Gründen näher stehen. Im Beitrag zur Studie sind folgende Gründe für das veränderte Medienkonsumverhalten vor allem der jüngeren Zielgruppen genannt:

  • Zeitknappheit durch wachsendes Angebot an Freizeitaktivitäten
  • Aufmerksamkeitsdefizit durch „information overload“
  • Abhängigkeit von digitalen Medien
  • Verlust der Konzentrationsfähigkeit
  • wachsende Bedeutung von Videostreaming („Serienjunkies“); „es ist gesellschaftsfähig, Serien zu gucken statt Bücher zu lesen“ (Lippmann)
  • gesellschaftliche Rolle des Bücherlesens wird schwächer („Über Bücher wird nicht mehr gesprochen“)
  • die digitale (Arbeits-)Welt ist immer kürzer getaktet und setzt in wachsendem Maße die Bereitschaft zum Multitasking voraus.

Dabei muss festgehalten werden, dass es sich um eine Befragung handelt, also mithin um die Selbsteinschätzung der Befragten, nicht um eine wissenschaftliche Studie zur Medienkompetenz. Doch bemerkenswert ist es schon, dass viele sich selbst eine Abhängigkeit von digitalen Medien und einen Verlust der Konzentrationsfähigkeit zurechnen und dass ihre Wahrnehmung dahin geht, dass die gesellschaftliche Stellung des Buches schwächer wird. Über die Qualität der gekauften Bücher macht die Studie zumindest gemäß dem verlinkten Beitrag keine Aussage und auch nicht darüber, welche Genres noch im Steigen begriffen sind und welche nicht. Das heißt, diejenigen unter den Autor_innen, die es mental hinbekommen, zielgruppenorientiert zu schreiben, haben durch die Erkenntnisse aus der Befragung keine Anhaltspunkte für ihre künftige Tätigkeit gewinnen können – ebenso die Verlage.

Kurz scheint aber besser zu sein als lang. 

Als Blog-Autor kenne ich das. Ich wurde schon bewitzelt für einigermaßen differenzierte Beiträge, die jeder halbwegs intellektuell durchschnittliche Mensch locker lesen können müsste. Und genau das macht mich auch skeptisch gegenüber einem Schluss, der zum Beispiel hier gezogen wurde. Selbstverständlich soll man nicht am Publikum konsequent vorbei schreiben, aber Kurzgeschichten als Lösung der Buchkrise? Jeden Abend eine Kurzgeschichte aus einer Anthologie anstatt jeden Abend ein Romankapitel? Ist dies das Ei des Kolumbus?  Schon die Tatsache, dass ja die Streaming-Serien heute so exorbitant zulegen und Modelle wie Netflix tatsächlich zu funktionieren scheinen – ohne mich, zugegebenermaßen – sprechen vom Gegenteil, denn Serien sind ja auch in Kapitel, also Staffeln gepackte Filmromane.

Ich hätte übrigens nichts gegen diese Lösung, denn ich komme von der Textform Kurzgeschichte und möchte behaupten, dass ich und einige andere Autor_innen durchaus annehmbare Produkte dieser Form verfassen können. Wir könnten also und würden gerne. Wir finden aber keine Abnehmer dafür, das wird auch richtig gesehen. Viele Kleinverlage, die auf der großen Internetwelle der 2000er surften, sind längst Geschichte. Andere haben ihr Heil gegen die zu geringen Auflagen von Kurzgeschichten-Anthologien, selbst von thematisch und marketingmäßig sehr pfiffigen Büchern, darin gesucht, lieber ein Me-too-Anbieter im Romanbereich zu werden und damit ihr Alleinstellungsmerkmal in den Wind zu schießen. Ob’s funktioniert hat? Ich weiß es nicht im Einzelnen, aber mein überschlägiger Eindruck ist, ein richtiger Boost kam dadurch nicht zustande.

Diese Beobachtung spricht aber nicht für die Kurzgeschichte, denn die hat sich ja in Deutschland schon schlecht verkauft, als Langtexte noch nicht so vom rapiden Absatzverfall betroffen waren wie jetzt.

Das Lesen an sich ist also in der Defensive 

Wenn ich Merkmale wie geringe Konzentrationsfähigkeit und Überreizung durch audiovisuelle Medien anschaue, ist wohl klar, warum. Die Wirkungen einer fragmentierten Arbeitsswelt sind zwar ebenfalls nicht zu unterschätzen, aber ich sehe sie als nachrangig: Immer mehr Geld wird in Wellness gesteckt und es ist eine konzeptionelle Frage, keine zeitliche, ob man das Lesen zu seineb persönlichen Wellnessfaktoren rechnet. Außerdem arbeiten die Menschen in Deutschland pro Jahr durchschnittlich immer weniger, daher halte ich die Arbeitswelteinflüsse auch ein Stück weit für subjektive Wahrnehmung – geschuldet der mangelhaften Konzentrationsfähigkeit. Ich muss allerdings auch einräumen: Diejenigen, die vor allem vom Stundenabbau bei der Arbeit betroffen sind, sind zumeist nicht die Hochgebildeten, die noch etwas mehr lesen. Aber wir wollen uns hier nicht zu sehr verzetteln in Segmentbetrachtungen.

Sondern schauen, woher es kommt? 

Die Angriffe durch abstumpfende audiovisuelle Medien sind auch ein Angriff auf die Analysefähigkeit, auf die Intellektualität der Menschen im Allgemeinen. Und dass es mächtige Interessengruppen gibt, die genau das wollen, dass Menschen die Fertigkeit des Nachdenkens über verlieren, ist für mich nicht im Ansatz streitig. Das Dumme ist – eine vorgeblich linke und egalitäre Bildungspolitik spielt diesen gegen jede Solidarität und sogar den Frieden gerichteten Interessen hervorragend in die  Hände.

Weil diese Industrie lauter Ballerspiele produziert, die dann vor allem in den USA zu Massenerschießungen führen? 

Das ist nur ein Aspekt. Gewalt im Film kann eine kathartische Wirkung haben, aber nicht, wenn man sie jeden Tag und jeden Tag stundenlang anschaut oder, ein ganz wichtiger Unterschied, selbst per Joystick ausübt und dadurch eine Suggestion von Macht und Kontrolle aufbauen kann, die man im wirklichen Leben nicht hat, sondern nur als temporäres Schockerlebnis und mit der klaren Botschaft des ausgeliefert seins verbunden.

Was ich meine, fängt aber viel früher an. Ich bin im Thema Schulbildung nicht mehr so drin – mich hat beinahe der Schlag getroffen, als ich gelesen habe, dass Kindern heutzutage Lesen und Schreiben „nach Gehör“ beigebracht wird, damit sie sich nur ja nicht anstrengen und eine intellektuelle Leistung wie die korrekte Abfassung von Wörtern Buchstabe für Buchstabe vollbringen müssen, wenn sie anfangen, sich schriftlich zu äußern. Diese Methode ist für mich sinnbildlich für eine komplett verfehlte Bildungspolitik, die eine Angleichung nach unten anstatt eine Anhebung der Lernfähigkeit und der Lernlust Schwächeren zur Folge hat und gleichzeitig die lernfähigeren Kinder frustrieren muss.

Und natürlich wirkt sich dieser rudimentäre Zugang zur Sprache, der sich in einer überall wahrnembaren massiven Abnahme der Schreibfähigkeit äußert, negativ auf den Konsum von Leseprodukten aus. Wer nicht mehr richtig schreiben kann, wird sich wohl kaum an einen 600-Seiten-Wälzer heranwagen, auch wenn der noch so toll geschrieben ist und in jeder Hinsicht erkenntnissteigernd und ein Bonus für den Spaß am Entdecken, am Assoziieren und auch am Analysieren.

Die Bildungspolitik in Deutschland ist für mich die Hauptursache für den Rückgang der Buchverkäufe. Schon klar, Lehrer_innen haben heute andere Möglichkeiten als in meiner Kindheit, als die ersten Reformpädagogen gerade erst die Arbeit aufnahmen, Kinder „abzuholen“ und sanft ans Lernen heranzuführen, aber lernen müssen sie, da hilft keine teambildende, das freie Plappern stärkende Projektarbeit als Ersatz.

Es gibt Grundformen des Lernens, die man nicht einfach abschaffen kann, wenn man nicht geistige Tiefflieger en masse als Ergebnis haben will. Die konfektionierten heutigen Studiengänge sind dann die nächste Stufe des Desasters. In ihnen gefangen, hat man wirklich keine Zeit mehr, sich gedanklich zu erheben und geistig zu erweitern, alles ist den Interessen der Industrie untergeordnet, die so gerne menschliche Robototer für  Tätigkeiten hätte, die von Maschinen noch nicht übernommen werden können. Menschen, die so ausgebildet werden, sind aber viel anfälliger dafür, von Maschinen ersetzt zu werden als jene, die noch eigenständige geistige Leistungen erbringen können.

Ich konzentriere mich im Folgenden auf diesen Hintergrund, weil ich ihn als besonders wichtigen Faktor ansehe, wenn es darum geht, den Niedergang des Buches zu analysieren. Es ist nicht der einzige, aber ich bin der Ansicht, alle anderen hängen mit ihm zusammen.

Also spielt Inklusion dem Kapital in die Hände, um es pointiert zusammenzufassen?

Die Inklusion habe ich noch gar nicht erwähnt. Aber ich gehe davon aus, dass die oben erwähnte „Lernmethode“ fürs Schreiben auch mit inklusiven Ansätzen zu tun hat, wie sie heute gelebt werden. Nämlich so, dass nicht etwa mehr Geld in die individuelle Förderung investiert wird, sondern alle und alles in einen Topf geschmissen wird und uns verkauft wird, das sei förderlich für die sozialen Fähigkeiten der Kinder.

Dabei ist die oben erwähnte Schreib-Lernmethode, die ja gar kein richtiges Schreiben zustande bringen kann, komplett kontra-integrativ. Gerade Kinder mit Migrationshintergrund, deren direkte Vorfahren oft überhaupt nicht lesen und schreiben können, die auch die Aussprache des Deutschen nicht beherrschen und die keinerlei Zugang zum Spaß an Bildung an ihre Kinder vermitteln können, ihr gebrochenes Deutsch ist das, was ihre Kinder meistens zu hören bekommen.

Aber man kann, man darf doch diese Kinder nicht ür ihr Leben stigmatisieren, indem man diese mindere Sprachbeherrschung noch in der Schule bewusst perpetuiert, diesen Kindern nicht einmal dort vermittelt, was notwendig ist – zum Beispiel so zu schreiben, dass die Herkunft aus „bildungsfernen Schichten“ nicht sofort negativ auffällt, sondern Kinder wirklich gleiche Chancen erhalten.

Mittlerweile sind wir allerdings schon so weit, dass es die besondere Kurznachrichtenprache gibt, die sogar höher Gebildete ins Niedrige zieht, weil die Halb-Analphabeten keine andere Möglichkeit der Selbstbehauptung sehen, als ihre Art von Sprachverwendung als voll cool zu deklarieren. Und da diejenigen, die es besser können, ja nicht als Spießer und irgendwie nicht aufgeschlossen gelten wollen, läuft auch der Alltags-Nachrichtenverkehr zwischen Jugendlichen auf einer Ebene ab, bei deren Anschauen oder Anhören  sich mir der Magen umdreht. Okay, manchmal finde ich es auch witzig und bilde mir ein, diesen Schrieb und Sprech durch Beobachtung bis zu einem gewissen Grad nachbilden zu können, aber das Lesen echter Texte fördert er gewiss nicht.

Gibt es wirklich einen Zusammenhang zwischen Herkunft und Buchkaufverhalten?

Man möge mich bitte nicht auf den Arm nehmen, indem man dies negiert. Leider habe ich die Empirik auf meiner Seite. Im Rahmen meiner Arbeit als Baugutachter für eine Bankengruppe hatte ich viele Häuser und Wohnungen von außen und von innen anzuschauen. Von Neubauten bis zu sanierten Altbauten, auf dem Land und mitten in Berlin-City. Dass bestimmte Milieus keine Büchersammlungen haben, wusste ich vorher, das hat mich nicht überrascht. Wie wenige Hochverdiener noch lesen, hingegen schon. Aber ich würde es, wenn ich sehr religiös wäre, auf die Bibel schwören: Ich habe in kaum einem Migrantenhaushalt ein Buch gesehen. Hingegen regelmäßig Bildschirme, die ganze Wände einnahmen, welche dann natürlich für Bücherregale nicht zur Verfügung standen.

Das ist ja schon beinahe rassistisch.

Das sind Beobachtungen, die sich übrigens auch durch die Angaben in verschiedenen Bildungsmonitoring-Studien erhärten lassen. Und ich richte mich keineswegs gegen diejenigen, die sich auf diese Weise selbst intellektuell vernachlässigen, weil sie es zuhause und in der Schule nicht anders erfahren haben, dass Bildung weg kann – und damit auch nicht dagegen, dass sie Status nur durch möglichst viel Konsum erlangen können, nach eigener Ansicht, und uns damit die ökologische und soziale Progression erschweren.

Ich bin wütend auf eine Bildungspolitik, die auf diese Weise Segmentierung und ein Auseinanderfallen der Gesellschaft fördert und eben nicht Solidarität und Inklusivität stärkt. Das Wort Inklusion mag ich gar nicht mehr verwenden, weil es für mich mittlerweile sinnbildlich für ein Desaster von Gleichmachungspolitik darstellt. Wirklich mitnehmende Bildungspolitik kann für mich nicht so aussehen, dass alle verlieren, die das Pech haben, in diese ideologisch unterlegte Tretmühle zu geraten, aus der man möglicherweise dümmer rauskommt, als man reingegangen ist.

Sondern?

Gegliedertes Schulsystem, von mir aus gerne an einem Ort zusammengefasst mit sehr starker und mit großzügigen Mitteln ausgestatteter Individualförderung und hoher Durchlässigkeit. Ich bin auch aus meiner Erfahrung als Sporttrainer heraus der festen Überzeugung, dass es Kindern mehr taugt, wenn sie aufgrund verbesserter Leistungen in eine höhere Gruppe wechseln können, und sei es, auf die Schule bezogen, nur in einem oder zwei Fächern, als wenn alle auf niedrigstem Niveau gemeinsam herumkrebsen oder dasitzen – und so gut wie nichts lernen, weil diejenigen mit der niedrigsten Aufmerksamkeitsspanne das Geschehen bestimmen.

Vor einiger Zeit lernte ich eine Frau mit Migrationshintergrund kennen, die gerade eine Reha-Maßnahme absolvierte, weil sie aus körperlichen Gründen ihren anstrengenden Job als Köchin nicht mehr ausüben konnte. Sie gehört zu jenen, die vom betreffenden Träger, dem Arbeitsamt oder der Rentenversicherung, mit massiven Fördermitteln nun die Chance hat, sich zur Kauffrau für Bürokommunikation umschulen zu lassen. Die Gesamtfördermittel ex Lebensunterhalt in jenen insgesamt drei Bildungsjahren beziffere ich  mit mindestens 25.000 Euro. Aber es ist für mich komplett okay, weil diese Frau eine Chance erhält, ihre Bildungsdefizite im sprachlichen Bereich im Alter von etwa 40 Jahren und trotz ihrer weiteren Aufgaben als zweifache Mutter noch beseitigen zu können. Ich mag diese Frau sehr, eine wahrhaft tapfere und starke Person, die das auch hinbekommen wird, davon bin ich überzeugt. Aber sie hat mir auch von ihrer Dorfschule in Ostanatolien erzählt, wo sie aufgewachsen ist und wie dort 80 Kinder in einer Klasse zusammengepfercht waren und nach vier Jahren herauskamen, ohne ihre eigene Sprache vollkommen in Wort und Schrift zu beherrschen – wie also erst mit einer Fremdsprache, die zudem nicht ganz einfach ist?

Wenn wir uns also das Ausgangsbildungsniveau vieler Immigranten als Maßstab für die hiesige Bildungspolitik zu eigen machen, brauchen wir uns nicht über den Rückgang der Buchverkäufe und andere kulturelle und auch politische Schleifspuren zu wundern. Denn auch die Erkenntnisfähigkeit bezüglich politischer Zusammenhänge ist mit dem Bildungsniveau verknüpft. Einfacher ausgedrückt, AfD-Wähler_innen haben den geringsten Durchschnitts-IQ innerhalb der Wählerschaft aller größeren Parteien. Ich musste eher grinsen, als ich eine dies ausweisende Grafik sah, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie das realistisch ermittelt werden soll, aber die Erzählung, die damit transportiert wird, halte ich für relevant.

Und diese Bildungspolitik, die soziale Unterschiede manifestiert, welche von jenen Menschen, die aus Häusern mit wenig Bildungshintergrund kommen, nur mit allerhöchster intrinsischer Motivation und hoher Frustrationstoleranz überwinden können, halte ich für nicht links, sondern für zutiefst und in bedrückendem Maße ungerecht. Zumal es einen Hautgout gibt, den ich ebenfalls aus eigener Anschauung kenne: Dass nämlich alle Eltern, die ein paar Euro übrig haben, also nicht zu den Geringverdienern zählen, der Inklusion etwas husten und ihre Kinder auf Privatschulen entsenden, wo die Lerngruppen deutlich homogener sind. Dies verstärkt noch die Probleme an öffentlichen Lernanstalten und lässt sie, wenn die heutige Entwicklung andauert, zur bildungsmäßigen Resterampe werden.

Welch ein Begriff – Unwort des Jahres 2019? 

Sicher nicht, wenn ich ihn allein verwende, aber um vielleicht doch den einen oder anderen Ideologenschädel zu erreichen, muss man pointieren. Ich will einen ganz anderen Weg, der dieses Abwandern aus den öffentlichen Schulen seitens der Kinder von Bessergestellten obsolet machen soll. Nein, nicht die Privatschulen verbieten, damit wir gar keine Leistungsträger mehr haben, die unsere Renten bezahlen, sondern das öffentliche Bildungssystem wieder konkurrenzfähig machen, was es während meiner Schulzeit eindeutig, sehr eindeutig noch war. Bei uns sind diejenigen nach Salem abgegangen, die es an der öffentlichen Penne nicht geschafft haben. Jeder von uns wusste, die werden dort mit viel Geld so gepäppelt, dass sie irgendwie durchs Abi kommen, aber damit hatten sie uns staatlich Ausgebildeten nichts voraus – außer ihre Connections, aber die sind ein anderes Thema, das zu weit vom Leseverhalten wegführt.

Wir haben in Berlin mittlerweile einen Anteil von 45 Prozent Schülern mit Migrationshintergrund, aus, glaube ich, über 100 verschiedenen ethnischen Gruppen. Wenn wir in der nächsten Generation nicht einen Zusammenbruch der durchschnittlichen Intellektualität und damit möglicherweise auch schwerwiegende Folgen nicht nur für den Buchmarkt, sondern auch für die gesamte Ökkonomie, wenn wir nicht, wenn die Babyboomer-Generation das Berufsleben verlässt, zum Dritte-Welt-Land werden wollen, muss endlich eine realistische und beherzte, investitionsstarke Bildungspolitik installiert werden, die individuelle Förderung und nicht Inklusion hin zum Minimum in den Mittelpunkt stellt.

Wie oben geschrieben, ein gegliedertes Schulsystem kann viel flexibler und intelligenter moderner und damit auch inklusiver gestaltet werden als die Version, in der ich groß geworden bin und die in der Tat dazu geführt hatte, dass wir auf Hauptschüler_innen ein wenig herabsahen und kaum Kontakt mit ihnen hatten – wobei jedoch in der sechsten Klasse viele Schüler aus Realschulen zu uns kamen, die ursprünglich keine Empfehlung fürs Gymnasium erhielten, hingegen ein „Orientierungsjahr“ durchliefen und bei guten Leistungen in diesem Jahr eine Form höher wechseln durften. Einer meiner besten Freunde in der Mittel- und Oberstufe kam von einer Realschule und hat eines der besten Abiture in meinem Jahrgang gemacht, mit besonders guten Noten in den an meiner Schule präferierten MINT-Fächern. Ich denke, dass er zunächst nicht berücksichtigt wurde und dann doch aufgestiegen war, hat ihm eine gewisse Sondermotivation verliehen.

Eine wirklich gute und integrierende, motivierende und Menschen an die Kultur des Lesens und an jede Form von Kultur heranführende Bildungspolitik ist teuer, darüber gibt es keinen Zweifel. Ich schätze, dass Deutschland seinen Bildungsausgaben-Anteil am BIP um 50 Prozent erhöhen müsste, um eine wirklich gleiche Chancen gewährende Schulbildung auf die Beine zu stellen. Aber das muss endlich, anstatt beispielsweise die Rüstungsausgaben zu erhöhen! Ich will es nicht tolerieren, dass Menschen zurückbleiben, ihr Leben lang frustriert sind, nur abstumpfende Freizeitbeschäftigungen kennenlernen und – dadurch auch Gefahr laufen, in die Schattenwirtschaft zu rutschen, die ihnen als einzige noch Jobs bieten kann, bei denen es überhaupt nicht auf den Bildungsgrad ankommt.

Hinzu tritt, dass die aktuelle Schüler_innengeneration bei weitem nicht mehr die starken Jahrgänge aufweist wie vor einigen Jahrzehnten, sprich, während meiner Schulzeit. Damit die kulturelle und ökonomische Leistungsfähigkeit des Landes und damit seine Sozialsysteme erhalten werden können, muss mit den heutigen Schüler_innen besonders sorgsam und bildungsfördernd umgegangen werden. Und, nein, die Roboter werden das nicht alles regeln für die Menschen und selbst wenn sie es tun oder gerade dann, wäre es nicht schlecht, wenn sie nicht zu registrieren hätten, wie dumm die Menschen geworden sind und was man daraus als intelligente Maschine alles machen könnte.

Polemik ist nicht strafbar, die Intention wurde verstanden. Das veränderte Buchkauffverhalten ist also ein gesamtgesellschaftliches Problem, das mit einer veränderten Sozial- und Bildungsstruktur einhergeht? 

Es ist nicht die ethnische Verortung an sich, das möchte ich ausdrücklich betonen. Es ist unsere Nachlässigkeit gegenüber den Defiziten im Bildungsbereich im Allgemeinen. Es gibt genug „Biodeutsche“, die auch nicht besser dastehen, damit das nicht schon wieder missverstanden wird. Und es gibt viele schöne Storys von Aufsteiger_innen mit Migrationshintergrund. Jedoch verfügen wir auch durch intensives Monitoring auch über Durchschnittswerte, und die sprechen leider eine deutliche Sprache und ich knicke es mir jetzt, die Ethnien zu benennen, die dabei besonders schlecht abschneiden, obwohl dies ja ein längerer Beitrag ist, den ebenjene vom Bildungskahlschlag Betroffenen nicht bis diesem Punkt lesen – können – dürften.

Mein linkes Denken geht dahin, dass wir nur noch oder wenigstens überwiegend schöne Stories von guter Bildung, von Selbstermächtigung, vom Wunsch nach Erkenntnis und Erweiterung der eigenen Person und einem dadurch erfüllteren – und notabene friedlichen und anderen Menschen zugewandten – Dasein und nicht so viel Scheitern an einfachsten Anforderungen sehen, das gewaltiges Frustpotenzial hervorbringt. Mentale Anforderungen nicht einmal einbezogen, die bei stark eingeschränktem intellektuellem Raumblick ebenfalls schwerer zu bewältigen sind.

Ich sehe immer wieder in der U-Bahn Menschen, auch jüngere, die lesen, etwa im Verhältnis 1:50 gegenüber jenen, die an ihren Handys daddeln – das Verhältnis mag auf anderen Linien als meiner Stammlinie nach oben oder nach unten abweichen. Manchmal mache ich etwas Akrobatik, um die Titel der Bücher erkennen zu können. Hochliteratur ist selten darunter, aber doch Werke, die immerhin weiterführen können, wer einmal liest, so hoffe ich, der bekommt irgendwann Lust auf Besseres.

Vergleichsweise häufig wird übrigens Fachliteratur studiert, die natürlich auch weiterführt. Ich bin froh, wenn jemand liest. Und dann gibt es noch ein paar sehr ruhige und manchmal in Sicherheit lebende Beamt_innen mit Ledermappe auf dem Schoß, die in einer Zeitung lesen. Dass sie dabei etwas altklug gucken, liegt schlicht daran, dass sie meist etwas älter sind. Aber dies sind jene Menschen, deren Wohnungen in der Regel mit Büchern ausgestattet sind. Sie sind in unserer heutigen Zeit Privilegierte, die noch relativ gut ausgebildet wurden und die innere Auf- und Einstellung haben, am persönlichen Erkenntnisgewinn durchs geschriebene Wort zu arbeiten. Ich, der ich mich überwiegend anhand der Online-Präsenzen und damit einem gekürzten und eingeschränkten Angebot ebenjener Zeitungen informiere, bin da schon zurück. Ich schreibe aber noch nicht mehr, als ich lese.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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