Im Reiche des goldenen Condor (Treasure of the Golden Condor, USA 1953)

Filmfest 2

Fluchtpunkt Guatemala

Frankreich, im 18. Jahrhundert. Der junge Jean-Paul ist der Sohn des verstorbenen Marquis von St. Malo. Da er jedoch nicht beweisen kann, dass seine Eltern verheiratet waren, wird er von seinem Onkel um Titel und Erbe betrogen und wie ein Leibeigener gehalten. Nach endlosen Schikanen flieht Jean-Paul und fährt mit dem Abenteurer MacDougal nach Guatemala, um dort einen sagenhaften Schatz zu suchen, mit dessen Hilfe er seine Ansprüche durchsetzen will (Inhaltsangabe: MDR).

Nach längerer Zeit habe ich mir mal wieder einen Abenteuerfilm aus den 1950ern angeschaut, aber die besten davon oder wenigstens die berühmten kenne ich vermutlich schon. Ich hatte das nicht mehr in Erinnerung, aber Regisseur Delmer Daves hat beispielsweise „Der gebrochene Pfeil“ („The Brocken Arrow“, 1950) inszeniert, der als einer der ersten den Native Americans freundlich gesonnenen Western gilt. Dort allerdings hatte James Stewart die Hauptrolle und ein Film mit James Stewart ist nie schlecht, weil eben James Stewart darin mitspielt.

„Im Reiche des goldenen Condor“ hingegen hat mich nur ein einziges Mal ein wenig aus der Distanz genommen – in der Schlussszene, in welcher Jean-Paul nach Guatemala zurückkehrt und Clara McDougal in die Arme schließt. Und das vermutlich nur, weil Constance Smith eine gewisse Ausstrahlung entwickelt, obwohl man ihr nie die Zeit gibt, ein wenig länger in die Kamera zu schauen oder sich von ihr beobachten  zu  lassen, damit sie ihre Rollenpersönlichkeit besser entwickeln kann. Außerdem ist mir noch das prägnante Spiel von Leo G. Carroll als Raoul Dondel aufgefallen, aber für ihn gilt, was für Stewart bei den Hauptrollen gilt: Er macht jeden Film durch sein Anwesenheit besser – natürlich nicht in dem Maß, wie der Darsteller des Protagonisten es kann. Dass Maria, die Gräfin von Saint Malo, von Anne Bancroft („Die Reifeprüfung“) gespielt wird, hätte ich nicht ermitteln können, weil sie schlicht anders aufgemacht ist, eben dem Technicolor-Kino der frühen 1950er entsprechend.  Aber sie spielt schon einen eher unguten Charakter als materialistische und verräterische Person.

Der Plot des Films ist nicht dumm und recht fortschrittlich, mit seiner Aussage, lieber bei den Maya-Nachfahren bleiben zu wollen als sich in Frankreich mit Geld und Titel weiter den Charakter verderben zu  lassen – und man hat wirklich mit Indios in Guatemala gedreht, die Szenen sind sehr pittoresk. Das habe ich von der 20th Century Fox, damals eine besonders progressive Hollywood-Firma, auch erwartet. Allerdings ist das Werk noch nicht in Cinemascope gedreht, obwohl dieses Breitwandverfahren im selben Jahr von der 20th Century Fox eingeführt wurde und lange Zeit das die führende Technik auf dem Gebiet der Bildverhältniserweiterung bleiben sollte.

Warum hat mich der Film nicht mitgerissen? Obwohl viele weitere bekannte Nebenrollendarsteller zu sehen sind, Gesichter, die man aus der Zeit kennt, obwohl die Idee sehr romantisch, sozialkritisch und abenteuerlich ist, fehlt auf allen Ebenen einiges. Das Spiel ist, abgesehen von den oben herausgehobenen Darsteller_innen, bestenfalls routiniert zu nennen, die Dialoge sind steif und nicht sehr elaboriert und dem entspricht leider auch die visuelle Inszenierung. Manche Momente sind auch schlecht getimt und hätten mehr ausgespielt oder eine bis zwei Sekunden früher geschnitten werden müssen.  Dadurch hat der Film wenig Drive und nicht diese suggestive Wirkung, die manche Regisseure solchen sperrigen Stoffen durchaus zu geben wissen. Hinzu kommt, dass diese Grundidee sich gut geeignet hätte, um die Zeitstruktur nicht schlicht chronologisch zu gestalten, sondern zum Beispiel von einem entscheidenden Moment, vielleicht im Gefängnis, wo Jean-Paul ja Zeit hat, über das, was bereits geschah, zu reflektieren, eine Rückblende in Gang zu setzen.

Dass ein so plan gestalteter Film, den wirklich jeder ohne Erklärungen verstehen kann, auch noch einen Narrator braucht, der hier von der Hauptfigur gestellt wird, wie es seit den Films noirs der 1940er zuweilen vorkam, die aber viel komplexere Plotstrukturen entwickelten, verstärkt den Eindruck, dass hier ohne große Ambitionen dahingehend, das Visuelle, also das Kinematografische so zu gestalten, dass  ein Erzähler überflüssig wird, einfach heruntergedreht wurde. Demgemäß haben die Einzelszenen in sich auch kaum Dynamik, sind teilweise geradezu Standbildern ähnlich, nicht nur die Gesamtdramaturgie wirkt also statisch.

Cornel Wilde geht nur einmal aus sich heraus – als er vor Gericht die Rede gegen die Leibeigenschaft hält. Für die Rede natürlich ein Pluspunkt, aber sie wirkt in ihrer Emotionalität wie aus dem übrigen Film gefallen und man merkt allzu deutlich, dass humanistische Botschaften in besseren Mantel- und Degenfilmen wie „Scaramouche“ (1952) zum guten Ton gehörten – wie auch die Einstellung als solche, die zwar nicht revolutionär war, sondern Probleme mit dem Verhalten des Adelsstandes eher auf individuelle Schwächen einzelner Angehöriger zurückführte als und nicht so sehr auf den Ständestaat als System der Unterdrückung. Es wird nicht erwähnt, aber gemäß den Kostümen sollte die Handlung im späten 18.  Jahrhundert,  kurz vor der französischen Revolution, angesiedelt sein.

Bei alle Folklore mit Indios, keiner von ihnen gewinnt Eigenpersönlichkeit, bestenfalls dürfen sich die Frauen als bunt angezogene Krankenschwestern mit Blumen im Haar hervortun – und dass die Weißen in den Tempel marschieren und den Schatz einfach mit nach Europa nehmen wollen, um sich dort alte Träume zu erfüllen oder alte Rechnungen mit neuem Reichtum zu begleichen, scheinen die Nachfolger der stolzen Maya-Kultur auch ganz okay zu finden. Szenen wie der Angriff der feindlichen Indios auf dem Weg zu den guten Indios vom See werden so ausgeführt, dass sie ziemlich verpuffen, aus einer Minigruppe von drei Personen auf Schatzsuche ohne Gepäck und Behältnisse für ebenjenen wird plötzlich eine Großexpedition und im Tempel kommt es ebenso plötzlich zu einem Erdbeben. Man könnte sich denken, die alten Götter sind sauer, dass der Schatz geklaut wird, aber gesagt wird es nicht und die Räuber, die sich später à la Bounty-Meuterer dazu entschließen beim mehr natürlichen Volk und in guter Höhenluft zu bleiben, überleben das Erdbeben Trotzdem hatte ich den Eindruck, die Schatzfundszene hat spätere Filme inspiriert, wie etwa Philippe de Broca im grandiosen „Abenteuer in Rio“ (1964), wo sie ein ähnlicher Moment aber sehr doppelbödig angelegt ist.

Fazit

Es werden kaum noch Filme aus jener Kino-Epoche gezeigt und dann meiste die, die man sowieso kennt. Daher ist jede Neuentdeckung ja auch spannend  und eine Art Schatz. Und ich kenne trotz vieler Jahre Befassung mit dem  Medium auch viele wichtige Filme noch nicht. Bezüglich „Im Reiche des  goldenen Condor“ kann man festhalten, er hat ein paar Elemente, die ihn durchaus individuell erscheinen lassen, aber wichtig und ein tolles Kinostück ist er nicht, obwohl er thematisch versucht, übers rein Unterhaltende hinauszukommen. Das Hinauskommen und auch das Unterhalten gelingen nur mäßig.

Beim deutschen Titel war ich versucht, zwei Änderungen vorzunehmen, weil er fehlerhaft ist, aber mich dann doch davor bewahrt, weil er in allen gesichteten Quellen so geschrieben wird wie oben wiedergegeben. Einen Condor sieht man leider während des gesamten Films nicht, weder im Flug noch nistend.

Die Leibeigenschaft bestand in Frankreich bis 1789, in Deutschland gab es dazu in den einzelnen Territorien unterschiedliche Regelungen und Entwicklungen, aber bis 1814 waren alle Gebiete frei vom Eigentum an Menschen.

54/100

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

Cornel Wilde     …            Jean-Paul

Constance Smith         …            Clara MacDougal

Finlay Currie      Finlay Currie      …            MacDougal

Walter Hampden            Walter Hampden            …            Pierre Champlain

Anne Bancroft  Anne Bancroft  …            Maria, Gräfin von St. Malo

George Macready          George Macready          …            Marquis von St. Malo

Fay Wray             Fay Wray             …            Annette, Marquise de St. Malo

Leo G. Carroll    Leo G. Carroll    …            Raoul Dondel

Konstantin Shayne         Konstantin Shayne         …            Pater Benoit

 

Regie – Delmer Daves

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