Rebecca – Tatort 971 / Crimetime 4 // #Tatort #TatortKonstanz #Blum #Perlmann #SWR #Tatort971

Crimetime 4 - Titelbild © SWR, Stephanie Schweigert

Syndrom und Heilung

Ein Mädchen wächst ohne Konakt zu einer „normalen“ Außenwelt, als Gefangene eines kruden Sondersystems auf, in dem sogar der Kalender neu erfunden wird. Dann ermittelt das Konstanzer Kriminalteam so lange, bis sich die Parameter verschieben und können das Schicksal eines weiteren Mädchens aufklären.

Mit Alfred Hitchcocks Film „Rebecca“ hat der Tatort 971 doch nichts zu tun, aber das war eingangs unserer Vorschau mehr eine Assoziation als eine Ähnlichkeitsvermutung. Der Fall Natascha Krampusch wird wohl jedem in den Sinn kommen, der sich den Tatort „Rebecca“ anschaut, allerdings gibt es zu diesem einige wesentliche Unterschiede, auch auf diese werden wir in der -> Rezension eingehen.

Handlung 

Rebecca ist 17, als die Polizei sie neben der brennenden Leiche eines Mannes findet. Sie ist nicht ansprechbar, weiß noch nicht einmal, dass sie eigentlich Rebecca heißt. Denn als Zweijährige wurde sie entführt und seitdem von dem Toten, Olaf Reuter, gefangen gehalten. Das Mädchen war einem perfiden System ausgesetzt, mit dem Reuter sie zu einer pseudoreligiös auf ihn fixierten Fanatikerin erzogen hat, die nicht fähig ist, sich mit Fremden zu verständigen. Auch nicht, um Klara Blum und Kai Perlmann mitzuteilen, wie Reuter starb – oder was es mit den Spuren eines weiteres Kindes auf sich hat, die in Reuters Haus gefunden wurden.

Weder Klara noch Psychologin Prof. Schattenberg gelingt es, einen Zugang zu Rebecca zu finden. Nur auf Kai Perlmann reagiert sie, er ist für sie ihr neuer „Erzieher“. Perlmann fühlt sich in dieser Rolle unwohl. Denn Rebecca muss geschützt werden – aber Klara Blum und Perlmann müssen herausfinden, ob nicht noch in zweites Mädchen in Reuters sadistischer Gewalt war.

Eigenwerbung ARD: Der von Marco Wiersch geschriebene „Tatort: Rebecca“ konfrontiert Klara Blum und Kai Perlmann mit psychischen Grenzsituationen, in denen sich besonders Perlmann beweisen muss. Intensiv und anrührend beschäftigt sich der Film mit den Auswirkungen eines religiös verbrämten Extremismus, exerziert an dem jungen Mädchen Rebecca. In der Inszenierung des jungen Regisseurs Umut Dag verkörpert Gro Swantja Kohlhof beeindruckend eindringlich die verstörte und verstörende Titelfigur. 

Rezension

Vor allem wurde das Mädchen Rebecca, das von seinen „Erziehern“ in „Brut“ umbenannt wird, schon im Alter von zwei Jahren entführt. Das ist sogar ein großer Unterschied zum Fall Krampusch, in dem Natascha bereits zehn war, als sie in die Hände des Přiklopil geriet, der sie 3096 Tage einsperrte. Diese unvorstellbare Dauer einer radikalen Freiheitsberaubung ist nur die Hälfte der Zeit, welche „Rebecca“ in den Händen ihrer Peiniger verbracht hat. Und vor allem umschließt diese Zeit, anders als bei Krampusch, einen Teil der frühkindlichen Prägungsphase und die Möglichkeit, manipulativer Personen, die Erinnerungen eines Kindes an seine Familie weitgehend zum Erlöschen zu bringen bzw. komplett ins Unbewusste zurückzudrängen.

Hospitalismus, Deprivation, Kaspar Hauser-Syndrom und die Formulierung „Wolfskind“ sind wichtige Begriffe, mit denen die Symptome, die man an der nun 17jährigen Rebecca wahrnimmt, umschreiben kann. Diese Figur, die der Film so zentral stellt wie kaum ein jüngerer Tatort ein Opfer, wird von Gro Swantje Kohlhof derart intensiv verkörpert, dass die emotionale Einbindung des Zuschauers funktioniert – bei uns war das zumindest so. Das Drehbuch eröffnet Möglichkeiten, weil es sich Zeit für die Figuren nimmt, die junge Schauspielerin nutzt diese Zeit, um uns ein besonderes Schicksal näher zu bringen.

Auch ihr „Gegner“, der „erste Erzieher“, wird von Klaus Manchen in zwei Szenen so gut verkörpert, dass wir zwischen Fassungslosigkeit und dem Hochsteigen echter Aggresivität gependelt sind – wie Klara Blum im Verhör, ohne dass wir auf die Hilfestellung durch ihre entsprechende Mimik angewiesen waren. Im Verlauf des Films identifiziert Rebecca Klaras Kollegen Kai Perlmann als neuen, also insgesamt dritten „Erzieher“. Dadurch erhält dessen Darsteller Sebastian Bezzel wiederum die Chance, sich auf eine Weise in den Vordergrund zu spielen, die ihm bisher selten vergönnt war.

Das macht er gut, aber man sieht auch einige Momente, in denen er so gefordert wird, dass seine Grenzen erreicht werden. U. a. die in der Tat nicht einfache Umarmungsszene hätten wir uns von seiner Seite noch einmal dichter und differenzierter gespielt vorstellen können. Dass Klara Blum ihm später eine knallt, weil sein Verhalten etwas in ihr triggert und es außerdem so wirkt, als ob er seine Rolle zu sehr annimmt und damit zu nah an die vorherigen „Erzieher“-Figuren heranrückt, ist wiederum stark und überraschend.

Schön wird der Konflikt zwischen Ermittlung und Opferschutz ausgearbeitet. An der Figur der Psychotherapeutin hatten wir einige ungelöste Fragen, und Eva Mattes als Klara Blum hat bei diesem Tatort ebenfalls nicht immer einen stimmigen Part zu spielen, verliert zu häufig ihre viel gerühmte, dezent-aufmerksam ausgedrückte Empathie, aber er weiß schon, was ein Geschehen wie dieses in einer Kommissarin triggert, die ihren Mann durch gewaltsamen Tod im Dienst verloren hat? Außerdem muss ja der Konflikt durchgespielt werden. Die möglichst schonende Behandlung von Rebecca und der Druck, ein zweites gefangenes Mädchen eventuell noch leben aufzuspüren, stehen gleichrangig nebeneinander und bedingen ein Vor und Zurück, eine nicht immer funktionierende Abwägung, und das erscheint insgesamt glaubhaft.

Gerade in der sehr langen Zeit, die das Mädchen Rebecca in einem System verbracht hat, das eigens für sie erdacht wurde, um sie in maximaler Abhängigkeit zu halten und sie gegenüber der „Außenwelt“ negativ einzustellen, liegt allerdings auch das Hauptproblem des Films, das auf einer allgemeinen Ebene die Grenzen des Tatort-Formates aufzeigt. Will man nicht mit Rückblenden arbeiten, um einen längeren Prozess sinnvoll darzustellen, den es in diesem Fall gar nicht geben kann, weil Perlmann und Rebecca sich erst im Hier und Jetzt begegnen, muss man Vorgänge, die sehr lange dauern, so darstellen, als könne man sie in wenigen Tagen ablaufen lassen. Das Resultat ist, dass alle, die mit Opfern jahrelanger massiver negativer Einwirkung und Manipulation arbeiten, sich fragen müssen, ob sie ihren Job verstehen, wenn es doch einem Perlmann, der erwähntermaßen kein Psychologe ist, gelingt, innerhalb weniger Tage die schwer traumatisierte Rebecca in die seelische Freiheit zu führen.

Natürlich, es ist ein Zufall, dass er ihrer Vorstellung von einem „Erzieher“ optisch entspricht und sie sich sofort auf ihn als neue Bezugsperson festlegt, als sie ihn sieht. Anfänglich funktioniert das Muster auch sehr gut, und Perlmann muss sich zwingen, mehr oder weniger so zu handeln, wie ihre „echten Erzieher“ es wohl taten. Schon da gibt es kleine Verluste an Stringenz: So genau kann er nicht wissen, wie das Verhältnis zwischen dem Mädchen und seinen Peinigern gestrickt war, dazu lassen die aufgefundenen Schriftdokumente zu wenige Rückschlüsse zu, dafür ist er zu sehr auf die subjektiven Darstellungen des Mädchens selbst angewiesen.

Und dieses würde nach fünfzehn Jahren sicher eine engere „Linie“ fahren, was die Verhaltensweisen angeht, die sie Erziehern zurechnet und welche sie als falsch oder richtig gemäß deren System ansieht, nachdem sie so lange ausschließlich gelebt hat.

Mithin: Die Irritationen wären größer, der Prozess der Befreiung wesentlich komplexer und von Rückschlägen begleitet, wenn er tatsächlich von einer ganz neuen Person gesteuert würde, die nicht ihr fachliches Wissen, sondern nur eine Art tastende Intuition zur Grundlage ihrer Herangehensweise machen kann. Gleichermaßen ist die Wiederannäherung an die Mutter viel zu ruckartig – was weiß Rebecca schon davon, was eine Mutter ist? Zumal diese so dargestellt wird, als ob sie das Kind doch vernachlässigt und dadurch auch dessen Entführung befördert hätte. Die natürliche Reaktion, wenn denn erst einmal die soziale Zuordnung der Mutter erfolgt ist, wäre ein Gefühl, verraten worden zu sein. Vielleicht kann man es aber auch so biegen, dass man sagt, Rebecca ist viel zu sehr zu Passivität „erzogen“ worden – dass dies nicht vollständig gelungen ist. Dagegen spricht jedoch ihr mehrmaliges Aufbegehren und die Tatsache, dass ihr ein „intakter Kern“ zugerechnet wird, der sie unter anderem von Tötungs- und Selbsttötungshandlungen zurückhält. Die Zeichnung einer Figur wie Rebecca ist allerdings eine wirklich anspruchsvolle Aufgabe, dieser haben sich die Macher des Films auf ehrenwerte Weise gestellt.

Fazit

Unsere Gedanken zum Film entsprechen dessen Akzentuierung: Der Krimi steht im Hintergrund, das Schicksal einer nunmehr jungen Frau bekommt dafür so viel Raum, dass es den Film trägt. Nach über 400 Tatort-Rezensionen stellen wir eindeutig fest: Wenn für Tatorte wie die beiden letzten aus Hamburg Platz in dieser Reihe ist, dann sicher auch für einen Film wie „Rebecca“, der seine Charaktere ernst nimmt und wieder das tut, wofür wir die Bodensee-Tatorte lange  Zeit schätzten – bis sie den Ton nicht mehr so recht trafen.

Wir sehen eine Rückkehr zu den intensiven Charakterstudien, die wir immer so spannend fanden, als wir uns mit Tatorten und speziell mit der Bodensee-Schiene des SWR zu befassen begannen. Klara Blum und Kai Perlmann waren lange Zeit eines unserer bevorzugten Ermittlerteams, die weit überwiegende Zahl ihrer Filme kennen wir daher bereits.

8/10

© 2019, 2018, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Eva Mattes (Klara Blum), Sebastian Bezzel (Kai Perlmann), Gro Swantje Kohlhof (Rebecca), Imogen Kogge (Dr. Schattenberg), Sandra Borgmann (Katja Fischer), Justine Hauer (Annika Beck), Benjamin Morik (Wehmut), Klaus Manchen (Helmut Reuter), Irene Christ (Staatsanwältin Burger), Serge Falck (Kolb), Ugur Arat (Fahnder Erdal), Jo Jung (Ermittler Sauter)

Regie: Umut Dag
Drehbuch: Marco Wiersch

 

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