„Angela Merkels Führungsstil ist die einzige Chance für Europa“ (DIE ZEIT)

Analyse 3

DIE ZEIT stellt fest, der Führungsstil von Angela Merkel sei der einzige, der Europa retten kann – demnach hat sie sogar bezüglich ihrer eignen Art, Dinge zu managen recht: alternativlos.

Das Interview ist leider eine Katastrophe. Man kann es als Beleg für den Verfall des einstigen Kultur-Flaggschiffs „DIE ZEIT“ nehmen oder sagen, das ist ja nur der kostenfreie Online-Teil oder doch die Gelegenheit nutzen, ein wenig Merkel-Analyse zu betreiben, denn Merkel-Analyse erklärt ja weite Teile der gegenwärtigen deutschen Realpolitik.

Was ist am Interview so schlecht?

Ein Fragesteller, der Psychologie studiert hat, sollte seinem Interviewpartner nicht die Antworten vorgeben und vor allem müsste er merken, dass es sich hier um ein Kuddelmuddel handelt, das er und der Befragte gemeinsam anrichten. Sie halten nämlich a.) Kommunikationsstil nach außen, b.) Führungsstil nach innen und c.) Inhalte nicht auseinander. Aber wenn man die Ansicht vertritt, das Durchwurschteln sei der beste Weg, Organisationen zu führen und mit Organisation ist hier wohl Deutschland gemeint, nicht die CDU, braucht man wohl  keine scharfen Abgrenzungen. Unter deren Abwesenheit leidet allerdings die Analysequalität.

Dann dröseln wir doch mal die drei Begriff auf.

a.) Angela Merkels Kommunikationsstil ist extrem dezent für heutige Verhältnisse und hätte ich zwischen Adolf Hitlers, Donald Trumps und Angela Merkels Kommunikationsstil zu wählen, würde ich auf jeden Fall den von Angela Merkel vorziehen, weil er nicht auf mich einwirkt wie ein Dampfhammer und mir eher die Chance  zu Distanz und – sic! – Analyse gibt. Gerade, wenn die Lage kompliziert ist, dann ist es auch eine Form von Ehrlichkeit, sie nicht mit simplifizierender Rhetorik und der Entfachung eines Hypes zu beschönigen oder zu dramatisieren. Merkel wird nie eine Massenpsychose auslösen oder verstärken und es ist im Moment nicht das Schlechteste, genau davon Abstand zu nehmen. Ihr Stil ist aber auch sehr wenig inspirierend und eben nicht visionär geprägt und nicht erklärend, das stimmt. Nur, warum nicht? Darauf gehe ich bei den Inhalten noch ein. Ich glaube aber, das alles, was ihrem Stil augenfällig fehlt, das Spice, wenn man so will, findet nicht deshalb nicht statt, weil sie es nicht drauf hätte, mehr in die Grütze zu hauen, sondern weil sie nicht dabei erwischt werden will, den  Mund zu voll zu nehmen. Natürlich tut sie das auch manchmal, aber es wird ihr nicht angekreidet, weil es so unspektakulär daherkommt: Wie eine Art von erwarteter Möglichkeit, nicht wie ein inniges Versprechen mit Bindungswirkung für sie selbst. Und es hat noch einen Vorteil: Sie muss ihre Motive nicht offenlegen. Die Menschen wählen sie auch, ohne dass sie sich wirklich zeigt. Das muss man über 13 Jahre hinweg mal schaffen.

b.) Dass sie klare Ansagen sehr wohl kann, schließe ich ebenfalls daraus, dass sie noch immer regiert. Sich in der CDU Respekt zu verschaffen, das war ihr nicht nur mit Moderation und Mediation möglich, sondern, indem sie Ansagen an die Männer gemacht hat, die zur Zeit des Kohl-Abgangs die Partei beherrscht haben, wie natürlich auch an diesen selbst – und dass sie ihre Ansagen umgesetzt hat. Ich glaube nicht, dass sie ihre internen Gegner nicht gewarnt hat, bevor sie daran ging, sie abzusägen, aber ihre unprätentiös wirkende Persönlichkeit wurde wohl unterschätzt, lange Jahre, und dabei spielte sicher ihr dezenter Kommunikationsstil eine Rolle. Es ist auffällig, dass innerhalb der CDU seit Merkels zweiter Amtsperiode keine ernsthafte Konkurrenz mehr hochgekommen ist. Die CDU weiß längst Bescheid, wen sie vor sich hat. Und auch in Europa hat Merkel lange Zeit viel mehr Druck ausgeübt und auf ihre Weise gestaltet, als man das auf den ersten Blick wahrnehmen konnte. Es hat sich nicht in ihren Statements manifestiert, dass sie Führung beansprucht hat, sondern in denen ihrer Gegner. Viele politische Karrieren in Europa sind daran gescheitert, dass Merkel alles andere als kompromissorientiert und vereinend gehandelt hat und es wirkt immer etwas jämmerlich, wenn man stets andere für sein Scheitern verantwortlich macht. Selbst bei Linken, wenn sie sich mal genau prüfen, wo sie doch gerne die Verhältnisse und nicht Personen als Schuldige ausmachen, kommt Schuldverschiebung nicht so gut an, wie sie selbst vielleicht glauben.

Aber jetzt ist Merkel mit ihrer Weisheit am Ende?

Wir waren noch nicht bei c.), aber bezüglich a.) ist sie nicht am Ende, denn ein moderater Kommunikationsstil ist kein Auslaufmodell, bei b.) sieht es anders aus. Man vertraut ihr in Europa nicht und die CSU ist bezüglich der nächsten Bayernwahl in Panik und versucht, Merkel zu erpressen und in der Migrationspolitik nach rechts zu drängen.

Wenn sie so hart führt, ist das nicht vielleicht ein Fake und Seehofer weiß, dass er nicht gewinnen kann?

Als im Wege des Millionenzugangs 2015 die Obergrenzendebatte aufkam, war ich auch der Ansicht, da spielen zwei Schlaumeier ein nettes Kasperletheatr für uns. Ich vergesse nie die Schnute, die Merkel auf dem CSU-Parteitag gezogen hat, als Seehofer sie anging. Für mich war das ein Stück Schauspielerei, denn so medienunerfahren ist die Kanzlerin nicht, dass ihr in einem Moment, in dem die Kameras alle auf sie gerichtet sind, die Miene unabsichtlich so entgleist.  Dass die CSU sich derzeit echte Sorgen wegen der bevorstehenden Wahl in Bayern macht, glaube ich allerdings sehr wohl.

Wenn Angela Merkel sich weniger intensiv beobachtet fühlt, etwa bei den Reden anderer im Bundestag, wenn sie mal kurz eingeblendet wird, sieht man mehr, finde ich Auch bezüglich der neuesten Unionskrise muss ich allerdings ein wenig relativieren: Die Dramatik scheint wieder durch eine Inszenierung befördert worden zu sein.

Spannend – wie wirkt sie denn in der Zuhörerinnen-Position?

Äußerst ruhig und gelassen. Egal, wie sie vom Pult aus unagegriffen wird. Das ist schon fast unnatürlich und für mich sehr differenziert zu betrachten. Es ist die fasziale Entsprechung der Raute. Die Raute als Ausdruck des inneren Gleichgewichts ist ja einstudiert, das dürfte wohl jedem klar sein. Sie ist ein Markenzeichen, das Merkel schon früh entwickelt hat, es vermittelt dem Betrachter feinfühligen Selbstkontakt und luftige, unverkrampfte Distanz gleichermaßen und bringt ihre Gegner zur Raserei. Und: Ein eher machohafter Mann, der Typ, den die meisten CSU-Politiker unbedingt darstellen wollen – Edmund Stoiber war eine Ausnahme – kann unmöglich eine Raute machen, das sähe inadäquat aus und würde zur Satire reizen. Und dann eben diese ruhige Miene. Sie murmelt zum Beispiel nie vor sich hin, wenn sie die Beiträge anderer missbilligt und schon gar nicht entgleiten ihr Zwischenrufe. Aber sie spricht mal mit weiteren Pesonen und arbeitet sogar Dokumente durch, Letzteres ist sehr deutlich ein Zeichen dafür, dass sie den Redner oder die Rednerin für nicht „satisfaktionsfähig“ hält, der bzw. die gerade am Pult steht.

Klar, das ist eher die Sache weniger prominenter Politiker im Bundestag, die sich noch profilieren müssen, das Pöbeln, während andere sprechen, aber Helmut Kohl, ihr Ziehvater, war oft nicht so vordergründig emotionslos, wenn er rangenommen wurde und Helmut Schmidts steinerne Arroganz und Gerhard Schröders Tigerfeixen waren fast schon stümperhafte Selbstdarstellung gegenüber der oft sibyllinisch wirkenden Kanzlerinnenmiene. Damit vermittelt sie eine Überlegenheit, eine Souveränität, die keine Kraftmeierei braucht. Eigentlich gar nicht unsympathisch, solange andere agieren, aber wenn sie zu ihren eigenen verbalen Botschaften übergeht, eben auch blass, sie kann nicht ohne Weiteres in den offenen Kampf- oder Emphase-Modus schalten. Doch man darf dieses sehr Austarierte eben keinesfalls mit ihrem Führungsstil verwechseln – und auch nicht mit den Inhalten. Womit wir in der ersten Runde der Analyse bei c.) angelangt wären.

Was sind Merkels Inhalte?

Ja, das hätte ich aus dem Interview auch gerne herausgelesen. Wenn jemand behauptet, sie führt und macht Politik an Werten orientiert – einen werteorientierten Kommunikationsstil kann es ja nur insofern geben, dass jemand Tugenden wie Dezenz und zuhören können oder eben Menschen mitreißen können als Fähigkeiten ansieht, die es gilt, für sogenannte Werte nutzbar zu machen und diese Werte zu verkörpern – also wenn jemand sagt, sie handelt werteorientiert, dann hätte ich schon gerne gewusst, um welche Werte es sich handelt, denn diese Antwort führt ja weg vom Stil hin zu den Inhalten.

c.) ist nämlich dafür verantwortlich, dass b.) in Europa nicht mehr funktioniert. Merkel hat nicht nur zu viele Wendungen vollzogen, war unkooperativ und hat nicht werteorientierst, sondern interessenorientiert gehandelt. Und dabei hat sie nicht deutsche Ineressen und die der europäischen Partner sorgsam austariert, sondern über alle, die Deutschen und die übrigen Europäer hinweg, US- und Kapitalinteressen vertreten und sich zu einer Politik hinreißen lassen, die ein paar richtige Elemente hatte und viele Fehler und die negativen Aspekte von a.), dass sie sich nicht so erklärt, dass andere sich  mitgenommen fühlen, haben nun zusätzlich dafür gesorgt, dass man ihr bei b.) und c.) nicht mehr folgt. Abgesehen davon, dass c.) nun einmal unter den Europäern recht weit auseinanderliegt.

Woran gemäß der Linken Merkel schuld ist – dass die Interessen so weit auseinanderliegen.

Ja und nein. Sie hat mir harter Führung und zu kryptischer Kommunikation zumindest nach außen, für die Menschen in Europa, ein Ungleichgewicht in der Wahrnehmung entstehen lassen  Ich könnte mir vorstellen, dass sie bei anderen europäischen Spitzenpolitikern in den Konferenzen der EU durchaus klarer war. Ihre Sachpolitik war mindestens umstritten, wenn sie auch bis heute nie einhellig abgelehnt wurde, da ja mehrere EU-Regierungen eher neoliberal ticken. Nur – dadurch, dass sie alles, was die EU so tricky macht, nicht an die Bürger transportiert hat, sie offenbar nicht für analysefähig hielt, konnten andere Politiker ihre Sichtweise in Europa so platzieren, dass ihre Positionen mehr Gehör fanden – und besonders dankbar von der deutschen Linken aufgenommen wurden. Und die Kanzlerin hat sich zu sehr auf Finanzminister Schäuble als Herold verlassen und das war ein weiterer Kommunikationsfehler. Denn Schäuble war zu kantig in seiner Diktion, das genaue Gegenteil von Merkel. Manche meinten gar, daraus Differenzen zwischen den beiden ableiten zu können. Schäuble war jedoch immer loyal und der getreue Exekutor von Merkels Politik. Und nicht Helmut Kohl, sondern Schäuble war der letzte Europäer, denn ich nehme ihm absolut ab, dass er den Euro erhalten wollte. Leider aber war er auch zu genervt von den anderen, die ihn nicht verstehen wollten und hat zu sehr durchblicken lassen, dass er sie nicht für gleichwermaßen durchdrungen hielt wie sich selbst. Was sogar stimmt, aber man muss es nicht so raushängen lassen und damit den Gegnern die Gelegenheit geben, ein Feindbild aufzubauen, das vom eigenen Versagen beim Krisenmanagement ablenkt.

Aber Merkel hat sich in Südeuropa während der Wirtschaftskrise und dann in Osteuropa wegen der Migrationspolitk auch eigenständig Feinde gemacht.

c.) hat sich jüngst immer mehr gegen sie gewendt. Ihre Fähigkeiten im Bereich b.) haben nicht  mehr ausgereicht, um das zu reparieren, was sie inhaltlich den anderen Europäern aufoktroyiert hat. Es gibt doch kaum eine Politikerin, der man sich wegen ihres sehr wenig dominanten Auftretens allein wegen a.) so wenig verweigern würde, dern Stil das eigene Alpha-Selbstbild so wenig triggert. Außer vielleicht die Rhetorik der perfekt geschulten französischen Spitzenpolitiker, die ein sehr direktives b.) wunderbar in ein geschliffenes a.) zu fassen verstehen und damit immer einen Vorsprung bezüglich der Aufnahmebereitschaft und Kompromissbereitschaft anderer haben. Das genaue Gegenteil sind die rüpelhaften rechten Politiker, die sich aber untereinander gut verstehen und zahlreicher werden, auch das klingt im Interview zu Recht an – hat aber nichts mit Merkels Kommunikationsstil und dessen Beurteilung zu tun. Es sei denn, man sagt, sie muss sich anpassen, um nicht unter die Räder zu kommen. Das muss sie jedoch nicht, alle wissen längst, dass sie anders führt, als sie redet.

Aber sie hat doch in der Krise bei c.) viele Kompromisse gemacht und damit auch einen kooperativen Führungsstil bewiesen.

Sie hat teilweise genau an der falschen Stelle Kompromisse gemacht, aber sie nicht wie Kooperation wirken lassen, sondern krytpifiziert, wenn man es so nennen will, und das ist ein Unterschied. Und da spielt auch die Außenkommunikation eine Rolle, nämlich, wie lasse ich andere das Gesicht wahren. Sie hat es schon versucht, aber die Aufregung in Europa ließ es nicht zu, dass eine Konvergenz zwischen a.), b.) und c.) zu erreichen war und damit stand Merkels Konzeption als Person und Politikerin im Ganzen immer mehr infrage. Ich glaube auch, sie wird das nicht mehr revidieren können. Selbst angesichts der Erkenntnis, dass ihr Stil einschläfernd wirkt, ist das aus der a.)-Perspektive gesehen eher schade, aber bei b.) und c.) sieht es anders aus.

Es muss mehr Gleichberechtigung gelebt werden und mehr Freiheit bei den Inhalten für die einzelnen Staaten gewährt werden. Ich kann das als einen Rückschritt empfinden und als Niederlage im ethischen, solidarischen Sinn und als Verrat am Ausgangsgedanken der europäischen Zusammenschlüsse, dem „Nie wieder Völkerfeindschaft“ nach dem Zweiten Weltkrieg. Dies ist aber nicht jenes Narrativ, das die Zeit seit1990 dominiert. Die neueren EU-Länder sind rein interessenorientiert und dies in einem viel offensichtlicheren, egoistischer wirkenden Sinn als die 1957er, die eine eigene Form der Kerneuropa-Diplomatie entwickelt hatten – wir werden das anhand einiger kommender Beiträge mehr erläutern.

Im Grunde gibt es aber noch einen Aspekt d.)

Der wäre?

Die innere Haltung. Merkel ist keine Überzeugungstäterin im ideologischen sinn, sondern Pragmatikerin aus Überzeugung, dies ist hr d.), wenn man so will. Und sie hat ein paar Überzeugungen, die sie mit ihrem Prgmatismsu für vereinbar hält und der besagt auch, dass man sich mit bestimmten Mächten besser nicht anlegt – wie das Primat der transatlantischen Beziehungen gegenüber allen anderen Optionen außerhalb der EU und teilweise auch innerhalb der EU. Ins eigene Land hinein ist sie aus ebenso pragmatischen Gründen vergleichsweise flexibel. Wenn die Energiekonzerne es so wollen, nimmt sie die rot-grüne Atomausstiegs-Variante zurück und wenn in Fukushima ein Reaktor zerstört wird, macht sie eine abermalige Wende – und hinterlässt Schleifspuren aufgrund einer unüberlegten Ausführung der neuen Wende, was nebenbei belegt, dass pragmatisch und an Mehrheitsmeinungen orieniter, nicht Exzellenz in der Folgenabschätzung bedeuten muss. Persönlich ist sie gegen die Ehe für alle, aber wenn nun mal eine gefühlte Mehrheit es anders will und Wahlen anstehen, weg mit dem Stolperstein. Das geht aber alles nur dort, wo sie die Richtlinienkompetenz hat, also im nationalen Rahmen. International kann sie ihr grundpragmatisches d.) nicht so ausspielen, c.) nach Gusto variieren und, es mit b.) sanft durchsetzen und dabei großmütig wirken lassen und diesen Eindruck mit a.) bescheiden und leise erzielen.

In der Eurokrise half ihr noch der Fakt, dass die anderen wussten, ohne Deutschlands aktive Mithilfe ist Europa als EU-28 Geschichte. Und Merkel hat sich für eine sehr expansive Politik bezüglich der Haftungsrisiken entschieden. Dafür hat man ihr die Austeritätspolitik genehmigt. Man muss es als Deal sehen. Nicht alle fanden diesen Deal toll, wie wir wissen, aber die großen Länder haben ihn getragen und den kleineren blieb nichts übrig, als mitzutun oder auszutreten, vor allem aus dem Euro, und komischerweise und trotz aller Kritik an Deutschland, mehr noch an Wolfgang Schäuble als an der Kanzlerin, wagte das letztlich niemand. Und da hätte Merkel a.) doch anpassen müssen und allen Bürgern in der EU erklären müssen, dass die Austeritätspolitik nicht absichtlich dazu gemacht wurde, andere Länder zu quälen, sondern um den Euro vor dem Verfall zu bewahren. Dass sie dies nicht offengelegt hat aus Rücksicht auf die schwach aufgestellten Regierungen in vielen europäischen Ländern zu jener Zeit, mag man für ein Zeichen ihrer typischen Zurückhaltung nehmen, aber so blieb es eben Schäuble überlassen, die deutsche Politik dort, wo es konfrontativ wurde, zu kommunizieren. Da war sie auch ein bisschen feige, um es mit einem schlichten Begriff zu belegen.

Also ist Merkel doch auch Überzeugungstäterin, nicht nur pragmatisch, weil sie damit auch einer ökonomischen Lehre folgt.

Merkel hätte ganz anders reagieren und mit hohen Staatsausgaben den Konsum in Deutschland anschieben können, dann hätten höhere deutsche Importe andere Länder gestützt. Aber sie ist der gegenwärtig herrschenden ökonomischen Lehre gefolgt und die ist nicht keynsianisch, sondern, zusammenfassend, als „neoliberal“ apostrophiert. Aber diese Lehre ist für sie nach meiner Ansicht keine Ersatzreligion, wie für die FDPler, seit sie nur noch ein Thema haben, nämlich dem Kapital so viele Steine wie möglichst aus dem Weg hin zur Totalkontrolle über die Welt zu räumen, sondern eine Abwägungssache.

Die Widerstände weltweit gegenüber einer expansiv-antizyklischen Politik ab Ende 2008 wären nach ihrer Ansicht – noch – größer gewesen als bei dem Weg, den sie zum Ärger vieler Europäer gegangen ist. Sie hat sich lieber gegen Südeuropa gestellt als gegen die Märkte, also die Wall Street. Sie wusste, irgendwem wird sie wehtun und das Risiko war ihr zu hoch, dass die Märkte den Euro zerschießen, obwohl die EZB gut mit dem Kapital vernetzt ist.

Aber ich erinnere mich noch gut, wie damals die Euro-Dominotheorie diskutiert wurde: Griechenland kann man notfalls noch opfern, hieß es, aber nicht auch nur ein größteres Land wie Italien oder Spanien, dann wäre der Euro, dann wäre Europa tot und genau so hat Merkel es gehandhabt und auch mehr oder weniger gesagt: Fällt der Euro, fällt Europa. Man hat sich dann auf ein Spiel eingelassen, das bis heute läuft: Der Euro zerfällt dann nicht, wenn ein größeres Land Stabilität zeigt und Kurs wahrt, eine gute Bonität behält und damit den Märkten nicht eine allzu vordergründige Legitimation gibt, massiv gegen den Euro zu hart zu spekulieren. Die Austerität ist der Spiegel der expansiven EZB-Politik. Ich finde, das war auch spekulativ von ihr und anderen wie Mario Draghi, dem EZB-Chef, da war bisher auch Glück dabei, etwa in Form eines für diese Politik günstigen weltweiten Finanzumfelds, aber wir warten immer noch auf die nächste Krise, die wir ja für spätestens 2015 prognostiziert hatten – und sie will einfach nicht kommen.

Freilich eben deshalb, weil die EZB sowieso noch im Krisenmodus arbeitet und dadurch unter anderem für die immer größere Immobilienblase in Deutschland sorgt, also für Kollateralschäden in einzelnen Ländern. In all dem liegt für mich ein Fehler, selbst wenn dieser Modus noch lange so durchgehalten werden kann, denn der Euro ist für mich nicht konstitutiv für die europäische Weiterentwicklung. Ganz viele sahen und sehen das immer noch so und er ist ja auch ein Vermächtnis von Kohl und Mitterand, dessen vorgebliche Zerstörung durch Deutschland man Angela Merkel natürlich ebenso angekreidet hätte wie nun die Austeritätspolitik. Merkel war und ist in einem Dilemma, weil Europa sehr divergent ist. Diese Divergenz hat Merkel auf den ersten Blick sehr gefördert, aber letztlich geht sie viel tiefer, ist begründet in erheblichen kulturellen und wirtschaftlichen Unterschieden, die es selbstverständlich lange vor Angela Merkels Amstsantritt gab.

Die man aber überwinden wollte.

Wenn Staaten nur noch Interessenpolitik kurzfristiger Art fürs eigene Säckel machen wollen, ist auch der beste Werte-des-Humanismus-Europäer machtlos. Und mit dem nur an ökonomischen Vorteilen orientierten Ansatz sind die Erweiterungsstaaten der Nachwendezeit in die EU eingetreten. Alles andere ist Augenwischerei und offizielle Beschönigungsrhetorik. Und anhand der Migrationspolitik zeigt sich jetzt, welche Sprengkraft darin liegt, dass Europa nicht eine gemeinsame Vision und eine eigenständige, übernationale Mentalität entwickeln konnte. Ich habe gerade eine weitere Artikelüberschrift gelesen: „Die Europäer sind viel weiter als ihre (nationalistischen, A. von mir) Politiker.“ Hat Habermaas gesagt. Der wird auch langsam alt, muss aber als Preisträger wohl auch so reden: Die Wahrheit ist, wenn sie das wären, würden sie diese Politiker nicht wählen. Denn noch sind die Wahlen in EU-Europa frei und werden allgemein als nicht manipuliert erachtet.

Was ist insgesamt über Merkels Politik zu sagen, a.) bis d.) gesammelt?

Sie ist im Grunde zu spät, lange Amtszeit hin oder her. Vor der Wende hätte sie wunderbar ins allgemeine Panorama gepasst, die meisten Politiker in Europa waren damals eher freundlich wirkende Typen, die zwar auch feilschten, denn es geht immer um Interessen, wenn es um Staaten geht, aber die nicht so beleidigend dabei rüberkamen, wie das jetzt wieder en Vogue ist und damit Ressentiments und Kooperationsunwilligkeit schüren. Das offen zur Schau gestellte Miteinander hat vor einigen Jahrzehnten viel ausgemacht, denn die Menschen, die in weiten Teilen noch Kriegserfahrungen hatten, gewannen den Eindruck, es sei eine neue Höflichkeit und generelle Friedfertigkeit entstanden, wie man sie nie zuvor gekannt hatte. In gewisser Weise reflektiert Merkels Stil diese Generation noch. Aber nachdem die Finanzkrise noch gerade so in einen labilen Zustand des vorsichtigen Aufschwungs überführt werden konnte, wird bei der Migrationspolitik dieses Verfahren nicht greifen können. Es mag unterschiedliche Stufen möglicher Solidarität geben, aber eine echte Wertegemeinschaft ist nicht abzusehen und damit gehen der Kanlerin auf jeden Fall die Möglichkeiten der Steuerung aus, gleich, wie man ihr bisheriges Wirken einschätzt.

Sie ist also nicht die Zerstörerin Europas?

Aus linker Sicht betrachtet würde man sich viel Angriffspower gegen sie wegnehmen, wenn man sie nicht ganz so zu einem Popanz aufbauen und ihren Einfluss und auch die Richtung ihres Wirkens nicht etwas dämonisieren würde. Das sehe ich jetzt pragmatisch: Der politische Gegner ist zu bekämpfen und die Außenpolitik kann der Angriffshebel für ihre vielen innenpolitischen, vor allem im sozialen Bereich angesiedelten Unzulänglichkeiten sein, denn so heruntergefahren, wie sie immer rüberkomt, kann sie fast gar nicht leidenschaftlich am Schicksal marginalisierter Menschen teilhaben. Die sind ihr recht wesensfremd. Merkels bescheidener Stil hat mir ihrer Herkunft, nicht der regionalen, sondern dem Elternhaus zu tun, das Ethos der Selbstverantwortung und damit auch der Schuld der einzelnen Person an einem negativen Verlauf ihres Schicksals jedoch ebenso.  Deswegen wirkt sie noch bemühter als sonst, wenn sie Empathie für Benachteiligte zeigen soll – oder soll man es gar heucheln nennen? Denn eine Heuchlerin ist sie im Grunde nicht und es fällt ihr eben schwer, so zu tun, als habe sie Migefühl.

In Deutschland gab es genug Versäumnisse von Angela Merkel, die sich auch europäisch auswirkten bzw. immer noch auswirken, aber ich bin dagegen, sie oder Deutschland im Ganzen für alle Fehler verantwortlich machen zu wollen, die woanders begangen wurden oder werden.

Trotzdem bin ich auch anderer Ansicht als die Interviewpartner in DIE ZEIT. Wir brauchen einen Politikwechsel. Was sie aufgrund ihrer Persönlichkeit und ihrer politisch konservativen Ausrichtung nicht kann und konnte und was zunehmend wichtiger wird: An einer neuen sozialen, solidarischen und werteorientierten Erzählung für Europa mitzuarbeiten, die endlich hilft, Nationalismen sicher und dauerhaft zu überwinden. Daran sind allerdings schon Politiker gescheitert, die wesentlich charismatischer waren als Angela Merkel, wenn man die heutige politische Verfassung des alten Kontinents als Ergebnis von über 60 Jahren institutionalisierter europäischer Politik anschaut.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

7 Kommentare zu „„Angela Merkels Führungsstil ist die einzige Chance für Europa“ (DIE ZEIT)

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