Einwanderung – ein deutscher Traum (SPOn, Jakob Augstein)

„Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.“

(Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen)

Medienspiegel 18

Der Verleger-Erbe Jakob Augstein zitiert – sicher nicht ohne Hintersinn – den deutschen Juden Heinrich Heine, um im Anschluss ein Gesellschaftsmodell zu entwerfen, das dem der USA sehr nahe kommt, wo bekanntlich aus Engländern, Deutschen, Iren, Italienern und anderen Amerikaner wurden.

Es stimmt natürlich, deren Nachfahren sehen sich heute in erster Linie als Amerikaner. Ist Augsteins im Grunde auf nicht ganz neuen Ideen basierende Skizze eine  als Anregung für die deutsche Politik im Hier und Jetzt zu verstehen?

  • Die Idee, dass Deutschland sich verändert und aus dieser Veränderung eine neue Identität gewinnt, die sich nicht mehr vorrangig aus dem zivilisatorischen Niedergang während der Nazi-Zeit speist, ist reizvoll. Die Veränderung findet statt, ein Narrativ, mit dem man die Mehrheit davon überzeugen könnte, dass dies Veränderung in die richtige Richtung geht und zudem forciert werden müsse, fehlt leider.
  • Ökonomische Argumente, die so undifferenziert sind wie hier der Per-Saldo-Mehrbeitrag, entlarven bereits auf dieser komplett rudimentären Ebene ihre Sinnfreiheit. Wer kam wann woher und warum und wie wirkt sich das höchst unterschiedlich auf seinen ökonomischen Beitrag aus, das wäre der Mindestbeitrag gewesen, den ich von Augstein erwartet hätte, wenn er schon eine Ökonomisierung der Argumente pro Einwanderung propagiert, weil es den Deutschen ja so ums Geld gehe.
  • Und dann empfiehlt er allen Ernstes, den deutschen Sozialstaat „anzupassen“, also nach der Agenda 2010 weiter herunterzufahren, damit eine unbegrenzte Einwanderung geschultert werden kann. Ich kann es mir nicht verkneifen: Man merkt, dass der Millionenerbe Jakob Augstein dem deutschen Sozialstaat heutiger Ausprägung nie nahegekommen sein dürfte. Soll der Hartz IV-Regelsatz halbiert werden, damit Einwanderer und bereits hier Lebende gemeinsam hungern dürfen oder wie stellt sich Augstein die „Anpassung“ vor?
  • Und würde im Mittelmeer ein einziger Flüchtling mehr gerettet, wenn Deutschland den Sozialstaat auf Rumänien-Niveau ansiedeln würde, zu deutschen Konsumpreisen natürlich? Die ziemlich schmal gewordenen Segnungen des deutschen Sozialstaates als Preis für die Toten im Mittelmeer darzustellen, ist ein Mega-Logik-Fail und ein Affront gegen alle, die sich für die Verbesserung der konkreten Lebensbedingungen von Menschen einsetzen, egal, wo das Ausgangsniveau angesiedelt ist.
  • Mit solchen Vorschlägen schafft man keine neue, bessere Erzählung für Deutschland, sondern trägt zur weiteren Spaltung der Gesellschaft bei, weil man unter anderem nicht zwischen Ängsten vor dem sozialen Abstieg und Rassismus trennt, weil man erstere schürt und letztere höchstens für die USA erwähnt, aber keine Schlüsse daraus zieht.
  • Wenn ich jetzt ganz auf diesem Niveau zurückargumentieren will, kann ich sagen: Ja, die USA sind schon eine klasse Einwanderer-Gesellschaft und rassistisch war sie von Beginn an, wie wir wissen, der Beitrag von Jakob Augstein deutet es ja an. Und die Europäer, die dorthin in großen Scharen hinzogen, kamen in ein riesiges, aber gleichwohl nicht leeres Land. Was sie dort mit den Ureinwohnern gemacht haben, wissen wir ebenfalls. Und wenn Augstein solche Assoziationen provozieren wollte, dann muss man ihm unterstellen, dass er in Kauf nimmt, den Rechtsdrall in Deutschland mit seinen unüberlegten Einlassungen zu befördern.

Ich glaube einfach, wir müssen auf einem anderen Niveau über die Chancen und Probleme großer Einwanderungsoffenheit reden und dabei die Augen vor keiner unserer Wirklichkeiten verschließen: Nicht vor der Not der Menschen, die zu uns kommen, denn niemand, der glücklich ist, gibt einfach seine Heimat auf und setzt sich dem Unbekannten auf eine so ungeschützte Weise aus, wie die Migrant_innen es tun, die in diesen Zeiten übers Meer oder auf anderen langen, gefährlichen Wegen zu uns kommen. Aber wir dürfen auch nicht die Augen verschließen vor den vielfachen Unterschieden zwischen den Einwanderern und den Integrationsanforderungen im Allgemeinen, die erhebliche Ressourcen benötigen, um zu einer wirklich besseren Gesellschaft zu führen. Die Lösung, pro Person einfach noch weniger auszugeben als bisher, um dem Ansturm Herr zu werden, also neben den zu niedrigen Kern-Sozialleistungen beispielsweise auch Integrations-Förderungsmodule einfach zu canceln, kann nur als schlechter Scherz zu verstehen sein.

Bei allem, was man über die Einwanderer-USA sagen kann: Die Menschen, die dorthin auswanderten, taten es der besseren Chancen wegen, in erster Linie. In geringerem Maß, über die gesamte Geschichte der USA hinweg betrachtet, als politisch Verfolgte, als jene Gruppe, für die wir in Deutschland ein großzügig zu handhabendes Asylrecht zur Verfügung halten.

Die US-Immigranten kamen weit überwiegend aus den damals wirtschaftlich und kulturell führenden Nationen in einen großen Freiraum im wörtlichen Sinn. Ihre persönlichen Skills waren sehr unterschiedlich, aber eines Sozialstaates bedurften sie nicht, weil jeder etwas konnte, was gerade gebraucht wurde. Das ist ein fundamentaler Unterschied zur heutigen Lebenswelt in Deutschland, die entweder von Hochtechnisierung mit entsprechenden Ausbildungsvoraussetzungen oder von Problemen mit der Würdigung einfacher Dienstleistungen geprägt ist, in denen die meisten Immigranten zunächst Fuß fassen können, und auch dies nur, wenn genug Bedarf besteht.

Wer sich wirklich an Gesellschaftsmodellen für die Zukunft versuchen will, sollte das auf einem etwas mehr ausgefeiltem Niveau tun und dabei nicht Zusammenhänge erstellen, die dazu führen, dass jedem hierzulande sozial engagierten Menschen die Haare zu Berge stehen angesichts der Absurdität bestimmter gedanklicher Verknüpfungen. Damit gießt man Öl ins Feuer des Nationalismus und Rassismus, weil man letztlich nur eines beweist: Dass man nicht verstanden hat, was alle Menschen umtreibt, Einwanderer und die Mehrheit der bereits hier Ansässigen – und wie ihre Lebenswelt aussieht.

Damit der deutsche Einwanderungstraum eine schöne Erzählung werden kann und nicht zunehmend zum Alptraum für alle Beteiligten wird, muss sorgsam mit den Ressourcen, sowohl den materiellen wie den persönlichen, von Menschen umgegangen werden. Die amerikanische Gesellschaft, die Augstein in Bezug nimmt, beweist zur Genüge, dass bei der Edukation gegen den Rassismus viel falsch gelaufen ist oder nicht stattfand, und dies, obwohl die Einwanderung nicht mit erheblichen Solidaritätsanforderungen verbunden war.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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