Legaler Betrug – die deutschen Lebensversicherer hintergehen ihre Kunden (Rubikon)

2018-07-13 LV legaler Betrug Lebensversicherungen RubikonWir haben in den letzten Jahren gelernt, dass die Niedrigzinspolitik der EZB uns in Deutschland erhebliche Probleme bereitet. Uns als Kunden verschiedener Institutionen, die uns normalerweise ein wenig Zinsen für das geben sollten, was wir bei ihnen in der einen oder andere Form deponieren.

Nun hat eine Studie des Magazins Rubikon behauptet, zumindest für den Bereich der Lebensversicherungen stimme das gar nicht – die Kapitalerträge hätten sich vom Zinsniveau entkoppelt und die Versicherer wenden immer genialere Tricks an, um den Versicherten viel zu geringe Verzinsungen zu garantieren oder tatsächlich auszuzahlen. Die Studie nennt das „legaler Betrug“, weil die Gesetze und deren Auslegung dieses Verhalten der Lebensversicherer nicht sanktionieren.

Der Kommentar bezieht sich im Wesentlichen auf eine Betrachtung des Niedrigzinsaspekts unter dem Gesichtspunkt: Wo müssen die Versicherungen anlegen, um frei von Verlusten durch Niedrigzinsen zu sein?

Im Anschluss ein paar Worte über meine ersten Eindrücke von „Rubikon“. 

Die Lebensversicherungen zählen zur besonders unter Beschuss stehenden dritten Säule des sogenannten Drei-Säulen-Modells der Altersvorsorge, das insgesamt von linken Politikern und Experten abgelehnt wird, weil ihm ein hohes Maß an Ineffizienz bis hin zu Betrugsformen vorgeworfen wird.

Die Niedrigzinspolitik ist also gar nicht so schlimm?

Banken und andere sagen, dem ist so. Und selbstredend bestimmt der Leitzins der EZB alle weiteren Zinsen, deshalb heißt er ja so. Und sie hat  nicht nur negative Auswirkungen. Niedrige Kreditzinsen helfen Schuldnern und vor allem Staaten als Schuldnern, wenn sie Anleihen begeben, helfen Bauherren, an günstige Baudarlehen zu kommen, Konsumenten durch niedrige Zinsen für den Erwerb von Gütern aller Art – und Investoren in gleicher Weise und das ist einer der Hauptgründe für die Niedrigzinspolitik: Mit ihr die Investitionen im Euro-Raum anzukurbeln.

Dem stehen spiegelbildlich geringe Kapitalerträge gegenüber, denn Banken erwirtschaften derzeit mit Kreditzinsen nicht sehr viel. Wenn man Baugeld für unter 2 Prozent effektivem Jahreszins bekommt, kann man sich ausrechnen, was Banken abzüglich ihrer Verwaltungskosten daran noch verdienen. Da hilft es nicht mehr so viel, dass sie sich selbst zu quasi Null Prozent refinanzieren können.

Die Niedrigzinspolitik hat zum Beispiel dazu geführt, dass in Deutschland alle, die eine einigermaßen sichere Rendite erwirtschaften wollen und nicht hochspekulativ anlegen wollen oder dürfen, in die Immobilien drängen. Das wiederum führt zu einer Blase, zu einem Preisauftrieb, der eben nicht nur nachfragebedingt ist, wie interessierte politische Kreise es aber leider den unkundigen Wähler_innen verkaufen wollen, um weitere Fehlsteuerungen wie den massiven Bau von Gentrifizierungs-Luxuswohnungen vorantreiben zu können. Die CDU hat richtige Spezialisten auf diesem Gebiet. In der Immobilienwirtschaft gibt es eine Kenngröße beim Kauf insbesondere von „Globalobjekten“, also kompletten Miethäusern oder ganzen Blöcken. Das ist das sogenannte „X-Fache.“ Als ich nach Berlin kam, lag das „X-Fache“ in schlechteren lagen bei etwa 10, in guten Lagen bei 12 bis 15. Ausländische Investoren wollten immer weniger als die 10, weil der deutsche Markt ja noch so billig war. Mittlerweile sind durch die Bank „X-Fache“ von 20 und mehr akzeptiert, weil die Nachfrage, nicht die  nach Wohnraum in diesem Fall, sondern die nach Anlagemöglichkeiten, das Angebot um ein Vielfaches übersteigt. Dieses „X-Fache“ bedeutet: Wieviel gebe ich für ein Objekt aus im Vergleich zu dem, was es jährlich an Rendite einbringt? Also an Mieten. Ein kleines Haus in Kreuzberg hat einen Jahresnettomietertrag von 55.000 Euro und wird für 900.000 Euro verkauft. Das ist ein X-Faches von 16,3. Ein für Kreuzberg mittlerweile eher niedriger Wert. Aus Vereinfachungsgründen habe ich die Kaufnebenkosten inkludiert, Leerstände als Minderung der realen Rendite ebenso wie anfallende Renovierungskosten und Kreditkosten auf der einen und Abschreibungsmöglichkeiten aller Art auf der anderen Seite nicht berücksichtigt. Dieses 16,3 entspricht, umgekehrt berechnet, einer Rendite von immerhin 6,1 Prozent. Die Nettorendite von Immobilien dieser Art liegt meist niedrige, auch wenn man Steuervorteile, die vor allem für Kleinanleger gerne konstruiert werden, abzieht.

Aber es ist immer noch wesentlich mehr, als man für alle derzeit erhältlichen Kapitalanlagen bekommt, die feste Verzinsungen aufweisen.

Nun wird behauptet, die Versicherungen könnten sich vom Niedrigzinstrend abkoppeln. Leider wird in der Studie nicht dargelegt, wie sie das machen, denn Versicherer sind gehalten, „konservativ“ anzulegen, damit sie sich und ihre Versicherten nicht durch Spekulationsverluste massiv schädigen können, wie Banken es ja gerne mal tun. In dem Wort „Versicherer“ steckt ja immerhin das Wort „sicher“, daher geht das so nicht.

Ich gehe davon aus, dass die Versicherer aber höchtens der Aufsichtsbehörde, nicht aber den Versicherten oder der Öffentlichkeit per Publizitätspflicht darlegen müssen, wie sie ihre immer noch hohen Kapitalerträge erwirtschaften, daher muss ich akzeptieren, dass Studien wie die vorliegende nicht als Tipps für die Kapitalanlage verwendet werden können. Dennoch ist es erstaunlich, dass Versicherungen sich von einem Trend abkoppeln können, der Kleinsparer so sehr trifft, nämlich, dass sie schon bei einer recht geringen Inflation von knapp unter 2 Prozent, wie wir sie derzeit haben, real Geld verlieren.

Da bleibt nur der Schluss: Die Versicherungen sind mitbeteiligt am Auftrieb des Immobiliensektors und damit auch der galoppierenden Mietpreisinflation und bescheißen zudem ihre Kunden. Versicherungen beteiligen sich in der Tat über Fonds und manchmal auch direkt an Immobilien oder an Immobilienunternehmen. Ich habe für diesen kurzen Kommentar nicht recherchiert, ob es Zahlen darüber gibt, wer wo in welcher Anlageform genau investiert ist, mangels Publizitätspflicht von allen Seiten wird das auch nicht vollständig zu entschlüsseln sein. Die Vorgänge am Markt legen aber eine starke Entwicklung in diese Richtung nah.

Wenn nun die Versicherungen nur auf die Mieterträge abstellen, kann man von einer sicheren Anlage ausgehen, denn selbst, wenn die Immobilienblase platzt und die Kaufpreise wieder sinken – auf die Mietpreise wird das nicht zutreffen. Dazu müsste nämlich der Umstand eintreten, dass Städte wie Berlin wieder einwohnermäßig schrumpfen und selbst dann würde es zunächst keine Nachfragedelle geben: Weil in dem Moment, in dem sich das Preisniveau stabilisiert, die Menschen, die hier zuletzt recht eng zusammenrücken mussten und „unnötige“ Wohnungswechsel vermieden haben, sich wieder größere Wohnungen suchen würden und / oder endlich ins Wunschviertel umziehen würden, weil sie nicht mehr damit rechnen müssten, bei einem Wohnungswechsel erhebliche Mietaufschläge reingedrückt zu bekommen.

Ich habe mich bei diesem Kommentar nur am Motiv des Rubikon-Beitrags und der Studie orientiert,   interessanten Aufschlüsselungen zu vielen Daten aus der Branche der Lebensversicherer ex Struktur von deren Kapitalanlagen findet man – genau, in der Studie.

Vielleicht noch kurz etwas zu den Stornos. Ein Auftragsstorno ist zunächst, wenn ein Kunde sein Widerrufsrecht ausübt, das ist allgemein auf 14 Tage begrenzt, manchmal auch auf 30 Tage – zum Beispiel speziell bei Lebensversicherungen. Diese Sonderbehandlung ist offenbar der Wichtigkeit der Entscheidung geschuldet, die man mit der Eingehung eines langfristig bindenden Vertrages über eine LV eingeht. Stornieren kann aber auch die Versicherung, wenn ein Kunde die Beiträge nicht mehr zahlt. Das ist nicht mit dem Rückkaufsrecht zu verwechseln, wenn also ein Kunde die Police vorzeitig auflöst und gezahlte Beiträge zurückbekommt – und Verluste gegenüber einer Auszahlung bei regulärem Vertragsende in Kauf nehmen muss. Dadurch, dass mit der Zeit offenbar immer mehr Versicherungskunden fallieren, ergibt sich eine mit der Zeit ansteigende Stornoquote, wie sie in der Studie erwähnt wird.

Wir kommentieren erstmals einen „Rubikon-Beitrag“ – eine kurze Einschätzung des Online-Magazins?

Zum zweiten Mal – und da wird mehr kommen. Als dieses Magazin 2017 startete, wirkte das Mission Statement sehr anspruchsvoll und man untermauerte dies sofort vielen Autoren und Beiräten. Während einige Autor_innen vor allem Insidern des Alternativen Medienbetriebs bekannt sein dürften, gibt es unter den Beiräten auch „Promis“, deren Namen die meisten Menschen schon einmal gehört haben sollten. Einige Autor_innen kenne ich namentlich erst seit Kurzem, seit der neue Wahlberliner seine Orientierung und Vertiefung  in Richtung kritischer Politik-Analyse aufbaut, einen Autor persönlich, weil er in derselben Gliederung meiner politischen Partei aktiv ist, der ich angehöre. Und bei einem profilierten Geostrategie-Autor habe ich mich gewundert, warum er nicht für „Rubikon“ schreibt. Aber vielleicht gibt es da auch eine Arbeitsteilung oder eine publikationsterritoriale Abgrenzung, was sich bei der geopolitischen Ausrichtung beider Autoren ja anbieten würde, damit man sich nicht mit ähnlichen Beiträgen in derselben Publikation in die Quere kommt. Der letzte Satz ist natürlich Spekulation.

Nicht nur die sehr leserfreundliche Aufmachung von „Rubikon“, auch der Stil vieler Beiträge fällt mir positiv auf.  Allgemein sind sie nicht so extrem auf Gegenstrategie zu den Mainstream-Medien gebürstet wie beispielsweise bei den „Nachdenkseiten“ und natürlich aufgrund der vielen Autoren auch sehr unterschiedlich in der Diktion, der Art, wie Kritik dargestellt wird. Die Vielfalt wirkt gewollt und ist wohltuend, weil sie überwiegend nicht von einem Stil persönlicher Enttäuschung oder gar Rache geprägt ist, den ich aus einem simplen Grund nicht sehr schätze: Er ist schlecht für die Anteile meiner Psyche, die sich lieber an konstruktiven Ideen für ein solidarisches Miteinander orientieren möchten als an einem manchmal wirklich zu weit gehenden Schlechtreden von allem, das erkennbar mit eigenen Niederlagen und Defiziten zu tun hat und Menschen, Mächten und Strukturen eine Effizienz und eine denkseitige Kohärenz unterstellt, die ineare Kausalitäten aufbaut, die sie nach allen Erfahrungen über menschliche Grenzen nicht haben können. „Rubikon“ ist zwar nach dem, was ich bisher gesehen habe, sehr deutlich, aber lässt mir mehr Raum zum Nachdenken. Und triggert mich dadurch mehr, dass die positiven Anteile in mir beim Lesen nicht ständig in Abwehrhaltung sind. In unserer geplanten Serie „Analyse von Modulen, mit denen alternative Medien zugange sind“ (Arbeitstitel) werde ich darauf näher eingehen. Man bemerkt hier, ich bin in diesem Thema schon mittendrin, weil es ein journalistischer Meta-Gegenstand ist, mit dem man sich auseinandersetzen muss, wenn man das Bild einer kleinen, eigenen Publikation gestalten will – besonders, wenn diese sich nicht auf wenige Großbeiträge konzentriert, sondern bei begrenzten Ressourcen ein breites Spektrum an Themen mindestens schlaglichtartig beleuchten möchte. Witzig war, wie ich dorthin gekommen bin, so viel Medienkunde muss noch sein. Ein Autor bei Rubikon schreibt einen kurzen, und im aktivistischen Stil gehaltenen Beitrag, der auf einen längeren verweist, der wiederum auf die Studie verweist. Das ist eine sehr interessante Art, Beiträge wirksamer zu machen, die ich auch recht gut kenne.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke


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