„Rot – rot – tot“ – Tatort 83 / Crimetime 7

ES 01.01.1978 / Titelfoto (c) SWR

Hier muss ein kurzes Vorwort vor der Wiederveröffentlichung sein – „Rot – rot – tot“ war einer der ersten „ganz alten“ Tatorte, die wir im Rahmen der damaligen Anthologie rezensiert haben und doch schon der 118. Beitrag der Reihe – nach nur 9 Monaten Laufzeit des Blogs. Gleichzeitig war diese Rezension mit ca. 2.800 Wörtern einer der längsten bis dahin. Alle diese Zahlen werden wir jetzt nicht mehr erreichen können, weil die politischen Beiträge mehr Zeit in Anspruch nehmen, aber die Bestände wie auch die Gene sind nicht verloren und alle Beiträge stehen zur Wiederveröffentlichung zur Vergügung. Bis auf dieses Vorwort geben wir die damalige Rezension unverändert wieder. Den Titel haben wir aber ausnahmsweise in Anführungszeichen gesetzt, weil sonst die Nummerierung bei der ansonsten  verwendeten Originalschreibweise wie ein Teil des Titels aussehen würde. Was die Zahl der Wiederholungen angeht, gehört „Rot – rot – tot“ ebenso zu den Hits der 1970er wie schon bei seinem Erscheinen mit der höchsten Einschaltquote für einen Tatort bis heute.

TH 18.07.2018

Zurück zu Premieren mit Lutz & Jürgens

Der SWR feiert vierzig Jahre Produktionen in der Tatortserie, beginnend natürlich als SDR, und zwar im Jahr 1971. Ganz so weit ist man nicht zurückgegangen, heute Abend, aber bis 1978. Für uns als Rezensenten einer bereits 118 Folgen umfassenden Tatortsammlung des Wahlberliners weist „Rot – rot – tot“ mehrere Besonderheiten auf.

  • Er ist der zweitälteste Tatort, über den wir schreiben, nach dem Megaklassiker „Reifezeugnis“aus 1977 (Folge 073).
  • Erstmalig ist die Anthologienummer höher als die Nummer der Tatortfolge, wir rechnen uns also nun zum Establisment der Tatortkommentatoren.
  • Wir haben noch nie eine Folge des Südwestkommissars Lutz und seines Assistenten Wagner besprochen – das kann man für viele andere Teams a. D. aber auch sagen und daran sieht man, wie weit und verzweigt die Reise in die Tatortvergangenheit ist und was wir noch alles vor uns haben. Wie war das mit dem Establishment?
  • Vor allem aber ist „Rot – rot – tot“ der erfolgreichste Tatort aller Zeiten, gemessen an der absoluten Zahl der Zuschauer bei der Erstausstrahlung, nämlich 26,57 Millionen. Kann man sich heute noch vorstellen, dass alles, was einen Fernseher zuhause hatte, alles stehen und liegen ließ und sich vor diesem versammelte, um Curd Jürgens in einem Tatort zu erleben? Das gibt es in dieser Konzentration und Absolutheit heute nicht einmal bei Thiel und Boerne.

„Rot … rot … tot“ gilt als Klassiker der Serie, auch wenn er nicht den Kultstatus von „Reifezeugnis“ hat. Noch heute, über 700 Tatortfolgen nach seiner Erstausstrahlung, rangiert er unter den Top 30.

Was macht diesen Tatort so besonders? Mit Sicherheit spielt die Präsenz von Curd Jürgens eine Rolle. Er ist einer der größten Schauspieler, die je in einem Tatort mitgewirkt haben, und in dieser Serie gaben sich wie in keiner anderen deutscher Herkunft beinahe alle Darsteller die Ehre, die in diesem Land Rang und Namen haben.

Beinahe mythisch ist die Zeit, mit der man Curd Jürgens untrennbar verknüpft. Schon in den 50ern war er ein Star, aber man verbindet ihn mit den 60ern und den 70ern. Wer selbst in dieser Zeit schon gelebt hat, der wird in dem Film natürlich auch ein pralles Stück Westdeutschland auf dem Zenit seiner ökonomischen Stärke wiederfinden, das Erinnerungen unterschiedlichster Art in ihm wachrufen kann. Alles in dem Film wirkt schwer gediegen, der Stuttgarter Killesberg ist sicher einer der Gipfel des westlichen Nachkriegswohlstandes. Doch es dräut auch der moralische Zerfall.

Wir befinden uns in einer Epoche, in der man wunderbare Familiendramen drehen konnte, in denen Geld einfach keine Rolle spielte, weil es einfach vorhanden war und vielleicht, vielleicht, war es die Wurzel allen Übels – es grummelte unterschwellig und brummelte etwa dies: Diese gut situierten Menschen, sind sie von guten Werten geleitet? Nein, ganz und gar nicht. Sind sie im tieferen Sinn glücklich? Mitnichten. Haben sie wenigstens Spaß? Sieht nicht danach aus.

In Milieus, die irgendetwas mit dem, was hier gezeigt wird, zu tun haben, sind viele von uns im Westen aufgewachsen und als Rezensenten müssen wir aufpassen, dass die düstere Nostalgie, die über diesem Land der westlich des damals noch sehr eisernen Vorhangs lebenden Wohlstandsbürger schwebt wie ein expressionistisch kolorierter Nebel, nicht auf uns niedergeht wie auf die Figuren des Films und uns ein wenig die Klarsicht nimmt für das, was dieser Tatort wirklich darstellt. Deshalb ein Break – und Fakten, Fakten, Fakten, Fakten:

Handlung, Besetzung, Stab

Auf dem Killesberg, einem der vornehmsten Wohnviertel in Stuttgart, werden innerhalb weniger Tage zwei junge Frauen ermordet. Sie wurden auf der Straße und in einem kleinen Park erdrosselt, und beide sind rothaarig. Die Polizei sucht nach einem vermutlichen Triebtäter.

Konrad Pfandler ist Versicherungsmathematiker, in zweiter Ehe verheiratet mit einer jüngeren, rothaarigen Frau, Julia Pfandler. Pfandlers Sohn Uwe leidet unter der übermächtigen Persönlichkeit seines Vaters und rettet sich in Zynismus und Alkohol. Auch Julia lehnt sich auf gegen ihren Mann, indem sie ihn betrügt. Sie tut dies ohne jede Rücksicht auf Pfandler, offenbar in der Absicht, ihn zu verletzen. Kommissar Lutz spürt die gespannte Atmosphäre im Hause des Mathematikers. Gibt es Verbindungslinien zwischen den Pfandlers und den Morden? Ist Julia gefährdet? Kommissar Lutz bewegt sich in einem Netz steigernder Spannungen. Er kann die Tat, der schließlich Julia zum Opfer fällt, nicht verhindern.

Besetzung:Konrad Pfandler – Curd Jürgens
Julia Pfandler – Renate Schroeter
Uwe Pfandler – Christian Berkel
Kommissar Lutz – Werner Schumacher
Wagner – Frank Strecker
Professor Wilke – Robert Freitag
Evelyn Wilke – Elke Twiesselmann
Frau Grote – Christiane Pauli
Frau Bär – Karin Schlemmer
Herr Brinkmann – Wolfgang Hepp
Eugen Pretorius – Siegmar Schneider
Apothekerin – Christiane Timerding
Inge Ritter – Regine Vergeen
Klaus Gierke – Gerhard Dressel
Arzt – Kurt Wendolin

Stab:

Buch – Karl Heinz Willschrei
Regie – Theo Mezger
Kamera – Justus Pankau
Szenenbild – Karl Wägele
Kostüme – Annette Schaad
Produktionsleitung – Karl Heinz Tischendorf
Produzent – Werner Sommer

(Handlung, Besetzung, Stab: TATORT-FUNDUS)

Rezension

Wie man in den 70ern die Zustände zu Filmen machte

Ist Ihnen beim Anschauen etwas aufgefallen? Womit heutige Tatorte unglaublich viel Spielzeit verdaddeln, manchmal aber auch für Vergnügen beim Zuschauer sorgen, es findet bei Eugen Lutz und seinem Assistenten Richard Wagner nicht statt. Die beiden haben sowas von überhaupt kein Privatleben, dass sie einem richtig leidtun. Keine Schatten der Vergangenheit, keine WG miteinander, keine Kabbeleien über wirklich alle denkbaren Themen, keine kindischen Reaktionen.

Da wundert es einen nicht, dass Lutz so düster wirkt und außer einem zeitweilig durchdringenden Blick beinahe als Antipersönlichkeit rüberkommt. Oder als reine Dienstperson. Richard Wagner schwäbelt zum Glück, weil, das macht ihn menschlicher. Vielleicht vermissen wir diesen ganzen Privatkram, weil er sich so eingebürgert hat. 1978 war das sicher anders, da waren Kommissare vor allem noch Autoritäten, Leute, die dem Recht konsequent helfen, indem sie nichts anderes tun als Verbrecher fassen – und nicht als Typen, die zuweilen selbst hilfebedürftig wirken.

Was heute zu viel ist, man ahnt es aber, war 1978 auch ein wenig zu wenig. Manchmal halten heutige Krimis gut die Balance, während Wagner und vor allem Lutz hier ziemlich indolent den Opfern gegenüber wirken und dem Geschehen an sich. Da kommt eine Kälte rüber, die einen frösteln lässt, aber eines tut diese Kälte natürlich auch und gewinnt damit ihre eigene Qualität: Sie unterstreicht die Aussage des Films. Da geht es um Wohlstandswesen, die von sich und ihren Nächsten komplett entfremdet sind, dazu passen Ermittler, die vor allem in einem Zweckverhältnis zu ihren Fällen stehen: Ohne Regung und objektiv werden die Fakten aufgenommen und zu Ermittlungsergebnissen verdichtet.

Das war ein Zug der Zeit, diese nüchterne Art. Selbst die Fernseh-Sportkommentare waren von erhabener Emotionslosigkeit. Wie die Sozialverhältnisse dargestellt werden, das war dem deutschen Autorenkino abgeschaut, vor allem Rainer Werner Fassbinder mit seinen kalten, ja sezierenden Filmen der frühen 70er, in denen jede Bewegung und jedes Wort einer jeden Figur von der Leere unserer Gesellschaft kündete, spiegelt sich deutlich in der Art, wie hier die Familie Pfandler dargestellt wird, deren Oberhaupt Jürgens ist. Dieser Mann weint an einer Stelle, aber man wird den Eindruck nicht los, er läuft eher Amok, wie der Herr R. in dem Fengler / Fassbinder-Film von 1970, wenn auch vordergründig kühl kalkuliert. Eine Familie wie die Pfandlers ist eine Versuchsanordnung. Man bringe einige vollkommen vom inneren Selbst abgeschnittene Typen zusammen, die einander in einem Gefüge von Macht, Ohnmacht und Demütigung, nicht etwa durch starke Liebe oder lodernden Hass verbunden sind, und warte, bis der Druck, der auf diesem Spannungsgefüge lastet, dieses Gefüge in tödlicher Aktion bersten lässt.

Pfandler tut das, was er tut, weil er gekränkt ist, die Frau scheint aber, wie der Sohn nur das Objekt eines alternden Mannes, zu einem anderen Zweck, mit einer anderen Funktion. Eine Verbindung mit ihm, die muss zum Scheitern verurteilt sein und endet hier tödlich. Alles ist falsch. Seine autoritäre Art dem Sohn gegenüber, seine jämmerliche Inkaufnahme des offenen Fremdgehens der Frau – und seine grausame Rache. Aggressionen aus einer bösen Ära brechen sich Bahn wie Dämonen, die nicht zur Ruhe kommen. Diese Menschen haben es zwar zu etwas gebracht, aber sie sind auch Kinder der Gewalt einer gewalttätigen Zeit und kommende Generationen sind schon gebrochen, bevor sie sich entfalten können – wie hier der Sohn Uwe (Christian Berkel).

Die Rolle von Curd Jürgens

Er hat hier eine Menge zu schultern. Es ist ganz deutliche erkennbar, dass der Film eine große Last an Subtext mit sich trägt, das ist kein einfacher Krimi, sondern eine Sozialstudie. Die Frage ist, ob sie als solche funktioniert und ob auch als Krimi.

Im Grunde ist Jürgens‘ Spiel hier reduziert – oder sparsam. Seine Figur eines Statistikers, der eine statistische Reihe von Morden bastelt, um sein Eifersuchtsmotiv zu verschleiern und einen Triebtäter vorzugaukeln, der Rothaarige ermordet, rot wie das Blut, rote Autos fahren sie manchmal auch noch, diese Figur ist eindimensional. Eine kalte Obsessivität ersetzt echte Liebe und die Demütigungen, welche die junge Julia (Renate Schroeter), die er in zweiter Ehe geheiratet hat, ihm zufügt, die machen sich nicht Luft in verständlichen Wutanfällen, sondern gerinnen zu einer kriminellen Energie, die doch sehr die Grenzen der Glaubwürdigkeit auslotet. Dies nicht nur aus psychologischen Gründen.

Der Statistiker ist nämlich auch kein guter Mordpraktiker und macht einige recht einfache Fehler – einer davon, der mit der Perücke, führt dann auch zur Überführung. Heute würde die DNA-Analyse für einige Beschleunigung sorgen und der Plot müsste an mehreren Stellen geändert werden, damit dieser Howcatchem funktioniert.

Sind wir heute auch tatort-kognitiv ähnlich fortgeschritten? Was Jürgens inszeniert, das ahnen wir jedenfalls nach wenigen Minuten, zu deutlich sind die vielen Hinweise schon, bevor der erste Mord geschieht. Nur für ganz einfache Zuschauer von 1978 muss Lutz die Idee hinter den Taten seinem Assistenten Wagner am Ende noch einmal erläutern – was darauf hindeutet, dass auch diese Wagner ein ganz einfacher Typ ist. Wir kommen zu einem Zwischenfazit: Man hätte aus diesem Stoff einen komplexeren, mehr auf Thrill ausgelegten Plot basteln können. Dabei hätte es geholfen, wenn man die Figuren entsprechend kapabler und versierter gestaltet hätte – besonders die des Versicherungsmathematikers und Hobbyastronomen Konrad Pfandler, gespielt von Curd Jürgens.

Nicht die Dekors, der Inhalt und der Pfandler

Es war uns beim Anschauen des Films auch nicht sofort klar: Es sind nicht die Dekors, die vielen Objekte (wie das Fernrohr des Konrad Pfandler, das ein typisches 70er-Weihnachtsgeschenk für halbwüchsige Jungen in den etwas bildungsnäheren Schichten war), welche die besondere Atmosphäre des Films ausmachen. Diese Sachen gibt es in Komödien auch, natürlich nicht so sorgfältig und bedeutungsschwer platziert wie in diesem sorgfältig ausgestatteten Krimi.

Vielmehr ist es der Film selbst, der eine Sogwirkung entfalten kann, wenn man bereit ist, den Spuren zu folgen, die hier gelegt werden. Der Verlauf eines Schachspieles als vorweggenommenes Ende des Films? Kein Problem: Wie Jürgens von der rothaarigen Friseurin abgelenkt ist, als er mit seinem Freund, Professor Wilke (Robert Freitag) eine Partie macht und auf leichte Art verliert und ganz verdutzt darüber ist, das ist es schon: So wird er auch als Statistik-Theoretiker über die praktischen Fallstricke in seiner Mordserie stolpern. Die krude Vorstellung, man könne mehrere Menschen aus dem Leben reißen, um eine falsche Spur zu legen, die trägt den Keim des Scheiterns von Beginn an in sich und daran wird im Film auch kein Zweifel gelassen.

Oder: Pfandler schlägt seinen Sohn nicht. Zumindest nicht mehr, in dem Alter. Der Junge ist eh fertig, weil sein Vater ihn mit Worten vernichtet hat. So weit, so weit ist der Weg nicht. Ein Mann, der Gewalt mit Worten ausübt, kann auch physisch viel leichter töten als einer, der seine Umgebung nicht wie ein Diktator behandelt. Alles, alles ist Symbol, die alten Strukturen werden sichtbar. In denen ist Pfandler nicht etwa groß geworden. Nein, er müsste ja um 1900 bis 1910 geboren sein. Nein, er hat sie sich als Erwachsener angeeignet und gewiss war er gut damit gefahren. Kein Wort von Politik in diesem Film, aber sie ist immer gegenwärtig, die gesellschaftlichen Zustände sind das, was an diesem Film bedrückt oder atemlos macht, nicht der Krimiplot. Mörder, alles Mörder – und sie sind unter uns.

Das alles war 1978 tatsächlich noch so. Wenn man so will, ist der Film sogar ein Statement zum deutschen Herbst von 1977, und ein durchaus subversives, wie viele bewegte Bilder engagierter, linker Kinomacher es damals waren. Am Ende richtet sich Pfandler selbst, doch seine Frau und zwei weitere Frauen sind tot und sein Sohn wird wohl nie sein Leben meistern können. In diesem Film liegt eine beeindruckende Kompromisslosigkeit.

Dass die Ermittlungen erfolgreich sind, spielt beinahe keine Rolle, denn der Rechtsstaat kann kein Recht über Konrad Pfandler sprechen (dass man die Figur Konrad nannte, ist allerdings ein etwas kindischer Reflex auf alte Strukturen in Form einer nachträglichen Diskreditierung der konservativen Figur Konrad Adenauer – dieser Mann war durchaus autoritär und verkörperte die etwas verkrustete Welt der 50er und frühen 60er; er war aber auch vielschichtig und verdienstvoll, im Gegensatz zu dem Charakter, den Curd Jürgens verkörpert).

Weiter mit den Symbolen: Die Musik. Diese Pedanterie, als Pfandler den Einsatz am Klavier verpasst und die Begleit-LP eines Orchesters ohne Musik wieder von vorne beginnen lässt, das ist herrlich over the top gespielt, und überhaupt diese Idee – dass jemand das Orchester als Untermalung seiner vereinzelten Klavierstimme braucht, das verkörpert den Gedanken des großen oder Großen Ganzen, das es in Wirklichkeit in der Einsamkeit, die man mit sich selbst lebt, gar nicht gibt und auch eine mechanische Auffassung von dem, was höchste Hingabe fordert und höchste Emotionen auslösen kann – die Musik. Pfandler wirkt nicht losgelöst, wirkt nicht emotional, wenn er am Flügel sitzt, er wirkt so versteinert wie sonst auch. Kein Enthusiast, sondern ein kalter Mechaniker, ein Technokrat: Noten, Formeln, mit denen man das Universum berechnen kann, Familie, fremde Frauen: Alles ist da und weit weg von einem tieferen, gelebten Sinn.

Wir kommen zu einer zweiten Zwischenbilanz: Die monolithische Figur, die Jürgens hier gibt und die von vielen anderen Rollen abweicht, die er gespielt hat, die macht im Konzept des Films nicht nur Sinn, sie ist großartig und trägt uns durch einen eher mittelmäßigen Krimiplot. Diese Pfandler-Figur ist einseitig, aber genau das ist der Clou. Diese Reduktion, die sich, immer noch am Rand der Glaubwürdigkeit, in einer Aktion Bahn bricht, die keineswegs das kalte Werk eines Mordtechnokraten ist, sondern ein Zeichen, dass alles aus dem Ruder läuft und alles dem Ende zustrebt. Der Selbstmord ist eine logische Konsequenz davon. Der Untergang.

Empfinden wir Mitleid? Nein. Das ist auch nicht bezweckt. Denn wir sind in den 70ern und in einem  hoch ambitionierten Tatort, der einen eiskalten Blick auf ein eisiges Szenario wirft – die Gesellschaft am Killesberg und anderen Bergen dieser Art, die zu hoch sind, als dass man hinaufsteigen und sich die Hände reichen könnte. Uns wird glaubhaft und aus erster Hand berichtet, dass auch heute noch viele Kinder, die in Drogenentzugsprogrammen landen, nicht aus den Niederungen der Gesellschaft kommen, sondern von diesen Bergen heruntergefallen sind.

Fazit

„Rot – rot – tod“. Nichts in diesem lautmalerischen und knalligen Titel weist darauf hin, dass es sich hier um ein so kühl inszeniertes Familiendrama handelt, dass die Tragödie die kriminalistische Seite bei weitem überlagert. Nicht viel anders, als das in manchen heutigen Tatorten auch der Fall ist. Ist deshalb die Folge 83  ein schlechter Tatort? Nein. Sie ist überdurchschnittlich. Aber sie ist nicht ganz der Überflieger, den die sehr gute Platzierung in der Rangliste des Tatort-Fundus suggeriert. Von „Reifezeugnis“, den wir nach wie vor als Referenz heranziehen und der natürlich bei einem Tatort, der nur ein Jahr später gedreht wurde, besonders gut als Referenz dienen kann, ist er ein gutes Stück entfernt.

Warum? Vermutlich, weil Wolfgang Petersen einen eigenen, beinahe lyrischen Stil entwickelt, weil er 110 Minuten hatte, um ein kinoreifes Werk zu schaffen. Dieser Bogen, das beinahe Epische, geht dem Film von Theo Mezger weitgehend ab, er wirkt viel kammerspielartiger. Gemeinsam ist beiden Folgen die offenbar schon damals nicht unbeliebte, die Tür zur intensiven Charakterzeichnung öffnende Variante als Howcatchem. Der Hauptunterschied in der emotionalen Farbe erklärt sich aber daraus, wie der Durchgang durch diese Tür genutzt wird. Während „Reifezeugnis“ in klassischer Mainstream-Kinomanier mit einer starken Identifikationsfigur arbeitet, macht „Rot – rot – tot“ das Gegenteil: Er pflegt die Tradition des gesellschaftskritischen Autorenfilms und der kennt im wörtlichen wie im übertragenen Sinn keine Verwandten und macht keine Kompromissangebote an den Zuschauer.

Man kann das eine nicht gegen das andere stellen, das würde beiden Filmen nicht gerecht. Aber man kann dazu neigen, das große Kino für das im direkten Vergleich kapablere und subtilere Transportmittel für ähnliche Botschaften zu halten und daraus resultiert der Unterschied. Im konkreten Vergleich erweist sich auch, dass die Petersen-Variante einen weiteren Vorteil hat: Sie ermöglicht eher die ruhige Entwicklung eines Krimiplots, weil nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst so sehr den Fall überlagernd als Krimi dargestellt werden wie in „Rot – rot – tot“.

Wir vergaben 9,0/10 für „Reifezeugnis“ und bewerten „Rot – rot – tot“ 8,0/10 als überdurchschnittlich, aber nicht als herausragend. 

© 2018, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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